Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 682
 

Familie Holdenried und die ersten Italiener im Ort

Eines Samstagmorgens war ich auf dem Wochenmarkt und traf dort Franz Holdenried. Er sprach mich an: „Komm‘ doch mal vorbei und lass‘ uns über die alten Zeiten schwätzen“. Gesagt getan – wenn auch mit mehrmonatiger Verspätung. Also setzten wir uns ab der 2. Jahreshälfte 2016 zusammen und dabei entstand die Idee, etwas über die ersten Italiener in Oberkochen zu schreiben. Nachdem wir so einige Male zusammengesessen waren und ich die vielen Exponate und Bilder im Hause Holdenried sehen durfte, war klar, dass in diesem Bericht auch über die Holdenrieds erzählt werden muss. Und so entstand dieser Bericht und wir hoffen, dass er der Leserschaft gefällt.

 

Deutschlands Gastarbeiter

Die ersten Gäste, die Deutschland offiziell ins Land bat, um fleißig beim Wirtschaftswunder Hand anzulegen, kamen aus Italien: 1955 schloss die Bundesrepublik mit Rom ein Anwerbeabkommen für italienische Arbeitskräfte ab. Für die jungen Italiener, soweit sie nicht aus Norditalien stammten, gab es nicht viel zu erhoffen – Militär oder Arbeitslosigkeit. Es folgten 1960 Griechenland und Spanien, bis Ende der Sechziger zudem Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Den größten Einfluss auf die Entwicklung sollte aber ein nur zwei Seiten umfassendes Papier haben, das am 30. Oktober 1961 unterzeichnet wurde: Das Anwerbeabkommen mit der Türkei führte zum Beginn der türkischen Einwanderung.

Und nun begann etwas was bis heute fortdauert. Wir riefen zuerst italienische Arbeitskräfte und es kamen Menschen. Wir nannten sie Gastarbeiter, aber wir behandelten sie oft nicht als Gäste. Wir gingen davon aus, dass sie eines Tages wieder gehen würden, aber sie blieben und trotz aller, bis heute bestehender Probleme, bereicherten sie letztendlich unser aller Leben (Vermutlich sieht man das nirgendwo besser als in Berlin). Sie erhielten Arbeit als Un- oder Angelernte in der Industrie, vor allem in Bereichen, in denen es schmutzig zuging oder schwere körperliche Arbeit gefragt war. Aber sie hatten es schwer, denn das deutsche Wetter und Essen waren schwer zu ertragen. Freizeit war sicher nicht einfach in unserem Land, denn die deutschen Männer sahen in den meist jungen Italienern Konkurrenz im eigenen Land – nicht wegen der Arbeit, sondern wegen der Mädels. Im Zuge dieser kleinen Völkerwanderung von Süd nach Nord kam natürlich auch das Essen zu uns und sicherte nicht nur das Überleben der italienischen Gäste, sondern bereicherte auch nach und nach unseren Speisezettel und die Restaurantlandschaft. Ein Deutschland ohne Menschen italienischer Herkunft ist heute gar nicht vorstellbar, aber es war ein langer, manchmal auch schmerzhafter Weg. Deutschland und Italien, das war schon immer etwas Besonderes und wird es wohl auch immer bleiben – egal ob Landschaft, Essen, Weine, Fußball oder das Lebensgefühl im Land der Zitronen, das es auch schon Goethe angetan hat.

 

Noch ein paar statistische Daten

Die meisten Italiener, die sich im Laufe der Zeit in Deutschland niederließen, verließen ihre Heimat aus Gründen der Arbeitssuche. In Deutschland leben im Jahr 2015 rund 600.000 italienische Staatsangehörige. Damit ist Deutschland nach Argentinien das Land mit den meisten italienischen Staatsangehörigen außerhalb Italiens.

 

Die Stadtverwaltung

steuert noch Daten zur Bevölkerungsstruktur 1956 und 2016 in Oberkochen bei, aus der wir Interessantes erkennen können.

1956 – Wo sind unsere Einwohner geboren?

 

2016 – Wo kommen unsere Einwohner her?

 

2 kleine Italiener, nein in diesem Fall 4

Antonio und Giorgio (Archiv Holdenried)

und klein waren sie auch nicht, kamen 1959 (vermutlich) als erste Italiener nach Oberkochen. Sie hießen Antonio Scandurra, Giorgio Sinorini, Francesco NN und Cesare NN. Anfangs wohnten Sie bei Holster in der Feigengasse 14 (war in den Jahren vor dem Abbruch auch Flüchtlingsunterkunft bevor das Grundstück zum Lehrerparkplatz mutierte). Bis auf Antonio gingen die anderen bald wieder zurück. Später wohnte Antonio bei Dombrowski in der Weingartenstraße 40. Da sich niemand um die neuen Arbeitskollegen aus dem Süden kümmerte, nahm sich Franz Holdenried ihrer an. Antonio war interessiert und begabt und wurde später als Former angelernt. Doch zuerst musste er den Formsand mit der Schubkarre transportieren, denn Gastarbeiter waren billiger als die Anschaffung von Gabelstaplern. Sie arbeiteten zusammen in der Gießerei der Fa. Bäuerle bis zum letzten Abstich im Jahre 1974.

Letzter Abstich in der Bäuerle-Gießerei 1974 (Archiv Holdenried)

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass nach dem Krieg sogar Akademiker auf Anordnung der Amerikaner in der Gießerei arbeiten mussten bis sie entnazifiziert wurden. Ob’s erzieherisch etwas gebracht hat konnte nicht recherchiert werden – eher wohl nicht.

 

Das Weinbergschneckensammeln

war in den 50er und 60er Jahren eine beliebte Sammelleidenschaft. Auch Antonio und Giorgio sammelten fleißig um daraus schmackhafte italienische Gerichte zu kochen. Bevor sie im Kochtopf landen konnten, mussten sie eine Nacht in einem Eimer gewässert werden. Was die beiden nicht ahnen konnten – Schnecken können unglaubliche Kräfte aufbringen. Sie warfen den Deckel ab und suchten das Weite. Zur Freude von Mieter und Vermieter hinterließen sie ihre Spuren an den tapezierten Wänden und sorgten somit für eine Renovierung derselben. Es bewahrte sie aber nicht davor auf dem Teller in einer wundervollen Tomatensauce zu landen, um von Antonio, Giorgio und Franz genussvoll verzehrt zu werden.

Mit Schnecken war Geld zu verdienen

 

Die Geschichte vom gefangenen Walfisch

Piombino – ein italienischer Traum (Archiv Holdenried)

geschah in Piombino, der Heimat Antonios. Mario, ein Bruder Antonios und ein richtiger Naturbursche, der jagte und fischte. Eines Tages sah Mario beim Fischen einen Wal blasen, der sich in die flache Lagune verirrt hatte. Er erschoss ihn einfach von seinem Boot aus, seine Firma zog ihn mit einer Winde an Land, entnahm alle wertvollen Organe sowie „Walrat“ aus dem Kopf und „Ambra“ aus dem Darm (das sich gegen gutes Geld verkaufen ließ) und verbuddelte den Rest ein Jahr lang im Sand. Später fand das Skelett seinen Weg in ein Museum nach Siena. Die Geschichte ist verbrieft. Franz hat damals die italienischen Zeitungsberichte gelesen. Tja, die Zeiten waren eben andere und man machte einfach……

Lage Piombinos

 

Die Freundschaft

Reise nach Pisa mit Ingrid Holdenried, Umberto NN, Anne NN, Antonio Scandurra (Archiv Holdenried)

zwischen Franz (79) und Antonio (87) dauert bis heute an und brachte im Laufe der Jahre viele Erlebnisse in ihrer beider Leben. Holdenrieds waren schon 1960 das erste Mal in der Toscana und fuhren mit dem Zug, begleitet von Antonio, in 28 Stunden von Oberkochen nach Piombino und dann wieder zurück – Heute fliegen wir in 24 Std. von Deutschland nach Neuseeland. Wenn wir die Bilder von Piombino anschauen erkennen wir darin das italienische Bild der 50er und 60er. Dieser Urlaub war ein einschneidendes Erlebnis im Leben von Ingrid und Franz Holdenried, denn dort lernten sie ein anderes Lebensgefühl kennen – la dolce vita. Antonios Bruder Umberto machte seine Hochzeitsreise nach Oberkochen. Bei seiner nächtlichen Ankunft in Oberkochen suchte er eine Unterkunft und verwechselte das Schleicher’sche Kino „Camera“ mit einer „Albergo“ und begehrte im Wohnhaus von Albert Schleicher vergeblich Einlass.

Sonntäglicher Ausflug den Heideweg hinunter mit Ursula Schlosser, Hedwig Marquardt, Lore Marquardt, Ingrid Holdenried, Franz Holdenried und Antonio Scandurra (Archiv Holdenried)

 

Die Holdenrieds

Familienwappen Holdenried 1485 (Archiv Holdenried)

kommen ursprünglich aus dem oberschwäbischen Weingarten bei Ravensburg und entstammen einem alten bodenständigem Bürger-, Zünfte- und Gelehrtengeschlecht, das sich bis ins 15 Jhrhdt. zurückverfolgen lässt. Der Vater von Franz war auch schon Former-Meister und arbeitete zuerst bei der Gießerei Jedele und später bei der Gießerei Funk in Aalen. Das Kriegsende erlebte die Familie (aus Furcht vor amerikanischer Bombardierung) im Erzstollen unterhalb der Triumpfstadt, denn der Einmarsch der Amis verlief in Aalen nicht ganz gefahrlos.

Auf Wikipedia lesen wir dazu: Von den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges blieb Aalen größtenteils verschont. Erst in den letzten Kriegswochen führten Luftangriffe zur Zerstörung oder schweren Beschädigung von Teilen der Stadt, des Bahnhofs und der anderen Bahnanlagen. Eine über drei Wochen andauernde Serie von Luftangriffen hatte ihren Höhepunkt am 17. April 1945, als Bomber der US-Luftstreitkräfte das in Aalen stationierte Heeresnebenzeugamt und die Bahnanlagen bombardierten. 59 Personen wurden getötet, davon über die Hälfte verschüttet, und über 500 obdachlos. 33 Wohngebäude, 12 andere Gebäude und 2 Brücken wurden zerstört und 163 Gebäude, darunter 2 Kirchen, beschädigt. Fünf Tage später wurden die nationalsozialistischen Machthaber Aalens von den amerikanischen Streitkräften abgesetzt.

In die Wohnung zurück konnten sie nicht mehr, da sich hier „der Ami“ bereits breit gemacht hatte und später angeblich Marokkaner untergebracht werden sollten. Vater Holdenried, der inzwischen bei Bäuerle in Oberkochen arbeitete, ließ in der alten Wohnung kein Stück zurück. Sein neuer Arbeitgeber organisierte mit einem LKW den Umzug nach Oberkochen in die Baracke im Brunkel und seitdem sind die Holdenrieds in Oberkochen ansässig. Franz Holdenrrrrrrrried ging dann in Oberkochen unter den Lehrern Stelzer, Göggerle, Klotzbücher (der Lehrer mit dem rrrrrrrollenden „R“) und Zweig, in die damals 8 Jahre dauernde Schule im Dreißental.

Lehrer Klotzbücher (Archiv Holdenried)

 

Franz Holdenried und seine Leidenschaft

Nach der Schule stellte sich die Frage „Was nun Franz?“ Das war nicht schwer zu beantworten. Der Vater war Former und so wurde der Sohn auch Former. Und wenn ich mich heute so bei Holdenrieds umschaue – die Entscheidung damals war goldrichtig. Die Leidenschaft für das Formen geht bei Franz bis in die Kindheit zurück. Schon als 10jähriger wurden mit Begeisterung Zinnsoldaten gegossen. Danach waren „Uller“ gefragt.

Muster eines Ullers

Uller wurden als Talisman von Skifahrern an den Skihosen getragen. Das Ganze geht auf den nordischen Wintergott Uller zurück. Nach der Schulzeit begannen die Lehrjahre. Zuerst 1 ½ Jahre beim Funk in Aalen und vollendet wurde diese in Bad Windsheim. 1956 kam Franz auf einen Besuch nach Oberkochen zurück und erhielt von Herr Eberle der Firma Bäuerle ein Angebot für die Gießerei und so blieb Franz in seinem Oberkochen. Er arbeitete 19 Jahre lang, bis zur Schließung 1974, bei Bäuerle und danach nochmals 28 Jahre bei SHW in Königsbronn. Geformt wurde während der Arbeit und in der Freizeit. Wenn wir uns in den Landkreisen Aalen und Heidenheim umschauen sehen wir an vielen Stellen das Vermächtnis von Franz Holdenried. Sein Meisterwerk war und ist bis heute der Königsbronner Brunnen.

Das Meisterwerk – der Königsbronner Brunnen mit dem Meister Holdenried und dem Bürgermeister Stütz (Archiv Holdenried)

 

Artikel aus den Königsbronner Gemeindenachrichten (Archiv Holdenried)
(bitte klicken!)

 

Das Meisterwerk auf dem Gabelstapler

So richtig Fahrt auf nahm das private Formen mit Beginn der Narrenzunft in Oberkochen, für die er als „Ordensschmied“ die ganzen Orden in Form brachte. Nach und nach wurden seine Guss-Kunst-Werke immer mehr, die nicht nur draußen ihr Zuhause fanden, sondern sich auch im Hafnerweg 25 in Haus und Garten drängen.

 

Berufsbild Former

Former war von 1935 bis 1997 ein Ausbildungsberuf in Deutschland. Former arbeiten in Gießereien und stellen dort Gussformen her, die für das Gießen von Werkstücken aus Stahl, Eisen oder anderen Metallen benötigt werden. Former sind in größeren Gießereien tätig, sie arbeiten in Werk- oder Maschinenhallen und teilweise an Schmelzöfen und Gießanlagen. Voraussetzung zum Beruf ist in der Regel eine abgeschlossene Berufsausbildung als Former oder Gießereimechaniker (Fachrichtungen Handformguss, Maschinenformguss, Verfahrensmechaniker in der Hütten- und Halbzeugindustrie, Fachrichtungen Nichteisenmetall-Umformung oder Stahl-Umformung). Seit 1. August 1997 ist der Ausbildungsberuf Former/in aufgehoben und in den neu geschaffenen Ausbildungsberufen aufgegangen: Gießereimechaniker/in mit den Fachrichtungen Handformguss, Maschinenformguss sowie Druck- und Kokillenguss Verfahrensmechaniker/in in der Hütten- und Halbzeugindustrie mit den Fachrichtungen Eisen- und Stahl-Metallurgie, Stahl-Umformung, Nichteisen-Metallurgie und Nichteisenmetall-Umformung. Metall- und Glockengießer/in mit den Fachrichtungen Zinnguss, Kunst- und Glockenguss und Metallgusstechnik.

Förmliche Grüße von Wilfried Billie Wichai Müller vom Sonnenberg und Franz Holdenried aus dem Hafnerweg.
Email: wichai@t-online.de, Tel.: 07364 - 92 11 10 und Mobil: 0171 2217 530

 

 
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