Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 134 / 494

 

kaum noch die Bauernfamilien ernähren können. Mißernten infolge von Hagel, Dürre und Nässe und eine darauffolgende Teuerung haben die Not im Lande vermehrt und zwingen viele Württemberger zur Auswanderung, vorwiegend nach Amerika. Zwar heißt es in der Oberamtsbeschreibung über Oberkochen: »Obgleich also die meisten Bauernhöfe zerstückelt und der reicheren Leute wenig sind, so erfreuen sich die meisten doch eines mittleren Wohlstandes«, aber die vielen in den Oberkochener Gemeinderatsprotokollen vermerkten Auswanderungsanträge und Zuzugsverweigerungen »wegen zu geringem Vermögen der Antragsteller« zeigen, daß es auch hier Not und Armut gegeben hat. Noch 1854 wird beschlossen und verkündet, »daß das Betteln der Kinder und jungen Leute gänzlich abzuschaffen, und blos den bedürftigen älteren Personen das Einsammeln von Allmosen wöchentlich einmal und zwar an Samstagen nur zu erlauben« ist.

Trotzdem werden Zeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs im Lande spürbar. Die Notsituation hat die Württembergische Regierung unter ihrem König Wilhelm I. zu der Überzeugung geführt, daß nur eine Entfaltung des Gewerbes die wirtschaftliche Existenz der schnellwachsenden Bevölkerung sichern und die Auswanderung aufhalten kann. Eine Konsequenz dieser Erkenntnis ist die 1848 erfolgte Gründung der königlichen Zentralstelle für Gewerbe und Handel. Untrennbar mit der Entwicklung Württembergs zu einem modernen Industriestaat ist der Name des langjährigen Direktors und Präsidenten dieser Zentralstelle, Ferdinand Steinbeis, verbunden. Neben Handel und Industrie wird von ihm vor allem das Bildungswesen gefördert, seine Schöpfungen sind die gewerblichen Fortbildungsschulen, aus denen sich später die Berufsschulen und höheren Fachschulen entwickeln. Steinbeis kommt auch nach Oberkochen. Am 17. August 1879 ermuntert er die Hafnermeister zur Einrichtung einer Zeichenschule und überzeugt sich im Jahre darauf noch einmal von deren Fortschritt. Diese ursprünglich für die Weiterentwicklung des Hafnergewerbes vorgesehene Schule wird bald von allen in Oberkochen vertretenen Gewerben genutzt und hat mit Sicherheit auch zur raschen Entfaltung des Bohrergewerbes beigetragen. Als junger Mann verbringt Steinbeis übrigens auch eine hüttenmännische Lehrzeit im Wasseralfinger Eisenwerk und in der Hammerschmiede Abtsgmünd.

Zu dieser Zeit beginnt auch die für die wirtschaftliche Entwicklung wichtige verkehrstechnische Erschließung unseres Raumes, die einen ersten Höhepunkt 1861 in der Eröffnung der Eisenbahnlinie Cannstatt—Wasseralfingen findet. 1864 wird mit der Inbetriebnahme der Strecke Aalen—Heidenheim auch Oberkochen an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Mit der Einführung der Gewerbeordnung von 1862, welche die Gewerbefreiheit mit sich bringt, wird schließlich die »Gründerzeit« des Industriezeitalters eingeläutet. Das wirtschaftliche Klima erfährt nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges und der Reichsgründung 1871, die auch endlich dem Münz- und Gewichts-


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