Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 184 / 494

 

ten, um nach Möglichkeit weiteres Unheil von den Familien zu wenden, während die Frauen und Töchter weiterhin keiner NS-Organisation beitraten«.

Erstes Nachdenken im HJ-Heim setzte, wie mir gesagt wurde, erst ein, als die NAPO-(nationalpolitischen) Schulungen begannen, die der eine mehr, der andere weniger empfand, — oder überhaupt nicht. ( Adolf Hitler: »Wir werden ihnen die Kinder wegnehmen in einem Alter, wo sie noch von nichts beeinflußt sind.«)

Fest steht, daß die Ideologisierung und Indoktrination so geschahen, und dies auf Reichsebene, daß sie von vielen aus der bereits geschilderten Gesamtsituation der Zeit zunächst nicht erkannt und gesehen werden konnten, — und, selbst wenn man darauf aufmerksam gemacht wurde, daß hinter diesen Dingen ein unheilbringendes System steckt, wurde man höchstens vielleicht für einige Zeit nachdenklich, wie mir ein Oberkochener freimütig sagte. Warnungen wurden in den Wind geschlagen, — das Privileg junger und begeisterungsfähiger Menschen. Kriegsbereit-Machung geschah auf spielerische Weise und Rassendünkel verband sich mit dem Begriff Vaterlandsliebe.

Totalitäre Staaten arbeiten auch heute noch auf diese Weise.

Die HJ übrigens erhielt, acht bis 14 Tage kaserniert, ihre vormilitärische Ausbildung hei der Wehrmacht in der »Remonte« in Aalen. Lehrlinge, die in der HJ waren, erhielten 14 Tage Sonderurlaub, von denen acht bei Wehrübungen zu verbringen waren.

HJ und SA hatten Dauertraining mit Schießübungen im Oberkochener Schießstand (heute Anlage »Schützenhaus«).

Die Meinungen der Bevölkerung begannen nun etwas weiter auseinanderzugehen. Ein Teil machte mehr oder weniger gedankenlos mit, ein Teil gab sich opportunistisch, einige wenige stellten sich dagegen und ein anderer Teil zeigte sich 110prozentig.

Letzteres zum Beispiel, wenn die HJ- oder SA-Gruppen mit Gesang durch den Ort marschierten, mit Trommeln und Pfeifen, — Spielmannszüge, — und übereifrige Nazis, — diese Abkürzung hatte schon damals ein »Gschmäckle«, — beobachteten, ob die Zuschauer in den Straßen auch ihrer »Grußpflicht« gegenüber dem Ersatzgott »Fahne« nachkamen. In so manchem Lied wurde beachtet, unbeachtet, das ideologische Programm der NSDAP unüberhörbar in jedes Ohr geschmettert, Texte, die uns heute das Haar zu Berge stehen lassen. »Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt, — denn heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt.« Oder im Horst-Wessel-Lied (im Anschluß an die Nationalhymne gesungen) »Kameraden, die Rot Front und Reaktion erschossen...«

Die Oberkochener HJ und SA waren mit Abordnungen bei den jährlichen Parteitagen in Nürnberg vertreten.

1936, aus der Sicht der Teilnehmer mit unglaublichem Idealismus, fuhren


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