Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 99
 

Haben wir dazugelernt?

Wer hätte als Anwohner oder Passant der Dreißentalstraße nicht schon gestöhnt, wenn wieder einmal ein eiliger Autofahrer den Fuß nicht vom Gaspedal nehmen konnte, wenn ein Auto rücksichtslos den Weg kreuzte oder der Gehweg einfach zugeparkt war? Aber nicht nur Verkehr auf vier Rädern kann belästigen, auch manche Zweibeiner stören durch (vor allem nächtliches) Lärmen. Solche Probleme sind schon früher aufgetreten, wie der von Erich Günther verfaßte und in BuG 1956 (Seite 156) ausgesprochene »Stoßseufzer« zeigt, der anschließend zum Besten gegeben wird:

»Stoßseufzer«

Was war's in unsrem Dreißental
Halt früher noch so schön,
Heut ist das Leben dort 'ne Qual
Durch das Motorgedröhn.

Die Warnungstafeln stehe schon lang,
Ach tät' die Polizei,
Den Rasern machen tüchtig bang,
Dann wär's gar bald vorbei.

Denn wenn man heut ist noch nicht klug,
Wenn rücksichtslos man fährt,
Wie wär's mit Führerschein-Entzug?
Das Mittel doch belehrt.

Das Singen, Gröhlen gar bei Nacht.
Die Ruhe uns tut stören,
Was muß man in der Samstag-Nacht
Von draußen alles hören!

Der Kußweg ist zum Küssen da
Und nicht zum Fahr'n per Rad!
Denn käm per Rad gar der Papa,
Wer stünde da noch grad?

Drum liebe Leut, ich sprach' in Not,
Für meine Nachbarn alle,
Halt' ein doch endlich das Gebot,
Eh Ihr sitzt in der Falle.

Der vom Verfasser angesprochene »Kußweg«, das »Kußwegle«, ist im Stadtplan zwar hinter der Dreißentalhalle als »Jahnstraße« dem Turnvater Jahn gewidmet und im Stadtplan ausgewiesen, jedoch nicht als Straße ausgebaut und somit noch als kleines Stück »Altoberkochen« erhalten. Allerdings ging durch Beleuchtung, Asphaltierung und Öffnung zur Frühlingsstraße hin der romantische Reiz für Liebespaare weitgehend verloren. Früher mußten diese auf dem schmalen Wegchen sehr eng zusammenrücken: Auch für schüchterne Verehrer Anreiz genug, um die damals wohl noch etwas höhere »Kuß-Hemmschwelle« leichter überwinden zu können.

Als Ergänzung ist abgebildet eine Aufnahme von Robert Wolff, die die mittlere Dreißentalstraße im Bereich Carl-Zeiss-Straße/Frühlingstraße zeigt. Im Vordergrund steht noch die alte Trafostation, und die Überlandleitung auf der Trasse der Landeswasserversorgung ist gut erkennbar. Die Häuser der Frühlingstraße stehen teilweise erst im Rohbau. Im Hintergrund hebt sich die größere Trafostation der UJAG an der Katzenbachstraße deutlich ab; die Lenzhalde ist nur zur Hälfte bebaut. Rechts am Bildrand beginnen die Rohbauten der Reihenhäuser an der Lenzhalde.

Das Foto stammt vermutlich aus dem Jahr 1961; blätterlose Bäume, leichte Schneebedeckung auf den Dächern der nichtbeheizten Rohbauten und am oberen Tiersteinhang deuten auf November/Dezember hin. Für genauere Angaben sind wir dankbar!

Volkmar Schrenk

 
 
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