Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 710
 

Das Schnee-Dorf Oberkochen in alter Zeit – Teil 2

 

Intro.

Vor über einem Jahr wurde Teil 1 unter tatkräftiger Mithilfe von Eberhard Kolb, Bruno Brandstetter und Christoph Stumpf veröffentlicht. Bei den Recherchen und nach den Reaktionen war klar – es wird einen Teil 2 geben, der noch andere Aspekte beleuchten muss.

Der Skisport in Oberkochen als Winter noch Winter waren und es reichlich Platz dafür gab (Archiv Brandstetter)

 

Wie alles begann.

Heiligabend, der 24. Dez 1923. Der Stuttgarter Oberinspektor Mahler, ein gebürtiger Oberkochener mit bereits über 60 Jahren, verbrachte in seiner alten Heimat seinen Weihnachtsurlaub. Er war schon ein begeisterter „Schneeschuhfahrer“, wie man die Skiläufer damals nannte, und lud zu einem kostenlosen und ersten Skikurs in Oberkochen ein. Am 1. Weihnachtsfeiertag trafen sich 20 - 25 „Schneestampfer“, um sich in die Geheimnisse des „Weißen Sports“ einweihen zu lassen und bereits am Ende des Kurses wird die „Schneeschuhabteilung“ innerhalb des Schwäbischen Albvereins mit dem ersten Vorstand Buchhalter Hans Maier (Gebr. Leitz) gegründet. Am 30. Dezember wurde der erste Wettkampf durchgeführt und die Sieger mit höchsten Preisen geehrt:

Platz 1: Max Trittler – Preis 1,84 DM (gestiftet vom Förderer Fritz Leitz)
Platz 2: Anton Grupp – Preis 1,00 DM (gestiftet von Albert Bäuerle)
Platz 3: Julius Schaupp – Preis 1 Paar Würste
Platz 4: Rudolf Speth – 1 Wurst
Platz 5: Reinhold Baßler – 1 Wurst (die müsste aber kleiner gewesen sein ☺)
Platz 6: Christian Braun – 1 Paar Saitenwürste

 

Die Oberkochner Schi-Gemeinde.

Die Anfänge des Ski-Sports in Oberkochen gehen fast 100 Jahre zurück. Dazu schreibt 1955 Willibald Grupp (d’r Bälde wie früher die Kurzform für Willibald war) wie folgt:

…..An den hiesigen Berghalden tauchten die ersten Schifahrer kurz nach 1920 auf. Das benachbarte Unterkochen war uns Oberkochnern eine Nasenlänge voraus, denn von dort wurden die ersten „Latten“ beschafft. Oberpostinspektor Mahler ist damals ein eifriger Förderer der guten neuen Sache, er ist der erste Schilehrer vor Ort, Die jungen Männer und Buben lernen erst das Gehen auf den Schiern, Bremsen und Bogenfahren. Das passende Gelände ist das komplette Dreißental. Weihnachten 1923 wird von Hans Maier (damals Buchhalter bei Gebr. Leitz) eine Schiabteilung des Schwäbischen Albvereins gegründet. Das Üben verlagert sich auf den Volkmarsberg. Von Aalen bis Heidenheim kamen die Schi-Begeisterten auf unseren Hausberg. Die erste Langlauf-Medaille bringt Josef Fischer (Schreiberle) 1925 nach Hause. Erfolge sorgen für Auftrieb. Es wurde mit Pflug und Kuhgespann gearbeitet um Hänge befahrbar zu machen und Pisten zu schaffen. Der Kessel wurde befahrbar gemacht. Eine Jugendschanze wurde gebaut. 10 Jahre lang gewannen die Oberkochner Ostgaumeisterschaften in der Kombination und wir waren eine Nummer im Schisport. 1929 wurde die Hans-Maier-Schanze gebaut. Hans Maier zog weg und Fritz Leitz übernahm die Abteilung und sorgte für weiteren Aufschwung. Und dann geschah das Wunder – der 21jährige Karl Lense gewann völlig überraschend 1933 in Freudenstadt die deutsche Dauerlaufmeisterschaft über 50 km. Das ganze Dorf holte ihren Karl am Bahnhof ab und er hatte eine große Zukunft vor sich – so dachte man. Aber das Dritte Reich und der II. Weltkrieg machten ihm einen Strich durch die Rechnung und er beendete sein Leben 1943 bei Monte Cassino im Kampf als Maschinengewehrschütze. Ab 1953 wurde jährlich der Karl-Lense-Gedächtnislauf durchgeführt. Die Läufer kamen von überall her um hier im sportlichen Wettkampf ihr Bestes zu geben…..Der Schisport wurde als Ausgleich zum harten Leben gesehen. Die ganze Woche über waren die Schlagworte: Lärm, Akkordarbeit, Straßenverkehr, Büromaschinen…….Tack-Tack-Tack…..immer schneller……keine Zeit.“

 

1932 – ein wichtiges Schi-Jahr.

Am 6. Und 7. Februar fand hier der Mannschafts-Staffellauf statt. Dieser galt im Schneelauf-Bund als besonderer Prüfstein für das schwäbische Skivolk. Oberkochen wird in einem Bericht darüber wie folgt beschrieben: „Keine überlange Wettkampfgeschichte bedeutender Wintersportereignisse haftet dem schmucken Ort am Oberlauf des Kochers an, aber eine rührige und kerngesunde, vollkommen auf Sport eingestellte Schizunft sitzt in Oberkochen, dem Ort an der Härtsfeldbahn. Und wo solche Männer der Tat sitzen Führer und Läufer, dahin legt auch gerne der schwäbische Schneelaufbund einen seiner wichtigsten Läufe, auch wenn es bedeutendere Mitwettbewerber gab.“ Außerdem wurde in diesem Bericht die herrliche Landschaft rund um den Volkmarsberg bewundernd hervorgehoben.

 

Nach dem Krieg frisch aufgestellt

mit Abteilungsleiter Hans Düver, Edmund Schoch stlvtr. Abteilungsleiter, Kuno Gold Technischer Leiter, Albin Schaupp Kassier, Hans Holz Sportwart Langlauf, Albert Theilacker Sportwart Sprunglaug, Vincenz Dürr Jugendleiter Männer und Josef Fischer Jugendleiter Frauen.

 

D’r Lift bei d’r Schihütte.

Der längst verstorbene rührige, und in Oberkochen unvergessene, Zahnarzt Karl-Maria Riede schlug vor, auf dem Berg einen Skilift zu bauen und zwar einen Schlepplift mit einer Stundenkapazität für 600 Skiläufer. Er war zusammen mit Hans Düver die treibende Kraft für dieses Projekt. Das war mit Sicherheit nicht einfach (wie das für Oberkochen nicht selten üblich ist), denn auch dagegen gab es Widerstände. Es gab vermutlich die Fraktionen der ewigen „Nein-Sager“, die der „Bedenkenträger“, die „Jetzt-Spinnet-se-ganz-Gruppe“ und nicht zuletzt das Hindernis „Naturschutzgebiet“. Aber, wie so oft im Leben gilt auch hier: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Die Vorarbeit dauerte 1 ½ Jahre. Der Verein lag mit nur noch 18 Mitgliedern fast schon im Koma, aber dann ging es rapide aufwärts. Nach vielen Arbeitsstunden, Planierarbeiten und Abnahme durch den TÜV, erfolgte die Einweihung am 31.10.1973. Und die Mitgliederanzahl schnellte wieder auf über 150 Mitglieder und erreichte Ende der 70er gar die Zahl von 400. Was ein engagiertes erfolgreiches Projekt doch alles bewirken kann. Er wurde damals als eines der schneesichersten Gebiete in der Region bezeichnet, aber auch das ist längst Geschichte – Klimageschichte. Die Anfangspreise beliefen sich anfangs je nach „Benutzersorte“ zwischen 18 und 40 Pfennige.

Der Skilift im Einsatz (Archiv Müller)

 

Das Luftschloss.

Es wurde sogar einmal ein Sessellift geplant. D’r Steile nauf beim Schützenhaus. Man hätte dann zu Fuß die Straße überqueren müssen und dann auf den Lift beim Holza-Hans zu wechseln. Das war dann doch zu viel des Träumens.

Die alte Abfahrtsstrecke mit „Schlucht“ im „Kessel“ im Dreißental (Archiv Müller)

 

Die Abfahrtsstrecke von der Märchenwiese bis in d‘ Schlucht na.

Das Jahr 1961 war ein ganz wichtiges Jahr im Oberkochener Skizirkus – die Abfahrtsstrecke wurde mit großem Spektakel eröffnet. Die Strecke führte vom Übungshang (der alten Kinderfest-Märchenweise) den Hohlweg, vorbei am Felsle, hinunter, überquerte die Volkmarsbergstraße und führte hinunter in den sog. „Kessel“ beim Schützenhaus. Man konnte auch nach Überquerung der Straße den alten Viehweg rechts hinunterjagen (das war aber nur den Könnern zugeraten). Der jährliche Pachtzins in Höhe von 300 DM für die Realgenossenschaft wurde von der Gemeindeverwaltung übernommen.
Zur sportlichen Eröffnung am 5. Februar 1961 schrieb Willbald „Bälde“ Grupp die Einführungsworte im „Blättle“: „…..sie wetteifern alle, ihre arbeitsfreien Tagesstunden in der reinen, so wacholderkräftigen Volkmarsbergluft, im makellosen Schnee, zu verbringen, mit vollendeter Leibesübung den vielen Sitzstunden im Büro , der verheizten , oft durch staubige Luft entwerteten schlechten Atmung in Werkstatt und Fabrik zu entkommen – die Frauen möchten raus aus ihren vier Wänden! – alle wollen der Woche im Schnee da droben ein freudiges Ende geben, Leib, Herz und Lungen, das ganze Gemüt entschlacken – auftanken für die kommende Arbeitswoche… Ja, so hat man damals geschrieben und dann hat der „Bälde“ noch empfohlen bei unübersichtlichem Streckenverkauf „B a h n   f r e i“ zu rufen.
Nachdem das Rennen doch auf der Kippe stand, sorgte Frau Holle aber über Nacht doch noch dafür, dass am Sonntag über 100 Sportler an den Start gehen konnten. In den radaktionellen Nachberichten wurden nachfolgend aufgeführte Sportler besonders erwähnt: Rudi Günther vom VfR Aalen und die TVOler Manfred Maier, Dirk Helias, Franz Schilling und Hans Meschenmoser. Renate Sußmann, Renate Mayer und Helga Brachmann zeigten ihr Können wie auch Sigrid Pfizenmayer. Natürlich war auch der Gruppa-Paul wieder vorne mit dabei. Auch andere Jugendliche zeigten was sie können wie Klaus Dinckelacker, Eberhard Kolb, Friedhelm Brachmann (als kleinster und jüngster Teilnehmer), Volker Honold, Roland Jakob und Anton Feil.

Auch die Zeiss-Betriebssportgruppe führte einst einen Abfahrtslauf für Damen und Herren bei besten Schneeverhältnissen durch (80 cm !!! Schneehöhe) und feierte danach kräftig im „Cafe Gold“ (heute Muckentaler).

Was ist von der Strecke übrig geblieben? Ein Hinweisschild auf die alte Strecke, welche die Volkmarsbergstraße überquerte, wird langsam aber sicher von einem Baum im wahrsten Sinn des Wortes „verschlungen“.

Das alte Hinweisschild „Abfahrtsstrecke quert die Volkmarbergstraße“. Wie die Strecke ist auch bald das Schild verschwunden. (Archiv Müller)

 

Plaschdiggguckarenna.

 

Einige Male wurde dieses einmalige närrische Rennen auf der Piste neben dem Lift durchgeführt. Mal mit internationaler Beteiligung wie „Bärenfanger, Gelbfüßler und einem Engländer“ oder auch einmal von einem Fernsehteam der Abendschau begleitet. Das gab’s sonst nirgendwo. Irgendwann war halt dann doch Schluss – wegen Schneemangel und vielleicht auch weil’s mit den Jahren gefährlicher wurde. Die Rußguggamusiker heizten die Stimmung des zahlreich erschienen Publikums an. Manch einem versagte der Mut am Start und so konnte ein Rennen erst mit der Nr. 7 starten, weil die Rutscher 1 bis 6 Muffensausen bekamen ☺. Rennleiter Helmut „Murxle“ Gold startete die todesmutigen Bauchrutscher, die am Ende der Strecke in den Heuballen oder in den Beinen der Zuschauer landeten. Wie beim Abfahrtslauf galt auch hier: Masse beschleunigt einfach besser und so konnte kein Spargel-Tarzan gewinnen. Sieger, männlich wie weiblich, bekamen der „Guggarutscher-Orden“ verliehen.

Das Plastik-Guggen-Rennen auf der Skiwiese – sogar das Fernsehen aus Stuttgart war da (Archiv Müller)

 

Wagemutige in blauen Kehricht-Säcken (Archiv Müller)

 

Unsere Schanzen.

Die erste Schanze aus dem Jahr, war’s „Schänzle“ auf dem Volkmarsberg, rechts neben dem späteren Übungshang gelegen. 1925/26 wurde im Dreißental eine größere Schanze gebaut, die aber wegen Schneemangel nicht eingeweiht wurde. Nachdem der Schützenverein 1926 eine Schießanlage erstellt hatte, die quer durch den Schanzenauslauf ging, musste wieder neu geplant werden. Zurück auf den Berg, das „Schänzle“ wurde ausgebaut. 1929 musste aber etwas Größeres her – im Wolfersttal wurde eine Schanze gebaut und 1931 erweitert. Sie erhielt den Namen „Hans-Maier-Schanze“ im „Hirtenroina“.

Wir mir Karl Seitz kürzlich sagte, wurden vor ein paar Jahren die gesamten Planungsunterlagen der Schanze entsorgt. Da muss ich doch jetzt nochmals einen Aufruf erlassen: „Leut‘ – wenn ihr alte Unterlagen nicht mehr braucht, lasst doch erst uns vom Heimatverein drüber schauen. Wenn’s nix taugt – wegschmaissa kennet mir au.“

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich hier ein richtiges Skispringer-Reservat entwickelt hatte, mit Schanzen in Unterkochen, Oberkochen und Königsbronn und auch Heidenheim. Die frühen Springer waren Alfred Wanner, Otto Bihlmaier, Edwin Ruschitzka, Manfred Maier und Peter Fischer.

Nach dem II. Weltkrieg musste die Hans-Maier-Schanze wieder hergerichtet werden. Sie erhielt einen Kampfrichterturm und der Schanzenrekord wurde durch den Springer Richard Knoblauch aus Unterkochen von bisher 39 Meter auf 45 Meter gesteigert. Aber auch dieser Standort hatte keine Zukunft und die Natur überwucherte auch hier im Laufe der Jahre menschliches Tun. Die mächtigen Leitungen der Landeswasserversorgung ließen keine Wiederauferstehung der Schanze zu und so wurde wieder einmal das „Schänzle“ auf dem Berg bis 1977 zur Berg-Jugend-Schanze ausgebaut. Heute findet man nur noch Reste vor. Die Natur hat sich auch hier ihren Teil wieder zurückgeholt.

Die alte Jugendschanze neben dem heutigen Übungshang (Archiv Müller)

 

Die Staffel bei den schwäbischen Meisterschaften 1952 in Meßstetten (Archiv Müller)

 

D’r Langlauf.

1925 brachte unser „Schreiberle (sen.)“, Josef Fischer, den Titel des 1. Gaumeisters nach Oberkochen. Bald darauf wurde Anton Grupp Gaumeister in der Nordischen Kombination, der junge Clemens Grupp zeigte sich, wie auch Rosa Fischer, in bester Form. Clemens zeigte in den folgenden Jahren sehr gute Leistungen. 1936 gingen unterhalb des Rosensteins sage und schreibe 60 Oberkochner Wettkämpfer an den Start. Durch diese tollen Leistungen bekam Oberkochen einen Namen in der Szene und wurde deutschlandweit bekannt. 1933 wurde ein Oberkochner Ausnahmesportler Schwäbischer Meister im Langlauf über 18 KM und deutscher Meister im 50 KM Dauerlanglauf in 3 Stunden und 45,31 Minuten. Er wohnte seinerzeit im Pflug-Gässle, mit der offiziellen Adresse Katzenbach 77, und sein Name war Karl Lense. Was hätte er sportlich noch alles erreichen können…..aber der II. Weltkrieg forderte seinen Tribut. Karl starb 1943 in Italien. Dazu hat Didi Bantel schon vor langer Zeit den Bericht 281 geschrieben.

1955 Ziel des Karl-Lense-Gedächtnis-Laufes in der Panoramastraße (Archiv Oberdorfer)

 

Aber es gab noch andere gute Langläufer in unserer Gemeinde (kein Anspruch auf Vollzähligkeit). Da waren die Brüder Clemens und Willibald Grupp, Edmund Schoch, Otto Bihlmaier, Hans Klein, Hans und Fritz Holz sowie Hans Meschenmoser, Marksa Michel und Vinzenz Dürr, Josef Oberdorfer, Anne Illner, Rosa Fischer und Regina Trittler. Nicht zu vergessen Albert Theilacker und Karl Schneider. Auch Elli Brachmann, Regine Fickert, Suse Zweig und Elisabeth Gold waren erfolgreich in der Spur.

1952 schneereiche und kalte Winter in Oberkochen (Archiv Brandstetter)

 

Die damaligen Winter waren schneereicher als heute und so konnten in den 50er Jahren sogar einige Straßen in einen Langlaufwettbewerb eingebunden werden. Die Sonnenbergstraße war schon immer winterlicher als viele andere Straßen in unserer Gemeinde, wie das entsprechende Bild zeigt. 1956 gab es eine große Veranstaltung, den 4. Karl-Lense-Gedächtnislauf, mit folgendem Streckenverlauf: Sonnenbergstraße – Kapelle-Sprungschanze – Hintere Lach – Theussenberger Skiweg zur Leitzhütte – über Bronnenebene – Sixenfeldle – Kocherursprung – Brunnenhalde – Kessel – Startplatz Panoramastraße oberhalb Bergheim. Die Strecke betrug 15 km und musste zweimal durchlaufen werden.

1955 Langlaufstrecke Sonnenberg (Archiv Oberdorfer)

 

Und nochmal der winterliche Sonnenberg in den 50ern (Archiv Brandstetter)

 

Durch die guten Erfolge in den Nordischen Disziplinen angelockt, kam sogar der schwedische Trainer Lars Öster in den Ostalbbezirk und trainierte die besten Läufer in dieser Zeit. Doch in den 60ern verflachte das Ganze – der Wille zum „Sich Quälen“ um des Erfolgswillen ließ deutlich nach. Anfang der 70er startete dann der erfolgreiche Neuanfang in diesen Disziplinen.

 

Selbst ist der Mann – also der Grupp.

Clemens Grupp, einstiger Schreinerlehrling, baute sich in seiner Freizeit seine Schi selbst und das mit einfachsten Mitteln. Später kauften viele Oberkochener bei ihm die ersten Schi, hatte er doch die Meisterschaft-Schi für den Karl Lense gebaut.

Groß und Klein beim Langlauf (Archiv Brandstetter)

 

Schi-Wandern.

Das begeisterte damals viele Menschen. Oft sah man an die 60 „Schirgler“ durch die weiten Schneefelder nach Bartholomä, Zang, ins Wental oder aufs Kalte Feld ziehen. In den Gasthöfen wurden in diesen Jahren, in denen das Geld knapp war, eimerweise Tee für die Wanderer bereitgestellt.

 

D’Schihütte und d’r Holza-Hans.

In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden wichtige Highlights im Ort, auf die wir auch heute ungerne verzichten würden: Die Volkmarsbergstraße wurde gebaut, die Skiwiese (von der Märchenwiese bis zur Straße) und der Turm wurden errichtet. Fritz Leitz brachte sich hier massiv als Sponsor und Unterstützer ein. 1956 wurde dann vom BM und dem Gemeinderat beschlossen, eine Pacht für alkoholische Getränke und Esswaren zu vergeben. Hans Holz, kurz Holza-Hans, erhielt durch Stimmenmehrheit die zunächst befristete Pacht in Höhe von 250 DM. 1957 entscheidet das Amtsblatt wie folgt: „Durch Erlass vom 26. Aug. 1957 hat das Landratsamt den zeitlichen Umfang des Wirtschaftsbetriebs »Bergschenke« in stets widerruflicher Weise wie folgt festgesetzt: Vom 1. Mai bis 30. Sept. von 8.00 bis 22.00 Uhr, vom 1. Okt. bis 30. April von 8.00 bis 20.00 Uhr.“ Der Kiosk veränderte sich. Eine Baracke und ein späterer Anbau ergaben eine Hütte wie wir sie als Kinder erlebt haben. Hans beschäftigte sicher die ganze Familie und ich denke, dass meine früherer Arbeitskollegin Heidi (verh. Friedel) und ihre Schwester Helga (verst. Stana) oft helfen mussten. Gesundheitlich seit einem Skiunfall angeschlagen, belastete ihn der Betrieb immer stärker. Ausschlaggebend für die Aufgabe des Gastbetriebs (1975) waren dann vor allem auch die harten Auflagen des Landratsamts im sanitären Bereich, – Wasser, Abwasser, Toiletten betreffend. 1977 starb der Holza-Hans, der auch ein guter Skifahrer und Langläufer war, im Alter von nur 56 Jahren. Die Hütte wurde dann 1975 von der Ski-Abteilung des TVO in Pacht und 1977 komplett übernommen und man entschloss sich dann aber für einen Neubau. Nach 9 Monaten Bauzeit, mit einer Eigenleistung von einigen tausend Stunden, wurde die neue Hütte 1982 eingeweiht. Besonders eingebracht haben sich damals Hans Düver und der unvergessene umtriebige „Eiche“ Horst Eichentopf.

Die alte Hütte vom Holza-Hans (Archiv Müller)

 

Anmerkung.

Dazu will ich sagen, dass die Probleme für die Vereine, die sich um Bewirtschaftung kümmern, immer größer werden. Ordnung, Sauberkeit und Hygiene sind notwendig, aber man darf das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Wenn sich irgendwann niemand mehr, wegen Vorgaben, Verordnungen und Haftungen, getraut, dieses wichtige und notwendige Geschäft für die Gesellschaft und den sozialen Zusammenhang zu verrichten, dann verkümmert etwas, das zu unserer Seele gehört. Früher sind wir auch nicht gestorben, weil die Lehrer am Kinderfest „Wurst und Weck“ mit der Hand angefasst haben – Herrgott Sechser noamoal.

 

„Schreiberle“ Rudolf Fischer hat auch einiges beizutragen.

Für die Abfahrtsstrecken hatte man mehrere Varianten. Zum einen ging es über den Übungshang oben in den „Alten Weg“ und runter bis zu den Gärten beim „Murgsa-Hans“. Den „Alten Weg“ verließ man beim Tannenwäldle. Hier erlitt auch, anlässlich eines Abfahrtlaufs, der Holza-Hans im Ziel durch einen Sturz eine schwere Verletzung, als er gegen die Zielstange rutschte. Andere Abfahrtsstrecken gingen von der Brunnenebene über die Volkmarsbergstraße in den „Alten Weg“ und dann links in den „Kessel“ hinein. (Anmerkung: Die geschätzte Leserschaft mag nicht verzweifeln an der Schreibweise von „Murksa-, Margsa-, Murxa- oder Margksa-„ ….. sei’s drum ich bin’s auch nicht ☺). Die heutige Abfahrtsstrecke hatten wir mit ihrem Verlauf schon in unseren Köpfen, aber da standen noch einige Bäume im Weg. Bei einem Bierabend im Haus Pfitzenmaier (Hansjörg Fischer, Heiner Pfitzenmaier und ich) war die Gelegenheit günstig, als gegen 1.00 Uhr nachts der Chef nach Hause kam. Die Bierflaschen lagen auf dem Boden (so war´s halt damals) und der Forstmeister war sichtlich angetan von unserem Tun. „So Buaba, hend´r recht g’feiert“. Sein Sohn Heiner gab mir das Zeichen zum Angriff. So haben wir den Forstmeister in der Bierlaune wegen einer möglichen Ausholzung der geplanten Abfahrtsstrecke angesprochen und siehe da: „Ja Buaba, da werde ich euch unterstützen“. Das war der Anfang. Denn die alten Streckenverläufe wurden langsam durch die schnelleren Ski gefährlich. Einen Prototyp des ersten Alu-Skis gab es Anfang der 50ziger Jahre auch schon. Fritz Leitz jun. hatte die Idee Ski zu bauen, mit einem Alu-Profil, das mit einer gebogenen Aluspitze versehen wurde. Das Experiment gelang zum Teil. Das Problem war, dass die Ski keine Spannung hatten und sich so im nassen Schnee festsaugten.

Der (vermutlich) erste wettkampfmäßige Abfahrtsläufer war meine Wenigkeit im Jahre 1950 im Alter von gerade mal 12 Jahren. Bei einem Abfahrtslauf für 16 - 18 jährige in Königsbronn war ich mit der Skiausrüstung meines Vaters (Ski 190 cm und Stöcke bis zu den Ohren) am Start. Ich höre noch heute die Worte meines Vaters: „Wenn Du den Letzten machst und heulst, dann kriegst du noch den Arsch voll.“

Gott sei Dank war der Hans Heidenreich am Start, denn der Starter wollte mich nicht starten lassen: „Ja guck no doa noa, mit dene lange Ski, der rennt sich der Kerl, des gat net.“ Hans Heidenreich sagte: „Der hat eine Startnummer und der startet.“ Es ging gut. Ich hatte den 2. Platz belegt und bei der Siegerehrung wurde ich fast übersehen, da ich 2 Köpfe kleiner war als all die anderen. Das war mein Anfang und so ging´s dann von Rennen zu Rennen weiter. 1956 war ich bei den schwäbischen Jugendmeisterschaften in Oberjoch am Start. Mit dem Rucksack und den Ski auf der Schulter ging es mit dem Zug nach Sonthofen und dann mit dem Bus weiter nach Oberjoch. Gewohnt und selbst gekocht haben wir 3 Tage lang in einer kleinen Privathütte. So war das früher. Einmal war ich mit dem Karl Elmer in Steibis bei den Kreismeisterschaften. Übernachtet haben wir beim Xaver Schäfer (früher bei Fritz Leitz beschäftigt) im Keller. Xaver Schäfer hatte nach dem Krieg eine große Gärtnerei beim Leitz-Areal bevor er nach Steibis ging und dort den ersten Lift zum Imberg baute.

 

Rektor und Dreißentalschule brachten sich engagiert ein.

Rektor Hagmann schickte seine Klassen während des Unterrichts zum „Stoiner klauben“ auf die Abfahrtsstrecke in die Schlucht im Kessel. Dann wurde die Strecke mit Skiern getreppelt. Das war ein selbstverständlicher freiwilliger Zwang für alle Skifahrer (30 bis 25 Personen).

Gute Figur(en) am Skihang (Archiv Müller)

 

Zum Thema Skiausrüstung gibt es folgendes anmerken.

Die erste Skistock-Fabrikation in Oberkochen fand bei uns in der Küche in Heimarbeit statt. Nach dem Krieg mussten wir notgedrungen erfinderisch sein. Fritz Leitz jun. (Fritz Leitz sen. hatte zwei Söhne den Fritz jun. und den Heiner, den späteren VFR-Aalen Sponsor), Herr Ziemons, Hans Heidenreich, mein Vater und ich als Stift bildeten ein Arbeitsteam. Das erforderliche Alu-Rohr hatte der Leitza-Fritz, mein Vater drehte die Spitzen, Rollladenband wurde zu Handschlaufen umgearbeitet. Wo wir das her hatten, weiß ich nicht mehr. Die Reifen für die Stockteller wurden ebenfalls aus Alurohr gefertigt. Der Gartenschlauch wurde so zurechtgeschnitten, dass Griffe daraus entstanden und mit der alten vorgeglühten Lockenzange wurden die Löcher für die Schlaufen durchgebrannt: „Ja nei, des hat jesasmäßig g‘schtonkga!“

Alte Schier in Reih und Glied (Museum Essingen)

 

Schreiberle’s Schi-Stall für die Schi-Hasen….. (Archiv Rudolf Fischer)

 

Viele Skier wurden im Skistall beim Schreiberle verkauft. Es waren Ski der Marken „Rosskopf“ aus Immstadt, „Erbacher“ und „Völkl“. Stahlkanten gab´s serienmäßig noch nicht, die wurden auf Wunsch von Hand montiert. Und das alles in der Küche auf dem Hocker. D’r Gruppa Clemens hat die Nuten gefräst. Das Material war auch noch nicht das Beste, besonders die kleinen Schrauben. Ja da ging so mancher Fluch über die Lippen, wenn mal wieder so ein Schraubenkopf ausgebrochen ist. Die Holzskier wurden zur besseren Wachsaufnahme mit „Tipp-Top-Lack“ vorlackiert, und wieder alles in der Küche und manchmal sogar noch am Hl. Abend.

Mitte der 50ziger gab es die ersten Kunststofflaufflächen – den Kofixbelag. Ich hatte damals ein Paar „Völkl“-Skier, die ich bei einem Abfahrtslauf in Attenhofen zum ersten Mal fuhr. Die Skier liefen wie die „Feuerwehr“ und alle Rennläufer wollten meinen „Wunderski“ sehen.

 

Peter Königer erinnert sich an Biathlon.

Das einzige an das ich mich noch sehr gut erinnern kann, waren die Biathlonmeisterschaften im Wolfertstal. Der Schießstand war am „Monte Scherbelino“ (der aufgeschüttete Hügel in der Nähe des Wasserhäuschens im Wolferstal), damit ja nichts passieren konnte. Zu den Teilnehmern gehörten natürlich auch die Bayern, eine Art Hassliebe von Harald Fickert, der die Gesamt-Leitung der ganzen Veranstaltung hatte. In der Ausschreibung stand u.a. dass am Samstag um 12.00 angeschossen wird, zeitlich konnte der Termin nicht eingehalten werden was den Boss der Bayern mächtig aufbrachte und er sich etwas ungehalten Fickert gegenüber beschwerte. Darauf erwiderte Harald: „Du musst Dir eines merken, wenn ein Fickert sagt um 12.00 wird angeschossen, dann wird um 12.00 angeschossen, aber wann es 12.00 Uhr ist, das bestimme ich.“

 

Abschluss.

Damit endet der Teil 2 zum Thema „Schi-Dorf Oberkochen“. Da es jetzt immer noch etwas zu schreiben gibt, und zwar über einige einzelne Sportler und ihre Spuren, die sie hinterlassen haben, wird es im nächsten Winter einen weiteren und letzten Teil geben. Und da hoffe ich auf engagierte Mitarbeit der betreffenden Familien, bei denen ich mich 2020 im Rahmen von Recherchen, melden werde. Ich denke da besonders an die Familien Prosser, Fickert, Grupp, Lense-Nachkommen und Bopp.

 

Abschließend noch ein paar Schmankerln, die ich nicht vorenthalten möchte, denn Bilder und Dokumente, die nicht gezeigt werden, sind nur die Hälfte wert.

1940 Ehrenurkunde für Josef Brandstetter (Archiv Brandstetter)

 

Gedenkteller 50 km Dauerlauf 1951 (Archiv Müller)

 

Ehrenurkunden Willibald Grupp 1925 (Archiv Müller)

 

unbekanntes zeichnerisches Schmuckstück (Archiv Müller)

 

Wilfried „Billie Wichai“ Müller vom Sonnenberg, Email: wichai@t-online.de, Mobil: 0171 2217 530, Frühlingstraße 2, 73447 Oberkochen oder Postfach 1328, 73444 Oberkochen

 

 
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