Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 161 / 494

 

trieben der Nachbardörfer Arbeit zu suchen, diesen Holzkohle zu liefern oder Erzfuhren zu übernehmen.

Zwar konnte Württemberg noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als reiner Agrarstaat bezeichnet werden, doch bildete die Ostalb zu jener Zeit eine der Inseln industrieller Aktivität. Auch Jakob Christoph Bäuerle hatte die Nähe zur eisenverarbeitenden und eisenschaffenden Industrie in den Nachbarorten gesucht, die ihm Material für seine Bohrer liefern konnte. So gesehen war die Gründung der ersten Bohrerwerkstätte in Oberkochen der Beginn einer neuen Ära im Rahmen der industriellen Entwicklung; sie war ein Neuanfang, eine »Stunde Null« jedoch war sie nicht.

Auch die Ansiedlung der Firma Carl Zeiss im Jahre 1946 darf insofern nur als Kulminationspunkt einer hundertjährigen Entwicklung gesehen werden, die ihre Wurzeln in einer wesentlich längeren industriellen Tradition findet. Wohl kaum hätte sich dieses Unternehmen in jenem Dorf nahe dem Kocherursprung niedergelassen, wären nicht leerstehende Werksgebäude vorhanden gewesen; es ist auch nicht auszuschließen, daß Zeiss von der industriell-technischen Vorbildung der Bevölkerung zu profitieren hoffte. Jedenfalls fand der Betrieb unmittelbar nach dem Kriege eine solide Grundlage vor, die er für den Ausbau seiner Kapazität zu nutzen verstand.

Zusammenfassend läßt sich somit feststellen, daß Oberkochen eine »junge« Stadt mit langer Industriegeschichte ist, einer Geschichte mit Höhen und Tiefen, die den Ort und seine Industriebetriebe miteinander verschweißt hat. Oberkochen hat — und das gilt auch für die heutige wirtschaftlich schwierige Zeit — Glück mit der Struktur seiner Industriebetriebe: Sie sind umweltfreundlich, arbeitsintensiv, sie erzeugen hochwertige, den Erfordernissen der Zeit angepaßte technische Produkte und sie haben in wirtschaftlich besseren Jahren in die Zukunft investiert. Möge der Stadt dieses Glück auch weiterhin beschieden sein.

Nachwort:
Es liegt in der Natur der Sache, daß in einem Bericht über die Industrialisierung Oberkochens vor allem die Unternehmer, die Firmengründer und ihre Nachfolger Erwähnung finden. Nicht vergessen werden darf dabei die Rolle der vielen Arbeiter und Angestellten, die mit Erfindungsgabe, Fleiß und selbst in Krisenzeiten bewährter beispielhafter Solidarität zum Gedeihen der Unternehmen und zur Industrialisierung ihrer Heimat beigetragen haben. So erinnert sich zum Beispiel die Unternehmensleitung der Firma Leitz in der anläßlich ihres 100jährigen Bestehens herausgegebenen Chronik dankbar daran, daß es damals in der Weltwirtschaftskrise »nicht zuletzt die freiwilligen Verzichte und Einschränkungen der Arbeitnehmer waren, die in dieser Phase der Konkurse, der Arbeitszeitverkürzungen und der erschreckendsten Arbeitslosigkeit wesentlich zum Überleben der Firma beigetragen haben«. Ähnliches ließe sich sicher auch von anderen Firmen berichten.


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