Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 84
 

Vor 237 Jahren auf der »Bilz«:
Der Herr Gottfried Rieger, - Stadtcorporalssohn und Kindlesmacher von Aalen.

Auf der Suche nach geschichtlichen Informationen zur »Bilz« stieß ich im Geburtenregister der Evangelischen Kirchengemeinde Oberkochen auf eine Eintragung, die für die Betroffenen mit Sicherheit eine Familientragödie darstellte, - eine damals fast alltägliche Geschichte, wie sie sich heute kaum noch zutragen kann, - nicht so, - viel moderner eben.

In Lauterburg lebte ums Jahr 1750 ein Mädchen namens Anna Maria Kuhn. Als es alt genug war, verdingten es die Eltern nach Aalen zum Geldverdienen, und zwar als Dienstmädchen bei einem Stadtcorporal namens Rieger - - - sogenanntes unschuldiges Mädchen vom Lande bei sogenannter besserer Familie in der alten Reichsstadt. Das ging eine Weile gut und dann kam, was kommen mußte: Der Herr Corporal hatte einen Sohn und dieser ein Auge auf das unschuldige Mädchen von Lauterburg. Es blieb nicht bei dem einen Auge. Bald waren daraus zwei geworden, - und irgendwann ließ sich nicht mehr verheimlichen, daß der Herr Corporalssohn das Mädchen geschwängert hatte, weil das Werfen des zweiten Auges damals noch nicht so lässig ohne Folgen blieb wie heute im Zeitalter der Pille. Auch war das Mädchen natürlich noch nicht aufgeklärt gewesen.

Im Falle des Herrn Stadtcorporalssohnes und Kindlesmachers Gottfried Rieger von Aalen war die Angelegenheit schnell erledigt. Von ihm ist überliefert, daß er eine aufs Dach bekommen hat. »Von seiner Obrigkeit 'abgestraft'« sei er worden. Auf welche Weise, schreibt der damalige evangelische Pfarrer von Oberkochen unser Berichterstatter in dieser Sache, nicht.

Bei der Jungfer Anna Maria Kuonin (Kuhn) jedoch schlug das Schicksal grausig zu: Der Herr Stadtcorporal feuerte das inzwischen sichtbar schwangere Dienstmädchen fristlos. Bei Nacht und Nebel kehrte es heulend zu seinen Eltern nach Lauterburg zurück, wo alsdann die Katastrophe erst richtig ihren Lauf nahm: Die Eltern schwankten zwischen Inohnmachtfällen und Wutanfällen und schrieen das arme Mädchen an, welche Schande es über ihr frommes Haus bringe, und Gott werde Strafe auf sie herablassen.

Allerdings warteten sie nicht, bis Gott die Strafe senden würde, sondern hielten Rat, was in dieser unglaublichen Situation sofort zu tun sei. Fest stehe, so der alte Kuhn, daß das schwangere Mädchen aus dem Haus müsse, und zwar schleunigst. Die Frage war nur: wohin?

Da fiel der alten Kuonin plötzlich ein, daß im finsteren Walde zwischen Lauterburg und Oberkochen der Schwager Simon Ocker, von Söhnstetten gebürtig, in einem der alten Häuser auf der Bilz wohne, die noch im Jahrhundert zuvor von den eingewanderten Tirolern gebaut worden waren. Da müsse die Anna Maria hin, - noch in dieser Nacht. Niemand würde so gewahr werden, welche Schande über das Haus gekommen war.

Es war eine stürmische Herbstnacht des Jahres 1751, als die Kuhns sich auf den Weg machten. Der alte Kuhn wußte genau, wie er gehen mußte. Zuerst ging es über das weite Feld, über welches ein nasser Sturm pfiff, zum Waldrand hin, und dann zwischen der Zwerchhalde und dem Oberwehrenfeld leicht bergauf zu den Erzgruben. Später kam man in der Nähe des Hirtenhauses bei den Weiherwiesen vorbei, das, wie der Tauchenweiler, rechts liegen blieb. Dann gings das Haukental (das man so nannte, weil es von Oberkochen zu den Hauken führte - das ist der Spitzname der Essinger -, heute heißt es Hagental,) hinab und über den Berg zum hintern Tiefental, über welchem die »Bilz« liegt.

Die Bilz, zu Oberkochen gehörend, war damals noch Weideland und es gab mehrere alte Häuser und Hütten aus der Zeit der Tiroler Einwanderung. Dort wohnte allerlei Volkes, - sicher auch lichtscheue Elemente darunter.

Es begann schon zu tagen, als die Eltern Kuhn mit ihrer unglücklichen Tochter Anna Maria bei der Hütte des Schwagers ankamen. Todmüde war das arme Mädchen - es hatte seit zwei Tagen kein Auge zugetan.

Schwager Simon fiel aus allen Wolken. Heute würde er sagen: hättet ihr nicht wenigstens anrufen können, vorher? Gottseidank gibt es jedoch bis heute kein Telefon auf der Bilz, und leider auch das Haus nicht mehr.

Als er aber erkannte, daß die Kuhns ihr geschwängertes Kind für geraume Zeit bei ihm unterzubringen wünschten, eine bildhübsche Maid im übrigen, und, daß man allerlei Abwechslung und so weiter in der tristen Hütte haben werde, sagte er: »So so, a Kendle hat'r Dir neabanaus gmaacht, dr Herr Stadtcorporalssohn; wennse no älle dr Deifl hoala däd, die foine Herra. Kascht schon bei mr bleiba uff dr Bilz, du arme Sau.«

Die alten Kuhns zogen wieder lauterburgwärts, und hinterlegten die Anna Maria bei ihrem Vetter Simon.

Es war ein bitterkalter Winter draußen auf der Bilz, und die Neujahrsnacht war die schlimmste, die Anna Maria je erlebt hatte.

Der Sturm trieb den Schnee zwischen den Ziegeln unters Dach und Schnee fiel auf die Rupfendecke, mit der sie sich zudeckte. Sie weinte und zitterte am ganzen Leib, wenn sie daran dachte, daß es bald Zeit würde für die Geburt. Und ganz im Geheimen dachte sie an den feschen Herrn Stadtcorporalssohn, der sie ins Unglück gebracht hatte. Er hatte ihr doch so gefallen, und sie hatte sich schon als Frau Stadtcorporalssohnsgemahlin gesehen, - und alle würden sie beneiden, wie gut sie es getroffen hat . . . . und sie fühlte, wie alles so ungerecht gelaufen sei. Der lag nun in seinem warmen Bett und hatte sie längst vergessen, und auch, daß er wegen des Deliktes abgestraft worden war, - für ihn war die Sache längst erledigt.

Dann kam der 15. Jener (Januar) herbei. Es schneite wieder was das Zeug hielt, und Anna Maria gebar eine gesunde Tochter, und nannte sie Maria Barbara. Vetter Simon eilte zu den Eltern nach Lauterburg, welche nicht viel Aufhebens von der Botschaft machten. Sie waren damit einverstanden, daß Taufpaten der Simon, und das Weib des Vetters eines Zimmermanns von Ansbach würden, das ebenfalls Maria Barbara hieß - sie wohnte auch auf der Bilz und hatte sich in der Vergangenheit immer wieder liebevoll um das verstoßene Mädchen gekümmert. Außerdem wurde noch Gevatterin eine Christina Barbara, die ledige Tochter des Oberkochener Bürgers Melchior Schneider, der alldort eine Branntweinbrennerei betrieb.

Was aus der jungen Mutter und ihrem Kind auf der Bilz geworden ist, hat der Herr Pfarrer nicht vermerken können, denn er wußte es damals ja selbst noch nicht.

Fast alles andere aber hat er fein säuberlich ins Geburtenregister der Evangelischen Kirchengemeinde eingetragen, und zwar gleich einen Tag nach der Geburt, - am 16. Jener 1752. Endlich war mal wieder was los.

Der buchführende evangelische Pfarrer war Johann Friedrich Enßlin, 29. evangelischer Pfarrer von Oberkochen, tätig von 1744 bis 1761.

Landesherr war Herzog Karl Eugen, der in dem Buch »Württembergische Geschichte im südwestdeutschen Raum« von Karl und Arnold Weller, wie folgt beschrieben wird:

»Karl Eugen, frühreif, von lebhaftem Temperament und starkem Selbstgefühl begabt, von rascher Auffassung und klarem Urteil, aber weder maßvoll noch ausdauernd, war den Ideen der Aufklärungszeit nicht unzugänglich und von einer ungewöhnlichen Vorurteilslosigkeit; er hatte einen regen Kunstsinn und den lebhaften Trieb, Neues anzuregen und zu schaffen, auch Sinn für Organisation und Verwaltung, war aber doch in erster Linie auf den Effekt seines Handelns bedacht. Dazu kamen erhebliche Mängel des Charakters: er erwies sich nach seinem sittlichen Empfinden durchaus als ein Sohn der Rokokozeit, eitel, genußsüchtig und verschwenderisch, kurz eine widerspruchsvolle Persönlichkeit. Allzufrüh auf den Thron gelangt, gab er sich bald zügelloser Ausschweifung hin.« - In eben jenem Jahr der Geburt der Maria Barbara Kuonin auf der Bilz, 1752, unterzeichnete er einen Tächtelemächtelesvertrag mit Frankreich, durch den er jährlich erhebliche Hilfsgelder erhielt gegen die Verpflichtung, im Kriegsfalle 6.000 Mann zu stellen. - Es war die Zeit noch größerer sozialer Gegensätze als wir sie uns heute vorstellen können.

Im folgenden veröffentlichen wir den Originalwortlaut der Eintragungen des evangelischen Pfarrers Enßlin mit Datum vom 16. Januar 1752:

Jener, d (dies" Tag) 15. nat. (geboren)
dies 16. rle (gemeldet)

Maria Barbara, auf der Pilß (Bilz) gebohren.
Anna Maria Kuonin, von Lauterburg, welche im Dienst zu Alen unehelich schwanger worden, hernach zu ihrem Vetter sich in sein Haus auf die Pilß begeben und daselbst gebohren, gibt zum Vatter an Gottfried Rieger, StattCorporalssohn in Alen, welcher auch deswegen von seiner Obrigkeit abgestraft worden.

Taufpaten:
Simon Ocker, sonst von Söhnstetten gebürtig, dermalen Beständer (einen Bestand innehabend) auf der Pilz.
Maria Barbara, Joh. Cronh., Cuzen (Cousin) eines Zimmermanns von Anspach ux (Gattin), die sich beide diesen Winter hier aufgehalten.

Christina Barbara, Melchior Schneiders, Bürger und Branntweinbrenner, allhier ledige Tochter.

Wahrhaft ein ungewöhnlich ausführlicher Eintrag ins Geburtenregister (siehe Abbildung des Original-Eintrags).

Mit freundlicher Genehmigung der Aalener Volkszeitung veröffentlichen wir Bild und Text anläßlich des Besuchs von Frau Dr. Susanne Arnold vom Landesdenkmalamt beim Bilzhaus.

Die Grabungen wurden am 15.9. (Staatliches Forstamt) und am 16.9.89 (Heimatverein Oberkochen und Gymnasium Oberkochen) fortgesetzt. Wir berichten demnächst an dieser Stelle.

Dietrich Bantel

 
 
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