Heimatbuch „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“ Seite 129 / 494

 

Marika Kämmerer, Dr. Joachim Kämmerer

»Vom Dorf zur Industriegemeinde«
Ein Rückblick auf die fast 450jährige Industriegeschichte Oberkochens

16. Jahrhundert

Der Reisende aus dem Welschland, der an einem Spätfrühlingsabend des Jahres 1552 an der Rodhalde aus dem Walde tritt, glaubt, endlich sein Ziel vor Augen zu haben. Am Ursprung des kleinen Flüßchens unter ihm leuchtet Feuer, steigt Rauch empor, erklingen helle Hammerschläge. Er hofft, daß dort zwei kräftige Arme willkommen sind, daß er dort Lohn und Brot finden wird, denn schon seit vielen Jahren wird in seiner Heimat fachkundiges Hüttenpersonal für das von Abt Melchior Ruof gegründete Königsbronner Eisenwerk geworben.

Daß das Dörflein unter ihm im Tal jedoch Oberkochen heißt und das Flüßchen der Schwarze Kocher genannt wird, erfährt er beim Abstieg von einem Köhler, der auf dem Weg zu einem der zahlreichen Meiler ist, deren Rauchfähnchen überall aus dem Wald emporsteigen und unserem Reisenden schon verraten haben, daß er sich seinem Ziel nähert.

Es beginnt zu dunkeln, unser Reisender muß sich beeilen. Über einen steilen Pfad hat er bald den Ort erreicht. Schon leuchten hinter einigen Fenstern die Kienspanfackeln auf. Von einem Hirten und seinem Hund bewacht, drängt sich am Dorfbrunnen eine große Viehherde. Der Mesner läutet zum Uffemerge (Ave Maria). Nun muß jeder, der noch draußen einer Arbeit nachgeht, hereinkommen. Nach den letzten Fuhrwerken werden dann die Gatter an den Ortseingängen verschlossen. Unser Reisender fragt nach einem Obdach, er findet es in der »Taferne«, dem alten Wirtshaus des Dorfes. Schon früh am anderen Morgen bricht er nach Königsbronn auf. Doch zunächst will er bei der Schmelzhütte am Kocherursprung nach Arbeit fragen. Er hat Glück, ein erfahrener Schmelzer wird noch gesucht, denn die Hütte ist erst vor wenigen Wochen in Betrieb genommen worden.

Peter von Brogenhofen (Pragenhofen) aus Gmünd, Vetzer genannt, hatte den Willigungsbrief »naher beim ursprung des kochen ein schmelzofen, hutten sampt einem leuterfeur uffzerichten« am 26. Oktober 1551 vom Ellwanger Propst Heinrich für 10 Gulden jährlich erhalten. Schon seit Jahren hatte er geplant, sich im Eisengeschäft zu betätigen, dem so mancher Gmünder Sensenschmied und Handelsherr seinen Reichtum verdankte, und das durch die neue Waffentechnik mit ihren Geschützen und Kanonenkugeln, aber auch durch eine zunehmende Verwendung für friedliche Zwecke, z.B. für Ofenplatten, Töpfe und Gewicht neuen Aufschwung bekommen hatte.


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