Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 165 / 494

 

Sein Schwager, General Freiherr von Luppin, wohnte in Schwäbisch Gmünd und besuchte öfters Oberkochen. An vaterländischen Feiern nahm er in seiner prächtigen Paradeuniform teil, die wir besonders bewunderten. Eine Schwägerin des Forstmeisters malte Kinderporträts. Ich mußte mehrere Tage bei ihr stillsitzen, was mir schwerfiel.

Mit Musikkapellen und Fahnen bewegte sich um 1922 ein Aufmarsch mit militärischer Ordnung zur feierlichen Einweihung des Lindenbrunnens in der Ortsmitte. Der erhebende Festakt ist mir heute noch im Gedächtnis. Noch Anfang der 20er Jahre besuchten sich im Rahmen der Öschprozessionen Katholiken von Unter- und Oberkochen. Dabei begegnete man sich auf halbem Weg, wobei es unter den Buben nicht gerade fromm herging, denn sie hatten schon vorher ihre Taschen mit kleinen Steinen gefüllt, um sich gegenseitig zu bewerfen. Durch den wachsenden Verkehr wurden die Bittgänge in dieser Form eingestellt und nur noch in Ortsnähe durchgeführt.

Bei allen weltlichen und kirchlichen Feiern, die mit Umzügen verbunden waren, marschierte der Amtsbote und Polizeidiener Gold in militärischer Montur mit Säbel und Pickelhaube voraus. Er wohnte mit seiner Familie im Rathaus und hatte noch die Aufgabe, die Bekanntmachungen des Ortes durch Ausschellen den Einwohnern zu vermitteln. Für uns war er eine Respektsperson und in der Gemeinde ein hochgeachteter Mann.

Jedes Jahr hielten der Kath. Kirchenchor und der Albverein meist ihre Jahresfeiern in der Restauration Winter, in der Bahnhofstraße (Bahnhofsrestauration), ab. Das Programm umfaßte jeweils neben Liedern, Couplets ein Theaterstück. Bei einer solchen Feier des Kirchenchors ereignete sich einmal eine ergötzliche Begebenheit: Die Bühne im Saal war nur behelfsmäßig mit Ständern und Dielen darüber aufgebaut. Durch das große Gewicht des Chores bei einem Liedvortrag krachte die Bühne zusammen. Trotzdem ließen sich Dirigent und Chor nicht aus der Ruhe bringen und sangen ihr Lied zu Ende. Ein großer Applaus belohnte die Geistesgegenwart der Akteure.

Einen Sänger des Kirchenchors möchte ich besonders erwähnen: Franz Grupp vom Katzenbach. Sein schöner Bariton und seine urwüchsige Komik rissen bei seinen Soloaufführungen die Zuhörer vor allem bei Couplets zu Lachsalven hin. Bekannt ist mir bis heute sein Verslein: »I be dr schlaue Hansl, und heiße Gruppa Franzl, i be von Oberkocha, wo sieba Däg send en dr Woche.« Seine Familie war die kinderreichste, und alle Söhne und Töchter haben sich im Leben bestens zurecht gefunden. Nie gingen etliche alte Sänger ohne Schnupftabakdose aus dem Haus, und wenn sie sich zufällig trafen, wurde vor dem Reden eine Prise der Dose entnommen. Zu ihnen paßte ein nettes Couplet »Die drei Schnupfer«, das bei einer Aufführung großen Beifall erntete. Ein weiterer Humorist, Josef Wingert (Stöpsel), erheiterte später seine Zuhörer. Wenn er mit seinem steifen Bein auf der Bühne erschien und mit urkomischen Grimassen sang, erntete auch er riesigen Applaus.


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