Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 182 / 494

 

Eine Reihe von Schülern, deren Eltern der NSDAP nicht beigetreten waren, durften von diesen aus nicht zur HJ. Einige wollten selbst nicht, — gleichwie. Einer von diesen schilderte die Situation in der Gewerbeschule wie folgt: Wir wurden nicht nur in den Noten, sondern auch in der allgemeinen Beurteilung gedrückt. Unter »Bemerkungen« stand, das Orginal des Zeugnisses liegt vor —: »ohne Interesse für den nationalsozialistischen Staat«. Dieses Zeugnis wurde vom Vater des Schülers nicht unterschrieben. Kommentar des Schulleiters: das Nichtunterschreiben des Zeugnisses ist nicht von Bedeutung, da die Gesinnung des Vaters bekannt ist.

Derselbe Schüler von damals (»wir waren anfangs sieben/acht, später nur noch drei/vier, — eine verschworene Gemeinschaft«) schilderte, wie es bei einer Klassenarbeit im Fach »Volks- und Staatskunde« zuging: Der harte Kern der Klasse hatte beschlossen, eine Arbeit in diesem Fach nicht mitzuschreiben, da, wer nicht in der HJ war, sowieso und automatisch die Note »ungenügend« in diesem Fach erhielt. Der unterrichtende Lehrer zwang die Schüler jedoch, mitzuschreiben. Der Schüler erhielt in der Arbeit die Note »gut«. In seinem Endzeugnis stand dann wiederum die Note »ungenügend«. Daraufhin angesprochen argumentierte der Fachlehrer: Ich darf nicht anders, weil die Note »ungenügend« vorgeschrieben ist, wenn Du nicht in der HJ bist. Dieses »ungenügend« bewirkte bei der Gesellenprüfung, daß die Prüfung insgesamt nicht bestanden war.

Diesem Lehrling, der sonst ein gutes Zeugnis nachweisen konnte, jedoch nicht in der HJ war, wollte man, ohne dessen Wissen, über diese Klippe helfen, indem man ihm ins Zeugnis schrieb: »Hat den Weg zur HJ gefunden.« Der junge Mann brachte, obwohl diese Unwahrheit zu »seinen Gunsten« sprach, den Mut auf, sich zu melden und zu sagen, daß dies nicht zutreffe, — worauf er rüde abgekanzelt wurde. Erst hinterher ist dem Prüfling klar geworden, daß man ihm eine Brücke gebaut hatte. Die allerwenigsten haben solche Brücken dann nicht beschritten, — verständlich: selbst in dieser üblen Situation war ja irgendwo ein Wille weiterzukommen. — Ich glaube, daß gerade diese kleinen, vergessenen Mosaiksteinchen in ganz besonderer Weise aufzeigen, mit welchen Mitteln damals gearbeitet wurde.

In zwei anderen mir bekannt gewordenen Fällen sind die Söhne von Eltern, die sich gegen das Regime stellten, unter dem Eindruck einer Verhaftung in der Oberkochener Verwandtschaft in die HJ eingetreten. Einer von ihnen ist gefallen. Den anderen habe ich gebeten, die damalige Situation persönlich zu schildern: »Die Angst vor weiteren Verhaftungen war keine neurotische (also unbegründete), sondern sehr real begründet: bei einem meiner wöchentlichen Besuche meines Onkels im Gefängnis warnte er mich in einem unbeobachteten Moment vor meiner bevorstehenden Verhaftung. Verhaftet sollte ich werden, weil ich für den des Landes verwiesenen Diözesanbischof Johannes Baptista Sproll eine »Betstunde« mitverfaßt hatte und als Verfasser galt.


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