Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 188 / 494

 

Nach Aushändigungen der Ernennungsurkunden an die Gemeinderäte schließt der Bürgermeister die Sitzung mit einem Sieg Heil auf den Führer des Deutschen Volkes.

Am 1. Mai fanden regelmäßig die »betrieblichen Gemeinschaftsfeiern« statt. Man traf sich in den Betrieben in Uniform oder »Sonntagshäs« und marschierte dann gemeinsam in einer Art Sternmarsch zur Großkundgebung, die, ehe dann in den 40er-Jahren das Martha-Leitz-Haus stand, in der Ortsmitte auf dem Platz zwischen »Storchenbäck« und »Lamm« stattfanden. (Dort war übrigens bereits 1934 anläßlich der Trauerfeier zum Tod Hindenburgs im Rathausfenster ein Lautsprecher installiert.) Nach den Großversammlungen verteilten sich die Betriebsangehörigen auf die Oberkochener Wirtschaften, wobei jeder Betrieb sein Stammlokal hatte. Getränke, Musik, Tanz. Die Firmen gaben Gutscheine aus.

In den frühen und mittleren Dreißigern begann auch sachte die Motorisierung im Verkehr, — bis dahin hatten sich nur Fabrikanten Autos leisten können. Auch in Oberkochen gab es ab dem 1.8.1938 »Volkswagensparer«. Den VW sollte es um 999 RM geben, — mit fünf RM im Monat war man dabei. Nicht nur einer sah sich im Geiste schon mit Brille und weißer Kappe im Sportdress hinter dem Steuer. Einige wenige Oberkochener hatten bereits ein Motorrad. Das Radio wurde häufiger. Den »Volksempfänger« gab es seit 1933 zu einem Schleuderpreis, und über ihn konnte die Propaganda in die hintersten Winkel des Reichs gelangen. Die Information war, alle Lebensbereiche betreffend, einseitig auf die Partei, die NSDAP, ausgerichtet.

Anfang 1939 stellte dann auch die Firma WIGO (Wilhelm Grupp Oberkochen) auf Rüstung um, und hatte, wie auch die Firma Bäuerle, die sich ebenfalls umgestellt hatte, ihre Kapazität verdoppelt.

Die Firmen Günther und Schramm und das Kaltwalzwerk waren indirekt dabei, — sie fertigten keine Endprodukte oder Teile, dafür begehrtes Ausgangsmaterial.

Fest steht, daß Oberkochen mehr als Vollbeschäftigung hatte, als der Krieg ausbrach.

Fest steht allerdings auch, daß Oberkochener verhaftet und in ein sogenanntes »Umerziehungslager« auf dem Heuberg abgeholt wurden, — eine gemilderte Form von Konzentrationslager (Zweigstelle), um sich dort, auch an anderen Orten — heute würde man sagen »einer Gehirnwäsche« zu unterziehen. Diese Bürger sind nach Wochen oder Monaten wieder nach Oberkochen zurückgekommen. Welche Schicksale im einzelnen hinter diesen Zeilen stecken, läßt sich ermessen, wenn man nur ein wenig weiterliest.

Kurz vor Kriegsausbruch war die Situation bereits so grotesk, daß man selbst an sich harmlose und normalerweise leicht dahingesprochene Äußerungen


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