Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 689
 

Das Fotografen- oder das Schönherr’sche Haus im Wandel der Zeit

 

Der Anfang.

Dieses Haus bekam seine Baugenehmigung am 7. März 1953. Nach seiner Fertigstellung (wohl noch 1953, denn damals wurde tw. in rasantem Tempo gebaut) zog als erstes das Möbelgeschäft „Czasny“ ein.

Werbeanzeige Möbelgeschäft Czasny (Archiv Müller)

Die neuzugezogenen Mitbürger brauchten neue Möbel und zwar schnell und preiswert – und das war Czasny’s Geschäftsmodell. Jedoch war das auf Dauer nicht genug und so verliert sich die Spur dieses Geschäftes relativ schnell im Nebel der Zeit.

 

Die Familie Schönherr erstellte und bewohnt das Haus bis heute. Zuerst bewohnten Maria und Wilhelm Schönherr mit ihren Kindern Gerda, Helga, Wilhelm und Bernhard das Gebäude und betrieben hier ihre Malerwerkstätte. Später wohnten hier noch Rita und Anton Pointer, Maria Hermann, Liesbeth Klee und Gerdi Hirsch. Heute wird das Haus von Bernhard Schönherr bewohnt. Der „alte Meister“ starb am 21. Juni 2002.

 

Die Fotografen.

Filmtasche Perutz Vorderseite Kristen 1954 (Archiv Müller)

 

Der junge Meister Kristen

Im August 1954 zieht DIE fotografische Instanz in Oberkochen in dieses Haus ein – Grete und Rudolf Kristen. Sie begannen ihr Geschäft in der Heidenheimer Str. 29

Foto Kristen in der Heidenheimer Straße, daneben der Schneider Fischer (Archiv Müller)

vermutlich im Jahr 1948 und brauchten dringend mehr Platz. Im neuen Domizil im Dreißental trat das Geschäft natürlich auch in mein Leben. Ich kaufte dort unsere Fernseh- und Radiozeitschriften.

Sigurd – Ritter ohne Fehl und Tadel (Internet)

Später dann auch die verschiedenen Comics unserer Kindheit und Jugendzeit wie Nick Knatterton, Falk, Sigurd, Tarzan, Akim, Tibor, Mickey Mouse, Superman, die Cowboy- und Jerry Cotton-Heftchen, Komissar X und nicht zu vergessen: Fix und Foxi. Das machte besonders Spaß bei Frau Kristen danach zu fragen, denn sie lispelte kräftig und wir Buben freuten uns immer diebisch über ihr „das neue Fikxsch und Fokxschi ist noch nicht da.“ Zum Leidwesen meines Deutschlehrers Thiem interessierte ich mich auch für die Revolverblättchen von G.F. Unger, Louis L‘Amour und Kollegen und brachte einen etwas sportlichen Schreibstil in meine Aufsätze. Das konnte am Gymmi nicht akzeptiert werden und führte zu entsprechenden Noten, auch wenn der Lehrerkonvent manche Aufsätze besser bewertete als der Klassenlehrer selbst. Noch heute führt das gelegentlich bei unsern Klassentreffen zu lustigen Erinnerungspointen. Grete Kristen war auch als Radfahrerin gefürchtet. Sie besaß ein sehr sehr großes Damenfahrrad von der Sorte wie sie nach der Währungsreform gefertigt wurden. Und wenn sie anzuhalten gedachte machte sie das immer mit einem Sprung in die Fahrbahn – aber hallo, da war immer Gefahr im Verzug. Natürlich war Rudolf Kristen der örtliche Haus- und Hoffotograf. Passbilder, Porträts, Familien – und Kommunion-/Konfirmationsbilder wurden in seinem Atelier hergestellt. Außerdem sah man ihn auf jedem Oberkochner Fest um die Geschehnisse auf den Film zu bannen. Kristen hatte auch einen Filmautomaten beim Schmidjörgle aufgehängt, aus dem man die benötigten Rollfilme ziehen konnte.

Haus Schmidjörgle mit Filmautomat 1971 (Archiv Müller)

 

Haus Schmidjörgle mit Filmautomat 1971 - Vergrößerung (Archiv Müller)

Der Bruder von Rudolf, Alfred Kristen, war gelernter Schreiner und arbeitete bei Wigo in Oberkochen. Er hat auch die Einrichtung für seinen Bruder im neuen Domizil hergestellt. In Neresheim hat er Passbilder für die Härtsfelder gemacht und Rolf Stelzenmüller hat sie für ihn entwickelt. Morgens gebracht, abends abgeholt.

das gab es früher auch noch

27 Jahre lang lief das Geschäft in der Dreißentalstraße bis Rudolf 1971 starb und Grete 1975 ihm folgte, als sie bei einem Autounfall auf der B19 zwischen Unterkochen und Aalen starb.

    
Grete Kristen   Rudolf Kristen

 

Der junge Fotografenmeister (Archiv Müller)

Dann übernahmen Rolf und Martha Stelzenmüller das Geschäft und führten es in modernere Zeiten. Rolf kam 1969 über verwandtschaftliche Beziehungen nach Oberkochen und fand bei Kristen eine Anstellung als Photograph. Viel zu verdienen gab es damals nicht. Die Hochzeit von Rolf und Martha wurde selbstverständlich von Grete und Rudolf fotografiert.

Das Fotografenhaus im Winter Dez. 2011 (Archiv Müller)

Zur Erinnerung: Anfangs war der Eingang links und das Studio rechts, ab 1984 war das umgekehrt. Nun gab es aber auch durch Carl Zeiss nicht nur viele Kunden sondern auch Probleme.

Die wollte ich immer haben, aber zu teuer für mich – Die Contax RTS im Porschedesign (Internet)

 

Und die habe ich mir als erste gekauft – Die Yashica TL Elektro X – stolz wie Bolle (Internet)

Denn Zeiss verkaufte firmenintern Contax- und Yashica-Kameras und empfahl seinen Mitarbeitern, sich doch die Anwendung vom örtlichen Fachhandel erklären zu lassen. Super, dachte sich Rolf Stelzenmüller, so kann man’s auch machen. So kann ich ja kein Geschäft machen. Es gab aber noch schlauere KundenInnen. Beim „Schlecker“ eine Kamera kaufen und beim „Stelzenmüller“ fragen wie’s funktioniert. Das geht ja gar nicht und ist ein absolutes No-Go. Rolf riet ihr die Kamera zurückzubringen, denn die Frau wusste nicht mal, dass sie eine Digitalkamera gekauft hatte. Geschweige denn, dass sie wusste, was ein PC ist oder wie man das schreibt. Eine halbe Stunde Beratung kostet dann schon mal 20 € – na wenn’s sei muaß, aber bringa tuats au nix. ☺

Hauptschwerpunkt war in den 70er und 80er Jahren die Industriefotografie mit der Verarbeitung im eigenen S/W Labor sowie die Atelierfotografie. Kunden waren u. a. die Firmen der örtlichen Industrie wie z.B. Leitz, Oppold, Schmid, Bäuerle, Wannenwetsch und Okoma.

Hier war auch der Verteiler der BILD-Zeitung für Oberkochen bis ca. 1978. Das bedeutete, von hier aus wurde die BILD-Zeitung auch in andere Geschäfte verteilt. Die BILD-Zeitung hatte ja schließlich einen BILDungsauftrag für die Bevölkerung. Viele Arbeiter und Angestellte deckten sich morgens entsprechend ein: Am Bahnhofskiosk, im Enepetz-Kiosk, bei Kristens und bei Stelzenmüllers. Ich erinnere mich an einen Arbeiter bei Zeiss, der jeden Morgen über 50 Exemplare einkaufte, damit sich jeder bei Zeiss bei Zeiten seine Meinung BILDen konnte.

Die Arbeitszeiten waren anstrengend und wer ein Geschäft hatte, musste sich regen. Erst wurde um 6 Uhr geöffnet, dann um 7 Uhr, später um 7:30 und letztlich um 8 Uhr. Ab Viertel nach Neun war Hochbetrieb, Zeiss hatte Pause und „Mann und Frau“ hatten am Tresen zu stehen, um dem Kundenansturm bedienen zu können – denn Zeit zu warten hatte natürlich niemand. Die Pause war kurz.

 

Die Geschichte der verschwundenen Rollei 35.

Der Renner – die Rollei 35 (Internet)

Plötzlich war sie weg – die Kamera vor der Verpackung. Später brachte ein Kunde eine Kamera des gleichen Modells zum Filmwechsel und siehe da – die Seriennummer entsprach der verschwundenen Kamera. Meldung an die Polizei, es kam zu einem Prozess, der Mann wurde der Hehlerei angeklagt und die Kamera fand wieder den Weg in die Verpackung und letztendlich zu einem Kunden, der dafür auch bezahlt hat. So eine Kamera hatte ich auch während meiner Marinezeit. Sie war klein, handlich und machte mit ihrem Tessar-Objektiv tolle Bilder.

 

Die Geschichte vom Überfall.

Der allseits bekannte „Bär“ (Martin Gold) betrat das Geschäft und sprach im Spaß „Überfall – Geld her“. Martha Stelzenmüller hörte das im hinteren Bereich und war besorgt um das schwer verdiente Geld und um ihren Mann. Sie dachte sich „Mir lasset ons nix wegnemma“ und lief zur Hintertür um die Nachbarn zu alarmieren. Frau Sieglinde Betzler schlich sich langsam zur Vordertür, schaute hinein, öffnete die Tür, ging selbstbewusst hinein und sprach den Räuber auf gut schwäbisch an „Bär du Seggel, was mach’sch denn doa?“

Die Schaufenster oder Auslagen wie man das früher auch nannte beherbergten u.a. links ausgestellte Bilder und rechts Fotoapparate und Bilderrahmen. Beim rechten Schaufenster hing noch eine Art Briefkasten, in den man Filme zum Entwickeln einwerfen konnte. Ein Hingucker Mitte der 80er Jahre war die Ausstellung im Schaufenster mit Bildern über Alt-Oberkochen, dekoriert mit alten bäuerlichen Gerätschaften von Herrn Posmik, unter Mithilfe von Freund Isidor Rettenmaier.

Vielleicht entstand aus dieser Aktion die Idee zu den Jahreskalendern. Leider hat Rolf keine Belegexemplare aufgehoben. Ich habe einige der Kalender erworben (2009 bis 2012 je incl.), aber mir fehlen die vorherigen Jahrgänge. Wer kann da weiterhelfen, damit ich meine Sammlung erweitern kann? Die Kalender kommen natürlich nach dem Scannen umgehend an die Eigentümer zurück.

Das Atelier hatte auch eine Studio-Katze. Allerdings keine rassige zwei- sondern eine haarige vierbeinige, die sich oft im Geschäft breitmachte und sich an allen (un)möglichen Stellen räkelte und sich regelmäßig vom anstrengenden Leben eines Katers erholen musste.

Die Studiokatze mit Namen Sam.

 

Technische Ausstattung

Für die foto-technisch Interessierten ist der folgende Abschnitt. Rolf hat von Kristens folgendes Equipment übernommen und bis Ende der 70er Jahre benutzt:

  1. Plattenkamera auf Holzstativ Format 10 x 15 sowie für Passbilder 6 x 9 Planfilm sowie
  2. eine Linhof 13/18 Kamera
    → danach musste neu investiert werden
  3. eine Rollei SL 66 für Passbilder und Außenaufnahmen, Dias 6/6 als Referenzaufnahmen für Prospekte für das Baugeschäft Mayer in Giengen
    → Mitte 80er bis Mitte 90er wurde investiert
  4. in eine Zenza Bronica 4,5 x 6 mit Zentralverschluss
    → Ab ca. 2005
  5. kam eine Pentax Ist DS mit 6 Megapixel (alle vorhandenen Objektive konnten verwendet werden) in die Ausstattung
    → Ab ca. 2008
  6. eine Fuji S 9600 für Passaufnahmen. 9 MP und
  7. eine Pentax K10D mit 10 Megapixel
    → Ab ca. 2010
  8. kam eine Pentax KX mit 12 Megapixel dazu
    → und ab ca. 2011 eine Samsung GX 20 mit 16 MP
Ein Kunde mit Hang zur analogen Welt (Archiv Müller)

 

Das Ende kam dann Ende März 2012. Es wurde immer schwieriger, das Alter meldete sich auch und notwendige Investitionen, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, wurden immer intensiver und unterm Strich wurde es auch nicht mehr. Zudem wurden die Knipser immer mehr und die Fotografen immer weniger. Das Zeitalter der SmartPhones war angebrochen. Und so fiel die Entscheidung „Schicht im Schacht“. Es wurde alles verkauft was noch einen Kunden fand. Ich ergatterte noch einige Bilderrahmen und alte Fotografien, die mir wichtig erschienen. Im Internet fand ich noch folgende Anmerkung:

„War ein super Laden. Hat aber leider altershalber aufgegeben und sein Geschäft geschlossen. Schade.“

Bye Bye Rolf und Martha – so wie wir beide in Erinnerung behalten (Archiv Müller)

 

Bye Bye Rolf – so wie wir ihn in Erinnerung behalten (Archiv Müller)

 

Bye Bye Martha – so wie wir sie in Erinnerung behalten (Archiv Müller)

Gibt es ein schöneres Kompliment, das einem sagt, dass man seinen Job gut gemacht hat? Der Laden wurde für den Nachfolger ausgeräumt und seitdem können wir dort bei der „Pusteblume“ alles rund um die Blume kaufen.

 

Erinnerungsfotos aus dem Inneren des Geschäftes

 

 

 

 

 

 

 

Rolf’s Büro Backstage (Archiv Müller)

 

Ich grüße wie immer vom Sonnenberg und Rolf mit Martha von Königsbronn, das sie zu ihrem Altersruhesitz erkoren haben.
Email: wichai@t-online.de, Tel.: 07364 - 92 11 10 und Mobil: 0171 2217 530

Wer nach diesem Bericht Kontakt zu Rolf Stelzenmüller sucht:
stelzenrolf@googlemail.com

 

 
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