„Oberkochener Eisheilige“

Volkmar Schrenk ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Die Geschichte von den Oberkochener Eisheiligen hat er, schon schwerkrank, auf meine Bitte hin im Oktober letzten Jahres niedergeschrieben. Es ist die letzte Geschichte aus seiner Feder.

Sein feiner Humor, der auch gerade diese Geschichte so besonders liebenswert macht, war nur eines seiner Markenzeichen.
Wir veröffentlichen diese Geschichte ihm zu Ehren und zum Gedenken, in der Form, wie ich sie, samt Einleitung, zu meinen Unterlagen genommen habe.

Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie:

Zu den Eisheiligen (auch „Eismänner“ oder „gestrenge Herren“ genannt) zählen 3 (regional 4 oder 5) Namenstage von Heiligen im Mai. Die Eisheiligen sind in Mitteleuropa meteorologische Witterungsregelfälle. Laut Volksglaube wird das milde Frühlingswetter erst mit Ablauf der „kalten Sophie“ stabil.

  1. (Mamertus - 11. Mai)
  2. Pankratius - 12. Mai
  3. Servatius - 13. Mai
  4. Bonifatius - 14. Mai
  5. (Sophie - 15. Mai)

Es handelt sich bei den genannten Heiligen um Bischöfe und Märtyrer aus dem 4. und 5. Jahrhundert.

Die „speziellen“ Eisheiligen von Oberkochen sind nicht so alt wie die „üblichen“. Sie wurden durchweg im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts geboren. Nur einer von ihnen, OStDir. a. D. Volkmar Schrenk, lebt noch - und er hat mir auf meine Bitte hin die Geschichte dieser Eisheiligen aufgeschrieben.

Hier ist die wahre Geschichte im Schrenk’schen Wortlaut:

Nein, es waren nicht Pankratius, Servatius und Bonifatius, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts plötzlich leibhaftig in Oberkochen aufgetaucht waren. Es waren auch nicht die für derartige Heiligenbesuche typischen Tage vom 12. bis 15. Mai, die Hobby-Gärtner und Balkonblümlesliebhaber um ihre zarten Lieblinge fürchten lassen. Dennoch ist, wenn auch nicht in offiziellen Akten des Gemeinderats, so doch in den Annalen der Gemeinderats-Nachsitzungen verbürgt: Es gab sie, die drei Oberkochener Eisheiligen samt ihrem weiblichen Pendant, der kalten Sophie.

Und dies war so gekommen:

Der Herbst war ins Land gezogen, sonnig und ein wenig weintrunken kam er daher, aber auch den Abschied vom Sommer erahnen lassend. Nach den Neuwahlen im Frühjahr und der Sommerpause war die Arbeit des Gemeinderats wieder so richtig in Gang gekommen. Am großen Ratstische saßen die Räte nicht nach Fraktionen geordnet, sondern so wie es der Auszählung der Stimmen entsprach, - also CDU-, SPD- und BGO-Mitglieder in bunter Reihenfolge. So war meine Nachbarin zur Linken Gerda Böttger von der SPD, und zur Rechten saß mein Freund Gerhard Kenntner (CDU). An der Stirnseite hatte Bürgermeister Bosch seinen Platz, eingerahmt vom Trio der Spitzenbeamten Herrn Bahmann als Kämmerer, Herrn Kranz als Ortsbaumeister und Herrn Feil, Ratsschreiber und „Mann für alles“.

Die Beratungen gingen meist zügig voran, es sei denn, man hatte sich in ein spezielles Problem verbissen, dann wurde heftig und auch kontrovers diskutiert. Aber am Ende lief die Diskussion wundersamer Weise meist immer wieder darauf hinaus: Die Meinung des Vorsitzenden wurde zum Beschluss erhoben.

Nach trockenen Debatten - nur einmal gab es während einer Sitzung etwas zu trinken, als über die Bierlieferung für die Hallenband-Kantine beraten wurde, was zur Folge hatte, dass die Sitzung beinahe aus den Fugen geriet - konnte dann bei der Nachsitzung gebechert, der Durst gelöscht und das Feuer der Diskussion am Leben gehalten werden. Die Behauptung, viele Gemeinderatsbeschlüsse seien auf dem Nährboden der Nachsitzungen gewachsen, kann zwar nicht ganz von der Hand gewiesen werden, denn für Bürgermeister Bosch galt „nach der Sitzung ist vor der Sitzung“. In früheren Zeiten sollen die Räte bis weit über Mitternacht hinaus „verhockt“ sein, und erst, als der Bürgermeister mit Julius Metzger griechisch zu parlieren begann und man im Morgengrauen im druckfrischen Exemplar der Zeitung gelesen hatte, was Robert Wolff über die Sitzung berichtete, machte man sich auf den Heimweg. (siehe die Geschichte vom „Storchenbäck“).

Wie gesagt, dies war lange vor meiner Gemeinderatszeit.

Jedoch passierte an einem lauen Spätsommerabend - zumindest in den Augen des Bürgermeisters - etwas noch nie Dagewesenes. An Stelle des obligaten Vierteles bestellte ich mir eine große Portion Eis und saß alsbald wie ein Fremdkörper im Kreis der Viertelesschlotzer. Dies focht mich aber wenig an, zumal ich meinte festzustellen, dass sich einige verstohlene Blicke beinahe begehrlich auf meinen Eisbecher richteten. Nach etwa zehn Bedenkminuten fasste Reinhold Liebmann (CDU) sich ein Herz und bestellte auch einen Eisbecher; dem schloss sich spontan Josef Marschalek (SPD) an. So saßen wir als fraktionsübergreifende Eisessergruppe am Tisch und Bürgermeister Bosch war es vorbehalten festzustellen: „Heute haben wir drei Eisheilige unter uns“. Und als bei einer der nächsten Nachsitzungen sich auch Frau Dr. Borst zur Runde der Eisliebhaber gesellte, war es wiederum der Bürgermeister, der die Situation erfasste und feststellte: „Nun hat sich zu den Eisheiligen noch die Kalte Sophie gesellt“.

So kam es, dass die Eisheiligen samt der kalten Sophie im Oberkochener Gemeinderat bei Nachsitzungen fortan Sitz und Stimme hatten, und zwar fraktionsübergreifend. Anzufügen wäre noch, dass es rund zwei Jahre dauerte, bis sich Bürgermeister Bosch bei einer Nachsitzung auch einmal ein Eis gönnte.

 
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