Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 191 / 494

 

Mit Kriegsbeginn kamen Evakuierte aus Rastatt nach Oberkochen, die einige Jahre blieben, und es gab die ersten Dienstverpflichtungen, d.h. daß Facharbeiter von auswärts nach Oberkochen kamen, — vor allem als Kontrolleure, die in den Rüstungsabteilungen der Betriebe und bei der Firma Fritz Leitz eingesetzt wurden. Qualifizierte Facharbeiter aus Oberkochener Betrieben, die nicht in der Rüstung produzierten, wurden nach auswärts dienstverpflichtet.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bekam Oberkochen jedoch auch Auswirkungen ganz anderer Art, die mit dem diktatorischen Regime zusammenhingen, zu spüren. Bisher in Oberkochen als Firmenverbindungspersonen hin und wieder aufgetauchte Juden und jüdische Vertreter blieben aus, d.h., man konnte sich genau ausrechnen, daß eine rassische Selektion stattfand. Auch der Judenstern war in Oberkochen bekannt.

Ein weiteres Beispiel, wie die NSDAP in Oberkochen vorging: Ein Oberkochener Hafner mußte seinen Betrieb einstellen und wurde im wahrsten Sinn des Wortes zum Rüstungsbetrieb Fritz Leitz abkommandiert. Dort arbeitete er als angelernter Eisendreher von 1939 bis 1945.

Ich habe gefragt: was war mit den Kirchen im III. Reich, und erhielt die Antwort:

Die Kirchen haben »weitergelebt«. Es gab viele Nationalsozialisten, die in innerem Widerstreit die Kirche besuchten. — Mir ist jedoch kein Fall bekannt geworden, daß jemand direkt am Kirchgang gehindert wurde. Dies bestätigten 1945 zwei Oberkochener bei den Verhören auf dem Rathaus gegenüber den amerikanischen Besetzern. Schießübungen der SA wurden zeitlich so gelegt, daß sie sich nicht mit dem Kirchgang überschnitten;... hier scheint sich nun das Regime seinerseits opportunistisch gezeigt zu haben; es mag auch in der Person des katholischen Ortsgeistlichen gelegen haben. Die Aktionen gegen die Kirche liefen auf anderer Ebene. Verbürgt ist, daß es bei kirchlichen Prozessionen, z.B. der Fronleichnamsprozession und der darauffolgenden Einkehr, Beobachter gab, die, so im »Ochsen«, hinter dem Vorhang hervorspionierten, ob einer von der SA an der Prozession teilgenommen hatte. Der wurde dann daraufhin angesprochen, daß das Mitmachen bei einer kirchlichen Prozession nicht mit dem Gedanken der NSDAP vereinbar sei.

Einen gravierenden und nach außen deutlich wahrnehmbaren staatlichen Eingriff in das kirchliche Leben stellt das Schulverbot für Pfarrer Jaus dar, der 1936 das Treuegelöbnis auf den nationalsozialistischen Staat verweigert hatte. Ein Fazit aus dem kirchlichen Leben ist, daß sich jene, die dagegen waren, zu dieser Zeit in Oberkochen, egal ob evangelisch oder katholisch — dafür gibt es Beweise — zusammengefunden haben. Hierin liegt eine Grundwurzel des ökumenischen Gedankens: das auf christlicher Basis Verbindende baute in dieser Zeit erste Brücken zwischen den Konfessionen.


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