Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 136 / 494

 

sich diese billige Energiequelle zu erschließen, beginnt die Entwicklung zu Industriebetrieben. Jakob Bäuerle kommt im Jahre 1883 ans Wasser, als er das Gebäude Nr. 41 am Katzenbach (heute Aalener Straße 4) erwirbt. Auch der Gutenbach wird ab 1895 genutzt. Wilhelm Bäuerle, Bohrerfabrikant und Sohn Jakob Bäuerles, gründet im Hause Nr. 215 (heute Aalener Straße 45) einen Betrieb, legt einen Kanal an und staut den kleinen Bach in einem Sammelbecken. Hier drängt sich natürlich die Frage auf, warum sich diese Werkstätten nicht am Kocher niederlassen, Platz ist an seinen Ufern ja reichlich vorhanden.

Die Wasserrechte am Kocher sind jedoch längst vergeben, in sie teilen sich die Mühlen — die Schleif- und ehemalige Ölmühle am »Ölweiher«, einem Kocherquell, die »Obere«- und »Untere Getreidemühle« und die »Kreuzmühle«, bis 1865 Öl- und Gips-, später Getreidemühle. Die Mühlenbesitzer versuchen natürlich, ihre alten Rechte zu wahren. So wird 1894 gegen das Wasserwerksgesuch des Wilhelm Bäuerle am Gutenbach Protest eingelegt, »weil seit mehr als 60 Jahren die Besitzer der Unteren Mühle das Recht haben, von Bartholomä bis Georgi (24. August bis 23. April) dieses Wasser, welches durch den Ort fließt, auf ihre Mühle zu leiten«. Der Altmüller Caspar Scheerer schreibt weiter: »bei einem niederen Wasserstande ist es eine Notwendigkeit für mich, daß ich mein altes Recht ausüben kann«. Schon damals konnte der Gutenbach durch ein dem Verlauf der oberen Katzenbachstraße folgendes Bachbett in den Katzenbach umgeleitet und über diesen dann dem Kocher und der Unteren Mühle zugeführt werden.

Albert Leitz kann bei der Verlegung seiner Werkstätte an den Ölweiher im Jahre 1884 die väterlichen Wasserrechte übernehmen. Auch der Besitzer der Oberen Mühle, Hugo Laißle, kann seine Triebwerksrechte für seine 1890 gegründete Fabrik »zur Herstellung hohler und massiver Wellen und einer Genauzieherei« nutzen. Die vorhandene Wasserkraft erweist sich allerdings zum gleichzeitigen Betrieb der Mühle und der »neuen gewerblichen Einrichtungen« als zu gering, deshalb wird die Obere Mühle 1893 stillgelegt. Der Fabrikbetrieb wird im gleichen Jahr von Gottlieb Günther übernommen. Die zunehmende Industrialisierung durchlöchert schon wenig später das Wassermonopol der Mühlen. 1907 erhalten Karl Walter für sein Kaltwalzwerk und Wilhelm Grupp für seine Bohrerfabrik Nutzungsrechte am Kocher.

Später spielt die Wasserkraft und damit der Standort für die Oberkochener Betriebe keine so entscheidende Rolle mehr. Dampfkraft, Benzin und Elektrizität bieten neue, wenn auch teurere Möglichkeiten der Energiegewinnung. 1906 beginnt Johannes Elmer (Kronenwirt), der seit 1903 am Kocher (heute Wäscherei Lebzelter) eine Ketten- und Schraubenfabrik betreibt, Oberkochen allmählich mit Strom zu versorgen. 1916 erwirbt die UJAG das »Elektrizitätswerk«, die Firma Leitz übernimmt die Fabrikationsräume des Betriebes.


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