Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 74
 

Der Untergang - ein altes württembergisches Rechtsinstrument - Teil 2
Über die Sicherung der Markungs- und Eigentumsgrenzen

Ursprung
Das Problem der Grenzscheidung und Grenzsicherung ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Es liegt auf der Stufe der Jäger und Sammler in der Kollision der schweifenden Horden und erlangt seit der Zeit der Seßhaftwerdung eine ständig steigende Bedeutung. Die Grenzen der alemannischen Landnahmezeit stellt man sich nicht als feste Linien, sondern als Grenzlandstreifen vor, die oft siedlungs- und nutzungsfeindlich waren. Der unbegehbare Sumpf und der wenig genutzte Niederwald waren herrenlos. Mit der fortschreitenden Siedlungsverdichtung sind allmählich die linearen Gemarkungsgrenzen entstanden. Es sind Weidebezirksgrenzen, die man im kommunalpolitischen Bereich oft auch jetzt noch mit verbissener Zähigkeit hütet, wie die mühsame Gemeindegebietsreform der letzten Jahre gezeigt hat. Die allmähliche Ausbildung des Grundeigentums führte zur Eigentumsgrenze. Sie erhielt frühzeitig ihre eigene Bedeutung, obwohl die Rechte aus dem Eigentum das ganze Mittelalter hindurch weit schwächer waren als Nutzungsbefugnisse und andere Berechtigungen.

Der strafrechtliche Schutz der Grenzen ist uralt und war früher außergewöhnlich streng. Der Grenzfrevler (Grenzverrücker) ist den Mördern, Brandstiftern und Dieben gleichgeachtet worden. Neben diesem Schutz durch Androhung hoher Leibesstrafen entstand im Hochmittelalter allmählich ein vorbeugender Grenzschutz, dessen Mittel zunächst der Grenzbegang war. Die Grenzfindung oder Grenzscheidung fußte auf der dörflichen Einung (Einigung, Vereinbarung) und dem altrechtlichen Schiedsverfahren (Schiedsgerichtsverfahren). Grenzbegang und Grenzscheidung oblag der Gesamtheit der Dorf- oder Markgenossen: sie waren zum Untergang berufen. Im genossenschaftlichen Untergang manifestiert sich die Zwing- und Banngewalt der Gemeinde, die in jahrhundertelanger Entwicklung zur gemeindlichen Selbstverwaltung geführt hat. Daß die Vielzahl von Beteiligten die Prozedur schwerfällig machte, ist kaum zu bezweifeln. Allmählich wurde die Mitwirkung der ganzen Gemeinde seltener, man bestellte bei Bedarf einige kundige Leute, die für die Gesamtheit handelten. Aus diesem ad hoc gewählten gemeindlichen Ausschuß ging seit dem 14. Jahrhundert der Untergang als ständiges kollegiales Gemeindeorgan hervor.

Rechtsquellen
Aus dem Dämmern der frühmittelalterlichen Geschichte taucht der Untergang als etwas Bestehendes auf. Seine erste schriftliche Erwähnung findet sich in einer Urkunde des Klosters St. Gallen aus dem Jahre 806. Wo er deutlicher faßbar wird, beruht er auf Herkommen und Rechtsbrauchtum. Spätere Rechtsquellen sind lokale Statutarrechte (Satzungen). Aber auch die frühesten Stadtrechte, Weistümer (Rechtsbücher) und Dorfordnungen setzen das Vorhandensein des Untergangs voraus und regeln nur seine Zusammensetzung, Bestellung und Verfahrensweise. Das nach der Erhebung der Grafschaft Wirtemberg zum Herzogtum im Jahre 1495 allmählich entstehende Landesrecht geht davon aus, daß der Untergang in allen Gemeinden vorhanden ist und statuiert deshalb keine besondere Rechtspflicht der Gemeinden, die Einrichtung zu schaffen und zu unterhalten. Das erste Landrecht von 1555 regelt die schriftliche Fixierung der »undergänglichen Sprüche, für die »ein jeder Stattschreiber ein eigen Buch halten soll« und den Appelationsgang (Rechtsmittelweg). Die Landesordnungen, deren älteste 1495 erschienen ist, erwähnen die Untergänger im Zusammenhang mit Meldepflichten und Strafdrohungen: »Wer wist, daß jemand außerthalb der geschwornen undergenger marckstein gesetzt, verrückt, verdöckt oder ausgeworffen hat, . . . der soll das rügen und anbringen, . . . dann dadurch mag einer sein leib, eere und gut verwürcken.« Die Communordnung (Gemeindeordnung) von 1758 widmet den Untergängen und Feldbesichtigungen« einen eigenen Abschnitt mit der Weisung, »die bestellten Untergänger sollen allenthalben mit einer ausführlichen schriftlichen Anleitung oder Staat (Vorschrift) versehen werden, wie sie sich bey solch ihrem Amt zu verhalten haben«. Schon vorher waren in vielen Gemeinden besondere Untergängerordnungen entstanden.

Ursprünglich ausschließlich auf Gewohnheitsrecht beruhend, ist die Regelung des Untergangs hauptsächlich der gemeindlichen Satzung, dem Ortsrecht, vorbehalten. Soweit sich das Landesrecht mit der Materie befaßt, geschieht es gewissermaßen beiläufig im Gerichts- und Gemeindeverfassungsrecht.

Rechtsstellung
Die Organisation des Untergangs zeigt etwa seit der Mitte des 14. Jahrhunderts ein im wesentlichen einheitliches Bild. Es ist ein Kollegium von drei, fünf oder sieben Bürgern, das von der Gemeinde, in den Städten von Gericht und Rat, gewählt wird. Meist sind es sieben Mitglieder, daraus erklärt sich die Bezeichnung »Siebener«, die in einigen Landstrichen auftaucht und für das gesamte Gremium wie für das einzelne Mitglied verwendet wird. Die Amtsdauer beträgt im allgemeinen ein Jahr, jedoch ist Wiederwahl durchaus die Regel: wer als Untergänger gewählt ist, bleibt es meist lebenslänglich. Vielfach zeigt sich Selbstergänzung des Kollegiums unter Ausschluß des Wahlrechts der Gemeinde.

Die Weistümer und Dorfordnungen werden nicht müde, die Eigenschaften hervorzukehren, die den Untergänger auszeichnen sollen: Unparteilichkeit, Sachkunde, Ortskenntnis, Besonnenheit, Mäßigung, Mut, »Undergenger sollen dapfer unverleumbt (gut beleumundete) menner sein«, sie sollen hohes Ansehen und uneingeschränkte Autorität genießen. Die große Erbitterung, mit der meist nachbarliche Grenzstreitigkeiten geführt werden, erfordern eine korrekte Auswahl. In ihrem Eid geloben die Untergänger, nach Fug, Recht und Gerechtigkeit mit bestem Verständnis und Wissen zu verfahren, verschwiegen zu bleiben und niemanden weder zu Lieb (zu Gunsten) noch zu Leid (zu Ungunsten) zu handeln »auch darin nit ansehen Freundschaft, Feindschaft, Forcht (im Sinne von Schwachheit vor Vorgesetzten), Miet (Bestechungsgeld) oder Gab (Geschenk)«.

Die Stellung des Untergängers ragt aus den übrigen gemeindlichen Ämtern heraus. In den Städten ist er meist Gerichts- oder Ratsmitglied, in der dörflichen Ämterhierarchie steht er unmittelbar hinter dem Schultheiß. Der Weg zu den höchsten städtischen und dörflichen Ämtern führt oft über das Amt des Untergängers. Seinem Ehrenamt entspricht die grundsätzliche Unentgeltlichkeit der Tätigkeit, er erhält nur das übliche, nicht als Entlohnung, sondern als Auszeichnung anzusehende Essen und den Trunk. Für die Grenzscheidung ist er Richter, für die Grenzsicherung Beamter.

Hermann Neuffer, Stuttgart

 
 
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