Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 674
 

Wie die Familie Stumpf nach Oberkochen kam

v.l.n.r. Richard sen., Elisabeth, Richard jun., davor Christoph und Stephan mit dem geliebten Roller

Wir schreiben das Jahr 1953. Die Situation in der DDR war äußerst gespannt. Der Staatshaushalt hatte massive Schräglage. Die meisten Investitionen wurden, auf Kosten der Ernährungs- und Konsumgüterindustrie, in die Schwerindustrie gepumpt. Somit war die Ernährung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet. Dazu kam die laufende „Abstimmung mit den Füßen“, sprich die Flucht in die BRD. Zu jener Zeit gab es auch viele Strafgefangene. Auch die evangelische Kirche wurde in dieser Zeit stark angegangen. Verschärfend kam noch hinzu, dass die Arbeitsnormen zum 30. Juni wegen des bevorstehenden 60. Geburtstages von Walter Ulbricht um 10 % erhöht wurden. Es rumorte in der Arbeiterschaft. Die Sowjets lehnten einen weicheren Kurs ab und die Dinge nahmen ihren Lauf. Der 17. Juni begann mit Streiks in den Großbetrieben, mündete in Demonstrationszügen in den großen Städten und führte letztendlich zu einer gewaltsamen Niederschlagung des Volksaufstandes durch die „Brüder“ aus der Sowjetunion. Innerhalb der kommenden 7 Monate wurde über 1.500 Personen der Prozess gemacht. Die ganze Bandbreite zwischen Freispruch, mehrjährigen und lebenslangen Gefängnisstrafen in der DDR oder in sowjetischen Gulags sowie der Todesstrafe wurde ausgenutzt.

In der Folgezeit nahm die Republikflucht wieder zu und der Zustrom von Flüchtlingen aus der DDR nach Oberkochen wurde wieder deutlich größer was sich in den „Meldungen über neu Zugezogene“ in den Amtsblattausgaben in Oberkochen ablesen lässt.

Und damit sind wir dann auch schon bei der Geschichte der Familie Stumpf und wie sie nach Oberkochen kamen, die uns nachstehend mein Schulfreund Christoph Stumpf schildert:

Der Grund für unsere Republikflucht lag darin begründet, dass mein Vater nach dem oben beschriebenen Volksaufstand wegen einer regimekritischen Äußerung, die er als Betriebsrat öffentlich abgegeben hatte, verhaftet und ein Jahr lang eingesperrt wurde. Nach seiner Entlassung ist er 1954 über Berlin in den Westen geflüchtet (wie so viele andere auch) und letztendlich bei seiner alten Lehrfirma Carl Zeiss, jetzt aber in Oberkochen, gelandet. Unterkunft fand er im alten HJ-Heim, nun Bergheim genannt, oberhalb des Turmwegs mit der Hausnummer 24, das inzwischen als Männerwohnheim genutzt wurde.

HJ-Heim, Männerwohnheim, Progymnasium, Sonnenbergschule und Gebäude Sonnenbergstr. 2 im Bau

Irgendwie ist es ihm dann gelungen im neu erbauten Mietshaus in der Sonnenbergstr. 2 (das etwas in die Jahre gekommen ist, auch wenn es innen wohl anders aussehen mag) eine 2-Zimmer-Wohnung zu bekommen. Damit war die Voraussetzung geschaffen, seine Frau und seine beiden kleinen Buben Christoph und Stephan nachzuholen. Aber wie stellt man das an? Die Berlin-Route war inzwischen geschlossen und so musste eine andere Lösung gefunden werden. Nach dem Motto „wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“, und der menschliche Verstand kann sehr kreativ sein, wurde die Sache angegangen. Das gesamte „Nachzugs-Projekt“ wurde in 5 Schritte eingeteilt.

Schritt 1

Mein Großvater mütterlicherseits, Josef Rhode, war kriegsblind. Er hatte im 1. Weltkrieg mit 18 Jahren durch einen Granatsplitter beide Augen verloren. Er stellte nun einen Antrag auf Genehmigung einer Besuchsreise zu einem ebenfalls kriegsblinden Kriegskameraden mit Namen Georg Junghans, der seinerzeit in Schorndorf wohnte. Selbstverständlich wurde dem alten blinden Mann eine Reiseerlaubnis erteilt. Vielleicht sogar mit der stillen Hoffnung verknüpft dass er dort bleibt – und man hätte im Osten einen nicht produktiven Kostgänger weniger gehabt.

Schritt 2

Großvater bedankte sich für die Genehmigung, beantragte aber gleichzeitig eine solche für seine älteste Tochter – meine Mutter Elisabeth – denn ohne Begleitung war eine Ausreise schlichtweg unmöglich. Also mussten die DDR-Oberen auch diese Ausreise nolens volens genehmigen.

Schritt 3

Meine Mutter bedankte sich ebenfalls, gab aber gleichzeitig an, dass sie ihren blinden Vater nur begleiten könne, wenn sie ihre damals 2 und 3 Jahre alten Kinder, also mich und Stefan, mitnehmen könne. Gut vorzustellen, dass die nur zähneknirschend erlaubt wurde. Aber letztendlich zählt allein das Ergebnis. Die Genehmigung galt nun für Großvater, Mutter und Kinder. Klingt irgendwie nach dem russischen Märchen vom Rübenziehen…..

Schritt 4


Der Rathaus-Fehlerteufel schlug zu „Richard wurde mit seinem Sohn Stephan verwechselt“

Und so fuhr der Zug mit dem blinden Opa, der Mutter und ihren zwei Kindern sowie reichlich Gepäck via Stuttgart nach Schorndorf und dann gleich weiter nach Oberkochen – in die neue Heimat am Sonnenberg. Das Projekt der Familienzusammenführung war geglückt, weil der kreative Flüchtlingsverstand besser arbeitete als der DDR-Verhinderungsverstand. Aber wie kommt der blinde Opa Rhode wieder zurück in die „Zone“ nach Heiligenstadt zu seiner Frau und Familie? Dazu bedarf es des

Schrittes 5

Parallel zu unserem „Transfer“ hatte mein Großvater väterlicherseits, Richard Stumpf sen., auch Kriegsveteran aus dem 1. Weltkrieg, ebenfalls eine Reise zu Verwandten in die Nähe Nürnbergs beantragt und genehmigt bekommen. Wie es der Zufall so will, trafen sich beide Opas bei ihren Kindern und Enkelkindern auf dem Sonnenberg und reisten von dort aus gemeinsam zurück ins „Paradies der Arbeiter und Bauern“. Im Laufe der Zeit gab es noch ein paar Geschwister und als der Sonnenberg zu klein wurde zogen wir alle in ein eigenes Haus im Silcherweg 13.

Wir lernen aus dieser Geschichte, dass mit guten Ideen, einem starken Willen und günstigen Umständen vieles möglich war und auch heute noch ist.

 

Nachtrag zu Elisabeth und Richard Stumpf jun.

Elisabeth geb. Rhode wurde 1924 in Reinholterode im Eichsfeld als erstes von 5 Kindern geboren. Den II. Weltkrieg erlebte sie als Krankenschwester in einem Lazarett in Kassel. Es folgte die Ausbildung zur Damenschneiderin mit eigener Werkstatt mit Lehrlingen und Gesellen. Daneben bekleidete sie das Amt der Obermeisterin der Schneiderinnung Heiligenstadt. Nach der Flucht nach Oberkochen führte sie in Vollzeit das „Familienunternehmen Stumpf“ bei der sie großen Eindruck als Köchin hinterließ und dafür sorgte, dass alle Familienmitglieder in maßgeschneiderter Oberbekleidung das Haus verließen.

Als 4. Kind von Richard Stumpf (siehe unten) wurde Richard jun. 1927 in Nürnberg geboren. Den II. Weltkrieg überlebte er bei der Marine. In Göttingen machte er bei Zeiss eine Lehre als Feinmechaniker. Später Facharbeiter und Betriebsrat in der MEWA Metallwarenfabrik in Heiligenstadt. Nach der Flucht Facharbeiter und Meisterprüfung bei Zeiss in Oberkochen. Anfang der 60er Jahre wechselte er in Bereich RRM (Relais-Rechnen-Maschinen) und wurde damit Mitglied des Teams das seinerzeit die EDV in Oberkochen aufbaute. Da die ersten Computer bei Zeiss von Zuse kamen (z.B. Zuse 22) lernte er auch Konrad Zuse persönlich kennen. In diesem neuen Tätigkeitsfeld war er bis zu seiner Pensionierung tätig. Er war zeitlebens ein sozial umtriebiger Mensch. Er war Initiator und Leiter der katholischen Arbeitnehmerbewegung, Gründungs- und Ehrenmitglied der CDU Oberkochen und aktiver Mitarbeiter in der katholischen Kirchengemeinde Oberkochen. Kurz – ein Mensch der Spuren hinterlassen hat.

 

Nachtrag zu Richard Stumpf sen.

Schriftsteller Richard Stumpf „Warum die Flotte zerbrach“

Geb. 20. Feb 1892 in Gräfenberg / Bayern gest. 23. Juli 1958 in Heiligenstadt / Eichsfeld. Katholisch. Von Beruf Zinngießer und Mitglied einer christlichen Gewerkschaft. 1912 bis 1918 Dienst bei der Kaiserlichen Marine. Während der Jahre des Großen Krieges schrieb er Tagebücher obwohl das strikt verboten war. Dieses Kriegstagebuch wurde von Historikern analysiert und war Teil einer Ausstellung im Frühjahr 2014 in Wilhelmshaven unter dem Titel „….die Flotte schläft im Hafen ein – Kriegsalltag in Matrosentagebüchern 1914 bis 1918“. Dazu waren zur Eröffnungsfeier alle Enkel von Richard Stumpf sen., also unsere Oberkochener Stumpfes, eingeladen und sie waren mächtig stolz auf ihren Opa: Christoph, geb. 1952, Stephan, geb. 1953, Maria, geb. 1957, Johannes, geb. 1959 und Angelika, geb. 1963.

Mehr Details dazu unter folgendem Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Stumpf

 

Anmerkung

Das ist eine gute Gelegenheit die geschätzten LeserInnen zu bitten, Ihre eigene spannende Geschichte „Wie ich nach Oberkochen kam“ zu veröffentlichen. Für das Bildmaterial dieses Artikels geht mein Dank an Christoph und Marion Stumpf geb. Triemer, sowie an Hartmut und Inge Müller geb. Schrader.

 

Wie immer grüßt, der Schulfreund von Christoph, recht herzlich vom „alten“ Sonnenberg. Mit einigen der Stumpf-Geschwister habe ich heute noch Verbindung und wir sehen uns regelmäßig beim Schulzeit-Treff – Wilfried Billie Wichai Müller.

Email: wichai@t-online.de, Tel.: 07364 - 92 11 10 und Mobil: 0171 2217 530

 

 
Übersicht

[Home]