Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 183 / 494

 

Nach seiner Verurteilung nach dem »Heimtückegesetz« und seiner Entlassung sagte mir mein Onkel, es sei ihm in den nächtlichen politischen Verhören wiederholt meine politische Tätigkeit vorgehalten und gesagt worden, ich sei bereits im KZ-Dachau.

Der Diözesanbischof Sproll war wegen seiner Weigerung, an der Volksabstimmung am 10.4.1938 über den »Anschluß« Österreichs an Deutschland des Landes verwiesen worden (vergl. z.B. Brockhaus, Bd. 17. Wiesbaden 1973,S.787). Wir hatten daraufhin eine »Betstunde« verfaßt für den Bischof und diese nicht nur in Oberkochen organisiert. Da ich die katholische Jugendarbeit im Dekanat Hofen in der Form der »Ministranten-Stunden« fortsetzte, hatte ich Kontakt zu allen Pfarrämtern. So konnte ich mit Firmenmitteln (Handvervielfältiger und Papier) die »Betstunde« in ausgewählte Pfarreien bringen. Diese »Betstunde« war ein einziger zugleich aber auch die einzigmögliche Form des Protestes. Sie enthielt vor allem die sogenannten Buß- und Rachepsalmen und begann z.B. mit Psalm zwei »Was toben denn die Heiden der HERR, ER lacht und spottet ihrer«. Daraus konnte ohne Mühe ein Straftatbestand nach dem »Heimtückegesetz« ebenso leicht konstruiert werden wie aus den Äußerungen meines Onkels.

Das »Heimtückegesetz« war ein »Ausnahmegesetz« der NS Reichsregierung, »besonders gegen Angriffe auf Staat und Partei, zur präventiven Sicherung der national-sozialistischen Herrschaft. Es stellte Äußerungen, die geeignet erschienen, das Ansehen der NSDAP zu schädigen, das Vertrauen der Bevölkerung in die Führung zu untergraben, u.a., unter schwere Strafe« (vergl. Brockhaus, Bd. 8, Wiesbaden 1969 S. 321).

Mein Vater war nach der »Machtergreifung« in einer Sitzung des Gemeinderates, während der die SA vor dem Rathaus aufmarschiert war, zum Verzicht auf sein legales Gemeinderatsmandat gezwungen worden. 1936 wurde er zum Rücktritt als Vorstand des »Sängerbundes« gezwungen; er schied mit seinen beiden Brüdern und nur sehr wenigen Freunden aus dem »Sängerbund« und aus dem katholischen Kirchenchor aus. Es waren nur sehr wenige Männer, weil in der Zwischenzeit das Mißtrauen und die Angst voreinander bis in Familien und Ehen hineinging. Im Oktober 1938 wurde mein Onkel von der geheimen Staatspolizei (GESTAPO) verhaftet. Kein einziges Familienmitglied gehörte einer der NS-Organisationen an, obwohl es bereits seit 1.12.1936 das »Gesetz über die HJ« gab, mit dem diese zur »Staatsjugend« erhoben wurde (vergl. Brockhaus, Bd. 8. Wiesbaden 1969, S. 537).

Die »Reichskristallnacht« vom 9./10.November 1938, das von Goebbels organisierte Progrom gegen die jüdischen Mitbürger als »spontane Kundgebungen« gegen die Erschießung des deutschen Botschaftssekretärs in Paris, E. vom Rath, durch Herschel Grynszpan, war das endgültige Signal, daß »die Partei« (die sich als »Staat« verstand), zu allem entschlossen war. So entschlossen sich die Söhne im Dezember 1938, zum 1. Januar 1939 in die (Flieger-) HJ einzutre-


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