Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 147 / 494

 

20. Jahrhundert

Der Anfang ist gemacht, der Boden bereitet. Wir haben bereits die Entwicklung der im 19. Jahrhundert gegründeten Firmen bis in unsere Zeit, in ein Jahrhundert verfolgen können, das wie kein anderes durch revolutionäre technische Entwicklungen, aber auch durch politische und wirtschaftliche Katastrophen gekennzeichnet ist.

Für Industrie und Gewerbe sind die Jahre bis zum ersten Weltkrieg noch eine Zeit des Fortschrittes und der Entfaltung. Auch die Oberkochener Firmen prosperieren: Die Entwicklung von Bäuerle, Leitz und anderen vom Handwerks- zum Industriebetrieb findet ihren Abschluß, sieben neue Unternehmen werden in diesem Zeitraum gegründet.

Eine erste Zäsur bringt 1914 der Erste Weltkrieg, der 1918 mit dem Untergang des Deutschen Kaiserreiches endet. Die darauffolgende Inflation bringt viele Menschen um ihre Ersparnisse und blutet das Land aus. Mit der Einführung der Rentenmark kann zwar nicht der politischen, doch der wirtschaftlichen Instabilität ein Ende bereitet werden. Dennoch hat die große Geldknappheit auch manchen Konkurs zur Folge. In den nun einsetzenden »Goldenen Zwanzigern« erholt sich die württembergische Wirtschaft relativ schnell; auch die meisten Oberkochener Betriebe überstehen die schwierigen Nachkriegsjahre ohne nachhaltige Folgen.

Von 1907 bis 1925 hat sich die Zahl der Beschäftigten in Industrie und Handwerk in Württemberg — bezogen auf die Gesamtbevölkerung — von 17,8 auf 23,4 % erhöht. Württemberg erreicht einen höheren Industrialisierungsgrad als fast alle anderen Länder des Deutschen Reiches. Für die metallverarbeitende Industrie bleibt allerdings der Beschäftigtenzuwachs relativ gering. Eine Ausnahme stellt der Maschinenbau dar, welcher neben der Textilindustrie zur großen Wachstumssäule dieser Zeit wird.

Das Intermezzo der wirtschaftlichen Blüte geht 1929 ziemlich abrupt mit der Weltwirtschaftskrise zu Ende. Die Kündigung kurzfristiger amerikanischer Kredite führt auch in Deutschland zu Firmenzusammenbrüchen und Massenarbeitslosigkeit. Diese erreicht ihren Höhepunkt 1932/33, als im Reich 6 Millionen Arbeitslose gezählt werden. Metallindustrie und Maschinenbau haben auch in Württemberg zu leiden, wie wir aus den »Lebensläufen« der Oberkochener Firmen erfahren. Doch wird das württembergische Wirtschaftsleben wegen des hohen Anteils der Verbrauchsgüterindustrie nicht in einem solchen Ausmaß von der Rezession betroffen wie das übrige Reich. Die Oberkochener »Bohrerspitzer« können sich trotz aller Schwierigkeiten behaupten, keine der Werkzeugfabriken geht in Konkurs.

In den dreißiger Jahren ist Oberkochen neben Remscheid und Schmalkalden zum dritten Zentrum der Werkzeugindustrie geworden, das 1935 bei 1750 Einwohnern nahezu 500 Industriebeschäftigte zählt. Die Arbeitsbeschaffungsprogramme des »Dritten Reiches« bringen eine erneute allgemeine wirt-


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