Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 189 / 494

 

gegen das Regime wohl abwägen mußte. Wir können uns in unserer in dieser Hinsicht fast grenzenlosen Freiheit hiervon kaum ein Bild machen. Dies soll durch das folgende Beispiel belegt werden:

Der Meister eines Oberkochener Betriebs, der bekannt dafür war, daß man »dagegen« war, und in dem »a bissele weniger oft Heil Hitler gesagt wurde«, hatte anläßlich des Anschlusses von Österreich ans Reich (1938) geäußert: »Dao wurdat dia Eschdreichr a Freid hao, wenn ihr Landsmao, dr Hitler, dean Nationalsozialismus in deane ihr Land neitrecht...« Auch sonst hatte dieser Meister immer wieder gegen die Nazis gefrozzelt, zum Beispiel »Ja, ja, — fahrat noa fescht weg mit sällara KdF (Kraft durch Freude, — eine NS Reiseorganisation, mit der man z.B. um 88 RM nach Norwegen fahren konnte), — ihr wurdat nao scho seha, wofier dia Schiff wirklich baut worda send!« (Kriegseinsatz). Dieser Meister rügte eines Tages im selben Jahr einen angetrunkenen Arbeiter an einer Maschine. Er müsse aufhören, — in diesem Zustand könne er ihn nicht an der Maschine weiterarbeiten lassen, — er sei für ihn verantwortlich, — usw. Darauf wurde der Arbeiter ausfällig und beschimpfte den Meister mit »Du Lump, du Kommunist«, — worauf ihm der Meister »ois naogschlaa« hat. Dies nahm der Geschlagene zum Anlaß, den Meister anzuzeigen. Wie blitzschnell das damals ging, ist belegt: Der Meister war bereits 2 Stunden nach diesem Vorfall zum Rathaus bestellt und dann sofort von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) mitgenommen worden, saß dann in U.-Haft in Ellwangen, wurde schließlich in die berüchtigte Stuttgarter Büchsenstraße oder »Hotel Silber« verlegt, — und man zitterte zuhause, ob er nicht, wie bei einem Freund erlebt, nach Verbüßung der verhängten Strafe (ein halbes Jahr und 5 Tage), sofort von der Gestapo erneut verhaftet werde.

In Oberkochen hieß es damals: »Hätt'r sei domme Gosch ghalte.«

Nichts besser als diese Reaktion zeigt, daß man in Oberkochen keineswegs frei war, — und man versteht die Äußerung eines Oberkocheners »Dia Jonge hait, dia wissat jao gar nemme, was dees hoißt, — d' Gosch halta ,« — obwohl nicht in Abrede gestellt wird, daß es auch heute noch manchmal gut ist, oder zumindest opportun, sie zu halten ...

Ein anderes bezeichnendes Ereignis, das sich in diesem Jahr (1938) in Oberkochen ereignet hat, habe ich unter den Titel »Der alte Storchenbäck, der nicht wählen wollte«, aufgezeichnet:

Ab 1933 war Wahlpflicht, und es gab — wie heute noch in totalitären Staaten — eine fast 100prozentige Wahlbeteiligung (praktisch ohne Gegenstimmen). Der alte Storchenbäck hatte schon während der ganzen Weimarer Zeit etwas gegen das Wählen gehabt und war zu keiner Wahl gegangen. Konsequent wie er war, blieb er auch im März 1938 der Volksabstimmung, bei der es, wie bereits erwähnt, um den Anschluß Österreichs an Deutschland ging, fern. Das konnte man anhand der Wahlstrichliste natürlich leicht feststellen, und, da die Oberkochener NSDAP eben gerne eine 100prozentige Wahlbeteiligung ver-


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