Schwäbische Psychologie

Am 17. Oktober 1991 erschien in der „Schwäbischen Post“ eine kleine Geschichte, die sich im Grenzbereich einer schwäbisch-philosophisch-psychologischen Betrachtung zum Thema „s’Giggle“ befindet.

Da sich „s’Giggle“ auf dem Härtsfeld abspielte, ist es gar nicht so einfach, es in die Oberkochener Anekdoten zu integrieren; indes kam die Anregung hierzu erst kürzlich von einem Berliner Leser unserer Homepage in so freundlicher Weise, dass wir unsere Bedenken zurückstellen, zumal „s’Giggle“ von einem Oberkochener geschrieben wurde.

Hier ist die Originalfassung:

s’Giggle

Neulich haben wir in einer Bäckerei auf dem Härtsfeld zwei Brezeln gekauft. Eine „Tüte“ (a Gugg) oder richtiger eine „kleine Tüte“ (a Giggle) zum Abtransport wurde uns zwar angeboten, aber wir haben abgelehnt, weil wir die schwäbische „Gigglespsüchologie“ kennen.
Nicht jeder kennt sie. Deshalb haben wir sie hier aufgeschrieben.

Wenn ein Bäck auf dem Härtsfeld oder in den Tälern darum herum ein Giggle hergeben will, wenn jemand zwei Brezeln bei ihm gekauft hat, dann sagt er einfach: „Dao hennse a Giggle“. Das Giggle kann man dann natürlich freiwillig nicht haben wollen. Dann sagt man „Danke, ’s isch net needich“.

Weitgehend unverfänglich ist auch die Frage: „Wellat Se a Giggle?“ Auf sie kann man normalerweise getrost mit „ja“ oder „nein“ antworten, vor allem, wenn das Wort „Giggle“ betont ist. - Ist allerdings das Wort „Wellat“ betont, so beginnt bereits die „Psüchologie“. Man sollte seine Antwort sehr gut abwägen - denn ein „ja“ könnte möglicherweise atmosphärische Störungen verursachen - schon allein deshalb, weil ein Giggle bis jetzt nichts kostet. Wenn man es - sagt man „ja“ - erhält, sollte man danken, etwa mit „Ha, des isch aber a Sörwiss“.

Fragt der Bäck „Brauchat Se a Giggle?“, wird es schon problematisch, denn, wie kann man nachweisen, dass man ein Giggle „braucht“ im Sinne von benötigt. „Brauchen“ tut man das Giggle wirklich nicht unbedingt, weil man ohne es sicher nicht verhungert. Ohne die Brezeln verhungert man aber - also „braucht“ man die Brezeln, aber das Giggle dazu ist ein Luxus. Und Luxus zeugt von einem verdorbenen Charakter, und diesen traut man dem Kunden nicht zu, wenn man ihn so fragt. Man sollte auf diese Frage mit „noi noi“ antworten. Das heißt so viel wie „eigentlich ja“, aber man hat den unterschwelligen Inhalt der Frage erkannt, und von Luxus distanziert man sich, schon weil er einem nicht zugetraut wird.

Ganz klar hat sich der Bäck erst ausgedrückt, wenn er fragt: „Hättat Se a Giggle wella?“ In dieser Frage ist der absolute Überfluss und damit die Antwort „nein“ praktisch geradezu vorformuliert.

Unumgänglich in die Frage eingeschlossen ist die Antwort „nein“ bei der Formulierung „Hättat Se a Giggle braucht?“ Auf diese Frage mit „ja“ zu antworten ist entweder dreist oder dumm.
Wird die zuletzt genannte Formulierung durch das Wort „vielleicht“ erweitert, also „Hättat Se vielleicht a Giggle braucht?“, dann kann man bereits eine Spitze gegen den Brezelkäufer heraushören. Diese Frage fordert das „nein“ vollig unverpackt heraus, und nur jemand, der Streit sucht, antwortet auf sie mit „ja“ - oder eben einer, der nicht ganz sauber ist.

Nicht zu helfen ist auch dem, der auf die Frage „Sie hättat doch koi Giggle braucht?“ mit „doch“ antwortet. Dies ist eine Art Kriegserklärung.

Wenn man gleich gar nicht gefragt wurde, ob man ein Giggle will und bereits dabei ist, die Bäckerei ohne Giggle, die Brezeln in der Hand, zu verlassen, kann einem der Härtsfeldbäck noch nachrufen „I hätt Ehana fei scho a Giggle ghett“.

Das ist dann so viel wie ein freundliches „Auf-Wiedersehn“, und der Dank dafür, dass man nicht gefragt hat, ob man ein Giggle kriegt.

 
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