Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 151 / 494

 

und Mechanische Werkstätte gegründet hatte, die unter seiner und des Wissenschaftlers Ernst Abbes Leitung zum bedeutendsten optisch-feinmechanischen Unternehmen herangewachsen war. Mit diesem Mitarbeiterstab wurden auch 41 Führungskräfte des zur Carl-Zeiss-Stiftung gehörenden Schwesterunternehmens »Jenaer Glaswerk Schott & Gen.« nach Heidenheim gebracht. Mit diesem »Exodus« wollten die westlichen Alliierten den auf Grund der Verträge von Jalta nach Thüringen einrückenden Russen einen Teil des wissenschaftlichen Potentials der Zeiss-Werke entziehen: »We take the brain«. Die Wissenschaftler und Konstrukteure wurden auf Heidenheim und die umliegenden Dörfer verteilt und dort notdürftig untergebracht. Die mitabtransportierten 360 000 Zeichnungen, die Frucht jahrzehntelanger Arbeit, sahen sie nie wieder, sie wurden in die USA gebracht. Fast zehn Monate vergingen, bis die Gruppe, inzwischen verstärkt durch einige Jenaer Flüchtlinge, die Erlaubnis zum Arbeiten und zum Aufbau einer Fertigung für feinmechanisch-optische Erzeugnisse erhielt. Man entschloß sich, die leerstehenden Räume der Firma Fritz Leitz in Oberkochen zu mieten und hier den Neubeginn zu wagen, ohne Unterlagen, ohne Werkzeuge und Maschinen, mit nichts als dem Wissen und dem Willen zum Wiederaufbau. Am 4. Oktober 1946 wird die Firma Opton Optische Werke Oberkochen GmbH, gegründet, die man wenig später, am 1. Februar 1947, in Zeiss-Opton Optische Werke Oberkochen GmbH, umbenennt. Die Schwierigkeiten, denen sich die aus Professor Bauersfeld, Dr. Küppenbender und Dr. Henrichs bestehende Geschäftsleitung gegenübersieht, sind fast unbeschreiblich: Maschinen müssen beschafft, Rohstoffe besorgt werden in einer Zeit, in der Geld keinerlei Wert besitzt und sich nur durch Kompensation Ware beschaffen läßt. Vor allem müssen die in die USA gebrachten Arbeitsunterlagen, soweit für den Beginn erforderlich, wieder erstellt werden. Das Fabrikationsprogramm muß anfänglich noch den Weisungen der amerikanischen Besatzungsmacht entsprechen; erlaubt sind zunächst Produkte, die dem Gesundheitswesen dienen, wie Brillengläser, medizinisch-optische Geräte und Mikroskope, daneben außerdem — praktisch als Ausnahme — auch photographische Objektive. Der Arbeitsschwerpunkt des ersten Jahres liegt in den wissenschaftlichen Abteilungen, den Laboratorien und Konstruktionsbüros, denn zunächst sind neue Geräte zu entwickeln, Fertigungsunterlagen zu erstellen und die für die Produktion notwendigen optischen und mechanischen Spezialmaschinen zu konstruieren und zu bauen. 1948 — im Jahr des eigentlichen Produktionsanlaufs — ist die Belegschaft schon auf 1300 Personen angewachsen. Mit der am 1. Juni 1948 auf russischen Befehl verfügten Enteignung der Jenaer Stammwerke Zeiss und Schott verliert auch die 1889 von Ernst Abbe gegründete Zeiss-Stiftung als Eigentümerin beider Werke endgültig ihre Existenzgrundlage in Jena. Für die Geschäftsleitungen der Firmen Zeiss und des Schwesterunternehmens Jenaer Glaswerke Schott & Gen., das inzwischen in Zwiesel und


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