Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 177 / 494

 

heißt, teilweise in der Landwirtschaft, teils gleichzeitig in den Betrieben arbeiteten (man sagte, »die Fabrikler« hatten nebenher »a Baurasächle«), stellten die Oberkochener Betriebe ab 1934 in zunehmendem Maße Leute ein, sodaß auch in Oberkochen innerhalb weniger Jahre Vollbeschäftigung herrschte und ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung zu verzeichnen war.

Aus den Geschichtsbüchern ist zu entnehmen, daß zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht nur in Deutschland ein wirtschaftlicher Aufschwung erfolgte, sondern daß die Weltwirtschaftskrise (1929-1933) insgesamt ihren Höhepunkt überschritten hatte, beziehungsweise überwunden war.

Es darf auch nicht übersehen werden, daß speziell in Deutschland, und in Oberkochen im besonderen, der Aufschwung das Ergebnis einer gezielten Wirtschaftspolitik war, die ein fast explosionsartiges Wachstum eines einzigen Industriezweigs, der Rüstungsindustrie, zur Folge hatte. Man kann sich heute darüber streiten, ob das apokalyptische Ende bereits zu diesem Zeitpunkt vorgezeichnet war oder nicht. Was bringt's?

Genausowenig darf jedoch übersehen und unterschätzt werden, daß dieser wirtschaftliche Aufschwung — egal, wie er zustande kam, dem Hitlerregime enorme Sympathien einbrachte, — seien wir ehrlich: ein enormer Aufschwung, der vier Jahre zuvor angekündigt und de facto eingetroffen ist, mußte die Masse der Menschen beeindrucken, Menschen, die, wie ein Oberkochener schilderte, als Arbeitslose noch wenige Jahre zuvor, — zwischen 1929 und 1931 über den Langert nach Aalen laufen mußten, um dort ihre zwölf Mark Arbeitslosengeld abzuholen. — Vorteile wahrzunehmen, war und ist menschlich und verständlich; es wird wohl immer eine Minderheit sein, die hier anders denkt.

Hierzu kamen Zug um Zug weitere Vergünstigungen: die Einführung von Sozialhilfe jeglicher Art, Kindergeld, welches die vielen kinderreichen Familien Oberkochens besonders benötigten, Muttergeld, Ausbildungshilfen (um eine Mark pro Tag konnte man die Aufbauschule besuchen), Sonderzuschüsse für bestimmte Haustypen, und so weiter.

Hierzu ist verbürgt, daß NSDAP-Mitglieder leichter an die Gelder rankamen als die Nichtmitglieder. Es sind mir Fälle bekannt geworden, bei denen die Gelder zunächst nicht und dann erst nach energischer Intervention bewilligt wurden. Die Jahrgänge 1921/22, die damals aus der Schule kamen, erhielten zwar nur 15 Mark im Monat, im Beruf jedoch alsbald soviel, daß dies eine spürbare Aufbesserung für den Familienhaushalt bedeutete. Die Arbeitszeit lief von morgens sechs/sieben Uhr bis abends fünf/sechs Uhr; auch an Samstagen wurde gearbeitet, — zumindest bis zwölf Uhr, teilweise bis vier Uhr nachmittags.

Ab 1936/37 waren die Betriebe bereits in der Lage, zusätzlich zu investieren. Eine gewaltige Bautätigkeit begann. Die Oberkochener Firmen vergrößerten sich fast ausnahmslos, — überall entstanden Erweiterungsbauten, und neue


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