Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 168 / 494

 

Nach Schulschluß um 12.00 Uhr in Aalen mußte ich rasch jeden Tag einen Umweg über das dortige Rathaus zum Bahnhof machen, um in der Zeit der galoppierenden Geldentwertung nach dem »Multiplikator« zu schauen, damit die Eltern wußten, was sie für die 14tägige Gehaltszuweisung noch kaufen konnten. In bester Erinnerung ist mir heute noch, wie die Arbeiter an einem Zahltag im Herbst 1923 ihre ersten Rentenmarkscheine betrachteten und glücklich waren, daß eine feste Währung für eine ordentliche Lebensgrundlage nun wieder vorhanden war. Damit verschwand auch das Notgeld, das die Städte in eigener Regie ausgaben.

Ebenfalls schlimm war auch die Zeit von 1929 bis 1933. Jeden Tag verließen ganze Pulks von arbeitslosen Männern die Wanderarbeitshäuser der Städte und verteilten sich auf das Land, um zu betteln.

Manchmal läuteten 20 bis 30 solcher Menschen an der Wohnungstür mit den Worten: »Ein armer Durchreisender bittet um ein Almosen.«

In dieser Zeit zeigte sich in Oberkochen die erste Tätigkeit der nazionalsozialistischen Partei, während mir linksextremistische Aktivitäten unbekannt blieben. 1933 war meine Ausbildung als Lehrer beendet; aber keiner von uns Absolventen des Seminars erhielt zunächst eine Anstellung. Ich durfte keine Arbeit in der Fabrik Firma Leitz antreten; das Arbeitsamt Aalen sandte dafür einen Arbeitslosen dahin. So blieb mir nichts anderes übrig, als unentgeltlich bei meinem Vater zu praktizieren. Erst im Herbst erhielten wir eine monatliche Zuwendung von DM 45,—, die im folgenden Jahr auf DM 55,— erhöht wurde. Nach 2 1/2 Jahren eröffnete sich uns die Chance, eine reguläre Anstellung zu erhalten. 1936/37 wurden die Konfessionsschulen aufgehoben, und die jungen Bürger der Gemeinde wuchsen enger zusammen und ungute Hänseleien unter ihnen hörten auf.

Wenn ich jetzt nach Oberkochen komme, so kann ich nur staunen, was aus dem einst so ruhigen Marktflecken geworden ist. Heute ist es eine Stadt voll pulsierenden Lebens, das den Bewohnern alles bietet, was es an Notwendigkeit, Bequemlichkeit, Erholung sowie an kulturellen Bedürfnissen benötigt. Vor allem freut es mich, daß die alteingesessenen Bewohner noch den mir vertrauten Dialekt sprechen, und daß so viele ehemaligen Gebäude, Plätze und Straßen des ehemaligen Marktfleckens erhalten geblieben sind. Besonders erwähnen muß man den großen Freizeitwert in der herrlichen Umgebung zwischen Albuch und Härtsfeld, in der der Mensch nach des Tages Arbeit sich erholen kann.


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