Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 698
 

Ruhe, Sitte, Anstand, Ordnung und andere gewünschte Verhaltensweisen

Pfarrer Forster

 

Pfarrer Gottfroh

 

Rektor Hagmann

 

Bürgermeister Bosch mit dem Bischof Leiprecht 1953 im Weingarten / Panoramastraße

 

Es gab eine Zeit vor unserer Zeit.

Die Zeit unserer Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren, die nicht so liberal-freizügig war wie sie heutzutage ist. Eine Zeit in welcher der Bürgermeister, der Pfarrer, der Lehrer, der Arbeitgeber und die Polizei die Marschrichtung im Ort vorgaben. Auch dem Wort, dem gesprochenen und dem geschriebenen, haftete manchmal noch das untergegangene III. Reich an, das 1.000 Jahre dauern sollte, aber Gott sei Dank nach 12 Jahren am Ende war.

 

Kurzer Einschub.

Das I. Reich war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das nun wirklich fast 1.000 Jahre dauerte (vom 10. Jhrhdt. bis Anfang des 19. Jhrhdrt; das II. Reich war das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1918 – nun schon deutlich kürzer; das III. Reich von Adolf, dem größten Feldherrn aller Zeiten (GröFaZ), dauerte dann nur noch 12 Jahre und da hoffen wir doch, dass wir vor einem IV. Reich verschont bleiben.

Der unbescholtene gewissensreine Herr Johannes Hermann Thümmler

 

Und weiter geht’s.

Kein Wunder, denn außer ein paar „großen Nummern“ durften alle nach dem großen Reset 1945 weitermachen, als ob nichts gewesen wäre. Sogar Johannes Hermann Thümmler durfte in Oberkochen als Geschäftsführer der Wohnungsbau GmbH (Carl Zeiss) ungestört sein Leben neu aufbauen. Er war ausgebildeter Jurist und bei dieser Berufsgruppe hat man mehr als beide Augen zugedrückt. Er war nicht irgendein Mitläufer, sondern saß an entscheidenden Stellen der Gestapo und half fleißig mit, Adolfs Ziele effizient umzusetzen. Leider wurde er im Frankfurter Ausschwitz-Prozess nur als Zeuge gehört und konnte jedem Versuch, ihm gerichtlich ans Leder zu wollen, erfolgreich Paroli bieten. 2002 starb er hochbetagt, unbescholten und nach eigener Ansicht, mit reinem Gewissen, 96jährig in Eriskirch am Bodensee. Wer sich für dessen Biografie interessiert, dem seien zwei Bücher empfohlen: 1) Gestapochef Thümmler. Berichte – Dokumente – Kommentare. Verbrechen in Chemnitz, Kattowitz und Auschwitz. Die steile Karriere eines Handlangers sowie 2) Täter – Helfer – Trittbrettfahrer. NS-Belastete von der Ostalb. Mancherorts erkannte man sie noch am Ton, wie und was sie sagten und am Haarschnitt. Anderenorts saßen sie sofort wieder in oberen Positionen (vor allem Juristen und Verwaltungskräfte) und waren natürlich schon immer gegen die Nazis und im Widerstand gewesen. Nun mag „der“ Amerikaner * einen neuen Lebensstil sowie eine neue Musik und eine gewisse kaugummi-kauende Lässigkeit in den Alltag gebracht haben, das hat aber noch lange nicht jedem gepasst und schon gar nicht auf dem Land. Dort, in die allgemeine Adenauer-Miefigkeit eingepackt, gab es immer noch eine konservativ-katholisch-ländliche Prägung, die von allen – also auch von den Jungen – ein angepasstes Verhalten verlangte. Das ließ sich natürlich auf Dauer nicht aufrechterhalten (auch nicht in Oberkochen), denn die Musik von Bill Haley, Elvis Presley, den Beatles und den Stones brach sich nicht nur in Berlin und Hamburg ihre Bahn – auch auf dem Land hatte das letztendlich Auswirkungen (*interessanterweise sprach meine Mutti auch immer von „dem“ Russen, „dem“ Amerikaner, „dem“ Engländer, „dem“ Chinesen und „dem“ Juden und sprach diesen Gruppierungen grundsätzliche Eigenschaften zu, die alle Bestandteil ihrer gehörten oder erlebten Erfahrungen waren (der Russe vergewaltigte Frauen, der Engländer war korrekt zu den Kriegsgefangenen, der Amerikaner will nur die Welt beherrschen, der Chinese war die gelbe Gefahr und der Jude war nicht schlecht). Ebenso wie die Geburtswehen der 68er aus Berlin und Frankfurt auch auf der Ostalb in den SMs (Schülermitverwaltungen) spürbar wurden.

 

Gewaltenteilung.

In Bonn regierte seit 1949 die Adenauerregierung. Der „Alte“ wurde damals im blühenden Politikeralter von 73 Jahren mit 1 Stimme (also seiner eigenen) Vorsprung als Kanzler gewählt! Und in Oberkochen im Rathaus regierten der BM Gustav Bosch mit seinem Gemeinderat. In den Kirchen die Pfarrer Gottfroh und Forster. In den Schulen die Rektoren Hagmann und Schrenk mit den Lehrern (Aufzählung ist willkürlich) Klotzbücher, Menzel, Maikler, Hölldampf, Hermann, Ruoff usw. usf. (zu den Lehrern wird es später einen großen separaten Bericht geben) sowie die Polizei mit „POM“ Nickel, „POM“ Fuchs und „POM“ Haag und ….. und den Arbeitgeber-Platzhirschen Bäuerle, Grupp, Leitz, Schmied, Oppold und KWO, die sich nun arbeitskräftemäßig mit dem Zeiss auseinandersetzen mussten. (Und damals war sicher auch nicht jeder über den Zuzug von Carl Zeiss erfreut, ähnlich wie heute über YG-1). Die Dinge gingen ihren ländlichen Gang und hatten ihre gewohnte Ordnung. Der Umgangston in den Firmen, am Stammtisch, in den Familien, den Parteien und Vereinen war mitunter durchaus ein rauer. Mann und Frau mussten sich durchsetzen und Gehör verschaffen.

 

Unsere Polizei.

1937 finden wir einen Gendarmeriemeister Karl Greiner (wohnhaft in der Bergstraße 285) und 1949 den Wachtmeister der Landespolizei Hans Munz (wohnhaft in der Heidenheimer Straße 41). Sie war ursprünglich mit einer Wache in der Heidenheimer Straße Nr. 24 stationiert. Dort wurde ich bestimmt zwei Mal von „POM“ Hans Fuchs verhört, weil ich halt auch oft bei den „üblichen Verdächtigen“ dabei war. Man hatte halt seinen Ruf – egal ob du’s warsch oder net. Später zog die Polizeistation ins Rathaus am Eugen-Bolz-Platz und heute ist sie in der Dreißentalstraße im alten Forsthaus untergebracht. 1963 wurde am alten Rathaus (heute Aalener Volksbank) ein Notruf-System installiert. Waren die 60er in Oberkochen auch schon unruhig?

Erste Notrufsäule von 1963 am alten Rathaus

 

POM Fuchs

 

Kurze Biografie zu Hans Fuchs: Er wurde am 09.05.1904 wo auch immer geboren. Sein Start als Polizist erfolgte 1924 in der Landespolizeischule in Sigmaringen. Es folgten Ausbildungszeiten bei der Polizeibereitschaft Esslingen und beim Landjägerkorpskommando in Stuttgart. Sein erster Einsatzort war Göppingen, wo er als „württembergischer Landjäger“ Dienst tat. Ab 1938 war als Gendarmeriehauptwachtmeister in Hürbel (Biberach) tätig. 1943 wurde er aus dem Kriegsdienst entlassen und als Gendarmeriemeister in Ochsenhausen verwendet. Nach dem Krieg ging es nach Oberrot, Oberkessach und Neresheim wo er 1954 zum „POM“ befördert wurde. Ab 1957 war er Postenführer in Oberkochen bis zu seiner Pensionierung im Herbst 1964.

POM Haag

 

Sein Nachfolger wurde im selben Jahr Johannes Haag: Er wurde am 17.09.1917 in Hüttlingen geboren und erlernte zunächst nach der Schulzeit das Mechanikerhandwerk. 1938 ging es erst zum RAD (Reichsarbeitsdienst) und später zur Luftwaffe, wo er bei den Fallschirmjägern seinen Wehrdienst ableistete. 1944 geriet er in englische Gefangenschaft. Ab September 1945 war er als Polizei-Postenführer in Tannhausen und 1947 in Flochberg tätig. Zur Landespolizeischule ging es 1949 und im Jahr 1959, als er schon in Oberkochen diente, wurde er zum „POM“ befördert. Er war in Oberkochen als hoch geschätzter Polizei-Chef bis 1977 tätig. Seine beiden Söhne, Eberhard und Peter sind den Oberkochnern wohl bekannt. Eberhard hat als Investor des „Vilotels“ in Oberkochen unübersehbare Spuren hinterlassen. Sie waren gute Handballer und noch bessere Schwimmer und wetteiferten im Wasser sicher immer mit den Büttner-Brüdern; Peter und Harald.

 

Die „Sonntagsruhe“

war heilig und wem das nicht klar war, bekam manchmal zu hören: „Lass‘ mir mei heilige Ruh‘“. Die Erfindung dieser „Ruhe“ geht auf Kaiser Konstantin (4. Jhrhdt.) zurück, um damals den Christen den Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen. Mit Beginn der industriellen Revolution zerbrach diese Alltagsordnung, denn Maschinen sollten nach den Vorstellungen der Fabrikanten 7 Tage laufen. Seit dem Jahr 1900 gibt es ein erkämpftes Ladenschlussgesetz und seit 1919 steht im Grundgesetz (Art. 140) folgender Text: „Der Sonntag und die Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Gott sei Dank hat Gott die Welt in 6 Tagen geschaffen und war davon so müde, dass er sich am 7ten Tag ausruhen musste. (Danach übernahmen die Handwerker das Werk, wie es Rainer Kaufmann kürzlich treffend humorvoll anmerkte, und machten das beste daraus – einschließlich der Bodenverlegung ☺). Man stelle sich nur vor, ER hätte sich erst nach einem Monat ausruhen müssen. Da ginge es uns heute aber schlecht ☺.

Nun war es aber so, dass mitunter an Feier- und Sonntagen zuhause tapeziert und gemalert werden sollte. Da musste dann eben die Jalousie heruntergelassen werden, damit diese Missetat nicht ortskundig wurde. Denn bei Arbeiten an solchen Tagen konnte schon mal die Polizei auftauchen, wenn der Nachbar zu sehr Untertan war.

Schutz der Sonn-, Fest- und Feiertage, Amtsblatt 1953
(zur Vergrößerung bitte klicken)

 

Die Woche hatte umgangssprachlich zwar 8 Tage, aber in Wirklichkeit natürlich 7 an der Zahl. Von Montag bis Samstag wurde g’schafft. Im Garten rumliegen, womöglich ein Buch lesen und offen den Anschein zu erwecken, nichts zu tun zu haben – das ging gar nicht. Man hatte immer etwas zu tun. Und eine Hausfrau, damals selbstverständlich noch mit Kopftuch (beim Teppich ausklopfen) und Kittelschürze, hatte gefälligst „aaaa’g’schafft“ auszusehen, um sich Komplimente einzuheimsen. Aber dann, am Samstag, nachdem jeder um 16 Uhr seinen Hof und seine Straße gekehrt hatte, legte man alles aus der Hand, begab sich in seine verzinkte Badewanne im Keller,

Die alte Zinkwanne – für alle möglichen Zwecke

 

in die öffentlichen Badehäuser in der Dreißentalschule oder neben dem „Unfried“ oder in den neuen Siedlungs-Wohnungen in eine schöne neue kurze Porzellanwanne, die in den Wohnbereich integriert war und schruppte sich den Arbeitsschweiß und -dreck von der Haut. Die Sportlichen nahmen danach zur „Sportschau mit Ernst Huberti“ auf dem Sofa Platz, die holde Weiblichkeit schaute lieber „Flipper“ und „Daktari“ und manche Katholiken bevorzugten die Samstagsmesse um Siebene und hatten damit ihre sonntägliche Pflicht schon am Vorabend erledigt. Am Sonntag war für alle anderen der morgendliche Kirchgang Pflicht, danach ging es nach Hause oder zum Frühschoppen in den „Ochsen“, ins „Lamm“, in den „Pflug“, „in d‘Schell“, in die „Grube‘“ oder in den „Hirsch“. Zuhause kochte Mutti den sonntäglichen Standard: „Braten mit Spätzle und Soß‘“ oder „Schnitzel mit Petersilienkartoffeln“, die später durch moderne Pommes ersetzt wurden. (Mutti bekam eines Tages zu Weihnachten eine Friteuse geschenkt, denn Mann dachte damals, dass er seine bessere Hälfte mit einer modernen Küchenmaschine erfreuen könne). Nach dem gemeinsamen Abwasch, der bei uns zuhause Männersache war, ging es anfangs auf den Sportplatz im Langert (später ins Kocherstadion). Als wir ein Auto hatten, wurde dann in den 60ern immer auf’s Härtsfeld gefahren, denn dort waren die Wurzeln des Hausherrn Georg und die Spuren der Schneiderin Hilde bei den Bauern. Nicht immer zum Vergnügen von uns Kindern, aber doch sehr prägend. Abends zurück in unserem Haus war wieder Sport angesagt. Anfangs wurden im Radio alle Fußballergebnisse bis in die untersten Ligen durchgegeben, ab den 60ern lief auch hier das TV dem Radio den Rang ab. Und ab Montagmorgen ging es wieder zum Schaffen und der Reigen begann von neuem. Nebenbei bemerkt – Schule dauerte von Montagmorgen bis Samstagmittag – auch noch als Vati samstags nicht mehr arbeiten musste. Das sorgte dann doch zwischen Eltern und Lehrer für atmosphärische Störungen und mitunter für einen schief hängenden Familiensegen. Alles war dann wieder geordnet als Kinder und Erwachsene am Samstag frei hatten und das Wochenende gemeinsam genießen konnten.

 

Der Philosoph Otto Friedrich Bollnow

(geb. 1903, gest. 1991) hat zur Sonntagsruhe einen tiefgründigen philosophischen Ansatz in einem veröffentlichten Aufsatz erarbeitet mit dem Titel „Die Lebensbedeutung der Sonntagsruhe“.

Der Philosoph Bollnow betrachtet die Sonntagsruhe
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Gesetze und Verordnungen

waren natürlich notwendig, weil es schon immer uneinsichtige Zeitgenossen gab. Auf einige will ich im Detail einmal eingehen, um zu zeigen, dass das Leben in einer kleinen aufstrebenden Gemeinde nicht immer einfach war und tatsächlich hat eine Verordnung bis heute überlebt.

 

Zum Thema „Sonntagsschutz“

lesen wir dazu im Amtsblatt vom 27. März 1953:
Die Sonntagsfeier verlangt von jedermann ein dem Wesen der Sonn- und Feiertage entsprechendes äußeres Verhalten, gegenseitige Rücksichtnahme und die Vermeidung von Ärgernissen. Alle öffentlich bemerkbaren Arbeiten, die geeignet sind, die äußere Ruhe des Tages zu beeinträchtigen, sind verboten (Gesetz vom 29. Okt 1947 in der Fassung vom 5. Nov 1951 – Reg.Blatt Seite 92). Holzsägen, Holzspalten, Gartenschoren, Gartenzaunanbringen und dgl. sind Verstöße gegen die Sonntagsschutzbestimmungen, die in Zukunft geahndet werden. Zu jenem äußeren Verhalten, das die Sonntagsfeier nach den Worten des Gesetzes von jedermann verlangt, gehört auch ein sauber aufgeräumter Hofraum. Güllefässer, Dungkarren, Ackergeräte und Wagen gehören an den Sonn- und Feiertagen so aufgeräumt, damit niemand Veranlassung nehmen kann, sich über eine offensichtliche Unordnung zu ärgern.

 

Auch der „Schutz der Osterfeiertage“

wurde im Amtsblatt vom 3. April 1953 eingehend gewürdigt. Für den Schutz der Osterfeiertage gilt nach dem Gesetz über die Sonntage, Festtage und Feiertage vom 5. Nov 1951 folgendes:

Karfreitag: Während des ganzen Tages sind verboten 1) sportliche und turnerische Wettkämpfe 2) in Räumen mit Schankbetrieb musikalische Darbietungen jeder Art 3) alle anderen öffentlichen Veranstaltungen und Vergnügungen mit Ausnahme von Darbietungen ernster Art die der Bedeutung des Tages angepasst sind, nach Beendigung des Hauptgottesdienstes am Vormittag.

Am Karfreitag sind somit nach Beendigung des Hauptgottesdienstes am Vormittag nur Darbietungen ernster Art gestattet, die der Bedeutung des Tages angepasst sind. In Betracht kommen namentlich Veranstaltungen die die Pflege und Förderung der Religion, der Wissenschaft, der Kunst, der Volksbildung, der Musik, des Gesangs und der Wohltätigkeit zum Ziel haben. Die Vorführung von Filmen und Werbevorspannen ist insoweit gestattet, als diese von der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft als geeignet bezeichnet worden sind. Filme und Werbevorspanne, deren Prüfkarte keinen Freigabevermerk für den Karfreitag enthält oder für die eine Prüfkarte überhaupt nicht vorliegt, dürfen nicht aufgeführt werden. Außerdem sind während des Hauptgottesdienstes am Vormittag vereinsmäßig angesetzte sportliche Übungen verboten.

Ostersonntag: Auch am Ostersonntag sind öffentliche Tanzunterhaltungen, sowie Tanzunterhaltungen geselliger Vereine und geschlossener Gesellschaften, soweit sie in Wirtschafträumen stattfinden, verboten. Ferner sind während des Hauptgottesdienstes am Vormittag vereinsmäßig angesetzte sportliche Übungen verboten.

 

Der 17. Juni

war früher auch so ein spezieller staatstragender Tag. Gedenken – Ja, Tanzen – verboten. Am heutigen Tag der Einheit ist beides ausdrücklich erwünscht.

Tanzverbot führte zu Disco-Absagen

 

Heute

ist davon u.a. (siehe nächster Absatz) nur noch ein Tanzverbot von Gründonnerstag 18 Uhr bis Karsamstag 20 Uhr übrig geblieben. Übrigens – in diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass der Gründonnerstag ein kirchlicher Feiertag und in BW sogar schulfrei wäre, wenn nicht sowieso Osterferien wären.

Im November 2015 wurde im Parlament zu Stuttgart ein neues Feiertagsgesetz verabschiedet um dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen:
Es sieht vor, das bislang geltende Tanzverbot an Sonntagen von 03:00 Uhr bis 11:00 Uhr aufzuheben. Die sogenannten „Stillen Feiertage“ wie Karfreitag, Allerheiligen, Buß- und Bettag, Volkstrauertag und Totengedenktag bleiben weiter durch ein Tanzverbot geschützt. An Heiligabend und am ersten Weihnachtsfeiertag dürfen indes Tanzpartys gefeiert werden. Die Zeiten der Hauptgottesdienste bleiben geschützt.

 

Eine ganz lange Ruhe

gab es 1967 als der „Alte“ (Konrad Adenauer) im Alter von 91 Jahren starb. Diese nannte man Staatstrauer und sie dauerte mehrere Tage. Tagelang war nur noch schwere klassische Musik im Radio zu hören, im Fernsehen war tagelang nichts anderes als „Adenauer“ zu sehen und das ganze Land versank in Trauer, tw. war schulfrei und arbeitsfrei – es war als wäre ein Kaiser oder König gestorben – für viele war er das wohl auch. Ich war 15 und lebte voll in der Pubertät und fand das unsäglich langweilig und langwierig. Aber auch das ging nach einer gefühlten Ewigkeit vorbei.

 

Im Amtsblatt

musste immer wieder auf das Verhalten einzelner eingegangen bzw. Forderungen an die Bevölkerung gestellt werden. Hier erkennen wir auch, dass der frühere Umgangston zwischen Verwaltung und Volk ein anderer war als heute. Dafür geht’s heute in den sozialen Netzwerken schlimmer zu als am wildesten Stammtisch alten Stils. Dazu ein paar Beispiele:

Aus dem Jahr 1953 – ein heutzutage nahezu unglaublicher Vorgang:
Am Lindenbrunnen sind immer wieder einige ungezogene Bengel anzutreffen, die dort (insbesondere mit den Trinkbechern) Unfug treiben. Wenn vorübergehende Erwachsene sie dann an Ort und Stelle züchtigen, so erblicken wir darin noch keine Verletzung der Menschenwürde. Anmerkung: Heute müssen ja schon Vorstandchefs von Fußballvereinen den Artikel 1 des Grundgesetzes (bzgl. der Menschenwürde) zitieren, um ihre millionenschweren Mitarbeiter zu schützen. Da hätten mal unsere Väter oder wir beim Bäuerle, Leitz und Wigo darauf hinweisen sollen ☺ Da hätte es womöglich geheißen: „Wenn’s d’r net passt, da homma isch’d Dür…..“

Unfug am Lindenbrunnen

 

Unser Lindenbrunnen – ein fast schon „heiliges“ Symbol

 

1953 scheint ein turbulentes Jahr gewesen zu sein:
…. Grober Unfug an Häusern……..lautes Grölen in der Nacht……verstärkter Einsatz auswärtiger Polizisten. Es muss schon weit gekommen sein, wenn uns angesehene Bürger allen Ernstes mitteilen, sie gedächten ihren Wohnsitz wegen Randalierern und disziplinlosen Autofahrern nach auswärts zu verlegen……

Im gleichen Jahr gaben die viehhaltenden Landwirte Anlass auf die Ordnung hinzuweisen:
Diese Landwirte waren von der vorgeschriebenen Müllabfuhr ausgenommen. Weil diese dann aber ihren Misthaufen (Amtsdeutsch Dunglage) mit Flaschen, Konservendosen, Krüge, alten Haushaltsgeräten und Scherben aufhübschten, platzte dem Rathaus der Kragen und verdonnerte sie nun ebenfalls zur Müllabfuhr.

1954 machte der Wacholderschmuck Probleme:
Nachdem die Verwaltung schon beim letzten Fronleichnamsfest und beim Besuch des Bundespräsidenten Heuss wegen der Wacholderzweige Schwierigkeiten mit dem Naturschutz bekam, wird nun die Verwendung von Laubzweigen eingefordert.

Im Jahr 1957 erschien es notwendig darauf hinzuweisen,
dass einige Landwirte im ältesten Altoberkochen sonntags ihren Leiterwagen auf der Straße oder auf dem Hof haben stehenlassen. Das verletze die Würde des Sonntags genauso wie Wäscheaufhängen in anderen Ortsteilen.

Die Bauern waren mitunter Stein des Anstoßes

1959 wurde die Thüringer Bratwurst ins Visier genommen:
…..gönnen wir diese Delikatesse unseren Jenenser Mitbürgern……. dass man aber nicht an jeder beliebigen Stelle und Zeit Bratröste aufstellen kann…

Thüringer Bratwürste am Pranger

1960 musste mehrmals die Sauberkeit
der Gehwege und Kantel angemahnt werden. Gehwege sind keine Lagerflächen und Trampelpfade in Wiesen sind auch nicht erwünscht. Es wurde mit 12 gebührenpflichtigen Verwarnungen dagegen vorgegangen.

Sauberkeit war wohl oft ein Thema

Jährlich, bis heute,
muss an die Streupflicht und die Pflicht zum Hecken- und Sträucherschneiden erinnert werden.

Und letztendlich ersetzt der Friedhof nicht den fehlenden Stadtpark.

Der Friedhof ist kein Park

 

Friedensgericht.

Nun mussten aber manche Verhaltensweisen über ein sog. Friedensgericht geklärt werden. In Oberkochen wurde als Hauptdelikt eindeutig die Beleidigung geahndet. In der Nachkriegszeit existierten Friedensgerichte in Württemberg-Baden. Sie waren zuständig „für Strafsachen bis 150 Mark oder 6 Wochen Haft, für Vermögensstreitigkeiten bis 150 Mark und für Privatklagen (Beleidigung, Verleumdung und üble Nachrede)“. Das entsprechende Gesetz wurde 1959 vom Bundesverfassungsgericht wegen Verletzung des Rechts auf den gesetzlichen Richter für nichtig erklärt und 1960 von dem baden-württembergischen Gesetz über die Gemeindegerichtsbarkeit abgelöst. Auch die Amtsgerichte hatten in den alten Zeiten viel zu tun und auch das Recht auf Veröffentlichung war mitunter Bestandteil eines Urteils.

Das Recht auf Veröffentlichung eines Urteils des Amtsgerichtes
(zur Vergrößerung bitte klicken)

 

Verhaltensregeln für uns Kinder.

Ganz wichtig war der richtige Gruß wenn wir dem Herrn Pfarrer auf der Straße begegneten. Die Mädchen mussten artig mit „Gelobt sei Jesus Christus“ (womöglich noch mit einem Knicks?) grüßen und der Pfarrer antwortete: „In Ewigkeit Amen“. Wir Buben kamen (so glaube ich) nur mit einem: „Grüß Gott Herr Pfarrer“ davon. Daheim galten klare Regeln: „Solange Du Deine Füß‘ unter meinen Tisch stellst …….“; beim Ässa schwätzt m’r net; wenn Erwachsene reden, haben Kinder den Mund zu halten; was sollen denn die Nachbarn denken; Lehrjahre sind keine Herrenjahre; wenn’s Euch nicht passt, geht doch nach drüben; gang Du erscht moal zom Friseur; schaff‘ Du erst mal was usw. usf. bis hin zur absoluten Steigerung: Beim Hitler hätt’s des net gäbba oder sotte wäret frieher ins Arbeitslager komma. Weitergehende Äußerungen erspare ich uns hier.“ Wenn der Lehrer eine körperliche Ermunterung ausgesprochen hatte, brauchtest du das zuhause gar nicht erzählen, sonst liefst du Gefahr zusätzlich noch eine Abreibung zu bekommen, denn es galt (leicht abgewandelt): „§ 1 Der Lehrer hat immer recht § 2 und hat der Lehrer mal nicht Recht, gilt automatisch § 1“. Und alles was trotzdem passierte, musste frei oder mit Hilfe des Beichtspiegels bei der samstäglichen Beichte abgearbeitet werden (mit dem Rosenkranz und oder ein paar Vaterunser kamen wir Kinder noch gut weg – man betete einfach schneller als man sprechen konnte ☺).

 

Knigge für Verliebte.

1962 gab es dazu eine 6teilige Veranstaltungsreihe im Festsaal der Dreißentalschule zu diesem Thema, denn man nannte das einen „Problemkreis“ (ganz schön schräg). Veranstalter war die ev. Kirchengemeinde und die ev. Akademie Bad Boll. Die einzelnen Themen lauteten: 1) Ehe die Ehe beginnt – Verliebt sein, wie der Arzt es sieht 2) Liebe groß geschrieben – ein kritisches Kaleidoskop in Film, Schlager und Presse 3) Darf ich bitten? – Der Tanz als Stätte der Begegnung junger Menschen 4) Verliebte im Kreuzverhör der älteren Generation – wissen es die Alten besser? 5) Liebe auf der Leinwand – wir sehen uns einen Film im Kino (Schleicher) kritisch an 6) Endstation Ehe – Podiumsdiskussion mit einem Arzt, Psychologen, Theologen, einem jungen Mädchen und einem jungen Mann.

 

Der Paragraph 175

hatte von 1872 bis 1994 Gültigkeit und machte es den Schwulen und Lesben in unserer Gesellschaft sehr schwer. Ich habe das als Jugendlicher noch erlebt. In allen größeren Städten etablierte sich die „Szene“ in und um die Bahnhöfe. Auch in Aalen nahm ich das wahr und wenn man einen in Verdacht hatte, konnte es schon mal ordentlich Prügel für denjenigen geben. Die Polizei war da nicht dein Freund und Helfer, sondern dein Gegner. Denn da konntest du ganz schnell im Gefängnis landen und gesellschaftlich geächtet warst du auch, wenn du ein sog. „175er“, ein „Warmer“ oder „vom anderen Ufer“ warst. Aus diesem Grund übersiedelten viele Schwule ab den 60er Jahren in die Schweiz. Dort war man interessanterweise bei diesem Thema so tolerant wie sonst nirgendwo. 2017 wurden rückwirkend alle Urteile aufgehoben und den noch Lebenden eine Entschädigung bezahlt. Der Rechtstaat arbeitet mitunter gnadenlos langsam, aber doch rechtens.

 

Die Polizeistunde

wurde benötigt, damit die Herren nachts noch den Weg nach Hause fanden (wenn möglich zu Fuß und nicht in der Schubkarre). Ich selbst weiß nicht mehr wie die Sperrstunden früher waren. Ich habe nur erlebt, dass wir um 22 Uhr die Disco verlassen mussten, sonst gab es bei der üblichen Polizeikontrolle Probleme. Denn volljährig waren wir erst mit 21. Der Bürgermeister konnte allerdings die Sperrstunde aufheben und davon machte unser Gustav Bosch im „Pflug“ und in „d’r Grub“ (auch Fattikan ☺ genannt) oft Gebrauch und sorgte dadurch für Geschichten, die heute noch gerne an den Stammtischen erzählt werden. Manchmal wurde die Sperrstunde solange verlängert bis die ersten Brezeln beim „Storchenbäck“ oder beim „Hättre“ fertig waren. Heute schaffen es die meisten Lokale nicht mal mehr die Sperrstunde zu erreichen, sondern schließen ihre Pforten schon vorher. S'isch halt au nemma dees und s'Geld isch vorher scho verdient. Vielleicht leben Wirte deswegen heute gesünder?

 

Am Ende die Friedhofsordnung.

Und wenn man dann das Zeitliche gesegnet hat, hört die Ordnung nicht auf, denn dann gilt die Friedhofsordnung. Diese regelt dann, wer wo wie liegen darf und was seine Nachfahren dafür zu bezahlen haben. Und manchmal, so wurde gemunkelt, würde sich der Tote im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was außerhalb des Friedhofs vor sich ginge. Na ja, sich regen bringt Segen – so heißt es ja bis heute ☺.

Züchtige und ordentliche Grüße vom Sonnenberg sendet Wilfried „Billie Wichai“ Müller,
Email: wichai@t-online.de, Tel.: 07364 - 92 11 10 und Mobil: 0171 2217 530

 

 
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