Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 673
 

Unbekanntes Brautpaar

Unser Bericht 672 brachte eine durch zahlreiche Bilder illustrierte Übersicht über die Entwicklung des Fotoarchivs des Heimatvereins. Zu unserem Foto 2 mit der Fußnote: „Unbekanntes Brautpaar vor einem unbekannten Oberkochener »Lädle« – Wer kann weiterhelfen?“ und zu einem weiteren Foto erhielten wir Rückmeldungen.

Das knapp über 100 Jahre alte Brautpaar-Foto stammt aus der Glasplatten-Negativ-Sammlung der in unserem Bericht erwähnten Sammlung des bekannten Oberkochener Polizeidieners, Cafétiers und Hobbyfotografen Josef Gold, die uns 2006 durch Vermittlung der Herren Isidor Rettenmaier und Rolf Stelzenmüller über dessen Tochter Agnes Vogel zugänglich gemacht wurde.

 

zum Vergrößern bitte auf die Fotos klicken!

Zu diesem Foto erhielten wir 2 Anrufe. Beide BuG-Leserinnen, Schwestern, erkannten zu ihrer großen Überraschung und Freude in dem Brautpaar ihre Eltern. Eine von ihnen ist unser 90-jähriges immer noch aktives Gründungsmitglied Blandina Gentner, geb. Hug, die uns zu dem Foto die folgenden auch die damalige Zeit beleuchtenden Angaben machte:

Bei dem Brautpaar handelt es sich um Michael Hug aus Oberkochen und Rosa Hug, geb. Hiller, aus Dischingen Trugenhofen. Rosa Hiller war Michael Hugs zweite Frau. Die erste war ihm durch einen verhältnismäßig frühen Tod genommen worden, nachdem das Paar zusammen 7 Kinder hatte. Die Hochzeit des Brautpaars fand am 19. Juli 1915 statt. Aus der 2. Ehe stammen 10 weitere Kinder, von denen eines nicht lebensfähig war. Somit hatte Michael Hug aus 2 Ehen insgesamt 17 (16) Kinder. Frau Gentner bemerkte, dass dies selbst für die damalige Zeit zwar eine höchst stattliche aber durchaus nicht total außergewöhnliche Zahl von Kindern „auf dem Land“ war. In Oberkochen gab es vor 100 Jahren mehrere Großfamilien. Innerhalb dieser Großfamilien kümmerten sich häufig die älteren Kinder um die jüngeren und mussten durchaus auch in der Landwirtschaft mithelfen, sodass die Kinderschar für die Eltern nicht nur Belastung sondern auch Entlastung bedeutete.

Ein besonderes Augenmerk möchte ich darauf lenken, dass „unsere“ Braut ein schwarzes und nicht ein weißes Brautkleid trägt. Frau Gentner geht davon aus, dass es möglicherweise symbolisch als Verbundenheitsbekundung zu Ehren der verstorbenen 1. Frau und dem Bräutigam zuliebe zu sehen sein könne. – Goggle hingegen ist klar zu entnehmen, dass in alten Zeiten weiße Brautkleider keineswegs üblich waren – im Gegenteil: Ab dem 16. Jahrhundert war, ausgehend vom spanischen Königshof, „schwarz“ für Brautkleider die Regel, europaweit, vor allem in der Oberschicht. Später waren schwarze Brautkleider nicht nur dort, sondern bis ins 19. Jahrhundert und das beginnende 20 Jahrhundert auch in der Mittelschicht, vorwiegend der katholischen, beliebt. Google wörtlich: „.... und die Bräute in ländlichen Gebieten heirateten in einem schwarzen Kleid. Die dunkle Farbe betonte die Frömmigkeit der Trägerin“.. Auch ein praktischer Grund wird genannt: „... das Kleid wurde nicht so rasch schmutzig und konnte zu unterschiedlichen Anlässen getragen werden.“
Bemerkenswert ist, dass ich auf keinen Hinweis stieß, der das schwarze Brautkleid im Zusammenhang mit Trauer benennt. – Schwarze Brautkleider sind übrigens neuerdings wieder „drin“.

Das von mir als „Lädle“ bezeichnete kleine Geschäft war damals der übliche „Kolonialwarenladen“ – ein Begriff, der heute ausgestorben ist.
Wikipedia entnehmen wir: „Als Kolonialwaren wurden früher, besonders zur Kolonialzeit, überseeische Lebens- und Genussmittel, wie z.B. Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Kakao, Gewürze und Tee feil gehalten.
Bis in die 1970er-Jahre wurde der Begriff „Kolonialwarenladen“ noch verwendet. Diese Läden boten zwar keine Kolonialwaren mehr an, jedoch alle Grundnahrungsmittel, unabhängig vom Herkunftsland, daneben auch Seife, Waschmittel, Petroleum und anderen Handlungsbedarf.“
Die meisten dieser kleinen Geschäfte entsprachen den „Tante-Emma-Läden“ in Deutschland oder der Schweiz.

Frau Gentner war der Meinung, dass der Begriff „Lädle“ für das kleine Geschäft durchaus pässlich sei. Das Lädle befand sich in der damaligen Kirchstraße 143 (auch „Kirchgass“ genannt), seit dem 3. Reich „Aalener Straße“ – d.h. in dem Teil der Hauptstraße, der von der Ortsmitte aus Richtung Aalen führt, Aalener Straße 20, rechts, gegenüber vom „Schillerhaus“.
In dem Schaufenster des „Lädles“ sind im Gesamtfoto oben 3 porzellanene Kannen verschiedener Größe zu erkennen – was als Hintergrund dient, ist nicht zu erkennen. Unten steht ein hochformatiger Karton – mit einer weiblichen Figur darauf. An Schrift lässt sich ein „K“ plus? – „Koner“? oder „Kemer?“ vermuten.

Direkt spannend sind allerdings die 5 zumeist emaillierten Werbeschilder zwischen Schaufenster und Eingang – Schilder, die heute zu horrenden Preisen gehandelt werden:

  1. Ganz oben ist im Foto-Ausdruck sehr deutlich ein Schild zu erkennen mit folgendem Text: „Die Suppen (von) MAGGI nützen jedem Haushalt“. Die schweizer Firma „MAGGI“, die aus dem Mühlenbetrieb ihres Besitzer Julius Maggi hervorgegangen ist, gibt es seit 1872.
     
  2. Auch auf dem zweiten Schild von oben ist für „Ältere“ gut erinnerbar, um was es geht: „KAVALIER“. – den U’hu’s fällt sofort eine Werbung ein, die zumindest im 2. Weltkrieg noch sehr aktuell war „Die Schuh polier mit KAVALIER“. Im 19. Jahrhundert löste die „gehobene“ die „Schuhwixe“ ab.
     
  3. Nicht nur Frau Blandina Gentner, sondern manch andere Oberkochener Gentners können zu ihrem Erstaunen lesen: „Ohne „GENTNER’S BREMSENSCHUTZÖL...“ – allerdings noch nicht für Autos, sondern für hölzerne Leiterwagen...
     
  4. Das vierte Schild von oben scheint eher aus Grauguss als emailliert zu sein. Mit etwas Mühe lässt sich entziffern: „ ...AMERIKANISCHEM PETROLEUM“ – Wer unsere Berichte in BuG gründlich gelesen hat, der weiß, dass Johannes Elmer, der Großvater des Vorsitzenden des HVO, bereits 1906 nahe der Kreuzwiesen (später Wäscherei) den ersten Strom erzeugte und nach Oberkochen lieferte. Georg Nagel vom „Hirsch“ gehörte zu den ersten, die in Oberkochen Strom von Elmer kauften. Das heißt, dass 1915 mit Sicherheit nur sehr wenige Oberkochener ohne Petroleum auskamen. – wahrscheinlich niemand.
     
  5. Am schwierigsten ist das unterste der 5 Schilder zu lesen. Am ehesten lassen sich die Wörter „BÜFFELHAUT... ALTBEWÄHRT...“ vermuten. Leider ist der Firmenname über dem Wort „BÜFFELHAUT“, der mit „SCH...“ beginnt, nicht näher zu bestimmen.
     
  6. Oben am Türrahmenpfosten rechts der Tür ist ein rundes beschriftetes Schildchen zu erkennen, auf dem in der Kopfzeile deutlich das Wort „AUSWEIS“ und unten möglicherweise das Wort „verboten“ zu erkennen sind.

Das Jahr der Hochzeit, 1915, fällt noch in die Anfangszeit des 1. Weltkriegs, was mich nicht von ungefähr zu einer Querverbindung innerhalb der Arbeit des Heimatvereins veranlasst:

Wir vom Heimatverein haben vor 3 Jahren maßgebliches Material für eine Ausstellung der Stadt beigesteuert, die im Rathaus stattfand – zum Thema „1914 – Der Beginn des Ersten Weltkriegs“. So löst das Foto des Oberkochener Brautpaars Michael und Rosa Hug aus dem Jahr 1915 in unseren Köpfen Bilder einer uns wie vergessenen Welt aus, – einer Welt, in der 1916 ein Soldat fiel, über den ein anderer Soldat, nämlich dessen bester Freund, Walter Flex, 1917 ein dünnes Büchlein schrieb, mit dem Titel: „Der Wanderer zwischen beiden Welten“. – Es handelt sich um ein kleines damals in kurzer Zeit in ganz Deutschland berühmt gewordenes Werk, das die Problematik des Kriegs, und auch die des nationalen Denkens spürbar macht. Eine Gedanken- und Empfindungs-Welt, die uns gerade heute zu besonders intensivem Nachdenken anregen sollte. Walter-Flex-Schulen und Walter-Flex-Straßen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg umgetauft.... – Walter Flex fiel 1917.

Für die Oberkochener, die im Ersten Weltkrieg fielen, wurde 1922 in der Dorfmitte der Lindenbrunnen errichtet.

Dietrich Bantel

 

Berichtigung zu Bericht 673:
 

A n d e r e  B r e m s e n

Rossbremse

Vor über einem halben Jahrhundert brachten mir die Oberkochener bei, dass Insekten, zu denen wir in Stuttgart „B r e m s e n“ sagen, hierzulande „B r ä a m a“ heißen, – in gehochter Sprache also „Bremen“ – ohne „s“ – just wie die kleine Stadt mit den Stadtmusikanten und dem Roland im Norden von Deutschland, wo man „moin moin“ sagt, auch wenn man „guten Abend meint“.

Seither sage ich zu meinen einstigen „B r e m s e n“, diesen lästigen Stechviechern, brav und wie das Gesetz es mir befahl: „B r ä a m a“ .... – und kam deshalb beim Erklären der Schilder des „Lädles“ nicht mehr auf die Idee, dass mit den „B r e m s e n“ von Gentner, die in Bericht 673 unter 3) auf Seite 401 (unverständlicherweise hat der Drucker nicht von 1) bis 6) durchnummeriert, sondern 3 mal vorne bei 1) begonnen) „B r ä a m a“, also „B r e m s e n“ = Insekten gemeint sein könnten – so heftig bin ich in diesen 55 Jahren zum Oberkochener geworden.... . – Von älteren Lesern wurde ich nun darauf aufmerksam gemacht, dass in dem 3. Schild von oben mit „Gentners Bremsennöl“ tatsächlich kein Fahrzeug- oder Maschinenöl gemeint ist, sondern ein uraltes übel stinkendes Mittel gegen „Bremsen“ im Sinne von übel stechenden Insekten ist, die vor allem bei nahenden Gewittern, und wenn man bei der Arbeit schwitzt, besonders aufdringlich sind.... Die Bauern haben das „B r e m s e n ö l“ beim Äckern und Heuen auf den Feldern verwendet, wenn sie von diesen ekelhaften Viechern, die es in kleiner und erschreckend viel größerer Ausgabe gibt, überfallen wurden, – nicht nur beim Menschen, sondern vor allem bei Pferden und Rindern. Noch heute gibt es das Steinöl „Bremsennöl“. Man lernt nie aus. Beim Herrn Google, bei dem ich das Foto ausgeliehenhabe, gibt es diese UFOs in der Form von „Bremsen“ und „Bremen“.

Dietrich Bantel

 
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