Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 152 / 494

 

Landshut wieder mit der Produktion optischen Glases begonnen hat (erst 1952 wird das neue Glaswerk in Mainz in Betrieb genommen), gilt es, die Stiftung nicht nur als Industrieunternehmen, sondern auch als Sozialwerk zu retten. Die im Stiftungsstatut verankerten sozialen Ideen Ernst Abbes mit Neunstundentag (acht Stunden ab 1900), Kündigungsschutz, bezahltem Urlaub, Krankengeld, Gewinnbeteiligung, Invaliditäts- und Altersversorgung waren am Ausgang des letzten Jahrhunderts bahnbrechend und eilten der staatlichen Gesetzgebung um Jahrzehnte voraus. Ein Fortbestand der Stiftung ist unter diesen Umständen nur im Westen Deutschlands denkbar, denn hier wirken mit den evakuierten Geschäftsleitern die Bevollmächtigten der Zeiss-Stiftung, und nur hier kann sie auf der rechtlichen und ideellen Basis ihres Statutes fortbestehen. Die baden-württembergische Landesregierung bestimmt daher 1949 Heidenheim zum Sitz der Stiftung.

Am 1. Mai 1954 kann Professor Bauersfeld als Senior der Stiftung bei einer Feier im Oberkochener Werksgelände im Beisein des Bundespräsidenten Theodor Heuss verkünden, daß »die Carl-Zeiss-Stiftung wiedererstanden ist und daß ihre Weltfirmen Zeiss und Schott außerhalb der Zone der Unfreiheit und des Terrors wieder aufgebaut sind«.

Der wirtschaftliche Wiederaufstieg ist nun schon so weit gediehen, daß an diesem Tag die statutarischen Pensionrechte für die Arbeiter und Angestellten verkündet werden können. »Auf schwäbischem Boden wuchs dem Werk Abbes ein neues Haus«, schreibt die Werkszeitung. Das Unternehmen, das nun wieder den alten Namen »Carl Zeiss« trägt, zählt nun schon 2850 Beschäftigte, etwa ein Drittel sind ehemalige Jenaer Zeiss- Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre den Weg in den Westen gefunden haben. Dieser vorwiegend aus Meistern, Vorarbeitern und hochqualifizierten Facharbeitern bestehenden Gruppe kommt eine bedeutende Rolle beim Aufbau der Fertigung zu.

Die gemieteten Räume reichen nicht mehr aus. 1950 wird mit dem Shedhallenbau der erste Schritt zur Erweiterung der Firma getan, andere Bauten folgen. Längst schon ist das Fertigungsprogramm der Anfangsjahre erweitert worden. Neben Brillengläsern , Photoobjektiven und Mikroskopen werden nun wieder ophthalmologische und mikrochirurgische Geräte, Photometer, Refraktometer, Interferometer, Nivelliere, Theodoliten, Photogrammetrische Kameras und Auswertegeräte, Elektronenmikroskope sowie Feldstecher produziert. 1957 wird die ehemalige Remonte-Kaserne in Aalen als Brillenglasfabrik eingerichtet und Zug um Zug durch Neubauten erweitert, im gleichen Jahr wird die zur Zeiss-Gruppe gehörende Mikroskop-Fabrik R. Winkel GmbH in Göttingen anläßlich ihres hundertjährigen Bestehens Teil des Stiftungs-Unternehmen Carl Zeiss. Seit 1955 ist dieses Werk Fertigungsstätte aller Zeiss-Mikroskope. Heute nehmen die Stiftungsbetriebe Zeiss und Schott wieder eine führende Stellung auf den Weltmärkten ein. Die Stiftung beschäftigt weltweit ca. 35 000 Mitarbeiter, davon entfallen auf die Zeiss


zurück
 
Inhalts-
verzeichnis

weiter

[Home]