Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 85
 

Die »Schlackenwäsche« beim Kocherursprung

Unter »Schlackenwäsche« versteht man in Oberkochen zweierlei. Zum einen ist damit der Vorgang des Auswaschens von noch eisenhaltiger Schlacke mit Hilfe von Wasser gemeint. Die Schlacke lagerte aus der Zeit, als von der Mitte des 16. bis ins erste Viertel des 17. Jahrhunderts beim Kocherursprung ein Hochofen zur Eisenverhüttung stand, in unmittelbarer Umgebung des Quellgebiets, und zwar im Tal Richtung Königsbronn. Noch heute heißt die Flur um den Aussiedlerhof Gold-Schmidjörgle und der erste des Tiefentalsträßchens »Schlackenweg«. Das Tiefentalsträßchen ist in seinem Unterbau aus Schlacke gebaut, - das ist der geschmolzene glasige Rest, der bei der Erzverhüttung entsteht.

Mit freundlicher Genehmigung d. Landesvermessungsamtes bilden wir heute den entsprechenden Ausschnitt aus der Urkarte von 1830 ab. Die Schlackenhalden befanden sich, wie beschrieben, südlich der Kocherquelle. Der Weg parallel zum rechten Kartenrand ist in der Urkarte von 1830 als »Hauptstraße Nr. 2« bezeichnet. Im Volksmund wird er heute »Promillesträßle« genannt: In Zeiten, als man es mit »Alkohol am Steuer« noch weniger genau nahm als heute, kurvten hier die fröhlichen Zecher von der Ziegelhütte und anderen Orten, in denen man jenseits der Wasserscheide eines über den Durst trinken konnte, nach Oberkochen zurück, um der Polizei aus dem Weg zu gehen, - der dieser Mitbestand natürlich genauestens bekannt war und ist. Ferner ist in dem Kartenausschnitt der Abzweig des Tiefentalsträßchens zu sehen.

Unter dem Wort »Strik« (Flurname »Strick« oder »Strickäcker« steht für die Flur unterhalb der Wacholdersteige (Leitzstraße) bis hinunter zum Kocher) ist klar ein Gebäudegrundriß zu erkennen, über welchem die Zahl 127 geschrieben steht.

Bei diesem Gebäude handelt es sich um das Haus »Schlackenwäsche«, das die Hausnummer »Oberkochen 127« hatte. Unter »Schlackenwäsche« versteht man also auch ein Gebäude, das beim Kocherursprung stand.

Das Haus »Schlackenwäsche« kann geschichtlich ziemlich genau verfolgt werden. Sie wurde im Jahr 1649 eingerichtet, kurze Zeit, nachdem der Hochofenbetrieb beim Kocherursprung nach der Schlacht bei Nördlingen im 30-jährigen Krieg, der unserer Gegend sehr stark zusetzte, eingestellt worden war. Der Ofen war 4 Jahre vor Kriegsende zerstört und dann abgerissen worden. Die Einwohnerzahl Oberkochens war zu dieser Zeit von 500 vor dem Krieg auf 100 nach dem Krieg zurückgegangen. (1618-1648).

Die erste Schlackenwäsche war wie gesagt, gleich bei Kriegsende, zwischen 1646 und 1649 errichtet worden (Oberamtsbeschreibung Aalen v. 1854). Im Jahre 1745 wurde an derselben Stelle von »Landcapitän Prahl«, welchem die Schlacken von den Ellwanger Eisenwerken überlassen worden waren, eine neue »Schlackenwäsche« errichtet, und zwar unter dem Widerspruch Württembergs. Diese Schlackenwäsche hatte nur kurzen Bestand. Das Gebäude zählte dann zu den Wohngebäuden Oberkochens. In der Oberamtsbeschreibung von 1854 wird angegeben, daß die »Schlackenwäsche« von 16 katholischen Einwohnern bewohnt wird.

Kurz zuvor, zwischen 1830 und 1840 war das Gebäude im Wohnteil Richtung Kocher vergrößert worden. In den Unterlagen des Landesvermessungsamtes konnten die Namen der Bewohner der »Schlackenwäsche« festgestellt werden. Es sind im Jahre 1830 2 Familien als Besitzer genannt: Die Familie Josef Hägele, Schreiner, und die Familie Michael Traber.

In der Folgezeit muß es mit dem Einsiedlerhaus am Kocherursprung bergab gegangen sein. Das Gebäude ist zuletzt als bewohnt erwähnt in dem im Jahre 1906 erschienenen Werk »Das Königreich Württemberg«. Dort heißt es: Schlackenwäsche, Haus, 5 Einwohner, - am Ursprung des Kochers, wo längere Zeit ein Hochofen stand, - 1745 erbaut.

Bereits ein Jahr später, im Jahre 1907, ist das Gebäude von der Bildfläche verschwunden. Der ehemalige überbaute Grund ist mit dem Flurstück als verschmolzen bezeichnet.

Das heißt im Klartext, daß das Gebäude zwischen der Zeit der Erstellung des großen Werks »Das Königreich Württemberg«, das 1906 erschien, und spätestens dem Jahr 1907 abgerissen worden ist.

Sicher gab es in Oberkochen zum damaligen Zeitpunkt kaum jemanden, der zum einen eine Fotokamera besaß, noch viel weniger, der die »Schlackenwäsche« für fotografierwürdig gehalten hat. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, daß irgendwann einmal auch dieses Gebäude von Personen, die den Kocherursprung fotografierten, mitabgelichtet worden ist. Wir haben daher die Hoffnung, eines Tages auf ein Foto von der »Schlackenwäsche« zu stoßen, noch nicht aufgegeben.

Deutlich ist in unserem Kartenausschnitt die Insel zwischen dem schwarzen Kocher und dem Kanal zu erkennen, der aus der Zeit des Hochofens stammt, und heute noch schwach erkennbar ist.

Es fällt übrigens auf, daß um die Kocherquelle nur Wiesenland, nicht aber Bäume eingezeichnet sind. Solche sind entlang der »Hauptstraße Nr. 2« zu erkennen. Das heißt, daß man sich ums Jahr 1830 den gesamten Bereich um den Kocherursprung ohne Bäume vorzustellen hat.

Am Fußweg zum Kocherursprung befindet sich eine Informationstafel, die Auskunft zu den geschichtlicher Zusammenhängen gibt.

Text auf der Informationstafel zum Hochofen an der Kocherquelle und zur Schlackenwäsche ebenda

Nahe dem Ursprung des Kochers stand von 1559 -1634, 75 Jahre lang, eine mit Holzkohle befeuerte Eisenschmelze (Eisenhüttenwerk).

In gemauerten Schachtöfen und mit Hammerfeuern wurde in mehreren Stufen aus Erz schmiedbares Eisen hergestellt. Das Erz kam als Bohnerz vom Zahnberg (Erzenberg) und aus dem Raum Nattheim, oder als Stuferz aus dem braunen Jura bei Aalen.

Holzkohle gewann man in den ausgedehnten Wäldern der Ostalb. Ein Wasserrad (der Kanal ist heute noch erkennbar) trieb über eine Welle Gebläsebalken und Schmiedehämmer an.

Die Produktion war beachtlich. Z. B. wurden 1569 in Oberkochen 458 ztr. Ofenplatten und 5169 ztr. Masseleisen erzeugt. (Masseleisen = doppelkeilförmiges Roheisenstück). Jährlich wurden über 1000 Fuder Holzkohle erforderlich. Dazu benötigte man eine Rohholzmenge von 14.000 cbm. Dies entspricht dem Holzvorrat auf auf ca. 80 ha (!) Wald.

Gründer des Eisenwerks war ein Vetzer von Brogenhofen aus Gmünd. Es ging bald in württembergischen Besitz über. Zusammen mit den Brenztaleisenwerken von Königsbronn und Heidenheim entstand ein erstes frühkapitalistisches Industriezentrum auf der Ostalb.

Nach der Nördlinger Schlacht von 1634 (30-jähriger Krieg) ging das Werk ein.

Ab 1649 wurde eine Schlackenwäsche eingerichtet, in der eisenhaltige Brocken aus den ehemaligen Schlacken mit Hilfe des Wassers aussortiert wurden. Sie bestand noch 1830. Heute finden sich noch zahlreiche glasige Schlacken in und neben dem Fluß. (n. Thier, 1965 »Geschichte der Schwäbischen Hüttenwerke«).

Wie bekannt, hat die im Jahre 1973 gegründete Oberkochener Narrenzunft »Schlaggawäscher« ihren Namen aus diesen geschichtlichen Zusammenhängen abgeleitet, und nicht etwa aus dem schwäbischen Schimpfwort »Schlagg«, welches eine Mischung aus »Bachel«, »Dackel«, und »oaguate Sau« bedeutet. (Die beiden letzteren Begriffe können übrigens, bei entsprechender Betonung, durchaus auch anerkennend gemeint sein).

Soviel zur »Schlackenwäsche« beim Kocherursprung.

Wenn jemand von Hörensagen noch etwas weiß vom Gebäude »Oberkochen 127, - Schlackenwäsche«, so bitten wir darum, daß diese Informationen an ein Mitglied des Heimatvereins Oberkochen weitergegeben werden. Gerade bei Überlieferungen, die fast noch in die Gegenwart hereinreichen, sind wir sehr dankbar für Mitteilung.

Dietrich Bantel

Richtigstellung zu Bericht 84
Zu unserem Bericht 84 ist zumindest einer von einer ganzen Reihe von Druckfehlern richtigzustellen: Der Setzer hat aus dem einfachen Oberkochener »Bürger und Brantenweinbrenner Melchior Schneider« einen Bürgermeister Melchior Schneider« gemacht. Denjenigen, die der deutschen Schrift mächtig sind, wird dies aufgefallen sein.

 
 
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