Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 163 / 494

 

Engelbert Mager

OBERKOCHEN: Jugenderinnerungen

Im Sommer 1918 erhielt mein Vater die vakante zweite definitive Lehrerstelle in Oberkochen. Schulleiter war Oberlehrer Karl Wörner, der 1927 in den Ruhestand trat und nach Ellwangen verzog. Damals befanden sich im katholischen Schulhaus zwei Lehrerwohnungen, vier Schullokale, ein sog. Unterlehrerzimmer und eine Behelfsbehausung für die Schulkehrerin im Dachgeschoß. Die Wohnungen mit gemeinsamem Flur waren geräumig und schön, nur hatten die Architekten beim Bau den Einbau der Toiletten vergessen und sie nachträglich angehängt. So befanden sie sich außerhalb der Glastüren und einen halben Stock tiefer. Die evangelischen Kinder wurden in einer Einklassenschule von Oberlehrer Günther unterrichtet (vergl.: V. Schrenk, Geschichte Oberkochener Schulen).

Der Marktflecken hatte damals ca. 1 500 Einwohner, von denen die meisten von einer kleinen Landwirtschaft lebten. Mit Kühen und Ochsengespannen bestellten sie ihre Feldarbeit. Pferdebauern mit größeren Betrieben konnte man an einer Hand ablesen. Durch die bäuerliche Struktur waren beiderseits der Straßen Dungstätten angelegt, die heute verschwunden sind. Sie besaßen den Vorteil, daß vor allem die Durchgangsstraße heute so schön und breit gestaltet werden konnte. Viele der Kleinbauern arbeiteten im Winter in den Wäldern oder in den kleineren Industriebetrieben, die sich im Lauf der Jahre vergrößerten.

Wir Kinder schauten oft den Hafnern bei ihrer schwierigen Arbeit zu und staunten über die formgebende Tätigkeit. Auf dem Bahnhof standen ihre Harassen, Lattenkisten mit vollgepacktem Tongeschirr, zum Versand an die Zwischenhändler bereit. Feinschmecker behaupteten, daß das Kraut aus einem Tontopf (Krauthafen) am besten mundet (vergl.: A. Mager, Hafner). Der Badeplatz der Jugend im Sommer befand sich am Wehr der Kreuzmühle (Besitzer Elser). Durch die geringe Entfernung vom Ursprung des Kochers war das Wasser verhältnismäßig auch bei größter Hitze sehr kühl. Oberhalb des Wehrs und der vorüberführenden Straße nach Aalen zum schienengleichen Bahnübergang fingen einige Jungen mit bewundernswerter Geschicklichkeit während des Badens schöne Forellen. Heute werden dort kaum welche mehr anzutreffen sein. (Doch, es gibt sie noch, sogar sehr zahlreich. Zum Spaß fing man übrigens auch die sogenannten »Grubbaseggl« mit der bloßen Hand. D.B.)

Im Winter konnte man sich selten über mangelnde Schneefülle beklagen. Gelegentlich war der Wintersport an frühen Osterfesten noch möglich. Zuerst übte man das Schifahren mit Faßdauben, an denen eine Behelfsbindung ange-


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