Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 696
 

Oberkochen pur – em Kies isch‘s g’wieß (Teil 3)

Erinnerungen von Josef „Sepp“ Merz.

Unser Kies ist mit Sicherheit der einzige Stadtteil von Oberkochen, der eine Parkanlage hatte, wenn auch keine öffentliche, sondern eine private der Familie Günther. Zwischen dem Mühlenkanal und dem Bundesbahngelände und vom Wunderle-Haus bis zur oberen Mühle gab es diesen wunderschönen Park. Schön angelegte Blumenrabatte, im Frühjahr blühende Büsche, Beerensträucher, große verschiedenartige schattenspendende Bäume, ja sogar ein sechseckiges Gartenhäuschen stand mitten im Park – aber, wie gesagt, nicht für die Öffentlichkeit. Für die obere Mühle bei der Fa. Bäuerle wurde einst ein Mühlenkanal gebaut. Dieser Kanal begann bei der Fa. Leitz, lief dann südlich vorbei an der Fa. Oppold unter der B19 hindurch und in Höhe vom Franz Wunderle floss er durch den Park der Familie Günther zur oberen Mühle, um dort das Mühlenrad anzutreiben. In der oberen Mühle wohnten damals verschiedene Familien u.a. die Familien A. Bäuerle, Kurz, Rühle, Fähnle und Schneck. Im Haus von O. Bäuerle, gleich hinter dem Elternhaus von Thoma Uhl, wohnten außer der Familie O. Bäuerle noch die Familien Hund, Jäschke, Eberle, Stocky und Mayer. An eben diesem Bäuerle-Haus und am Haus Burkhardsmayer vorbei führte das Gässle zur „Molke“ (Milchhäusle) beim Schreiner Hug. Unser Spielplatz aber war der Mühlenkanal. Wir hatten uns von den abgerissenen Baracken bei Leitz und Oppold alte Türen besorgt. Unter diese Türen banden wir verschiedene Kanister und fertig war unser schwimmender Untersatz. Als Antrieb verwendeten wir Bohnenstangen von meinem Opa dem Marxa-Gärtner. So hatten wir im Kies also auch einen „Stocherkahn“ (a bissle anders halt wie die Tübinger) oder eine „Kocher-Kies-Schachtel“ (a bissle wie die Ulmer).

D’r „Luagabeitelverei“ während des Kiesrummels vor dem „Grünen Baum“ – heute Metzgerei Lerch (Berichte Heimatverein)

 

D’r Merza-Sepp mit seiner „Kies-Schachtel“ (Privat Josef Merz)

 

Die Kies-Kinder am Kocher (Berichte Heimatverein)

 

Der „Grüne Baum“ um 1930 (Berichte Heimatverein)

 

In guter Erinnerung ist mir auch der jährliche „Kies-Rummel“ im „Grünen Baum“, der vom „Golda-Bauer“ organisiert wurde. Die toll kostümierten Erwachsenen sowie wir Kinder trafen sich beim Franz Wunderle und mit den Musikern Wunderle, Spranz, Heinisch usw. zog man unter dem Beifall der Zuschauer in den „Grünen Baum“ ein. Dort gab es Tanz und viele lustige Beiträge. Wir Kinder bekamen eine „Rote“ (Wurst) und wurden dann wieder nach Hause geschickt. Wurst und Fleisch gab es damals selten für uns und oft musste eine Rote aufgeteilt werden. Früher konnte man in verschiedenen Gasthäusern an einem Schalter Fassbier im Krügle kaufen. Auch ich musste ab und zu mal für meinen Opa im „Grünen Baum“ Bier holen. Damit meinem Opa nichts passiert, habe ich immer einen kleinen Probeschluck genommen – denn ich war ja sein persönlicher unbekannter Vorkoster. Zwischen dem „Grünen Baum“ und dem „Sparkassen-Wingert“ verlief ein kleines Gässchen zum dortigen Schlachthaus. Da konnte ich an einem Wasserhahn das verbliebene Bier wieder auffüllen. Zuhause, als Opa das einwandfrei getestete Bier probierte sagte er weise und vielsagend: „Hesch m’r heut‘ wieder a WASSER-alfinger broacht?“ Auch der 1. Mai war oft ein Anlass unser Können zur Schau zu stellen. Bei Bernhard Löfflers Tochter Christa haben wir einen schönen Maibaum gesteckt. Aber gleichzeitig einen Leiterwagen vom Bernhard auseinandergenommen und die Einzelteile auf’s Dach gebracht und an den Kamin angebunden. Leider ist dabei mein Cousin, der Eugen Merz, vom Dach gerutscht und im Hinterhof auf den Saustall gesegelt. Er musste noch in der Nacht ins Krankenhaus gebracht werden. Es war, Gott-sei-Dank, nicht so schlimm und nach 2 Tagen war er wieder zu Hause. Wer den Schaden hat braucht bekanntlich nicht für den Spott zu sorgen und so musste er oft hören: „Der Flug war gut, aber die Landung schlecht.“ Natürlich gab es im Kies auch einen Zahnarzt, einen weiblichen, und das war die Mutter von Dr. Herbert Gebert, die im Hinterhaus zur Nr. 76 mit fußbetriebenen Riemen-Maschinen das Leiden der Patienten beendete oder ihnen das Fürchten lehrte – je nach Sicht der Patienten. Stellt sich nur die Frage: Hat der Patient oder der Zahnarzt den Riemenantrieb bedienen müssen? Im Haus mit der Nr. 76/2 war früher auch die Schreinerei Speth zuhause. Neben unserem Haus gab es einen „Platz zom Stoi klopfa“. Das war wohl in den 30ern. Auch das sog fahrende Volk machte dort hin und wieder Halt. Der schöne Nutzgarten, der dort später angelegt wurde, musste eines Tages weichen, weil die Firma G+S den Platz beanspruchte, der bis dahin der Gemeinde gehörte und von uns nur genutzt wurde.

 

Rosemarie Wingert, Ursula Vogel, Josef Gold, Krista Hurler, Manfred Renner und Regine Soutschek

erinnerten sich bei einem abendlichen Gespräch in der „Grube“: Unser Motto lautete immer – Schnell die Hausaufgaben gemacht und dann „naus auf’d Stroaß“. Da wurden die alten Kinderspiele gepflegt wie Pfennigfuchsen, Murmeln, Hopfe, Hulahoop und Seilspringen. Im Winter wurde auf dem Eis „g’schliffa“ und Schneeballschlachten ausg’fochta bis die Klamotten nass, die G’sichter rot und die Händ‘ kalt waren. Etwas Besonderes waren die Fahrten ins Freibad.

Martha Kopp’s Käfer (Privat Krista Hurler)

 

Tante Martha lud 10 Kinder in ihren VW-Käfer ein und fuhr sie ins Waldbad nach Heidenheim oder ins Hirschbach-Bad nach Aalen. Ein großer Natur-Spielplatz war die Rodhalde und mit Inbrunst und Kreativität widmeten wir uns der Schnitzeljagd, dem Lagerbau, dem Jäger-und Dieb-Spiel. Indianerles wurde inszeniert mit Marterpfahl und richtigem Anbinden der Gefangenen. Es wurden Überfälle mit Pfeil und Bogen verübt und Beute gemacht. Im Winter sind wir Ski und Schlitten gefahren und die Mutigen sprangen über eine kleine Schanze. Das Skiwachs kam vom Schuster Schittenhelm (der seine Werkstatt hinterm Balgadag hatte), weil richtiges Wachs einfach zu teuer war. Und vom Stellwerk schallte es oft laut herüber: „Ganget ronter von de Glois!“ Im Frühling wurden Mai-Käfer gesammelt, die es damals in großer Zahl gab. Jeder hatte eine Schuhschachtel, die mit frischen Blättern ausgelegt waren. Denn nun ging es ans Tauschen: „Gib Du mir einen „Bäcker“ oder „König“ gegen einen „Schornsteinfeger“ oder einen „Kaiser“ gegen einen „Müller“.“ (Bäcker/Müller = sie haben eine starke weiße Behaarung und weiße Streifen auf den Flügeln; Schornsteinfeger = unbehaart und dunkler; Kaiser = haben rötlichere Flügeldecken und sind sehr selten; König = auf dem Rückenschild schwach rot).

Das Kies versorgt sich selbst (Privat Krista Hurler)

 

Auch die Hühner, die fast jeder Haushalt im Kies hatte, wurden bedacht. Sie fraßen die Maikäfer für ihr Leben gern.

Der Faschings-Räuber aus dem Kies (Privat Manfred Renner)

 

Dann gab es noch den Fasching – Kies-Rummel genannt. Überwiegend tummelten sich Prinzessinen mit „scheene Kloidla“ und mutige Cowboys mit den neuesten Revolvern vom Unfried auf d’r Stroaß. In der Metzgerei gab es „Wegga ond Wurscht“ (sprich eine Rote) auf d‘ Hand – ein himmlischer Genuss und daheim gab’s Fasnachtsküachle.

Ein besonderes Erlebnis war es immer wenn die Amis, die damals noch den Volkmarsberg bis 1960 besetzt hatten, im Konvoi durch die Straße fuhren. Da hat zuhause alles geklirrt, geklappert und gescheppert und an uns Kinder wurden großzügig Chewing Gums und Chocolate verteilt.

Feldarbeit oberhalb des Kies (Privat Brigitte Kieninger)

 

Dort wo heute das Domizil von YG-1 geplant ist, gab es früher eine Kiesgrube vom Josef Gold. Er war Landwirt, Wildschütz und Aufseher über die Frauen, die für’s Baumpflanzen zuständig waren. Und diese Gegend war als Abenteuerspielplatz für uns wie geschaffen. Dort haben wir auch gegrillt – das bedeutete früher eine eingeschnittene Rote auf eine Stecken spießen und ins Feuer zu halten bis sie sich krümmte und leicht einschwärzte – ein himmlischer Genuss. Auch Kreuzottern gab es dort – nicht ungefährlich und daher doppelt interessant. Eine riesengroße Buche lud uns zum Klettern ein und sog. „Narrenseiler“, die im Wald wuschen, waren unsere ersten Bio-Natur-Zigaretten. Das Leben spielte sich in vielen Facetten draußen ab. Abends wurde draußen im Hof Gitarre und Mandoline und auch Schifferklavier gespielt.

D’r Dag isch vorbei - oabends auf‘m Bänkle (Privat Brigitte Kieninger)

 

Emil Kopp’s Laden in „dunkler Zeit“ (Privat Krista Hurler)

 

Annonce von Otto Kopp 50er Jahre (Altes Amtsblatt)

 

Ein äußerst interessantes Geschäft war der „Kopp“. Dort gab es alles was man als Erwachsener brauchte und sich als Kind wünschte. Kopp war bekannt für Fische aller Art, die wöchentlich aus Hamburg an die Expressstation im Bahnhof angeliefert wurden: Kieler Sprotten, Saure Heringe, Schillerlocken, Makrelen, Bücklinge (Rogen und Milcher) u.v.m. Überall, auch die Kellertreppe hinunter standen die verschiedensten Behältnisse. Und von Weihnachten bis Silvester war die Kopp’sche Badewanne besetzt – da schwammen die dicken fetten Karpfen und warteten auf ihre Bestimmung. Wenn man nach Geschäftsschluss noch etwas brauchte, kein Problem, der Otto hat ohne Murren aufgemacht – es waren ja oft die Nachbarn. Auch Martha war eine Helferin in vielen Lebenslagen. Sei es, dass sie Quark für die sonnenverbrannte Haut spendierte oder dass sie zum Gratis-Fernsehschauen lud. Wir Kinder durften die voll geklebten Rabattmarken-Karten zum Kopp tragen und in Brausestengel oder Zitronen- und Himbeerbonbons eintauschen – ein kleines großes selig machendes Kinderglück. Die Wohnverhältnisse waren einfach und wurden nicht beklagt. Im Winter waren in den unbeheizten Zimmern Eisblumen an den Fenstern und unterm Dach war es saukalt – es war halt einfach so. Unsere Kindheit war schön und einfach, ohne Anspruchshaltungen und unser Kinderzimmer war draußen. Mit 14 Jahren war die Kindheit vorbei und der sog. Ernst des Lebens begann – das Arbeitsleben rief und deshalb haben viele von uns 50 Jahre und länger gearbeitet, ohne zu klagen und zu jammern.

Kies-Buaba (Privat Brigitte Kieninger)

 

Kies-Mädla (Privat Brigitte Kieninger)

 

Trikot des A.C. Kies (Privat Thomas Uhl)

 

Thommy Hug – ond s passt emmer no (Privat Wilfried Müller)

 

Thomas Uhl, Peter Uhl und Georg „Schosch“ Mayer erzählen von früher.

Beginnen wir mit dem A.C. Kies. Dieser wurde seinerzeit Anfang der 70er zu Fronleichnam auf der Bäuerle-Fest-Wiese gegründet. Es wurde ein Match gegen den FC Dreißental ausgemacht und auf der Wiese hinter der Dreißentalhalle (wo heute das DFB-Spielfeld ist) ausgespielt. Für den FC Dreißental liefen auf: „Luko“ Wolfgang Hug, Reinhold Luft, Rolf Schoch u.a. und für den A.C. Kies: „Haifisch“ Wolfgang Eberhard, „Bebel“ Josef Fischer, „Tommy“ Thomas Uhl, Peter Uhl als echter 6er, „Goggo“ Reinhold Jerg, „Harry“ Harald Müller vom Sonnenberg (aber mit dem Herzen im Kies), „Beeca“ Hubert Wunderle, „Jamba“ Klaus Trittler, „Steppe“ Stefan Eber, Hans Schäfer, „Schorsch“ Georg Mayer sowie Diakon Franz Roder. Letztendlich entstand der A.C. Kies aus der Kiesbande und mündete später in den Kolping-Sport. Auch die Junge Union bezog ihre Mitglieder aus diesem Bereich. Tagungsorte waren natürlich das unvergessene „Cafe Muh“ mit den Wirtsleuten Richter und die „Grube“. Hin und wieder kam es vor, dass die Predigt für den Sonntag im Cafe Muh vorbereitet wurde. Man war eben schon damals multifunktional. Athletico Katzenbach (mit dem Huga-Michel, dem „Apptaheinz“ Heinz Appt und dem Boxer Harner) war da schon eine große Herausforderung. Sie waren älter und auf dem Papier besser, aber gegen den A.C. Kies hat es manchmal eben doch nicht gereicht, denn die Erfolge des A.C. Kies hatten vielleicht auch etwas mit besten kirchlichen Beistand, in der Person von Vikar Roder zu tun ☺. Am Sonntag, 1. Juli 1979 wurde das erste HobbyFussballturnier im Kocherstadion unter der Ägide des TVO ausgespielt. Bei den Herren spielten: „Kleintierzuchtverein, Werkfeuerwehr Carl Zeiss, Brunnenhalde-Strikers, A.C. Kies, TVO Handball I und II, Athletico Katzenbach, Minigolf-Club, Stadtjugendringbüro, Stammtisch Rössle Schwabsberg, SpVgg Schluckspecht, Bocca Juniors, Abibomber 79, FC Stössel, Motor Lenzhalde, Petershans und Betzler, Harter Kern (Sieger des 1. Turniers), Lokomotive Günther & Schramm, Cosmos Kochersprinter, TVO Stammtisch, Gugelhupf-Kickers, Kolping Wasseralfingen und der Griesser und Tennisclub“. Bei den Damen spielten „Stadtjugenringbüro (Der Sieger bei den Damen), Cosmos Startblock 06, Red Devils, A.C. Kies-Mädels und Kolping Wasseralfingen“.

Siegerehrung des Ersten Hobby-Kicker-Turniers (Altes Amtsblatt)

 

Die „KiBa“ war die Kies-Bande mit ihrem eigenen „KiBo“ (Kies-Boot) und ihrer „KiKa“ (Kies-Kanone). Die Kanone wurde vom „Diftele“ Josef Weber (Kohl-Seff) erbaut. Taugte aber wohl nur zum „Mischt-Bolla verschießa“. Die Reviere zu den anderen Banden waren klar abgetrennt. Es gab die Brunkel-Bande (mit den Buben der Familien Glaser, Lay und Wunderle), die vom Brunnenhalde / Zeppelinweg und Billie Müller’s Bande vom Sonnenberg. Man kam sich in der Regel nicht in die Quere, weil man den Gebietsschutz (wie früher bei den Vertretern) achtete. Es wurden Lager gebaut, Fische aus dem Kocher gefangen (beim Wasserhäusle beim G+S), ausgeweidet und in der Höhle am „Griebiger Stein“ gegrillt und verzehrt. Wer weiß, vielleicht sind die Artifakte, welche unser verstorbener Heimatsachverständiger Dietrich Bantel gefunden hat, noch viel älter als angenommen, und letztendlich als Verzehrreste dem „Kies“ zuzuordnen. Die intensivsten Höhlenbewohner waren wohl Peter und Thomas Uhl, Stefan Kurz, Josef Fischer, Reinhold Jerg und Georg Mayer.

In den 60er Jahren wurde auf der Heidenheimer Straße noch gespielt. Das Verkehrsaufkommen war gering, nur die Zeissler störten zweimal am Tag die dörfliche Idylle, wenn sie morgens einfielen und abends wieder abzogen. Dazwischen gehörte die Straße den Kies-Kindern. Die Flummies (kleine Gummibälle) flogen vom Haus Uhl Thomas bis zum Haus Uhl Peter, Federball wurde gespielt und man war einfach draußen. Ein weiterer Abenteuer-Spielplatz war das Gelände der Bäuerle-Gießerei. Zur Faschingszeit waren alle Kies-Kinder verkleidet und versammelten sich vor der Veschper-Stube der Metzgerei Zimmermann und wurden mit „Weck ond Wurscht (in diesem Fall Saite-Würschtle) verwöhnt. Ein absolutes High-Light für die Kids.

Übergabe der Metzgerei von Zimmermann an Lerch 1977 (Altes Amtsblatt)

 

Im Winter wurde auf der Hauptstraße mit Schlitt- und Gleitschuhen herumgefahren. Das müssen noch andere Winter gewesen sein. In dieser Zeit wurde auch im Kies das System der „offenen Tür“ gepflegt. Man ging einfach bei den Familien ein und aus, die Kinder bekamen mitunter auch etwas zum Essen und Trinken. Es ging einfach zu und man war untereinander befreundet. Die Jungs bauten auch Seifenkisten und ließen diese auf einer kurzen Strecke, hinter der Zimmerei Brunnhuber, einen Buckel hinab zur Heidenheimer Straße hinunterjagen. Ein Bubenstreich sorgte dafür, dass eines Tages eine schwarze Rauchsäule über dem Kies stand und furchtbar stank. Hatten doch einige Jungs die offene Feuerstelle von G+S mit alten Autoreifen, die dort herumlagen, gefüttert. Ob der Folgen haben die Buben rasch das Weite gesucht. Die Täterermittlung konnte bis heute nicht abgeschlossen werden. Das MTO „Mofa-Team Oberkochen“ bestand aus ca. 16 Mofafahrern, die, sicher zur Freude aller, ständig durch Oberkochen düsten. Harald Müller (Boxer genannt) saß, mangels eines eigenen Mofas immer bei Thomas Uhl hinten drauf.

Annonce Peter’s Zündapp vom Emil Elmer (Altes Amtsblatt)

 

Die „Golden Edition“ nannte Peter Uhl sein eigen – eine goldene Zündapp, das war schon was. Natürlich scheute das kleine MTO nicht die körperliche Auseinandersetzung mit dem großen MCU aus Unterkochen. Die Auseinandersetzung wurde terminiert und unter dem Beisein zahlreicher Zuschauer ausgefochten. Natürlich gewann Oberkochen – ist doch klar: Ober sticht schon immer Unter ☺.

Gerne erinnern sich die Buben an die Antonia Minder, die Zeitungen austrug und etwas absonderlich war. Auch die Geller’s Öl-Maria hinterließ bleibende Eindrücke, wenn sie mit dem Fahrrad herumfuhr um Salatöl zu verkaufen. A ganz B’sonderer war „d’r Dreivierteloiskopf“ Gerhard Hirner. Er wurde ob seiner Kopfhaltung beim Gehen (auf den der Spitzname zurückgeht) oft gehänselt. Nach dieser Familie konnte man die Uhr stellen, wenn sie in Reihe nacheinander zur Kirche strebten. Unvergessen auch „Miss Kies“, Schorsch Brunnhubers Schwester, die wohl bei der AOK schaffte und morgens und abends auf ihren Stöckelschuhen Eindruck auf der Straße machte. „Mulei“, des Müller’s Klaus, wohnhaft im „Bägga-Bärgele“ oder korrekt Hasengässle war ein ganz Braver, der bei den wilden Sachen nie mitmachte. Vermutlich weil er immer rechtzeitig hoim zum Kaffee musste. Dafür legte er dann in Tübingen auf der „Stuttgardia“ so richtig los. Ich durfte das bei der Hochzeit meines verstorbenen Bruders Harald (Boxer) mit seiner Silvia geb. Pauser hautnah miterleben. Der konnte sogar Klavier spielen während das Instrument im Treppenhaus rauf und runter getragen wurde. Unvergesslich dynamisch. Das „Haus“ am Österberg war damals fest in Oberkochner Hand.

Das Haus am Österberg in Tübingen für unsere Studenten (Archiv Müller)

 

Im Haus mit der Nr. 35 wohnten Fremdarbeiter. Sie waren anfangs Gastarbeiter (z.B. Guiseppe Cataldi, Guiseppe Mingalla, Antonio Morelli, Mattioa Radatti und Angelo Tapperi) aus Italien und wohnen heute teilweise noch in Oberkochen wie die Familie De Nitto. Bis zum Abriss hatte „Hättere“ seine Biertischgarnituren dort gelagert. Heute steht dort das Bürogebäude der „GEO“. Dieses Haus gehörte ursprünglich der Familie Scherr und war ein landwirtschaftliches Anwesen. Die Fa. Bäuerle kaufte später dieses Haus von der „Scherra-Marie“. Diese zog dann in die Katzenbachstraße/Ecke Kapellensteige. Vor dem Haus stand ein gusseisernes Kreuz, an dem bei den damaligen Öschprozessionen Halt gemacht wurde. Das Gebäude wurde mittlerweile auch schon wieder abgerissen und ersetzt.

 

Franz Holdenried berichtet aus Bäuerles Gießerei.

6 Uhr morgens. Die umliegenden Häuser wachen auf. Der Bodenrüttler (eine mächtige sich bemerkbar machende Formmaschine) erwacht zum täglichen Leben und des Brunnhuber’s Bernhärdle ruft erregt zum Fenster hinaus: „Ei‘r Bude mach‘ I scho au no zua.“ Das dauerte aber bis 1974 und nicht Bernhard, sondern die Umstände, schlossen die „Bude“, also die alt ehrwürdige Gießerei. Arbeiter in den Gießereien waren landauf landab bekannt dafür, dass sie einen mächtigen Durst hatten und so gab es auch in diesem Gebäude das sogenannte „Feuchte/Nasse Eck“, in dem wohl der Durscht mitunter kräftig gelöscht wurde. Für das Klopfen der Kerneisen waren die folgenden Herren zuständig: Der Fremdenlegionär Christian NN aus Königsbronn, der politisch „Linke“ NN Stricker aus Schnaitheim (der manchmal wegen kommunistischer Flugblattverteilung von der Polizei aus dem Zug geholt wurde) und an Anton Bestle aus Aalen. Wo Durst herrscht, wird in der Regel auch kräftig gevespert und gegessen. Und das „Essen organisieren“ hat man schließlich nach dem Krieg gelernt und diese Fähigkeiten waren auch in den 60ern noch gefragt. Eines Tages wurde ein verstorbener, winterlich vereister, Rehbock in der Nähe des Pulverturms gefunden. Leichte Übung für Josef Oberdorfer, er schnappte sich eine Schubkarre mit einem unrunden Rad, und kämpfte sich mit Karre hin und mit Bock zurück. Der Bock wurde enteist und auf dem Ofen wurde ein wunderbar schmeckender Rehbraten gebraten, aufgetischt und verzehrt und die Tat gebührend begossen. Das waren eben noch Männer der Tat. Der Zahltag wurde damals noch wöchentlich per Lohntüte bar ausbezahlt und bei manch einem wartete freitags die Ehefrau am Zaun, um den Gatten abzufangen, bevor Ehemann und Lohntüte (große Tüte – kleiner Lohn) im nächsten Gasthaus landeten. Wie mir berichtet wurde, hat mein Vater, der Schorsch, seinen Lohn sofort auf die Wingert’sche Sparkasse getragen. In diesem Zusammenhang sei einmal aufgeführt was verdient wurde und was die Dinge so in den 60ern kosteten:

 

Laut des Statistischen Bundesamts Deutschland

verdiente ein männlicher Arbeitnehmer Anfang der 60er-Jahre im Durchschnitt 590 DM (ca. 302 EUR) Brutto. Bis Ende der 60er konnte er dieses Einkommen auf 1.290 DM (ca. 662 EUR) mehr als verdoppeln. Bei den Frauen lagen die Einkommen bei 358 DM (183 EUR) bzw. 796 DM (407 EUR).

Eine Kugel Eis beim Italiener: 0,10 DM / Die Grundgebühr für Telefone: 0,20 DM / Porto für eine Postkarte: 0,20 DM / Porto für einen Standardbrief: 0,30 DM / Eintritt für das Schwimmbad: 0,50 DM / Eine kleine Dose Nivea-Creme: 0,50 DM / 1 Liter Normalbenzin: 0,58 DM / Eine Tageszeitung (Bild-Zeitung): 0,15 DM / Eine Fernsehzeitschrift (HörZu): 0,70 DM /Eine Tafel Schokolade (100g): ca. 0,90 DM / Ein Laib Brot (1.000g Mischbrot): ca. 1,20 DM / Ein Pfund Kaffee (500g): ca. 10,00 DM / Eine Zigarettenschachtel aus dem Automaten (12 Stück): 1,00 DM / Die monatliche Fernsehgebühr: 7,00 DM / Eine Langspielplatte (LP): ca. 20 DM / Ein Fahrrad: ca. 90 DM (ohne Gangschaltung) / Ein elektrischer Rasierapparat: ca. 85 DM (Braun sixtant) / Eine Polstergarnitur: ca. 350 DM (Couch, 2 Sessel mit Arm) / Eine Waschmaschine: ca. 1.400 DM (Constructa 100) / Ein VW-Käfer: ca. 4.500 DM / Ein Opel Kadett: ca. 5.500 DM und ein Ford Taunus 20M, 6 Zylinder: ca. 8.500 DM.

 

Umzüge

aller Art gingen immer durch’s Kies. Ob Kinderfest, Stadtfest, Schlaggawäscher, Feuerwehr, Turnfeste usw. usf. Im Kies war immer was los und wer dort gewohnt hat oder heute noch dort wohnt wird die alten Zeiten nicht vergessen, denn das Kies, war und isch äbbes B’sonders.

1953 Umzug durch’s Kies – 50 Jahre TVO (Archiv Rathaus)

 

1953 Umzug durch’s Kies – 50 Jahre TVO (Archiv Rathaus)

 

Eine kurze Anekdote zum Schluss.

Den Bericht habe ich in unserer Wohnung in der Schweiz geschrieben. Abends kommt meine Freundin und fragt, wie lange ich für den Bericht bräuchte. Darauf ich: „So 1 bis 1 ½ Jahre“. Sie antwortet: „S isch aber schon halb sieben. Was isch mit dem Essen?“ Dann habe ich halt eine kleine Pause gemacht ☺.

 

Besondere Wege im Kies.

Dazu ein kleiner Nachtrag. Denn die gab es schon immer. Kurze, direkte kleine Wege und Stichgassen rechts und links der Hauptstraße, aber zwei ganz wichtige muss ich schon erwähnen. Einer ging vom Bahnhof bis zur Volkmarsbergstraße (Illg, Zöllner) hoch und kanalisierte den täglichen Strom der Zeissianer zu und von ihrer Firma und der andere ging vom Kies über Bonn weiter nach Berlin – gäll Schorsch“? ☺Beide Wege gibt es nicht mehr und können daher auch nicht mehr begangen werden, und leben somit, wie so vieles, nur noch in der Erinnerung.

 

Danke für die Mitarbeit.

An diesem Bericht haben wieder viele Oberkochner mitgearbeitet. Ein ganz besonderer Dank geht an Luitgart Hügle, Georg „Schorsch“ Brunnhuber, Rita Grupp, Wolfgang Dörr, Manfred Renner und Josef „Sepp“ Merz (als altem Kies-Urgestein mit einem beeindruckenden Wissen) sowie an Thomas Uhl, Peter Uhl und Georg „Schorsch“ Mayer. Sowie an Rosemarie Wingert, Ursula Vogel, Josef Gold, Krista Hurler und Regine Soutschek. Natürlich bietet ein Bericht dieser Größenordnung viele Möglichkeiten, dass sich Fehler, Unzulänglichkeiten und Ungenauigkeiten einschleichen – trotz wiederholtem Querlesens und Gegencheckens. Hoffentlich sind’s net so viele ☺. Der Insider wird’s merken und, wenn notwendig, mitteilen.

 

Noch ein Tipp.

Ich werde oft angesprochen warum die Bilder im Blättle immer so klein sind, dass „ma koi Sau richtig erkennt.“ Da habe ich keinen Einfluss darauf – das ist Sache der Redaktion. Wer sich an den Bilder erfreuen will und diese auch gerne vergrößern möchte, den muss ich auf die WebSite des Heimatvereins verweisen. Dort kann man mit PC, LapTop, Tablet oder Smartphone richtig genießen.

Liebe Grüße vom Sonnenberg, dieses Mal speziell an das gesamte Kies, den alten ehrwürdigen A.C. Kies und den noch aktiven Kies-Sport-Club. Wenn’s gut war – saget’s, wenn‘ s schlecht war – schweigat, wenn’s Fehler hat – meldats!

Ihr Wilfried Billie Wichai Müller vom Sonnenberg.
Email: wichai@t-online.de, Tel.: 07364 - 92 11 10 und Mobil: 0171 2217 530

 

 
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