Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 691
 

Schüler entern das Gymmi und hissen eine Piratenflagge

 

Einführung.

Es gibt Verbrechen, die niemals verjähren. Dazu gehören auch 1. Mai-Scherze ☺. Nach 50 Jahren im Dunkel der Zeit führten umfangreiche Ermittlungen des „Sonderermittlers Billie Müller“ zum Erfolg. Die Tat, Umstände und Ausführung, konnten endlich aufgeklärt werden und stehen nun erstmals in ihre Gänze und Schwere der Öffentlichkeit in allen Details zur Verfügung. Dass dies im Jubiläumsjahr 2018 möglich ist, ist letztendlich auch eine Folge von regelmäßigen Schulzeit-Treffs, bei denen dieser Fall hin und wieder zur Sprache kam. Es wird also dieses Jahr nicht nur der Stadterhebung von 1968 gedacht, sondern auch eines Schüler-Scherzes, der seinerzeit für Furore in unserer Gemeinde sorgte.

Unser Maibaum

 

Aufruf zum Tanz in den Mai

Zum 1. Mai gehört natürlich auch der 30. April

– die sogenannte Walpurgisnacht, wenn die Hexen auf dem Blocksberg feiern. Da will das gemeine Volk natürlich nicht abseitsstehen und erfand den Tanz in den Mai und es floss reichlich Mai-Bowle oder auch Waldmeister-Bowle genannt. Zu einem der ältesten Maibräuche gehört das Aufstellen und Stehlen des Maibaums. Wer aus dem Süden Deutschlands kommt, kennt vermutlich den Schabernack, der in jener Nacht immer getrieben wurde. Der Brauch beinhaltet allerlei Unsinn, wie das Umstellen von Gegenständen, die nicht fest verankert sind oder das verschleppen von Gartentürchen. Dafür spazieren die Übeltäter gerne in fremde Gärten, achten in der Regel aber darauf, keinen echten Schaden anzurichten. Leider verändern sich Bräuche im Laufe der Jahrzehnte und die Jugendlichen konnten und können nicht mehr zwischen Schabernack und Sachbeschädigung und Zerstörung unterscheiden. Alte Oberkochener erinnern sich noch, dass man schon mal einen demontierten bäuerlichen Heuwagen am nächsten Morgen, auf dem Dach festgebunden, wieder gefunden hat.

Mai-Kundgebung bei der Dreißentalschule

Der 1. Mai

an sich ist in sehr vielen Ländern ein Feiertag und wird offiziell „Tag der Arbeit“ genannt. An diesem Tag werden Kundgebungen abgehalten, große Reden seitens der Gewerkschaften an die Lohnabhängigen und deren Arbeitgeber gehalten und mancherorts (wie z.B. in Wien) gibt es am frühen Vormittag noch große Umzüge, die von Musikkapellen angeführt werden. Als Kind habe ich noch am Hof der Dreißentalschule solche Veranstaltungen miterlebt. Heute versucht man noch den Brauch des Mai-Festes rund um den Maibaum zwischen Linden- und Bohrermacherbrunnen am Leben zu halten – mit mehr oder weniger Erfolg.

Eine Mai-Wanderung in den 1950ern

Kegelclub Sonnenberg bereit zur Mai-Wanderung – Namen von li nach re
Hintere Reihe:
Adolf Reber, Michael Meier, Alfons Hermann, Hermann Huber, NN, NN, Magdalene Vater, Anton Hölldampf
Mittlere Reihe:
Emma Reber, Elisabeth Hermann, NN, Ottilie Huber mit Renate, Hildegard Müller, Marie Kolb, NN mit NN
Vordere Reihe:
Barbara Huber, Wilfried Müller, Manfred Vater, Adolf Kolb

Eine Maiwanderung

war Bestandteil meiner Kindheit. Es ging beispielsweise nach Essingen mit einer Einkehr in Tauchenweiler oder eine Fußwanderung zur Theres nach Niesitz. Unterwegs schaute man sich nach Maiglöckchen um und der ein oder andere Herr des „Kegelvereins Sonnenberg“ hatte bis zur Ankunft im Gasthaus einen kleinen Strauß an seinem Strohhut befestigt.

Der kommende Mai wurde auch musikalisch gebührend gewürdigt. In der Schule sangen wir das Volkslied „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus“ und in den umliegenden Kapellen wurden den ganzen Monat über Mai-Andachten zu Ehren Marias zelebriert, die überwiegend von den Frauen besucht wurden und die dort ihre Stimme für die Marien-Lieder erklingen ließen wie z.B. „Meerstern ich dich grüße“ und „Maria, Maienkönigin“.

 

Doch nun zurück zu einem beeindruckenden nachhaltigem 1.-Mai-Scherz aus dem Jahr 1968.

Eine Gruppe von SchülerInnen wollte ein Zeichen setzen, einen Gag abliefern wie ihn die Gemeinde noch nicht gesehen hat. Ob es wegen der Stadterhebung etwas ganz Besonderes sein sollte – das ist nicht mehr zu ermitteln. Es war aber in den Verhören deutlich herauszuhören, dass es einfach darum ging „das Schulschiff zu entern“. Irgendwann war sie wohl da – die Idee von der Piratenflagge, die es auf unserer Schule zu hissen galt. Da es eine klassenübergreifende Aktion war, liegt die Vermutung nahe, dass die Wurzeln wohl im „Schul-Chor“ oder im „Zeiss-Jugend-Club“ waren. Im Geheimen und doch öffentlich auf dem Pausenplatz wurden die Dinge besprochen, organisiert und nach und nach umgesetzt. Treibende Kräfte der damaligen Crew erzählen davon wie es wirklich war.

Strenges Verhör mit Friedemann „Fiddi“ Blum am 3. Juli 2017 im Gasthaus „Pflug“ zu Oberkochen bei Bratwurst, Kartoffelsalat und Bier. Uwe „Yves“ Meinert schrieb sein Geständnis per Email und Wolfgang „James“ Jacob lud zu einer Privataudienz nach Horb ein:

Gehisste Piratenflagge 1968

Ablauf der damaligen Geschehnisse.

Der 1. Mai 1968 war seinerzeit ein Mittwoch und bis Dienstag 30. April musste alles fertig sein. Der schwarze Stoff für die Flagge wurde im ORION, im damaligen Kaufhaus in Aalen (heute steht dort das Mercatura. ORION hatte damals die erste und einzige Rolltreppe in Aalen. Man fuhr extra nach Aalen um Rolltreppe zu fahren und der Musik aus den Deckenlautsprechern zu lauschen, die einen zum Kaufen animieren sollte ☺. In der Nähe der Rolltreppe befand sich das Highlight des Hauses für die Jugendlichen: Eine Plattenbar mit telefonhörerartigen Lautsprechern um sich die Platten anzuhören, bevor wir sie, mangels Masse, doch nicht kaufen konnten. Zurück aus Aalen wurde der weiße Piratenkopf ausgeschnitten und aufgenäht. Im Wald wurde ein Bäumchen gefällt und als Mast umgearbeitet. Jetzt musste noch ein Flaggenständer aus einem Hohlblockstein und eingefülltem Zement gebaut werden. Diese vorbereitenden Arbeiten wurden im Laufe der letzten April-Woche im Wald über dem Gymnasium durchgeführt und vor möglichen Förster-Blicken gut getarnt und versteckt. Am 30. April nachmittags wurden Stein und Mast vom Wald hinunter, bis zur untere Heckenreihe über dem Progymnasium transportiert und zwischengelagert. Diese Aktion war kräftezehrend und durchaus auch gefährlich. Im Raum 4 (im rechten äußeren EG-Raum zur Hangseite gelegen) wurde das Fenster entriegelt. Und somit war alles Menschenmögliche im Vorfeld getan – jetzt konnte es losgehen. Die Gruppe legt Wert darauf, dass alles ordentlich eingekauft und handwerklich sauber verarbeitet wurde (vom Nähen bis zum Zement anrühren), mit Ausnahme des Fahnenmastes. Den „liehen“ wir uns im Wald aus. Insgesamt lässt sich sagen, dass die ganze Aktion für die Gruppe 15/16-Jähriger durchaus eine logistische Herausforderung war.

Der große Tag kam. Treffpunkt war für uns damals immer der alte Musik-Pavillon am Rathaus. Die Aktion rollte an und fast war es vorbei bevor es anfing. Die Dachleiter ging kaputt, weil der Stein so schwer war. Doch dann, Wolfgang Schwabs Physik-Unterricht sei Dank, erinnerten wir uns an die Hebelwirkung der klassischen Mechanik – nennen wir es also angewandte Physik – und siehe da, es funktionierte mit Hilfe eines Stuhles – wir hatten also auf dieser Lehranstalt etwas Praktisches gelernt. Nachdem alles auf dem Dach war (Stein, Mast und Fahne) wurde alles flott installiert. Dabei musste vor allem auf das patrouillierende Polizeiauto geachtet werden. Jedem Täter wurde ein Fluchtweg zugeordnet und dann ging es ab über die Straßen, Wege, Büsche, Hindernisse aller Art. Das Adrenalin im Blut ließ uns alles überwinden und nach getanem Werk ging jeder angemessenen Schrittes nach Hause mit dem Gefühl dass „etwas Großes vollbracht“ wurde. Am nächsten Tag fuhr ein Teil der verschworenen Gemeinschaft nach Oberschwaben auf eine mehrtägige Exkursionsfahrt und vergaß das Ganze. Der andere Teil wurde ab dem 2. Mai mit den Konsequenzen konfrontiert.

Am Montag, 6. Mai waren wir wieder in unserem Gymmi zurück und verstanden die Welt nicht mehr. In der Zwischenzeit war ein mediales Unwetter, durch die BILDzeitung verursacht, über unserer kleinen aufstrebenden Gemeinde niedergegangen. Alle üblichen Verdächtigen, natürlich war ich da mal wieder dabei, wurden umgehend ins Büro des Direx Schrenk zur Vernehmung einbestellt. Die vermeintlichen Umfall-Kandidaten wurden zuerst in die Mangel genommen um das ganze Komplott umgehend aufdecken zu können. Auch wurde uns mit Begriffen wie Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch, Einbruch, Landesverrat (man lese und staune) und anderen Schreckensszenarien gedroht, um unsere Zungen zum Reden zu bewegen. Es dauerte nicht lange und die ersten Kandidaten fielen um und nannten Namen und so stellte sich die ganze Truppe dann mehr oder weniger freiwillig, um es den Schwachen nicht zu schwer zu machen.

Was den Fahndern aber unklar blieb, war die Frage: „Wie sind die Schüler ins Innere gelangt?“. Denn das Fenster wurde am 2. Mai morgens natürlich wieder sorgfältig geschlossen☺. Jetzt erst nahmen wir wahr was da politisch und medienpolitisch los war. BILD hetzte auf Seite 2 oder 3 und telefonisch nach dem Motto „Herr Schrenk, was ist denn da auf Ihrer Schule los?“. Die kurz zuvor abgehaltene Landtagswahl mit ihren „Schock-Ergebnissen“ tat ihr Übriges dazu. Die NPD holte damals erstmalig ein knapp zweistelliges Ergebnis mit 9,8 % und flugs waren wir von der BILD in die Ecke „Nazis, Waffen SS und gar SS Division Totenkopf“ gedrängt. Bei noch so viel Phantasie hätten wir uns das nicht vorstellen können. Deshalb auch die überzogenen Reaktionen der Schulleitung, die mit diesem medialen Druck wohl nur schwer umgehen konnte.

Nachdem die Wogen (wie nach jedem Sturm) etwas geglättet waren, ging es an die pädagogischen Schuldsprüche: Es kam da alles Mögliche an pädagogischen Maßnahmen zum Einsatz wie z.B. mehrmals Pausenhof kehren, an mehreren Samstagen Spendensammlungen in Haus-zu-Haus-Manier für die Blinden durchführen, Stühle auf dem Festplatz vor dem Rathaus für die Stadterhebungsfeier aufstellen, Verweise, Sozialarbeit und Riegel’s Aquarien und Terrarien säubern. Auch die Grünflächen zwischen der Walter-Bauersfeld-Straße, dem Gutenbach und der damaligen Schillerstraße mussten vor dem Stadtfest gesäubert werden. Die Stadt wollte es ja schön haben ☺. Wir sehen, dass es Strafen von der Schule und von der Stadt (sprich dem damaligen BM Gustav Bosch) gab. Die ganze Truppe musste sich auch zum Rapport beim Bürgermeister vorstellen, denn eine offizielle Anzeige musste ja auch unbürokratisch vom Tisch.

Lehrerkollegium Progymnasium 1968 – Namen von li nach re

Hintere Reihe:
Schnapper, Vik Haug, Fischer, Sauerer, Bantel + Bantel, Bertsch, Hohmuth, Vik Klappenecker, Fäser
Mittlere Reihe:
Thiem, Fahr, Enders, Seckler, Hermann, Müller, Stadlmaier, Schwab, Riegel, Rapp
Vordere Reihe:
Thiem, Zimmer, Pfr Forster, Ulrich, Schrenk, Krug, Wick, Geiger + Pfr Geiger

Die Lehrerschaft (und hier erstaunlicherweise besonders Rudolf Thiem) sah das Ganze interessanterweise nicht mehr und nicht weniger als das was es war – Ein Aprilscherz. Das Kollegium wollte das Ganze nicht so hoch hängen (wie Hans-Jürgen Hermann heuer rückblickend versichert), denn dieses Projekt hat uns letztendlich Dinge gelehrt für die der Anspruch der Schule auch stand: Freies Denken, Phantasie und Organisationstalent entwickeln, selbständig handeln sowie Zusammenhalt fördern und Teamgeist pflegen – haben wir somit alles gemacht ☺.

Die Lausbuben und Mädchen von damals stehen auch heute noch dazu, den es war nur ein April-Scherz, wenn auch ein heftiger.
Sollten bisher nicht alle Täter ermittelt worden sein, so besteht nun die Chance sich nochmals freiwillig zu stellen. Normalerweise wäre ich auch dabei gewesen, nur konnte ich an diesem denkwürdigen Abend das Haus nicht verlassen, weil an diesem Tag bis spät nach Mitternacht an unserem Bad-Anbau gearbeitet wurde und ich nicht den Hauch einer Chance hatte, unser Piraten-Flaggen-Team zu verstärken und entging damit auch den schulischen und elterlichen Konsequenzen. Die Schwäpo untertitelte das Bild, dessen Original nicht mehr aufzutreiben war mit dem Text: „War die Aufstellung dieser Fahne mit Totenkopf unter dräuenden Gewitterwolken auf dem Dach einer Schule im Kreisgebiet nicht ein etwas makabrer Mai-Ulk?“

In der damaligen Schülerzeitung „Scolasso“ finden wir dazu folgenden stenografischen Ablauf:
23:15 Uhr – Eintreffen der Täter samt Baum am Schauplatz 23:40 Uhr – die 7 Meter hohe Birke ist bis zum Gipfel des Kamins gebracht worden 23:50 Uhr – Der Baum ist befestigt und wird nun geschmückt 24:00 Uhr – Das Werk ist vollendet, der Baum steht, die Fahne flattert im Wind, die Aktion wurde generalstabsmäßig geplant und umgesetzt und die Täter tauchen unter.

Natürlich muss in diesem Zusammenhang auch die damalige offizielle Schulflagge gezeigt werden und wir sind sicher, dass unsere mit mehr Herzblut hergestellt wurde.

Die alte Schulflagge von 1959

Anmerkungen zur damaligen Landtagswahl in Baden-Württemberg.

Die Wahl fand am 28. April 1968 statt. Die SPD verlor stark, die CDU musste ebenfalls Verluste hinnehmen. Zugewinne gab es für die FDP/DVP und vor allem für die NPD, die aus dem Stand 9,8 % der Wählerstimmen erobern konnte. Die von Ministerpräsident Hans Filbinger geführte Große Koalition aus CDU und SPD wurde fortgesetzt. Nach der Gründung der NPD im Jahr 1964 bildeten sich rasch Landesverbände. Der Landesverband Baden-Württemberg entstand 1965, Wilhelm Gutmann wurde zum ersten Landesvorsitzenden gewählt. Auch in Baden-Württemberg bildeten die Strukturen der sich auflösenden DRP die Grundlage der Organisation der neuen Partei. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg 1968 fand kurz nach den „Osterunruhen“ statt, die nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 stattfanden. Dieses Ereignis war nach Meinung der meisten Beobachter Hauptgrund für das schlechte Abschneiden der SPD und das höchste Ergebnis der NPD, das diese Partei jemals bei Landtagswahlen erreichte. Sie profitierte dabei von der im Bund regierenden (ersten) Großen Koalition (1966-1969). Durch dieses Bündnis war die CDU in die Mitte gerückt, und der NPD gelang es, unzufriedene Wähler vom rechten Rand zu gewinnen.

Der Wahlsieg blieb Episode. Die NPD verzichtete bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 1972 auf eine erneute Kandidatur und forderte stattdessen ihre Anhänger auf, die CDU zu wählen. Dieser Entscheidung war eine Serie von Wahlniederlagen der NPD vorausgegangen, in deren Folge sie bei keiner Wahl die Fünf-Prozent-Hürde überwinden konnte und somit ihre Mandate in allen Landtagen verloren hatte.

Wahlstatistik 1

 

Wahlstatistik 2

 

Es grüßt die alte Piraten-Truppe mit ihrem Statthalter Wilfried Billie Wichai Müller vom Sonnenberg.
Email: wichai@t-online.de, Tel.: 07364 - 92 11 10 und Mobil: 0171 2217 530

 

 
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