Brezla vom "Storchabeck"

Vor über 10 Jahren traf ich eine Alt-Oberkochenerin, die extra zu einem Schwätzle anhielt, um mir die folgende Anekdote von den "Brezla vom Storchabeck" zu erzählen - "damit sie nicht in Vergessenheit gerät", schickte sie voraus.

"Früher, als diea Gmoidrät nach dr Sitzong no äls grausig vrhockt sen, dao isch amaol folgendes bassiert:

Die Mannt senn bis omma Viere morgens en dr "Gruab" vrhockt. Wie se nao beim Hoimganga beim "Storchabeck" vorbeikomma senn, hat dao scho s'Lieacht brennt - die Bäckr mieaßat ja früh morgens raus.

Ond weil se älle Luscht auf a frische Brezel g'hett hant, hat dr Feil, dr Amtmao, beim Storchabeck geschellt; ond wie sellr nao rausgschriea hat, was sei, häb dr Feil neigschriea, ob mr, des hoißt, ob d'Gmoidrät schon Brezla hao kennat. Dr Storchabeck häb drauf rausgschriea, dass mr scho oine kriagt, on daß'r glei aufschlieaßt - wodrauf dr Amtmao Feil wiedr neigeschriea häb:

"Brauchsch fei net aufschlieaßa - soo groß senn Deine Brezla et - diea kasch ondr dr Diear durchschieaba."

Diese Geschichte gibt es auch mit der Variante "Schlüsselloch". - Egal ob "Schlüsselloch" oder "ondr dr Diear" - handelt es sich bei der Brezelgeschichte wohl um einen alten auf die Person bezogenen Schwabenwitz, so wie bei der Geschichte vom Höfers Bernhard und seinem Güterwagen voll Brennholz. Sicher hat sie sich aber einst in ähnlicher wie der geschilderten Form abgespielt.

 

Eine andere authentische Variante dieser Anekdote erfuhr ich erst kürzlich von einem, der's genau wissen muss:

Bei den Gemeinderäten, die sich kurz vor Tagesanbruch von der "Grube" auf den Heimweg machten, war auch der Schulthes. Als man beim Storchabeck vorbeikam, hatte dieser gerade seine Briedr (Bretter) auf denen die frischgeformten Brezeln lagen, durch die Tür hindurch ins Freie geschoben, damit der Teig an der frischen Morgenluft abtrockne und fester werde, auf dass man die noch ungebackenen Brezeln vor dem Backen belaugen konnte, ohne dass sie sich verformen.

Neben der Tür lag bereits die noch druckfrische Zeitung des jungen Tages. Der Schulthes packte die Zeitung und stellte fest, dass sie bereits den Sitzungsbericht vom Abend zuvor enthielt, worauf er äußerte: "Jetzt kommt dao scho dr Sitzongsbericht en dr Zeidong, on die Saubuaba von Gmoidrat sen no netamaol drhoimt."…wobei er sich als "primus inter pares" natürlich implizierte.

Welcher Geschichte man nun mehr vertrauen soll, das bleibt dem Leser überlassen.
Vielleicht sind beide wahr und geschahen nur zu verschiedenen Zeitpunkten.

Übrigens:

Der letzte "Storchabeck" in der Ortsmitte hieß Karl Wiedmann. An dem Gebäude, in dem sich ab 1972 der Getränkemarkt Weber befand und heute (August 2006) das "Baumärktle Mayer" ist, befindet sich ein Sgraffito mit der Abbildung eines Storchs. Weshalb? Ganz einfach deshalb, weil sich früher, wohl bis zum Jahr 1945, als das Haus kurz vor Kriegsende durch eine Bombe zerstört wurde, ein gut frequentiertes Storchennest auf dem Dach dieses Gebäudes befand. 1949 entstand der Neubau und erst in jenem Jahr das Sgraffito des Storchs.

Vor allem die Kinder warteten jedes Jahr sehnsüchtig auf die Rückkehr der Störche.
Aber nach dem Krieg kamen sie nicht wieder - jedenfalls waren, als unser Gewährsmann 1950 wieder nach Oberkochen zurückkam, weder Nest noch Störche auf dem neuen Dach.

Seit die Störche ausbleiben ist die Geburtenzahl in Oberkochen empfindlich zurückgegangen...

 
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