Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 190 / 494

 

meldet hätte, begab sich eine Abordnung von Wahlmännern, bevor das Wahllokal zumachte, zum Haus des Storchenbäck und wollte ihn »mit Gwaalt« zur Wahl befördern. Damit hatte der Storchenbäck jedoch gerechnet und deshalb sein Haus ringsum hermetisch abgeschlossen; wo auch immer man versuchte, ins Haus zu gelangen, war verrammelt. Inzwischen hatte sich auf dem Gehweg gegenüber eine Menge Schaulustiger eingefunden. Man wollte mitbekommen, wie das ausging, versteht sich. Als alles nichts half, kam ein besonders Eifriger auf die Idee, mit einer Leiter durchs Fenster im 1. Stock einzusteigen. Tatsächlich war in kürzester Zeit eine Leiter beschafft, und der Betreffende stieg zu einem Fenster im ersten Stock hoch. Auch hier war nicht hereinzukommen. Das Fenster einzuschlagen, traute er sich jedoch nun doch nicht und stieg unverrichteter Dinge wieder hernieder.

So erhielt ich die Geschichte zuerst erzählt und auch bestätigt. Als ich ihr nachging und mich mit direkten Nachfahren des alten Storchenbäck in Verbindung setzte, fand ich heraus, daß die Sache ein ganz anderes Ende genommen hatte: Das Fenster im 1. Stock war angelehnt, die betreffende Person drang ein, und man hat den alten Storchenbäck doch noch zur Wahl gezwungen.

Ich habe ganz bewußt die beiden Finale-Versionen erzählt, um aufzuzeigen, wie schwierig es ist, aus der Erinnerung zu berichten, oder, zu berichten, ohne bewußt oder unbewußt eine persönliche Note in den Bericht einfließen zu lassen, — wobei es letztlich gleichgültig ist, ob der Storchenbäck nun geholt wurde oder nicht; entscheidend ist, daß er zur Wahl überhaupt gezwungen werden sollte.

 

Der Zweite Weltkrieg (1939-1945)

Der berühmte Unterschied zwischen Information und Kommentar wurde im III. Reich ganz bewußt verwischt. Man konnte den »Stürmer« kaufen, ein ausgesprochenes Hetzblatt. Dies sollen nur wenige getan haben. Der »Stürmer« war deshalb in Anschlagkästen öffentlich ausgehängt. Es gab den »Völkischen Beobachter«, oder die Wochenzeitschrift »Das Reich«, in dem Leitartikel von Joseph Goebbels abgedruckt waren. Auch diese Wochenzeitschrift sollen jedoch nur wenige abonniert gehabt haben. Gelesen wurde die »Kocher- und Nationalzeitung«; — die »Aalener Volkszeitung« hatte ihr Erscheinen am 31.7.1935 wegen ihrer Gesinnung einstellen müssen.

1939 verschärften sich die bisher aufgezeigten Gegensätze unter der Oberfläche logischerweise. Gleichzeitig jedoch schien das Gegenteil der Fall zu sein. Es war wesentlich gefährlicher geworden, sich offen »dagegen« zu stellen. Nur so werden Äußerungen (1986) wie zum Beispiel: »In Oberkochen war es im III. Reich relativ ruhig«, und ähnliche, erklärlich.


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