Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 78
 

Kindheitserinnerungen

Wir veröffentlichen heute einen Bericht, den uns BuG-Leserin Luitgard Hügle aus Italien zusandte, - »Kindheit«. Gemeint sind die Jahre etwa von 1945 bis 1950, - also genau die Zeit, in der Oberkochen an der Grenze vom alten einheitlichen Dorf und einer atemberaubenden Entwicklung in die Zukunft stand.

Das zeitlich zu diesem Bericht passende Foto stammt von Herrn Robert Wolff und ist auf der Rückseite »Oberkochen im Jahre 1947« beschriftet. Die Ansicht zeigt den letzten Moment des unveränderten Dorfs, das zu dieser Zeit noch ca. 2000 Einwohner hatte. Auf den Wiesen, Gärten und Feldern im Vordergrund erstrecken sich heute der Gerhart-Hauptmann-Weg, die Walther-Bauersfeld-Straße, die Schillerstraße u.a., - der Flurname für diesen großen, damals noch unüberbauten Bereich heißt »Bühl«. Das Bauland nannte man »Bühl/Gutenhach«. Der Gutenbach ist erkennbar. Das Foto ist gestochen scharf und man kann auf dem Original mit dem Vergrößerungsglas jedes einzelne Gebäude gut erkennen, - sodaß die Jahresangabe 1947, die offenbar nicht gesichert ist, überprüft werden könnte. Das »Bergheim«, rechts in der Mitte gegen den Bildrand, scheint eingerüstet zu sein. Zwischen Martha-Leitzhaus und Dreißentalstraße, dem Bereich, der heute von Carl Zeiss völlig überbaut ist, erstecken sich noch die Gartenanlagen der Firma Fritz Leitz.

Dietrich Bantel

Kindheit
Wenn man mich fragte: »wem gehörst denn du« antwortete ich stolz »am Gruppa Paul und dr Becka Lena« was mit einem Schmunzeln quittiert wurde und mich bald glauben ließ, jedermann in Oberkochen kenne mich. Natürlich kannte man mich, das heißt, man wußte, wem ich gehörte und wo man »hinein« gehörte war wichtiger als der Name.

In diesen Kindheitsjahren war ich viel unterwegs im Dorf, teils mit Botengängen beauftragt, teils einfach auf der Suche nach einer Vergnügung. Besonders gern ging ich zum Holza Schuster. Der Straße zu war ein kleines Fenster, in dem neue »gelbe« Stiefel standen, die der Schuster selbst hergestellt hatte. Wenn man in den Raum trat war es zuerst sehr dunkel aber hinten raus, wo der Schuster saß, ging ein Fenster raus ins Gärtle. Der Schuster saß auf seinem Schemel, angetan mit einem großen speckigen Lederschurz und vor sich den niedrigen Tisch mit vielen interessanten Sachen, da hatte es einen Leimtopf, Ahle in allen Größen, Holznägel und Stahlnägel, Eisele und Absatzflecke. Aber noch interessanter war, wenn der Holz erzählte oder gar vormachte, wie er als Pfarrer von der Kanzel zu den Leuten gesprochen hätte, denn Pfarrer wäre er viel lieber als Schuster geworden - und man konnte sich ihn auch ganz gut vorstellen, auf der Kanzel!

Anders die Rößles Wirtin. Die hat schimpfen können! Am Rößle kam ich oft vorbei. Einmal bin ich rüber zum »Dreiher« gesprungen - doch zu schnell war ein Auto da und ich landete auf der Motorhaube des VW. Da hättet Ihr die Rößleswirtin hören sollen! Weiter runter das Gäßle dem Kocher zu kam man zum Huga Schreiner. Die Frauen dort haben uns Kindern wunderbare Pullover gestrickt. Im Gang und die Treppe rauf roch es dumpf und merkwürdig - vielleicht nach Wolle und Mottenpulver. Oben in der Stube saßen die Schreinere und ihre Töchter an den Fenstern, die zum Kocher runtergingen und strickten die schönsten Sachen - und nebenher haben sie erzählt was so alles passiert.

In der gegenüberliegenden Sammelstelle hat man erst später Milch holen können. Damals noch bekamen wir jede Woche eine Flasche Milch im Ochsen. Oft stand ich lange in der Küche neben der Tür mit meiner leeren Riesen-Maggi-Flasche in der Hand und wartete bis man Zeit hatte, diese mit Milch zu füllen. Dabei beobachtete ich den Küchenbetrieb: den Ochsenwirt, wie er vom Feld kam und den Stiefelzieher hinter dem Küchenbufett hervorholte, die alte Ochsenwirte wie sie Ihre Füße (Beine) verband und die Anna, die auf dem großen Herd kochte und abschmeckte.

Lieber als in den Ochsen ging ich zu Frau Hägele, von der wir auch ab und zu Milch bekamen. Es war ein weiter Weg zum letzten Haus des Dorfes, aber Frau Hägele nahm mich mit über den schlammigen Hof zu den Hühnern, Enten und Gänsen und schenkte mir wohl auch mal ein Ei. Ein Ei habe ich auch einmal von der Elsbeth in der Unteren Mühle bekommen. Viel wichtiger bei ihr war allerdings das Mitfahren-Dürfen im Mühlen-Aufzug. Überhaupt war die ganze Mühle mit ihrem Gerattere beeindruckend und die Fahrstuhl-Fahrt war das Höchste eines Besuches bei der Elsbeth.

Wenn der Schnee schmolz suchte man die vielen Wasserrinnen und Bächlein, zum Beispiel auch im Schübel. Dort im großen Obstgarten der Ahne hatte Alfons ein tolles Bewässerungssystem angelegt. Nahm man ein Rasenstückle aus einem der Gräben und setzte es in einen anderen, so floß das Wasser in eine andere Richtung. Am Ende der Wassergräben, kurz vor dem Gutenbach, dort wo sich heute der städtische Kindergarten befindet, hatte der Alfons, als die Mulde aufgefüllt worden war, einen Garten angelegt. Große Stauden mit sattgrünen Blättern standen darin. Im Spätsommer wurden sie an Seilen zum Trocknen aufgehängt. Ob es wohl der einzige Tabakanbau in Oberkochen war?

Langweilig wurde es einem nie: man konnte zum Kirchenschmied gehen, um zuzusehen wie ein Pferd beschlagen wurde oder in die Kirchgasse, um zuzusehen wie beim unteren Hug gemostet wurde oder man schaute den Buben zu wenn sie »spechtelten« - wenn sie allerdings den Boden weich machten, mußte man als Mädchen natürlich weggucken!

Luitgard Hügle, Italien

 
 
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