Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 690
 

Unsere Bienen und ihre aktuelle Lebenssituation

Vorweg

Der plötzliche Tod unseres Didi Bantel wird Auswirkungen haben – in seiner Familie, in unserer Gemeinde und im Heimatverein. Schlicht und einfach – er wird fehlen. Für alle augenscheinlich werden es seine Berichte sein. Ich werde versuchen meine Intensität etwas zu erhöhen, aber ohne Unterstützung durch Euch, liebe LeserInnen, wird das nicht zu schaffen sein. Deshalb der Aufruf mit der Bitte um Unterstützung. Sei es durch Ideen, Bilder und Dokumente und durch eigene Berichte, die ich immer gerne unterstütze. Und an die jüngeren ergeht die dringende Bitte – „schmeissat d’hoim net älles auf d‘ Müll“ was Eure Eltern und Großeltern aufgehoben haben. Vielleicht „koa m’rs no braucha“.

 

Intro

Beim Recherchieren in alten Amtsblattausgaben fiel mir kürzlich ein Bericht aus dem Jahr 1957 von Bernhard Höfer aus dem Kapellenweg 12 in die Hände, der das Thema „Bienen“ in der damaligen Zeit ausführlich behandelte und ich beschloss, zusammen mit Jürgen Brachhold, einen Bericht über die Bienen zu schreiben. (Der komplette Artikel von Herrn Höfer ist auf der WebSite hinterlegt und ist, obwohl schon 61 Jahre alt, brennend aktuell).

Bienen-Bericht von 1957 ← hier klicken

 

Bienenvölker in Oberkochen

1854 gab es 38, 1954 zählte man 80 und 1965 standen 164 Bienenstöcke in Oberkochen. Aktuelle Recherchen beim Landratsamt ergaben, dass es 2017 insgesamt 13 Halter mit 58 Völkern gab.

Verkaufsanzeige aus den 50ern

 

Heimat

schließt auch die Natur um uns herum ein. Wenn wir unsere Heimat bewahren wollen, gehört auch Feld, Wald und Flur mit ihren jeweiligen Bewohnern dazu. Seit 2016 beobachte ich in meinem Garten folgende Veränderungen: Weniger Vögel, unbesetzte Nistkästen, fast keine Schmetterlinge mehr, deutlich weniger Bienen und andere Insekten. In meiner Kindheit gab es so viele Insekten, dass man im Haus gelbe Fliegenfänger aufhängte und die Autoscheibe nach 2 Stunden Autobahnfahrt gereinigt werden musste. Die Dinge verändern sich, besonders in Feld, Wald und Flur. Inzwischen haben sogar die Medien davon Kenntnis genommen und Ulrich Kleber vom Heute-Journal hat ungläubig zur Kenntnis genommen, dass es heute knapp 80 % weniger Insekten gibt als früher. Wenn das Problem nicht gelöst werden kann, werden wir die Konsequenzen tragen müssen, die größer sein werden, als wir uns vorstellen können.

 

Bienen

Heute ist überall vom Verschwinden der Bienenvölker die Rede und ein Roman mit dem Titel „Die Geschichte der Bienen“ schob sich in den Bestsellerlisten ganz nach vorne. Auch die beiden Kinofilme „More than Honey“ und „Die Bienen“ sind bemerkenswerte Filmerlebnisse. In Buch und Film wird das Verschwinden der Bienen und die daraus entstehenden Folgen beeindruckend beschrieben. Da wir aber im Allgemeinen ein ziemlich geringes Interesse gegenüber Insekten haben, machen wir uns keine Gedanken darüber, dass die Bienen für uns Menschen überlebenswichtig sind.

Die Biene – ein Wunder der Natur

Die Biene ist kein Individualist, sondern ein Lebewesen, das nur Arbeit und Pflicht innerhalb eines Volkes, dem Bienenvolk, in einem kurzen arbeitsreichen Leben kennt. Der Staat besteht aus einer Königin, den Drohnen und den Arbeiterinnen. Es gibt weltweit ca. 20.000 Arten, davon ca. 500 in Deutschland. Der Lebenslauf einer Biene gestaltet sich wie folgt: Die Biene ist vom 1ten bis zum 2ten Tag Zellenputzerin, vom 3ten bis 12ten Tag Amme, vom 13ten bis 17ten Tag Wasserträgerin und Bauarbeiterin und vom 18ten bis 21ten Tag Wächterin. Erst ab dem 22ten Tag ist sie Sammlerin bzw. Flugbiene. Nach 35 Tagen endet ihr Arbeitsleben ohne Rente ☺. Die Winterbiene schafft es auf 6 Monate und die Königin, weil bestens beschützt und verpflegt und für das Volk überlebenswichtig, bringt es auf 3 bis 4 Jahre Lebenszeit. Das Sammelgebiet eines Bienenvolkes erstreckt sich auf annähernd 50 Quadratkilometer. Für 500 Gramm Honig müssen Arbeitsbienen rund 40.000 Mal ausfliegen und dabei eine Flugstrecke von rund 120.000 km zurücklegen. An guten Tagen können die Sammlerinnen eines Volkes mehrere Kilogramm Blütennektar einfliegen. Jedes Volk produziert eine durchschnittliche Erntemenge von 20 - 30 kg Honig im Jahr und benötigt im Gegenzug ca. 25kg Futter (Zuckerlösung) für den Winter. „Bienen erwirtschaften durch ihre Bestäubungsleistung jährlich vier Milliarden Euro in der deutschen Landwirtschaft“.

 

Situation 1957

Im gesamten Bundesgebiet lebten damals 2 Millionen Bienenvölker und das wurde zu jener Zeit als schlechtes Zeichen gewertet, da 10 Jahre früher 4 Millionen Bienenvölker betreut wurden. Eine einzige Biene soll damals täglich 2.000 bis 8.000 Blüten angeflogen sein. Wenn man davon ausgeht dass ein Bienenvolk im Sommer aus 40.000 bis 50.000 Bienen besteht, war das eine einzigartige Leistung von Bienen und Imkern in einer anscheinend noch recht intakten Natur.

 

Aktuelle Situation in Deutschland

Schon Albert Einstein sagte voraus: „Wenn die Bienen verschwinden hat der Mensch nur noch 4 Jahre zu leben“. Derzeit gehen wir von ca. 900.000 Bienenvölkern aus, die rund 130.000 Imkern betreut werden.

Quelle: Deutscher Imkerbund (D.I.B.)

 

Quelle: Deutscher Imkerbund (D.I.B.)

 

Jeder Imker hält durchschnittlich 6,9 Bienenvölker. Aber weniger als ein Prozent betreiben die Imkerei erwerbsmäßig. Die deutsche Imkerschaft nach Anzahl der betreuten Völker:

0 - 25 Völker: 96 % der Imker
26 - 50 Völker: 3 % der Imker
über 50 Völker: 1 % der Imker
Quelle: Deutscher Imkerbund D.I.B.)

 

Abhängigkeiten

Ohne Bienen gäbe es nicht nur keinen Honig, auch Obst und Gemüse würden zu Luxusgütern werden. Die Tiere bestäuben rund 80 Prozent unserer Nutz- und Wildpflanzen. Wenn es nicht gelingt, die Bienenbestände zu halten bzw. weiter auszubauen und die Insekten aussterben, hätte dies nach Ansicht von Forschern fatale Folgen für den Menschen. Ein Drittel der menschlichen Nahrung hängt heute unmittelbar von der Biene ab. Sie ist der wichtigste Bestäuber von Pflanzen und gilt nach Rindern und Schweinen als drittwichtigstes Nutztier in der Landwirtschaft. Doch seit Jahren sterben weltweit Milliarden von Bienen ohne sichtbaren Grund. Bislang gibt es viele bekannte Ursachen für das Massensterben: starke Vermehrung der Varroamilben (tödliche Parasiten), Klimawandel im Allgemeinen und die unterjährige Verschiebung der Temperaturzyklen. Eine neue Bedrohung stellt der kleine Beutenkäfer dar, welcher sich über Südeuropa mittlerweile auch Deutschland nähert und die Völker innerhalb kurzer Zeit zerstört. Während die Wissenschaftler fieberhaft forschen, geht das Bienensterben ständig weiter. Als Stichworte seien hier aufgeführt: „Landschaftsversiegelung, Monokulturen wie Mais und Raps und der damit verbundene Einsatz von Pestiziden, Ausrottung von Wildkräutern, Flurbereinigung und nicht zuletzt Glyphosat, dessen Anwendung weiterhin bis 2022 erlaubt wurde, Abkehr von der Drei-Felder-Wirtschaft und der extensiven Landwirtschaft.“

Menschliche Bienen in China

 

Findet China auch bald bei uns statt?

Totenstille. Seit 25 Jahren. Kein Vogel fliegt. Keine Biene summt. In einem der wichtigsten Obstanbaugebiete Chinas, in Sichuan, lebt nahezu kein Tier mehr. Was bedeutet das? Menschen müssen die Arbeit der Bienen übernehmen – andernfalls wächst kein Apfel, keine Birne, keine Beere. China befriedigt den Bedarf nach Obst und Gemüse nahezu ausschließlich über den eigenen Anbau. Unter allen Bestäubern spielt die Honigbiene dabei die größte ökologische Rolle. Aber – eine lebendige Biene haben viele Chinesen aber noch nie gesehen. Durch den drastischen Einsatz von Pestiziden wurde der Bestand an Bestäuber-Insekten in großen Teilen Chinas bereits so stark dezimiert, dass ihre Arbeit bisweilen von Menschenhand per Handbestäubung erledigt werden muss.

Jürgen Brachhold bei der Arbeit

 

Aktuelle Situation in Oberkochen (von Imker Jürgen Brachhold)

Im Frühjahr 2012 erschien in der Schwäbischen Post ein Artikel vom Oberkochener Bürgermeister, Herrn Peter Traub, dass es in Oberkochen keine Bienen bzw. Imker mehr gibt und die Stadt demjenigen, welcher sich diesem Thema annimmt, einen geeigneten Standplatz zur Verfügung stellt. Dies war der Ausschlag für meine Frau, sich sofort zu einem halbjährigen Grundkurs beim Bezirksbienenzüchterverein Aalen e.V. anzumelden. Ihre spannenden Berichte von den ersten Sonntagvormittagen am Lehrbienenstand in Aalen haben mich dann so neugierig gemacht, dass ich von nun an jedes Mal mit dabei war und die Faszination mit jedem Mal größer wurde. Nach dem Absolvieren des Kurses, welcher ein gesamtes Bienenjahr abdeckte, bekamen wir dann im September 2012 unser erstes eigenes Bienenvolk mit nach Hause. Von der Stadt bekamen wir die Möglichkeit, die Bienen direkt zwischen Krautgärten und Kocher im Schwörz aufzustellen. In den darauffolgenden Jahren haben wir die Anzahl unserer Bienenvölker kontinuierlich auf ca. 40 Völker ausgebaut und durch Schulungen an der Landesanstalt für Bienenkunde unser Wissen ständig erweitert. Unseren Hofladen haben wir dann im Juni 2014 eröffnet, um unsere Produkte ansprechend vermarkten zu können. Mittlerweile haben wir auch einen zweiten Standplatz zwischen Hafnerweg und Friedhof eingerichtet. Dies sind ausschließlich Standplätze, welche weitab von intensiver Landwirtschaft sind und von den Landwirten sehr behutsam bewirtschaftet werden. D.h. dass die Wiesen nur zwei Mal während der Trachtzeit gemäht und auch jährlich Bienenweiden großflächig angelegt werden. Für dieses vorbildliche Engagement an dieser Stelle ganz herzlichen Dank. Trotz der Brisanz dieses Themas gibt es leider sehr unvernünftige Menschen, welche sich daran erfreuen können, anderen Kreaturen Schaden zuzufügen. Im Spätsommer 2015 haben Unbekannte in der Nacht auf der Kocherbrücke vor dem Stadion großflächig Honig auf der Fahrbahn verteilt. Da die Bienen zu dieser Zeit nicht mehr viel in der Natur finden können, haben sich Tausende auf den süßen Belag gestürzt. An diesem Sonntag war zudem ein Fußballspiel angesetzt mit dem entsprechenden Verkehrsaufkommen. Wie das für die Bienen ausging kann sich jeder vorstellen. Die nächste Katastrophe ereilte uns (und nicht nur uns) im Frühjahr 2017. Der erste warme Tag im Jahr ist für jeden Imker der Anlass, die einzelnen Bienenstöcke auf Flugbetrieb zu beobachten. In diesem Jahr bewegte sich an beiden Standplätzen überhaupt nichts. Es war nicht eine Biene zu sehen. Im ersten Moment glaubte ich noch, dass es vielleicht doch noch zu kalt sei, weil es eigentlich nicht sein kann, dass alle Völker tot sind. Die Gewissheit kam dann ein paar Tage später, nachdem ich die Kästen geöffnet habe. Nicht eine einzige Biene hatte überlebt. Im ersten Moment ist man voller Zweifel, ob einem selbst ein so gravierender Fehler unterlaufen ist, dass der gesamte Bestand ausgelöscht wurde. Nach Gesprächen mit Imkerkollegen stellte sich dann heraus, dass es nicht nur uns so hart getroffen hat, sondern auch andere Imker hohe Völkerverluste zu beklagen hatten. Es wäre jetzt sehr einfach, dieses Problem alleine den Landwirten in die Schuhe zu schieben.

Ich denke eher, dass dies eine Verquickung ungünstiger Umstände war:

Dies reicht jedoch nicht aus, um diesen immensen Schaden anzurichten, was bedeutet, dass noch andere Faktoren hier im unmittelbaren Umkreis das Bienensterben beeinflusst haben müssen. Durch Zukauf von Bienenvölkern bei Imkerkollegen im Raum Hohenlohe (dort waren kaum Ausfälle zu verzeichnen) haben wir unseren Bestand im Mai 2017 wieder auf 35 Völker aufgebaut. Solche massiven Verluste treten in jüngerer Zeit immer wieder auf und machen das ganze Thema Bienen bzw. Imkerei immer komplizierter und finanziell noch anspruchsvoller.

Heute am 08.März 2018 (der Tag, an dem ich diesen Bericht schreibe) war an allen Kästen etwas Flugbetrieb und auch der erste Pollen wurde schon eingetragen, was auf ein gutes Bienenjahr hoffen lässt.

Bienenstöcke in Oberkochen

 

Was können wir als Stadt und als MitbürgerIn für die Insekten tun?

Wir können ihnen im Garten ein Bienenhotel aufstellen. Kräuter und Pflanzen in Garten und Balkon für die Wildbienen anbieten, uns als Stadtimker engagieren, Honig aus der Region kaufen, Bienenpatenschaften annehmen, bienenfreundliche Pflanzen anstatt blank geputzten Rasen pflanzen und weniger mähen. Die Stadt ist da schon mit gutem Beispiel vorangegangen und es sieht auch schön für das Auge aus. Was wir sonst so tun können? Da gibt der Interaktionsplan auf der WebSite Auskunft.
Bienenaktionsplan ← hier klicken

Was den Bienen gut tut, ist auch gut für uns. In diesem Sinne heute mit summenden Grüßen von Wilfried Billie Wichai Müller vom Sonnenberg und der Imkerfamilie Brachhold beim Carl-Zeiss-Stadion.

Wilfried Billie Wichai Müller, Email: wichai@t-online.de, Tel.: 07364 - 92 11 10 und Mobil: 0171 2217 530
Familie Brachhold „Honig & Mehr“, Beim Carl Zeiss Stadion 1, Mobil 0170 4955735, Email honigundmehr@imkerei-brachhold.de

 

 
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