Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 166 / 494

 

Im Ort gab es weder eine Apotheke noch einen approbierten Arzt oder Dentisten. Für die beiden letzteren praktizierte als Sonderheit ein sog. Wundarzt auf dem allgemeinen Gebiet der Heilkunde. Es war der Großvater des Fabrikanten Ludwin Oppold. In der Jugend wurde er von einem Arzt angelernt und durfte seine Tätigkeit bis in sein hohes Alter ausführen (vergl.: E. Sussmann, das Gesundheitswesen). Ich verdanke dem alten Herrn 1923 die Heilung von einer schweren Diphtherieerkrankung. Daneben pflegten katholische Schwestern in aufopferungsvoller Weise die Kranken im Ort.

Wer eine höhere Schule besuchen wollte, mußte nach Aalen ins Oberrealgymnasium. Man konnte die Volksschule nach dem dritten Schuljahr verlassen und in die Vorklasse des Gymnasiums überwechseln. In der Parkschule wurden die Geschlechter getrennt unterrichtet. Schulgeld- und Lernmittelfreiheit gab es nur in wenigen Ausnahmefällen. Die Zugverbindungen nach Aalen waren vorzüglich auf die notwendigen Schülerfahrten abgestimmt.

1918 war die Parallelstraße hinter dem heutigen Jägergässle das Dorfende. Im Anschluß daran wurde Anfang der 20er Jahre ein zweiter Röhrenstrang der Landeswasserversorgung zum Stollen ins Wolfertstal verlegt. Es waren riesige Rohre, durch die wir als Kinder hindurchschlüpften, bevor sie eingegraben wurden. Die Bebauung des hinteren Dreißentals begann nach 1920. Als erster baute Maurermeister Elmer dort sein Einfamilienhaus. Bis auf den heutigen Tag erfolgte laufend die Besiedlung der Hänge bis zum Wald und bereits bis hinüber zum Hang über der Kocherquelle. In Erinnerung sind mir zwei Brüder Mangold, die bei der Eisenbahn beschäftigt waren und sich auf billigste Art ein Doppelhaus erstellten. Über dem früheren Cafe Gold befand sich im Gewann »Hitzeles Mand« ein Steinbruch mit blauen Plattenkalken. Hier brachen sich die Häuslesbauer die Steine und brachten sie zum nahen Baliplatz. Als Mörtel diente ihnen der nasse Kalkschlamm auf den Straßen. Für die Männer und ihre Frauen war dies ein hartes Stück Arbeit, die allgemein bewundert wurde.

Ein herrliches Wintererlebnis war für mich eine Eisvogelschar, die sich am Kocherursprung niedergelassen hatte. Ihre prächtigen Gefieder glänzten in dem weißen Schnee und in dem glasklaren Wasser.

In den Wäldern stößt man oft auf ehemalige Kohlplatten, wo einst Holzkohle für die Verhüttung der Bohnerze im Tal gewonnen wurde. Dem Härtsfeld zu gab es in meiner Jugendzeit in den Wäldern noch Köhler, die wir Jungen öfters bei ihrer Arbeit beobachteten (vergl.: D. Bantel, Köhlereien auf Oberkochener Gemarkung). Einmal fuhr ich an einer Kohlplatte mit den Schiern in eine Falle. Sie schlug über dem Vorderteil eines Schis zusammen, und ich blieb glücklich unverletzt.

Ein Ereignis, das weit über Oberkochen hinaus die Gemüter bewegte, war der Mord an Förster Braun, der 1926 von einem Wilderer erschossen wurde, der im Königsbronner Ortsteil Ochsenberg beheimatet war. Eine Beerensammle-


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