Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 88
 

Karl Ruckgaber (1840-1926),
ein vergessener Oberkochener Wund- und Geburtsarzt

Da es heute vor allem jüngeren Lesern schwer fällt, die Frakturschrift zu lesen, haben wir untenstehenden Text in Antiqua übertragen:

Oberkochen, 19. Febr. (Todesfall)
Im hohen Alter von 86 Jahren verschied heute morgen der älteste Mann der hiesigen Gemeinde und der letzte der früheren württembergischen Wundärzte und Geburtshelfer, Karl Rukgaber. Seit 1914 wohnte er hier bei seinem Schwiegersohne, Fabrikant August Oppold. Im Orte der »alte Doktor« oder »Oppoldsdoktor« genannt, war er ein Mann von altem Schrot und Korn. Bis in die letzten Jahre übte er noch etwas Praxis aus und konnte den sonntäglichen Gottesdienst besuchen. In seinen urwüchsigen Lebensgewohnheiten, der unzertrennlichen Tabakspfeife in den nervigen Händen, war er in seiner hohen Gestalt ein treuer Sohn der Natur, ein Original. Ein Freund der Kaltwasserkuren und Pflanzenheilkunde, war er auch Liebhaber der Blumenzucht und des Gartenbaus. Geboren zu Rottenburg im Januar 1840, besuchte er daselbst die Lateinschule, war in der Lehre bei Wundarzt Kieferle daselbst von 1853 bis 1857, dann ein Jahr in Aalen und in Ulm. Bei der Mobilmachung im Jahre 1859 ging er als Rekrut zum 5. Infanterie-Regiment, wurde Unterarztzögling und im Frühjahr 1862 zum Unterarzt 2. Klasse befördert. Nach Versetzung zum 8. Infanterie-Regiment avancierte er zum Unterarzt 1. Klasse und kam 1865 zum 2. Jägerbataillon, mit dem er den Ausmarsch 1866 mitmachte.

1867 wieder zum 5. Infanterie-Regiment kommandiert, wurde er ein Jahr darauf der Sanitätsabteilung zugeteilt. Unter dem Ausmarsch 1870/71 war er Spital-Unterarzt im Promenaden- und Barackenspital Ulm. Nachher nahm er den Abschied, um in Tübingen Geburtshilfe zu erlernen. Die Prüfung als Wundarzt hatte er 1870 gemacht und die als Geburtshelfer im Frühjahr 1872. Von jetzt an war er als Wundarzt praktisch tätig in Altheim (OA Oberamt) Horb, und von 1882 an in Alpirsbach. Er erzählte gerne, wie er von hier aus viel ins benachbarte badische Gebiet geholt wurde und auf den entlegenen Schwarzwaldorten und einsamen Bauernhöfen bei jeder Jahreszeit und Witterung seine Patienten besuchte. Bald nach seiner Ankunft sei das Tischlein gedeckt worden und bei Schwarzwälder Rauchfleisch und würzigem Kinzigtäler habe er sich bald erholt. In der Schenkenzeller, Schildacher und St. Romaner Gegend war er häufiger Gast. Im Jahr 1887 kam er nach Hüttisheim, OA Laupheim, und praktizierte dort bis 1914. Seine Frau Rosa, geborene Augsburger, starb dort und seine zweite Tochter verheiratete sich nach Wolfegg. Viele werden den lieben kernigen Alten, der in rauher Schale einen guten Kern barg, in Rat und Tat sehr vermissen.

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Auf den Seiten 416 bis 418 wird im Oberkochener Heimatbuch über die Geschichte des Oberkochener Ärztewesens berichtet. Wiedereinmal hat sich gezeigt, daß die Veröffentlichung von bisher Bekanntem auf die Spuren von bisher Unbekanntem führt. Herr Joachim Figura übergab dem Heimatverein den heute wiederveröffentlichten Zeitungsbericht aus dem Jahr 1926. In einem der nächsten heimatkundlichen Berichte werden wir Geschichten und Anekdoten abdrucken, die sich um diesen interessanten Mann in Erinnerung gehalten haben. Wir sind sehr daran interessiert, von Oberkochener Bürgern, die sich noch an den alten »Oppoldsdoktor« entsinnen, Selbst-Erlebtes zu erfahren, - wie es damals war. Bitte rufen Sie uns an (Tel. 7377) oder schreiben Sie Ihre Erinnerung in ein paar Zeilen oder einem kleinen Bericht nieder. Möglicherweise wissen Sie eine Begebenheit, die eben nur Sie wissen. Nicht nur wir, sondern viele interessierte Bürger freuen sich auf Nachrichten »von damals«.

Dietrich Bantel

 
 
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