Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 695
 

Oberkochen pur – em Kies isch‘s g’wieß (Teil 2)

Erich Günther (Archiv G+S)

 

Emil Schramm (Archiv G+S)

 

Willy Günther (Archiv G+S)

 

G+S Komplex von oben 60er Jahre (Archiv G+S)

 

G+S Günther und Schramm

ist heute ein modern aufgestellter Betrieb mit einer über 85jährigen Geschichte welcher das Kies stark mitprägt. Am 1.1.1930 gründeten Erich Günther und Emil Schramm ein Unternehmen (hervorgegangen aus der im Jahr 1895 gegründeten Fa. H. Günther, Zieherei, vorm Hugo Laissle) für Blankmaterialbedarf. Früher befand sich auf dem G+S-Gelände die Gärtnerei Markus Gold – auch d’r Marxe-Gärtner genannt. Als Start-Up-Unternehmer waren sie alles in Personalunion (Lagerarbeiter, kaufmännische Angestellte, Handlungsreisende und Geschäftsführer) und das sicher fast rund um die Uhr.

 

Erstes Lager auf dem Bahngelände 1935 (Archiv G+S)

 

Das erste Freiflächenlager entstand 1935 auf dem Bahnhofsgelände und die ersten Mitarbeiter wurden eingestellt. 1946 ist auch für G+S die Stunde „Null“. Der verbliebene Stahlbestand wurde durch ein Feuer vernichtet und es mussten die Ärmel hochgekrempelt werden. 1950 wird ein Teil des heutigen Grundstücks erworben und 1952 zog die Verwaltung in ein eigenes Gebäude ein. Die Belegschaft bestand aus 25 Mitarbeitern. In der Wirtschaftswunderzeit wurde gebaut, ausgebaut und erweitert: Hallen kamen dazu, die Dependance Mannheim entstand und ein neues Bürogebäude entstand. 1981 wurde das moderne Hochregallager in Königsbronn gebaut. Die Entwicklung setzte sich in der Slowakei und in Tschechien fort. Moderne Lagerhaltung und Maschineninvestitionen bestimmten die folgenden Jahre. Am 1.1.2003 übernahm der Konzern „Schmolz+Bickenbach“ das Zepter. Überlebensnotwendige Umstrukturierungen und die Verwandlung zum flexiblen Metall-Servicepartner sicherten das Überleben. Eine breitere Produktpalette, ein erweitertes Leistungsspektrum, qualifizierte Technik, hohe Kompetenz und qualifizierte Mitarbeiter sorgten für ein neues Erfolgskonzept mit dem der Sprung ins 21. Jhrhdt. gelang.

Abgebranntes wertloses Lager 1946 (Archiv G+S)

 

Das erste Büro 1938 (Archiv G+S)

 

Langsam geht es aufwärts – vom Pferd zum Opel P4 (Archiv G+S)

 

Großes Freilager 60er Jahre (Archiv G+S)

 

Wilfried Müller ergänzt:

Aus meiner Jugendzeit sind mir folgende Details in Erinnerung:
1) Erich Günther wohnte zuerst in der Dreißentalstraße 22 und verfasste in seiner Freizeit interessante Gedichte, die im Amtsblatt wöchentlich veröffentlicht wurden.

 

Gedicht über das Kies

 

2) Willy Günther fuhr sonntags im Sommer ein superschönes Cabrio und nahm uns trampende Schulbuben ab und zu in Richtung Heidenheim mit – wunderschöne Erlebnisse
3) Das alte Wasserwehr lud besonders im Winter zum Schauen und Spielen ein
4) Die spätere Günther-Villa in der Gartenstraße besaß eine Attraktion – eine Doppelttiefgarage, in der 2 Autos übereinander geparkt werden können. Ob das heute noch funktioniert weiß nur Gisela Müller-Rißmann.“

 

Bahnübergang und Stellwerk

Auf Höhe des Kreisels befand sich früher ein beschrankter Bahnübergang. Auf diesem Streckenabschnitt gab es in meiner Jugend einige traurige Vorkommnisse. Dort starben u.a. ein Sohn vom Zahnarzt Dr. Gebert und ein Sohn des Totengräbers Fröhlich. Das alte Stellwerk befindet sich heute im Privatbesitz und führt ein eingezwängtes Leben zwischen Bahntrasse und Straße.

 

Alte Tankstelle Heidenheimer Straße Nähe Kreisel (Archiv Rathaus)

 

Alte Tankstelle Heidenheimer Straße Nähe Kreisel (Archiv Rathaus)

 

Tankstelle

Gegenüber dem Leitz-Wohnblock Nr. 86 stehen heute die Reste einer alten Tankstelle. Das Gelände dient heute als Parkplatz und der obere Stock des Gebäudes als Wohnung. Langjähriger Pächter waren die Gebrüder Elstner. Heute ist das EG an Andreas Holdenried vermietet, der dort die 50er und 60er Jahre wieder auferstehen lässt.

 

Die alte Tankstelle neue Außenansicht (Archiv Müller)

 

Die alte Tankstelle neue Innenansicht (Archiv Müller)

 

Die alte Tankstelle neue Innenansicht (Archiv Müller)

 

Die frühere Fabrik Oppold – Außenansicht (Archiv O.S.I. GmbH)

 

August und Ludwin Oppold

Wie andere Oberkochener Firmengründer hat auch August Oppold sein Handwerk bei Bäuerle gelernt und sich dann 1896, gegenüber der Werkstätte seines Lehrherrn, in der elterlichen Huf- und Wagenschmiede, selbständig gemacht (Ecke Heidenheimer Straße / Bahnhofstraße früher Rathausdrogerie und heute Parkplatz). 1904 verlegte er ins „Kies“ in die Heidenheimer Str. 84 (heute LMT). Die Söhne Ludwin und Alfred gingen bei ihm in die Lehre. 1939 ging die Firmenleitung, nach dem plötzlichen Tod des Vaters, an Ludwin über. Vorausschauend investierte er in die Entwicklung formschlüssiger Sicherheitswerkzeuge für die Holzbearbeitung. In der guten Zeit beschäftigte die Firma über 200 Mitarbeiter. Die Zeiten des Umbruchs machten aber auch hier nicht halt. Im Jahr 2002 wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet, das im Herbst des gleichen Jahres zur Gründung von OSI Oppold System International GmbH führte. 2003 wurde das alte Oppold-Gebäude an die Leitz-LMT-Gruppe verkauft und OSI zog auf das alte WIGO-Gelände mit der Hausnr. 112. Der Neuanfang gelang und im Nov. 2014 erfolgte der Umzug nach Oberkochen-Nord in die Röchlingstraße 18, in das alte GOLD-Firmengebäude. In diesem Zusammenhang sei wieder einmal darauf hingewiesen, dass es in Deutschland drei große Zentren gab, in denen der Werkzeugbau für die Holzbearbeitung seine Heimat hatte. Neben Oberkochen waren das Remscheid und Schmalkalden. Alle fanden ihr Auskommen und entwickelten sich gut. Heute hat es die Branche schwer und jeder muss schauen wie er seine Marktanteile halten bzw. ausbauen und die Erträge wieder steigern sowie die Technologie immer weiter entwickeln kann.

 

Die frühere Fabrik Oppold – Innenansicht Produktion (Archiv O.S.I. GmbH)

 

Die frühere Fabrik Oppold – Innenansicht Büro und Archiv (Archiv O.S.I. GmbH)

 

WIGO Wilhelm Grupp

Wilhelm Grupp hatte bei Albert Leitz gelernt und sich dann im elterlichen Anwesen im „Katzenbach“ eine eigene Werkstätte eingerichtet. 1895 konnte er den „Sonnenbau“ im „Stahlacker“ erwerben und eine größere Werkstätte einrichten. Er wollte aber mehr, und vor allem wollte er ans Wasser. Und so baute er seine Fabrik in der Heidenheimer Str. 110, dort wo wir heute den Firmenpark (u.a. Aral, PedCad, Sievers und Böhlerit) im Süden Oberkochens finden. 1940 wurde in Neresheim ein Zweigbetrieb eröffnet. Nach dem Tod des Gründers wurde die Geschäfte von den Brüdern Wilhelm, Christian (gest. 1954) und Heinrich weitergeführt. Die Firma erarbeitete sich einen sehr guten Ruf mit der Produktion von Maschinen, Werkzeuge und insbesondere Spezialsägen für die Holzbearbeitung. Mit diesem Programm und Hunderten von Beschäftigten gehörte er lange Zeit zu den „Großen“ im Ort. Doch das Auf und Ab in der Wirtschaft forderte auch letztendlich von dieser Firma ihren Tribut. Die Firma schaffte es nicht sich den Anforderungen der Zeit zu stellen. 1984 kam das Ende. Dr. Dieter Brucklacher (ein Enkel des Firmengründers) übernahm den Standort Neresheim und integrierte Werk und Marke in den Leitz-Firmenverbund. Der Oberkochner Teil wurde von Carl Zeiss übernommen und später weiter veräußert. Wilfried Müller, sein Schulfreund Uwe Meinert und ein Riedauer Kollege mussten damals die gesamte Übernahme-Inventur in einer Hau-Ruck-Aktion in ein paar Tagen über die Bühne bringen, was ohne massive Überstunden und Wochenend-Arbeit nicht möglich war.

 

Und sonst?

Da gab es natürlich noch gewaltige Veränderungen, besonders im industriellen Teil zwischen den Leitz-Wohnblöcken und der Kocherbrücke (Nähe Wanderparkplatz. Neben den Leitz-Wohnungen gab es eine Art Schrebergarten, der von der Familie Hug bewirtschaftet wurde, bis Eigentumsänderungen dafür sorgten, dass LMT dort Parkplätze bauen konnte. Anschließend kommt die Oppold-Villa, die Dr. Brucklacher vor seinem Tod noch gekauft hat. Inzwischen wurde die Villa vermietet. Es folgt die alte Grupp-Villa, in der die Familie Zipser (die in meiner Kindheit in der Katzenbachstr. 3 ihre Firma betrieb) ihr neues Zuhause gefunden hat. Es schließt sich das alte Owema-Gebäude an, in das vor einiger Zeit (nach dem Tod der Eltern) Elmer’s Ingrid mit ihrem Fahrradgeschäft eingezogen ist. Owema hat im neuen Industriegebiet Süd sein neues Zuhause gefunden. Auf dem alten Wigo-Gelände fanden im Laufe der Zeit folgende Unternehmen ihre Heimat: Petcad, das letztendlich auf den Schuster Walter im Dreißental zurückgeht; Sievers, das dem väterlichen Geschäft im Hafnerweg entstammt; Böhlerit, das früher eine Shedhalle vom Wigo war; die Kegelbahn des SKO und die Pizzeria; der Reifendienst, eine Mietwagenfirma und letztlich die Aral-Tankstelle. Am Ende finden wir noch die Fischzucht der Familie Fischböck, die sich aus ein paar alten Fischbecken vom Wigo zu einer beeindruckenden Zucht entwickelt hat.

 

Erinnerungen

Erinnerungen vom Schorsch vom Kies, vom Merza-Sepp ergänzt und tw. redigiert

Das Kies war früher ein feuchtes Gebiet. Die Häuser hatten keine Keller. Und wenn man auf Höhe des heutigen Brunnens einen Stecken ins Erdreich schob, trat Wasser aus. Unser Vaterhaus war das Haus mit der Nr. 55 in der Heidenheimer Str. Nun mussten die Brunnhubers der Schorsch-Seite (Herkunft aus Österreich) natürlich auseinander gehalten werden. Da gab es Bernhard’s Marie, Bernhard’s Anne und Bernhard’s Bernhärdtle und dessen Sohn ist unser Schorsch. Als dem Bernhärdtle sei Jonger hat er natürlich bei den alten Stammtisch-Haudegen in der Grub‘ am Stammtisch sitzen, wo er manchmal auch heute noch am Samstag hinsitzt, hört was es neues gibt und die Hymne mitschmettert. Zwischen heutiger Umgehungstraße und G+S befand sich das „Kies-Stadion“ mit richtigen Toren, die in der Brunnhuber’schen Zimmerei hergestellt wurden. Am Sonntagnachmittag legte man ein Kissen auf die Fensterbank und schaute was auf der Straße los war und unterhielt sich durch die Fenster über die Straß‘ weg – wie Kino mit Schwätza ☺ Beim Oppolds Viktor (Haus Nr. 64) stand eine Bank vor dem Haus. Im Sommer traf sich dort, mitunter bei Most, das „Kies“ zum Schwätza ond V’rzähla. Die Alten erzählten sich gegenseitig alte Geschichten, die Jungen hockten auf den Stapfeln und hörten zu. Nicht selten mussten noch Stühle herangeschafft werden. Und eins war klar: Alle Kriege wurden in den Erzählungen gewonnen. Und die Jungen staunten später in der Schule nicht schlecht, als sie dort erfuhren, dass die Schlachten in der realen Welt alle verloren gingen. Bevor das alte Norma-Gebäude (heute Armin Jooß) gebaut wurde, standen in Richtung G+S alte niedrige Häuschen (ähnlich wie Katen gebaut), die oft dem Hochwasser ausgesetzt waren, besonders als Bäuerle den Kocher verdohlte. Auf dem alten Norma-Gelände stand früher der Bauernhof der Uhla-Theres. Vor ihrem Haus stand früher auch öfters ein Altar bei der Fronleichnamsprozession. Volkes Mund erzählt, dass diese Häuser so niedrig waren, dass „m’r aus d’r Dachrinn‘ häb‘ saufa könna“. Da konnte es schon auch vorkommen, dass das Wasser durch Ida Trittlers Häusle (Haus Nr. 51) und das der Familie Gold (Haus Nr. 53) hindurchschoss. Helene Golds Söhne waren Karl (Vater vom „GeGo“) und Edmund. Es war ein langes Haus mit dem Giebel zur Straße. Der Abriss der niedrigen Häuser erfolgte wohl Ende der 50er Jahre. Zwischen dem alten Gold-Haus und dem Brunnhuber’schen Haus gab es früher einen kleinen Weg in Richtung Bahnhof. Die korrekte kurze schwäbische Ansage von Anton Holz lautete: „Wick na, Schramm nom, glei Boahof dom“. Das Ski-Gebiet für die Kies-Jugend war zwischen Waldrand Rodhalde und Bahngleise. Auf diesem Gebiet tat sich Viktor Oppold hervor, der nicht nur herunterfahren, sondern schon wedeln konnte. Dieses Gebiet wurde auch als Schlitten- und Bobbahn benutzt. Adolf Bäuerle hatte einen 4er-Bob. Mit diesem fuhren der Merza-Sepp und seine Freunde sehr oft vom Waldrand bis zum Bahnübergang – manchmal auch drüber weg. Ebenfalls einen 4er-Bob hatte Eberhard Grupp. Und nun der Kracher: Karl Burkhardsmaier hatte einen 6er oder 8er-Bob. Bei Michael Gold gab es eine Modelleisenbahn, die sicher in allen Einzelteilen vom Unfried stammte, die für die Kieskinder ein Highlight war. Josef Seitz hatte einen Bagger und einen LKW und verdiente sich damit seinen Lebensunterhalt. Da gab es für die Buben immer etwas zu sehen. Sepp Merz und Partner traten als Jodel-Duo auf und wenn die beiden übten, wurden die Fenster aufgemacht um ihre Gesangsvorträge ins Haus zu lassen. Bekannt und berühmt wurden die beiden als „Herwartstein-Duo Merz und Spenny“, die immer Freude an schönen Liedern hatten. Musik öffnete nicht nur die Herzen, auch die Fenster. Guido Vetters Vater war der letzte Mühlenknecht vom Scheerer. Und man sah es ihm körperlich an. Mühlenknechte hatten in der Regel im Alter eine sehr gebeugte Haltung, denn das jahrelange Tragen der Mehl- und Getreidesäcke forderte seinen Tribut. Burkhardtsmeier hatte im Kies ein Geschäft und eine große Kalkgrube. Deren Blubbern zog die Buben magisch an und wenn sie der der Chef sah, verjagte er sie kurzerhand, denn einmal in die Grube fallen – des wär’s noa gwäsa. Dort wo heute die Leitz-Wohnblöcke stehen (Nr. 86, 88 und 90) war früher ein Fußballplatz, der dann später zum Segelfliegerhäusle verlegt wurde.

 

Dui G’schicht‘ von d’r ausg’fallene Mess‘

Oberministrant war damals Dieter Gold, die spätere Legende der Narrenzunft. Der läutete kurz um 6:00 Uhr das Morgenläuten. Die Ministranten Georg Brunnhuber und Manfred Löffler läuteten dann um 6:15 Uhr zur Frühmesse und um 6:30 Uhr begann die Messe. Doch eines Tages war kein Pfarrer zugegen. Schorsch wunderte sich, dass sein Ministrantenfreund ihn nicht abholte und begann um 6.15 Uhr, wie er es gelernt hatte, mit dem Läuten. Da kam die Krankenschwester mit den Worten gelaufen: „Bua was machsch denn? ‚S isch doch gar koi Pfarr‘ doa“. Und schon kamen ein paar Besucher herbeigelaufen. Was nun? Da machte die Krankenschwester eben schnell eine Andacht – musste zur Not eben auch mal reichen.

 

Die Dunglegen,

ein etwas gestelzter beschönigender Begriff, waren einfach Misthaufen. Davon zierten einst 23 (!) die Aalener und Heidenheimer Straße. Dem Amtsblatt von 1953 entnehmen wird, dass der letzte Misthaufen an der Hauptstraße vor dem Anwesen des Karl Fischer (Napoleon) geschliffen wurde (heute befindet sich die Möhrle-Praxis an dieser Stelle). Damit war die Gemeinde aber noch nicht misthaufenfrei – Josef Balle (d’r hentere Balle in d’r Feigengass‘) hielt seinen noch bis in die letzten Jahre. Damit ist ein Teil der Entwicklungsgeschichte in unserer Gemeinde endgültig zu Ende gegangen.

Die letzte Dunglage bzw. der letzte Misthaufen wird geschliffen (Archiv Rathaus)

 

Haus Napoleon-Fischer wird abgerissen 1983 (Archiv Schwäpo)

 

Napoleon-Fischer / Posmik – heute Praxis Möhrle (Archiv Rathaus)

 

Das wöchentliche samstägliche Bad

konnte man nicht nur im Keller der Dreißentalschule nehmen, sondern auch im Kies gab es Wannenbäder zur öffentlichen Nutzung. Diese Badeanstalt befand sich in der Nähe vom Spielwarengeschäft Unfried. Baden war damals Luxus und duschen war bei den Normalos noch gänzlich unbekannt. Unter der Woche war die sog. „Katzenwäsche“ üblich, oft auch nur mit kaltem Wasser. So war’s damals mit d’r Hygiene.

 

Erinnerungen von Luitgard Hügle, vom Merza-Sepp ergänzt und tw. redigiert

Das „Kies“ ist so etwas wie meine Ur-Heimat. Mitte des 19. Jahrhunderts kam mein Urgroßvater, Bauer und Bäcker aus Zang nach Oberkochen und heiratete sich in das Wiedenhöfer „Weber“-Haus meiner Urgroßmutter im Kies ein. Sie wurde 1844 geboren, als der legendäre „Bilzhannes“ (ihr Großonkel ) bereits gestorben war (siehe auch Bericht 289). Die Familie hatte 1 Mädchen, die spätere „Storchabecke“ und 5 Buben. Einer seiner Söhne, Georg Wannenwetsch, mein Großvater, wurde ebenfalls Bäckermeister und so lag es nahe, dass auch seine Söhne Bäcker und Konditoren im Kies wurden. Leider starben beide früh, der eine durch einen Verkehrsunfall, der andere in Stalingrad. Nach einer Zeit der Vermietung – alte Oberkochener werden sich noch an Bäcker Brammen und seinen Sohn erinnern, der die Bäckerei in der Kriegs- und Nachkriegszeit führte – übernahm meine „Dote“ Marie Wannenwetsch, zusammen mit einem Bäckermeister aus dem Bayrischen, die Bäckerei und dort begann mein Bruder Herbert, der „Hättere“, seine Lehre. Es war sein großer Wunsch, wie seine Vorfahren Bäckermeister zu werden. Die Dote verstarb früh und daher „musste“ ich deren Stelle übernehmen, wenigstens so lange bis Herbert ausgelernt hatte. Das Haus im Hasengässle bzw. Beckagässle (offiziell Heidenheimer Straße 56) war und ist bis heute praktisch das Zentrum vom Kies. Von der Heidenheimer Straße gehen drei Gässchen hinauf in Richtung Jägergässle, zwei davon ohne Ausgang, jeweils rechts und links vom Hasengässle, das zur damaligen Zeit im oberen Teil nur ein Fußweg war. Es wurde Ende der 50iger jedoch verbreitert, denn jeden Morgen strömten die „Zeissianer“ vom Bahnhof zur Arbeit – und am Abend kamen sie, etwas aufgelockerter zurück. Am Morgen musste ich um 7 Uhr da sein, denn da waren auch schon die Bleche fertig mit Hörnchen, Mohnstrudel, Teigtaschen … und natürlich Wecken und Brezeln, welche die Zeissianer für ihre Pausen kauften. Gleich am ersten Tag kam aus dem gegenüber, etwas zurück liegenden, weißen Haus die Kleebauerin im Schurz und mit Pantoffeln herüber gesprungen und vergoss ein paar Tränen, weil die Marie so jung hat sterben müssen. Sie kam oft daher gerannt und einmal, als sie ihr „Gerhätle“ , der immer auf der Gass‘ rumstand, nicht gesehen und ich ihr gesagt habe, dass ich den etwa 14jährigen Buben zur Kreissparkasse zum Geldwechseln geschickt habe, ist sie gleich auch davon und ihm hinterher gerannt. Die Kreissparkasse war damals im Haus des Wingert-Sepper (Haus Nr. 33), also auf der anderen Straßenseite der Heidenheimer Straße. Durch das schmale Gässle beim Kleebauer, kam man in die dahinter liegende Gasse, da wohnte die „Christe“ mit ihrer Tochter Sophie und Sohn Hans Holz und deren Familien. Der Schwiegersohn von der Holza Christe, Hans Kolb, sagte: „Mei Schwiegermutter kehrt da Hof mit’m Zahnbürschtle“, aber oft saß sie mit ihrem Mann auf dem Bänkle vorm Haus. Darunter, der Heidenheimer Straße zu, wohnte die alte Frau Wehrle, die auch manchmal bei uns einkaufte. Jeden Tag, bald nach dem Mittagessen kam ihre Tochter, die „Kätter“ angestakst und kaufte 1/8 Pfund Kaffee, also 62,5 g. Damals gab es noch fast alles lose: Mehl und Zucker, Eier und Nudeln. Kaffee aber war abgepackt. Ich machte also das Päckchen auf und habe die Bohnen gemahlen. Außer der Kaffeemühle und der Bizerba-Waage gab es auch bald einen Kühlschrank, aus dem ich Butter und Milch verkaufte. Kunden waren, aus dem Haus gegenüber der Bäckerei, die Müllers, Karl und Irmgard mit ihrem Reinhold, Josef und seine Frau aus Unterkochen und deren Sohn Klaus, der „Mulei“. Wenn die Kinder mit der Oma, der alten Frau Müller kamen, haben sie immer etwas „Süßes“ bekommen. Zu mir hat sie dann mal gesagt: „Oh wenn no dui Fasnet au bald vorbei wär, noach so ma Aob‘nd gibt’s emmel Streit und Eifersucht“. Immer wenn Kinder kamen, habe ich mich gefreut: Von hinten rüber kamen die Töchter vom Holza-Hans, Helga und Heidi; von Löfflers unten die Monika und die Maria. Mit ihrer tiefen Stimme sagte sie „a Brezg“ und tat sie dann in ihr Körble für den Kindergarten. Auch die Jerg Brigitte und ihre Geschwister kamen oft vorbei. Von oben kam Frau Hassinger. Sie hat oft noch etwas fürs Mittagessen gebraucht, hat sie doch für eine große Familie gekocht. Außer für ihren Mann, auch für ihre Tochter Gertrud Bauer, die so bald ihren Mann verloren hat, und für deren 4 Kinder, an die ich mich noch gut erinnere, besonders an den kleinen Stefan, der auch sein Kindergarten-Vesper holte. Von noch weiter oben, schon Keltenstraße, kam Frau „Ketteles“-Mayer. Deren Kinder waren schon groß, aber sie selbst nahm sich am Nachmittag Zeit für den Einkauf und ich habe gerne mit ihr geschwätzt. Im Haus unterhalb Müllers wohnten die Sanwalds (Haus Nr. 60) und die alten Burrs mit ihrer Ruth sowie die Regensburgers. Sie kam einmal mit einem 50-Pfennig-Stück in der Hand daher und sagte, dass sie das im Brot gefunden habe. Wie es da rein kam, war mir ein Rätsel. Frau Regensburger kam oft rüber, um etwas zu kaufen und hat beim Bezahlen immer mit dem langen Fingernagel ihres kleinen Fingers auf den Ladentisch geklopft. Noch weiter unten, schon in der Heidenheimer Straße 64, wohnten die alten Oppolds mit ihrer Tochter, der Frau Oser und deren Tochter Hannelore. Ebenfalls in diesem Teil des Doppelhauses wohnten noch die Steiners. Im anderen Hausteil wohnte die Familie Viktor Oppold mit seiner Frau, der „Grazer’s-Thekla“ und den Kindern Viktor, Hildegard und Rosemarie. Viktor war mein Schulkamerad und später als Sir Kies geadelt. Neben Oppolds Viktor nach Süden hin wohnte Anton Löffler, der Bruder von Bernhard, mit seiner Familie. Seine Frau war eine „Grazere“. Sie hatten 2 Töchter. Eine davon, Frau Schneider, wohnt heute noch im Elternhaus. Im 1. OG wohnte Max Kaiser (Meister beim Leitz) mit Frau und den Kindern Margot und Gerhard. Anton Löffler kaufte das Vorgängerhaus (Bauernhaus) vom Merza-Sepp seiner Uroma Maria Gold. Ihr Mann war der alte Michael „Marks“ Gold, der 1895 beim Ochsenbrand ums Leben kam. Nachdem keiner der Söhne von Maria Gold die Landwirtschaft übernehmen wollte, wurde das Anwesen verkauft. (Johannes wurde Gärtner, Markus und Anton Bohrermacher bei Leitz). Sepp‘s Uroma baute sich mit ihrer Tochter Marie und deren Tochter Katharina ein Häuschen im Garten unterhalb des „Holza-Hans“. Die Hildegard hat oft Vesper geholt für die Leute bei der Firma Oppold und wenn sie dann zurück in die Firma kam, hat sie laut verkündet „Herr Hiiigle, des Fräulein Grupp hat auf ihre Brezg‘ b’sonders dick Butter gschmiert“ (da sage ich nur: Liebe geht eben doch durch den Magen). Im Haus Nr. 54 wohnte mein anderer Schulkamerad, Josef Wingert – Hausname „Balgadag“. Die meisten Leute haben Brot gekauft oder etwas zum Backen gebracht. Frau Ortsbaumeister Weber hat am Samstag oft „Bruckhölzer“ gebracht, um sie in den Backofen zu schieben. Regelmäßig mit viel Teig für Brot kamen „s’Nochta“ Familie Karl Gold, deren Haus etwas zurückversetzt zwischen den Familien Holz-Wunderle und den Golda-Bauers, hinterm Küfner und vor‘m Goldabauer. Goldenbauers Anna kam zusammen mit den Zwillingen von Engelbert und Rita. Auf die Frage wie es ihr gehe, sagte sie „Wamma no koa“. Am Samstag gab es auch offenes Kraut, da brachten die Kunden entsprechende Töpfe mit. Burghardtsmeiers Anna kam fast jeden Samstag mit ihrem Töpfle. Auch Frau Wick, die Oma vom Schorsch Brunnhuber, kaufte am Samstag immer ein „Kipfle“ und erzählte mir, dass sie vom Röthard stamme. Ihre Tochter war mir eine sehr liebe Kundin, kaufte Verschiedenes und erzählte von ihrer Inge, die jeden Morgen ihre „Farah-Diba-Frisur“ vor dem Spiegel machte, bevor sie zur Arbeit nach Aalen fuhr. Von Georg, ihrem Sohn, erzählte sie, wie er in Ellwangen im „Stift“ zur Schule ging. Auch ein Teil des Jägergässles gehört wohl noch zum Kies. Neben den Hassingers und Frau Ortsbaumeister Weber kam auch Frau Bürgermeister Helene Bosch, immer nett und freundlich, sowie die Frau von Hans Bezler, „d’r Hänsle vom Grünen Baum“, die später nach Balingen gezogen sind. So war es in der Zeit von 1957 bis 1960. Herbert stand noch in der Grube vor dem alten Backofen, wenn er Brezeln in die verdünnte Lauge tauchte, und wenn er das Brot in den unteren Ofen einschob. Brot und Brezeln wurden noch von Hand geformt. Der Ofen wurde mit Holz und Kohlen befeuert. Um am frühen Morgen gleich Sauerteig zu haben, musste er auch am Sonntagnachmittag gegen 5 Uhr „anlassen“. Im hinteren Hof der Bäckerei stand noch der Schweinestadl und eine große Scheuer. Heute sieht einiges anders aus, aber viel hat sich letztendlich doch nicht verändert. D’Kiesleit send emmer no d’Kiesleit ond bleibets au. Im Kies herrschte schon immer ein besonderer Geist.

Familien-Idylle im Kies (Privat Krista Hurler)

 

Einige Ergänzungen vom Merza-Sepp:

Da war noch das Haus der Familie Thierer. Herr Thierer war Fahrer bei der Spedition Petershans & Betzler. Der Sohn Paul war Jahrgang 1937 und hat mit uns Fußball gespielt. Im anschließenden Gässle konnte man hinauf zu Erich und Lydia Kolb (Haus Nr. 50). Hier wohnte auch die Witwe Jäckle mit ihrem Sohn Reinhold, der mit mir zur Schule ging. Gegenüber (Haus Nr. 46) wohnte die Familie Schaupp mit ihren Söhnen Siegfried, Hubert und Roland. Siegfried wohnte bis zu seinem Tod im elterlichen Haus, das nun seine thailändische Frau Lek bewohnt. Frau Schaupp sang sehr schön und gab Gitarren-Unterricht. Daneben, in Haus Nr. 48, wohnten die „Napoleons“, Vater Karl mit seiner Frau, der „Schmied-Jörgles Rosa“ und deren 7 Kinder. Das Gässle führte vorbei am „Bomba-Beck“ hinauf zu Hassingers und weiter zu den Firmen Leitz und Zeiss. Man konnte sogar an der Gärtnerei Schäfer (der Firma Leitz) vorbei hinauf zur Familie Illg und weiter bis zur Volkmarsbergstraße gehen. Gegenüber vom Paul Thierer wohnte der „Diftele“ Kopp (Haus Nr. 44). Mein Opa züchtete Hasen (belgische Riesen) und Herr Kopp war für’s tätowieren der Löffel derselben zuständig und kaufte später auch die Felle. Im Erdgeschoss des Kopp’schen Anwesens betrieb der Sohn Otto einen kleinen „Tante-Emma-Laden“. Herr Kopp sen. betrieb auf dem Volkmarsberg neben dem Turm einen Kiosk.

Das Kiosk am Volkmarsberg neben dem Turm (Privat Krista Hurler)

 

Da musste dann am Wochenende die ganze Familie mitarbeiten. Auf meiner Seite der Straße wohnten Rosa Wunderle (deren Eltern in Aalen Wirtsleute auf der „Bierhalle“ (dem ältesten Gasthaus Aalens) bei der Stadtkirche waren. Ebenso wohnten dort „Hugoles Mathild“, die Familie Bernhard Löffler sowie Uhls, Hanslers, Frau Weiss, der Opa Joas, Frau Ida Trittler mit Familie. Deren Tochter Regina war eine hervorragende Ski-Langläuferin, die es u.a. bis zur schwäbischen Meisterin brachte und später den Harald Fickert geheiratet hat. Dann kam Helene Gold mit ihrer Familie. Später wohnte in ihrem Haus die Großfamilie Rapp. Daneben in südlicher Richtung kam das Haus Wick mit Bernhard Brunnhuber mit Frau sowie einer Tochter von Wick mit ihren Kindern Ingeborg und Georg – unserem Schorsch vom Kies. Auch der vorher schon erwähnte „Bomba-Bäck“ und sogar der frisch vermählte Rudolf Fischer, seines Zeichens Pflugwirt, mit seiner Erika, waren gern gesehene Mieter im Hause Wick. Nach Löfflers (Haus Nr. 57) kam die liebe Frau Seitz mit ihren Söhnen Heinrich, Karl und Josef (Haus Nr. 59). Im zusammengebauten Haus nach Süden hin wohnte der „Marxen-Gärtner“ mit seiner Frau Anna geb. Trittler sowie deren Töchter Gudula Drumm mit Familie sowie ich mit meiner Mutter und meinen Schwestern (Haus Nr. 61).

A ganz B‘sondere war „d‘ Weckere“. Sie war oftmals recht böse. Ein Beispiel dazu: Ich hatte über meine Tante Lina, die Mutter vom „Murxle“ einen Gummi-Fußball erhalten. Sie bekam ihn von den Amis, die damals bei der Fa. Leitz untergebracht waren und für die sie Wäsche gewaschen hat. Wir Kies-Kinder spielten auf dem Gemeindeplatz, wo heute der Kiesbrunnen steht, Fußball. Für Frau Wecker war der Krach einfach zu laut. Also schlich sie sich das Holza-Hans-Gässle hinauf und klaute uns den schönen Fußball. Das war allerdings nicht alles. Denn sie nahm den Ball mit in ihre Wohnung, stand dort am Küchenfenster und zerschnitt den schönen Ball mit einem Messer und warf ihn dann zu uns herunter. Mir blieb das Herz stehen. Meinen, unseren einzigen Fußball kaputt und diese böse Frau stand am Fenster und lachte uns aus. Ich nahm sofort einen handgroßen Stein und warf ihn hinauf zu Frau Wecker. Sie konnte gerade noch das Fenster zumachen. Sonst hätte ich sie unweigerlich getroffen. Allerdings zerschmetterte der Stein das Fensterglas des Küchenfensters. Frau Wecker ging dann sehr aufgebracht zu meinem Opa und erzählte, dass ich das Fenster kaputt gemacht hätte. Mit keinem Wort erwähnte sie, dass sie meinen Fußball zerschnitten hatte. Mein Opa hat mir dann gewaltig mit einem Strickstompa „aufg’spielt“. Im Hause der Fa. Brunnhuber (Haus Nr. 76) wohnten außer der „Weckere“ u.a. Fritz Holz mit Familie, die Familie Honikel, Familie Hauber und Familie Jerg. Unter dem Dach wohnten auch 2 Flüchtlingsfamilien. Der „Spatzen-Bruno“ (richtiger Name unbekannt) wohnte eine längere Zeit im Haus. Er schoss mit einem Luftgewehr für eine Gemeinde-Prämie Spatzen und Ratten ab. Mit der Gemeinde wurde die Prämie anhand von Rattenschwänzen abgerechnet. Bei den Spatzen weiß ich nicht mehr wie das ermittelt wurde.

Bis der Schluss folgt „könnet Ihr weiter drieber schwätza“.

Ihr Wilfried Billie Wichai Müller vom Sonnenberg.
Email: wichai@t-online.de, Tel.: 07364 - 92 11 10 und Mobil: 0171 2217 530

 

 
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