Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 72
 

Die mittelalterliche katholische Kirche St. Peter und Paul

Eine sehr freundliche Zuschrift erhielt der Heimatverein von Herrn Mager, dem Sohn des Lehrers Alfons Mager, dessen heimatkundliche Forschungen Grundlage für manche Erkenntnis in unserem Heimatbuch waren. Herr Mager schreibt uns, daß er das kleine Bildchen von der alten Kirche in Oberkochen durch Zufall im Nachlaß seines Vaters fand und es dem HVO überlasse. Herzlichen Dank für dieses reizende, nur 6 auf 9 cm große Foto, das uns Anlaß zu genauerer Betrachtung gibt.

Es handelt sich um eine fotografische Reproduktion einer wahrscheinlich aquarellierten Federzeichnung unbekannter Größe, die im rechten unteren Eck mit C. Beisbarth signiert ist. Die Leser unserer heimatkundlichen Berichterstattung werden sich erinnern, daß dieser Name im Zusammenhang mit dem Bau der neuen Katholischen Kirche St. Peter und Paul erwähnt wurde. (Bericht 35 vom 23.9.88). Die Herren Beisbarth und Früh sind die Stuttgarter Architekten des neuromanischen Kirchenneubaus kurz vor der Jahrhundertwende Auch die Ansicht in Bericht 35 stammt aus der Hand von C. Beisbarth.

Die heute veröffentlichte Darstellung stellt nun die sehr alte Vorgängerkirche dar. In einer mehrfach veröffentlichten Fotografie, die diese Kirche kurz vor ihrem Abbruch von der Kirchgass (Aalener Straße) her gesehen zeigt, ist das hohe Alter dieses Baus nicht ablesbar, da die Fenster in dem sichtbaren Teil barockisiert sind. Bei unserer heutigen Darstellung dagegen, die die Kirche etwa von dem Platz zwischen der Scheerermühle (Untere Mühle) und dem Scheerer'schen Wirtschaftsgebäude am Fuße des Mühlbergs gesehen zeigt, können wir hervorragend erkennen, daß es sich bei dem Kirchenbau um einen mittelalterlichen Bau gehandelt hat. In der apsidenlosen Stirnwand im Osten sind zwei gotische Fenster erkennbar. Das Dach des Hauptschiffes ist über seitenschiffähnliche Anbauten abgeschleppt, und weist die Form eines Krüppelwalmdaches auf, das bei mittelalterlichen Sakralbauten eine höchst außergewöhnliche Dachform darstellt. Es entsteht ein harmonischer Einklang mit dem ebenfalls mittelalterlichen Bau des Pfarrhauses - (Katholisches Schwesternhaus) links im Bild, das dieselbe Dachform aufweist. Interessanterweise erkennen wir diese Giebelform auch im Scheuerndach des Gebäudes, das wir durch den Mühlberg jenseits der Kirchgass sehen.

Sehr gut erkennbar ist in dieser Ansicht, daß die alte katholische Kirche im Gegensatz zur heutigen, die senkrecht zur Hauptstraße steht, um 45 Grad verdreht zum heutigen Grundriß steht. Der Grund dafür ist, daß man im Mittelalter Wert darauf gelegt hat, daß die Kirche von West nach Ost gerichtet ist, sodaß man gedanklich die Kirche vom dunkeln Westen her in Richtung auf die aufgehende Sonne im Osten zu, wo sich der Altar befand, durchschritten mußte. Diese symbolischen Gedanken nennt man in der Sakralarchitektur die »Ostung« des Kirchenbaus. Der noch ältere der Kirche, der Turm, von Beisbarth und Früh als romanisch bezeichnet, ist diesem geosteten Grundriß angepaßt, beziehungsweise umgekehrt. Er erinnert in seiner im Grundriß der neuen Kirche um 45 Grad verdrehten Gerichtetheit noch heute an die geosteten Vorgängerkirchen. Der Turmhelm stammt aus der Zeit, in welcher die Kirche »barockisiert« wurde.

Interessant ist auch, daß das Gelände Richtung Kocher, schon für die mittelalterliche Kirche aufgefüllt worden sein mußte, denn die Mauer links des Mühlbuckels weist auch damals schon eine beachtliche Höhe auf. Der Friedhofsbereich, heute zumeist unter dem neuen Kirchenschiff, wirkt relativ eben. Die leicht verschneite Landschaft und die schrägen Kreuze lassen entfernt an das Caspar David Friedrich'sche Bild »Abtei im Eichwald« denken.

Man geht sicher richtig, den Zeitpunkt des Entstehens dieses idyllischen Bildchens in die Zeit kurz vor dem Abbruch dieses Uraltzeugen Oberkochener Geschichte zu verlegen, also in die späten Jahre des letzten Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts.

Dietrich Bantel

Der Zufall fügte es, daß dem Heimatverein dieser Tage ein Brief aus Jena ins Haus kam, dem ein Foto der dortigen Schillerkirche beilag. Wir möchten sowohl Brief als auch Foto veröffentlichen, zumal eine verblüffende Verwandtschaft der kurz vor 1900 abgebrochenen alten Oberkochener St. Peter und Pauls Kirche und der Schillerkirche in Jena festzustellen ist.

Ev.-Luth. Kirchgemeinde Jena
Schillerkirche
Charlottenstr. 16
Jena DDR - 6900
Siegfried Nenke, Pfarrer

Jena, 20.6.1989
Liebe Freunde vom Heimatverein Oberkochen!
Leider sind offensichtlich Postschwierigkeiten aufgetreten. Deshalb schicke ich Ihnen den Durchschlag eines Briefes an Frau Stephan. Daraus können Sie etwas über den derzeitigen Bauzustand der Schillerkirche erfahren. Für die Spende des Heimatvereins bedanken wir uns ganz herzlich! Sie wird uns helfen, nötige Anschaffungen zu machen (Werkzeuge und Baumaterial). Gerade heute war wieder eine Beratung mit der Denkmalpflege. Wir sagen schon scherzhaft, daß wir die geplante Einweihung vom 200. Todestag Schillers im Februar 1990 auf den 300. Todestag verschieben werden. Ich rechne damit, daß es schon noch zwei bis drei Jahre dauern wird, bis wir mit allen Arbeiten fertig sind. Arbeitskräfte, Baumaterial und Geld sind knapp. Wir freuen uns über jede Hilfe. Grüßen Sie bitte die Mitglieder und Freunde des Heimatvereins! Sie sind uns willkommen, wenn Sie in Jena sind!

Herzliche Grüße
Ihr Siegfried Nenke, Pfarrer

Dietrich Bantel

 
 
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