Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 684
 

Kuhschuhe – und alte Siedlungsspuren

Wer das Wort „Kuhschuh“ zum ersten Mal hört, denkt sicher „wie bitte“?

Mir begegnete das Wort zum ersten Mal im Zusammenhang mit einem im Jahr 1971 gefundenen rostigen Stück Eisen, das mir auf einem Acker beim Rmerkeller aufgefallen war. Es erinnerte mich entfernt an ein halbiertes überbreites Hufeisen, weil es seitlich entlang der äußeren Rundung tatsächlich auch Löcher aufwies, wie man sie von Hufeisen her kennt. Da ich nicht weiter wusste, zeigte ich den Fund meinem Freund „Bär“ (Martin Gold, verst.) vom Heimatverein. Der „liebe Bär“ meinte, dass aus meiner Frage leicht zu erkennen sei, dass ich ein „Städter“ bin, denn hier im Dorf Oberkochen könne mir meine Frage jeder beantworten, der auch nur entfernt mit Landwirtschaft zu tun hat, – und das sogar eingedenk der Tatsache, dass Oberkochen 3 Jahre zuvor „Stadt“ geworden war: Das sei ein „Kuhschuh“, sagte der Bär, – und ich solle zuhause in meinem schlauen Lexikon nachkucken, was ein „Kuhschuh“ sei. – In meinem fast ½ Meter dicken 8-bändigen großen Duden von 1969 hörten die Unterbegriffe zu „Kuh“ bei „Kuhschelle“ und „Kuhschwanz“ auf. Also: Fehlanzeige bei „Kuhschuh“. Auf diese Weise bestätigte mir anderntags der liebe Bär mein vages Wissen, dass man früher nicht nur Pferde für die Feldarbeit einsetzte, sondern auch Kühe, und, dass man, um die Kuhhufe vor schneller Abnutzung zu schützen, dieselben mit Eisen beschlagen habe, was sich auch bei der Feldarbeit bewährt hat, da die Eisen den Rindern vor allem beim Ziehen von landwirtschaftlichen Geräten eine zusätzlichen Halt gaben. – Leider ist mein sehr schöner alter Kuhschuh vom Weilfeld verloren gegangen.

Bei Rindern handelt es sich – im Gegensatz zu den Pferden – um Paarhufer; das heißt, dass Rinderfüße zwei Zehen haben, die „Klauen“ genannt werden, weshalb eine Variation der bei Pferden üblichen Hufeisen nicht benutzt werden konnte. Im Klartext bedeutete das nämlich, dass man, um ein Rind zu „beschlagen“ pro Fuß, (vorne mancherorts „Hand“), 2 Eisen benötigt. Diese Eisen bezeichnet man als „Schuh“, – daher „Kuhschuh“. Da die Innenseiten der Kuh-Klauen zum Einschlagen von Hufnägeln nicht geeignet sind, befanden sich an den jeweiligen Innenseiten der Eisen jeweils ein senkrecht zum Beschlageisen stehender Nocken, den man „Feder“ nennt, und der beim Beschlagen weiter oben über der Zehenwand in den Huf gezogen und eingehängt wird. Den eigentlichen Halt besorgen die Hufnägel, – und zwar deren 4 bis 6, in der Regel 5 an der Zahl. Die Hufnägel unterscheiden sich von normalen Nägeln dadurch, dass sie im Querschnitt quadratisch sind, und sich vom Kopf weg bis zu Halsansatz pyramidensegmentförmig verjüngen. Diese Form findet sich als exakte negative Einpass-Gegenform in den Kuhschuhen und bleibt, auch wenn das Eisen ewige Zeit im Acker gelegen hat, gut erkennbar. Kuhschuhe dürfen nur auf gesunde Klauen aufgenagelt werden. Im letzten Jahrhundert kamen auch Kunststoff-Kuhschuhe auf, die auf die Klauen aufgeklebt wurden.

Wie beim Pferd müssen auch beim Rind die Hufe vor dem Beschlag gereinigt und ebengearbeitet werden. Die Kuhschuhe werden kalt angepasst und aufgeschlagen. Mangels Fotos habe ich versucht, die Situation zeichnerisch darzustellen, wobei ich eine Zehe beschlagen, die andere unbeschlagen zeige.

Zeichnung eines Rinderfußes von unten gesehen – linke Seite unbeschlagen, sauber geebnet, rechte Seite mit Kuhschuh beschlagen

Auf das Thema Kuhschuh kam ich, weil unser Mitbürger Hans-Günter Arndt, der in unmittelbarer Nachbarschaft des Heimatmuseums wohnt, mir vor ein paar Wochen einen Kuhschuh fürs Museum übergab, den er im Herbst dieses Jahres am Aufstieg zum Zwerenberg in einer Wildschweinsuhle gefunden hat. Die Erde war durch Sauen aufgebrochen, und das „Kuhschuh“-Eisen lag obenauf. Dem Fund beigegeben war ein von derselben Wildsau freigewühltes Stück typischer Altoberkochener Töpferware, grün glasiert, ungefähr 150 Jahre alt, wie wir sie in jedem Acker auf unserer Gemarkung, – auf der es laut OL Mager um 1840 in Oberkochen ca. 30 Familien gab, die vom Töpferhandwerk lebten, – zahlreich finden.

Kuhschuh mit 5 Nagellöchern. Der Ansatz der Feder ist gerade noch leicht erkennbar.

Kuhschuhe, – beide gefunden auf Oberkochener Gemarkung. Es handelt sich keinesfalls um ein Paar, – ja, es scheint noch nicht einmal gesichert, ob es sich bei dem Eisen mit 2 Löchern überhaupt um einen Kuhschuh handelt. Wir bitten „Wissende“ gegebenenfalls um Aufklärung.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass Wildsauen sich auf Oberkochener Gemarkung bereits zum zweiten Mal als archäologische Mitarbeiter erwiesen haben. – Wir erinnern an die von einer Wildsau freigebuddelte 600 Jahre alte Kanonenkugel, über die wir in unserem Oberkochen Beitrag Nr. 643 in „Oberkochen – Geschichte, Landschaft, Alltag“ in „Bürger und Gemeinde“ vom 29.8.2015 berichtet haben. – In diesem Zusammenhang sind auch die archäologisch tätigen Maulwürfe vom Pulverturm nicht zu vergessen. (BuG v. 15.11.1979 – Dr. Wagner, LDA)

Zurück zum Zwerenberg:
Dass der Zwerenberg einst besiedelt und bewirtschaftet war, ist bekannt. Belegt ist die Siedlung „Ze Wer(d)enberg“ („ze“ = „zu“, = ze Werenberg, = z’Werenberg, woraus dann „Zwerenberg“ wurde. Alte Ostälbler wohnen noch heut »z’Aola«, also »zu Aalen«. Siedlungsspuren auf dem Zwerenberg sind belegt; Herr Werner Diebold machte mich vor vielen Jahren auf sie aufmerksam. – Den Ziehweg, der sich zwischen dem Weilfeld (Römerkeller) und dem anschließenden Stefansweiler Feld auf den Zwerenberg hinaufzieht, nannte man früher den „Eselsweg“.

Besiedelt und bewirtschaftet war, wie ebenfalls bekannt, früher auch die „Heide“. Wir sammelten, wo heute Häuser stehen, noch in den Sechzigerjahren zwischen langen Reihen von überwaldeten Lesesteinhaufen, die sich am Rand von ehemaligen Äckern befanden, Pilze. – So verwundert es nicht, dass ich vor ungefähr 2 Jahren auf dem Weg, der von der Heide Richtung Aalbäumle führt, einen ähnlichen Kuhschuh gefunden habe, – ein linkes Stück, im Gegensatz zu dem von Herrn Arndt gefundenen eher wohl rechten Stück (?). – Vielleicht aber können wir über aufmerksame Leser ein vollständiges echtes, und vor allem besser erhaltenes Kuhschuhpaar für unser Museum ergattern?

Einstweilen sind wir froh, dass wir zum Thema „Kuhschuhe“ in unserem Museum nun diese beiden Altoberkochener Belegstücke zeigen könnten.

Dietrich Bantel

 

 
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