Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 667
 

D’r Brunkel im Wandel der Zeit

Albert Holz als Emil-Leitz-Chef im Gespräch mit C.-D. Weick (Archiv Müller)

Auch für die Möglichkeit diesen Bericht zu schreiben geht mein Dank an Albert Holz, den ich nun schon seit meiner Leitz-Zeit kenne, die 1969 begann und 2016 endete. Er hat einiges zusammengetragen um den Brunkel aus dem Dunkel der Zeit und der allgemeinen Vergessenheit hervorzuholen. Dazu kommt noch ein Veteranentreffen mit Hubert Wunderle (der woiß fascht älles) aus dem Kapellenweg 14/1 und Kurt Elmer aus dem Kapellenweg 18 auf der Holz’schen Veranda in der Katzenbachstraße sowie Beiträge aus meinem Freundeskreis. Besten Dank an die Damen und Herren.

Aktuelles Projekt „Neue Mitte“

Heute spricht die Stadtverwaltung von der „Neuen Mitte“ (dieser Begriff wird inzwischen von einigen Gemeinden für gleichgelagerte Projekte verwendet) und tut damit das ihre um dieses alte Quartier aufzufrischen und wieder Leben einzuhauchen. Natürlich polarisiert das Scheerer-Areal. Das ist aber auch ein Zeichen von Kommunikation, Gespräch – egal ob emotional auf der Straße, am Stammtisch oder in sachlicher Atmosphäre. Hauptsach‘ es wird d‘rüber g’schwätzt. Und hier sei auch mal dem Mühlenverein gedankt, der sich sehr engagiert im Brunkel einbringt und kulturelles Leben in den alten Gemäuern entwickelt. Es ist ein guter Ort um soziales Leben wieder anzusiedeln, weil es zu den uralten Teilen von Oberkochen gehört. Um es gleich vorauszuschicken. Es gibt auch hier reichlich Bildmaterial sodass ich, wie so oft, auf die Website vom Heimatverein verweisen muss. Noch ein Wort zum Kocher in der Scheerer-Gegend. Wenn hier die sog. Neue Mitte entsteht, dann gehört aus meiner Sicht auch dazu, dass der Kocherabschnitt zwischen Bahnhofstraße und Scheerer-Mühle deutlich aufgewertet wird. Dort wo der Kocher zugänglich ist, sollte er sich auch im Sonntagskleid und nicht in abgerissenen Klamotten präsentieren.

 

Brunkel – manchmal auch Bronkel

Das klingt alt und dunkel und bedeutet wohl „Bronnquell“, also Brunnenquelle. Wir verstehen darunter den Flurbereich eingegrenzt von Bahnlinie, Kocher / Kocherkanal.

Kartenausschnitt zum Brunkel-Gebiet

Die dazugehörigen Straßen sind die verzweigte Mühlstraße, mit Wohlwollen ein kleiner Teil der Bahnhofstraße, sowie der Kapellenweg bis zur Röchlingstraße. Früher gehörte sicher auch die alte Kuhsteige dazu, die längst als Viehtriebweg aufs Härtsfeld vergessen wurde, das Gebiet zwischen Bahnlinie und Waldrand, da die Bundesstraße B19 in dieser Zeit noch nicht existierte. Der Kapellenweg war wohl ein geschotterter Verbindungsweg zwischen der Kapelle St. Ottilie (Ölberg) und der Wiesenkapelle. Dort befand sich auch eine Quelle, die sich an der Kapelle vorbei in den Kocher ergoss. Bereits 1650 wurde die Ölberg-Kapelle (die der Hl. Ottilie geweiht war, Patronin der Blinden und Helferin bei Augen-, Ohren- und Kopfleiden) urkundlich erwähnt. Sicher ein Zufall, dass sich Jahrhunderte später ein weltbekanntes Optikunternehmen in Oberkochen niederließ. Kein Zufall aber dass das Optische Museum eine Replik dieser Heiligenfigur sein eigen nennt.

Ottilienkapellen und Haus Kapellenweg 3, früher Schreinerei Mannes, CZ-Kindergarten und UJAG (Archiv Müller)

 

Wiesenkapelle (Archiv HVO)

 

Geprägt

wurde dieses Viertel durch die Quelle(n), die sumpfigen Wiesen, die Kapellen, den katholischen Friedhof, die Scheerer-Mühle, das Armenhaus, den Baracken (hier sei auf den Bericht 316 von D. Bantel verwiesen, der die damalige Situation anschaulich verdeutlicht) und dem romantischen Teil des Kochers und der umliegenden Obstwiesen. Der Katasterauszug von 1823 zeigt eine sehr dünne Besiedelung, die sich Laufe der Zeit deutlich änderte.

Katasterauszug Teilbereich Brunkel (Archiv Holz)

 

Die wichtigsten Adressen im Brunkel waren und sind teilweise bis heute

Kapellenweg Haus Nr. 3 – Hier entstand die Werkstatt vom „alten“ Willibald Mannes, in der auch während des Krieges Kriegsgefangene arbeiteten. Hinter dem Haus befand sich der Holzlagerplatz und der Abbundplatz befand sich zwischen Kocher und Kanal (Abbinden = maßgerechtes Anreißen, Bearbeiten, Zusammenpassen und Kennzeichnen von Schnitt- und Rundholz für Tragwerke, Bauteile und Einbauteile). Ca. 1948 erfolgte der Umzug ins neue Haus. Später zog der Carl Zeiss Kindergarten hier ein, der sich vorher in den Baracken auf dem Carl Zeiss Gelände befand. Anschließend fand die UJAG (Vorgängerin der EnbW) mit einem Ausstellungsraum in diesem Gebäude ihr Zuhause.

Kapellenweg Haus Nr. 7 – Das war in den 60er Jahren nicht nur die Wohnadresse meines Schulfreundes Hartmut Kratzsch und seines Bruders Gernot, sondern vorher schon die Adresse von Ulrich Irion, der allerersten Apotheke in Oberkochen, die dort am 1. Okt. 1950 ihre Türen öffnete. Das Haus wurde ca. 1947 von Kaspar Scherer in Auftrag gegeben und von der Baufirma Wingert u.a. von Hubert Wunderle und Josef Bihlmaier (später sein eigener Herr in Lauchheim) gebaut und an die Familie Irion vermietet, bis diese ca. 1952 die Volkmarsberg-Apotheke im Dreißental bauen ließ.

Das frühere Apotheker-Haus (Archiv Müller)

Kapellenweg Haus Nr. 8 – Das Armenhaus, früher auch Hirtenhaus genannt, wurde im Oktober 1956 abgebrochen. Es unterstand beiden örtlichen Kirchengemeinden. Die ersten Hinweise auf eine gemeinsame Armenkasse gehen auf das Jahr 1650 zurück. Heute wohnt mein alter Leitz-Arbeitskollege Hubert Glaser mit Frau auf diesem Grundstück.

Das alte Armenhaus im Kapellenweg 8 (Archiv Rathaus)

Kapellenweg Haus Nr. 10 – Das Haus der Hebamme Theresia Holz geb. Elmer (siehe Bericht 657)

Kapellenweg 10, das frühere Haus der Hebamme Holz (Archiv Müller)

 

Der Bahnler Albert Holz sen. im Gespräch (Archiv Holz)

 

Der Bahnler Albert Holz sen. auf dem Rad (Archiv Holz)

Kapellenweg Haus Nr. 14 – Hier steht das einstige Küferhaus von Küfermeister Anton Wunderle. Wie oft wurde hier der Küferspruch gesprochen? „Feuer und Wasser muss es biegen.“ Das sangen die Küfer früher beim entscheidenden Formungsprozess, dem Fassbrand. Auch der Sohn Hubert lernte das Küferhandwerk von der Pike auf. Drei Jahre Lehrzeit in Aalen und dann hat er nach dem Motto „Wenn der Vater mit dem Sohne“ in Oberkochen mit dem väterlichen Meister zusammen gearbeitet. Das Küferhandwerk konnte dann aber irgendwann keine Familie mehr ernähren und Hubert musste sich nach neuen Arbeitsfeldern umschauen. Nach 3 Jahren auf dem Bau konnte er zum ungläubigen Staunen des Architekten den Rohbau seines eigenen Hauses problemlos selber hinstellen. Danach ging es bis zur Rente zum „Zeissa Karle“. Ein typisch schwäbischer Mann der Tat.

Küfermeister Adolf Wunderle bei der Arbeit (Archiv Wunderle)

 

Anton Wunderle und Josef Schneider bei einem moschtigen Anlass (Archiv Wunderle)

 

„Wunder-liches“ Weißg’schirr aus Fichtenholz (Archiv Wunderle)

Kapellenweg Haus Nr. 18 – Hier finden wir das Haus der Hafnerfamilie Elmer. Nach dem Krieg nannte die Familie einen Goliath-Dreiradlieferwagen ihr Eigen. Vermutlich das Modell GD 750, dass zwischen 1949 und 1955 auf dem Markt war. Der damals junge Kurt durfte das Gefährt mit einem Sonderführerschein fahren.

Goliath GD 750 - so ähnlich dürfte er ausgesehen haben

Kapellenweg Haus Nr. 21 – Über dieses Haus wurde schon ausführlich von D. Bantel in Baracken-Bericht 316 geschrieben. Deshalb ganz kurz. Es handelt sich hier um die frühere Baracke 3, die nach dem Krieg (von li. nach re.) von den Familien Neuber, Holdenried, Krok und Dr. Roos bewohnt wurde. Hinter der Baracke befand sich damals ein Taubenschlag der Holdenrieds, die damals auch Ziegen gehalten haben. Ca. 1948 wurde das Haus aufgestockt. Im Jahr 1959 wohnten dort nachfolgend aufgeführte Personen bzw. Familien: Brandt, Czerner, Harpeng, Helmle, Hillmer, Hintermaier, Pinkav, Schiewe, Tischer, Wendelberger, Winkler und Ziemons. Heute dient das sog. 12-Familien-Haus als Flüchtlingsunterkunft. Die Baracke 4, die daneben in Richtung Wiesenkapelle stand, war später Bestandteil der Bäuerle-Landwirtschaft und beherbergte wohl an die 80 Schweine, die aus Freiheitsdrang hin und wieder bei der Familie Mannes um Familienanschluss oder nur um schnödes Futter bettelten ☺.

Barackenplan im Brunkel aus Bericht 316 (Archiv HVO)

 

Das heutige Haus für unsere Flüchtlinge und das alte Verwalter-Haus (Archiv Müller)

 

Mit Blick auf die Bahnlinie mit dem Seitz’schen Haus von links nach rechts: Hr. Schiewe, Hr. und Fr. Hillmer bei den wirklich wichtigen Dingen des Lebens (Archiv Holdenried)

 

Holdenrieds… mit Kinder und Tauben (Archiv Holdenried)

 

Holdenrieds… mit Kinder und Ziegen (Archiv Holdenried)

Kapellenweg Haus Nr. 23 – Das Haus des Gutsverwalters Ludwig Schmid. Dazu hat mir Anne Besemer geb. Schmid (ein fesches Mädel, ich kenne sie aus ihrer Zeit als Ferienarbeiterin bei Leitz) folgendes geschrieben: „Mein Vater wurde am 11.11.1954 als Gutsverwalter der Firma Bäuerle eingestellt. Die Firma betrieb den Gutshof, der damals der größte in Oberkochen war, weil der/die Firmeninhaber wohl große Freude an Natur und Tieren hatte/n. Zum Gut gehörten ein Schweine-, ein Hühner und ein Kuhstall. Zudem bewirtschaftete mein Vater 125 Ha. Ackerland. Es gab viel Grünland, starke Hänge und keine Arrondierung. Dadurch war die Bearbeitung mit dem wenigen, aber verlässlichen Personal extrem schwierig. Für uns als Familie bedeutete das, dass mein Vater keine Ferien machte und 7 Tage die Woche arbeitete. Mein Vater leitete das Gut mit großer Leidenschaft, als wäre es sein eigener Besitz (vielleicht verstand die ältere Generation den Begriff Verantwortung anders als wir heute). Rückblickend muss ich trotzdem sagen, dass mein Bruder und ich eine schöne Kindheit hatten, weil wir viel draußen spielen konnten und der Umgang mit Tieren für uns etwas Normales war. Im Jahr 1979 gab die Firma das Gut auf und die Stadt übernahm das Gut für 2 Jahre. Die Aufgabe des Gutes war für meinen Vater sehr schwer und es machte ihn sehr traurig. Ich denke, dass er in den Jahren davor viel für die Natur in Oberkochen hat machen können.“

Kapellenweg Haus Nr. 24 – Das „Geburtshaus“ der Oberkochener Disco MLE im Keller der Familie Seitz. Dazu gab es im Oktober den Bericht 664 vom „Jagger“ (dem Sohn vom Jäger Jäger).

Kapellenweg Haus Nr. 28 – Das Mannes-Haus, das die Heimat von Willibald und Marieanne Mannes und ihrer 3 ausgesprochen hübschen Töchter Monika, Barbara und Christine. wurde. Hier konnte Willibald jun. seinen Neigungen nachgehen und sein künstlerisches und technisches Potential ausleben. Treppen, Bücher, Seminare, Bilder, Kommunalpolitik – das war seine Welt. Heute lebt er, über 90jährig, in seinem Haus ein zufriedenes Pensionärsleben und trotz seiner Altersbeschwerden wirkt er recht glücklich und zufrieden und „arbeitet“ immer noch an seinen Projekten. Auch im Haus meiner Eltern befinden sich eine Treppe und eine schöne Glastür, die von seiner Werkstatt geschaffen wurde. Sein Haus war auch für mich ein großer Anziehungspunkt, wohnte dort doch meine erste Schüler-Liebe: Seine 2te Tochter Barbara. Es machte mich schon happy wenn ich ihren Schulranzen nach Hause fahren und bei der Oma oder Mutter abgeben durfte. Das dazugehörige Gelände befindet sich derzeit im Umbruch und es entsteht wieder etwas Neues. Zu diesem Gebäude hat mir meine liebe Schulfreundin Bärbel Mannes ihre Erinnerungen geschickt: „Mein Elternhaus im Kapellenweg war das letzte Wohnhaus in dieser Straße. Gegenüber war ein Bauernhof mit einem Schweinestall, aus dem wir des Öfteren die Schweine grunzen hörten und es dort mitunter auch ordentlich stinken konnte. Eine Zeitlang gab es auch Pferde, die hin und wieder Reißaus nahmen und im Galopp durch den Kapellenweg geschossen sind. In meiner wundervollen Kindheit in den 50ern, die ich im Brunkel verbringen durfte, gab es viele Kinder im Kapellenweg. Und da es kaum Verkehr auf der Straße gab, denn die Asphaltierung endete hinter Vater’s Werkstatt, konnten wir auf der Straße spielen und machten davon auch reichlich Gebrauch mit Fußball, Federball, Fangen und Verstecken. Sonntags ging es oft auf dem geschotterten Weg direkt zum Stadion um Sportfeste oder Fußballspiele anzuschauen. Oberkochen war einmal eine Adresse im baden-württembergischen Fußballgeschehen. Dabei traf man sich im Clubhaus um alles nach zu besprechen. Für uns Kinder sprang dabei meist eine Libella heraus. Gerne erinnere ich mich auch an die Scheerer-Wiese. Dort gab hin und wieder ein kleiner Zirkus sein Stelldichein. Wenn wir dort mitgeholfen hatten, was immer hoch interessant und aufregend war, bekamen wir manchmal Freikarten geschenkt. Ich bin ein Kind des Brunkels und habe dort gerne gelebt.“ Wenn wir über Willibald Mannes sprechen, müssen wir auf sein Lebenswerk näher eingehen. Ich will das auf folgende Weise tun. In diesem Bericht gebe ich eine grobe Zusammenfassung und in der Internetversion auf der Website des Heimatvereins gibt es detaillierte Aufstellung über sein Lebenswerk, die wir Barbara Mannes verdanken:

„Willibald wurde am Fronleichnamstag 1925, dem 11. Juni, in Oberkochen geboren. Nach Volksschule und Zimmerlehre, die er 1941 beendete, musste auch er in den Krieg ziehen und kehrte 1946 in seinen Heimatort zurück und begann als Zimmergeselle im väterlichen Betrieb. Es folgten Meisterprüfung und die Befähigung als Gewerbeschullehrer sowie die Eintragung als Architekt. Sein eigenständiges Architekturbüro bestand bis 2006. Eine reiche Lehrtätigkeit machte ihn weit über die Grenzen in Europa als „den“ Treppenbauer bekannt. Dazu kam eine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit begleitet von der Erstellung von Lehrfilmen zum Treppenbau. Umfangreiche Tätigkeiten in Ausschüssen, Gründung von Freundeskreisen und Initiator zahlreicher Ausstellungen im deutschsprachigen europäischen Raum zeigten sein Wirken im Bereich des kunstwerklichen Treppenbaus. Dazu kommen noch 33 Jahre kommunal-politische Tätigkeit als Gemeinderat seiner Heimatgemeinde. Dieses gesamte Lebenswerk fand auch Ausdruck in zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen die er erfahren durfte. Wir können als Oberkochener auch ein wenig stolz darauf sein, einen Mitbürger in unseren Reihen zu haben, der mehr in sein Leben hineingepackt hat als normalerweise möglich ist.“

Tabellarischer Lebenslauf von Willibald Mannes (zum PDF bitte klicken)

Die Scheerer-Scheuer – vielen ist vermutlich unbekannt ist, dass diese Scheuer das Meister-Stück (aber ohne Konstruktion, es ging nur um den Aufbau) des jungen Willibald Mannes war und daher ist es schon ein Vermächtnis, das erhalten werden muss.

Das Dr. Sußmann-Haus in der Bahnhofstr. 15 – Die Lage ist grenzwertig, aber wir nehmen es mal zum Brunkel dazu. Hier betrieb Dr. Eberhard Sußmann, als erster niedergelassener Arzt nach dem Krieg von1945 bis 1984 eine Arztpraxis (siehe dazu den ausführlichen Bericht 576). Als Kinder standen wir immer voller Staunen vor seiner Garagentür, die sich durch „Zauberei“ automatisch öffnete und schloss.

Das Sußmann’sche Haus (Archiv Müller)

Das Mehrfamilienhaus in der Bahnhofstr. Haus Nr. 19 – Auch dieses Haus nehmen wir dazu. In diesem Haus wohnten einige Bahnler wie z.B. der bekannte und beliebte Hans Frank mit seiner Familie.

Der katholische Friedhof wurde 1851 an die Bahnlinie verlegt. Reste in Form von Grabplatten aus alter Zeit, als der Friedhof noch im Ort nahe der Kirche war, finden sich an der Grundmauer der Kirche am Mühlbergele und im Hof der Sakristei. Die erste Verstorbene, die dort beerdigt wurde war Katharina Betzler.

Eingang zum Katholischen Friedhof (Archiv Müller)

Die Wiesenkapelle wurde 1750 unter Pfarrer Scherrenberger errichtet und war fast 200 Jahre lang ein geliebtes Heiligtum der Gemeinde.

Die Wiesen-Kapelle mit Engelsteigweg (Kreuzwegstationen) um 1847 (Archiv HVO)

 

Gravierende Veränderungen

erfolgten während und nach dem Krieg durch Ansiedlungen unterschiedlichster Art. Die Fa. Bäuerle unterhielt Baracken zur Unterbringung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Es entstand der Landwirtschaftliche Betrieb, das Sägewerk und die Schreinerei der Firma Bäuerle (Hier verdiente ich 1967 und 1968 in den Ferien mein erstes Geld. Dort lernte ich von den Arbeitern körperliche Arbeit, aber auch wie man sich zwischen den Holzstapeln verdrücken konnte und wie man über das Stempeln etwas dazuverdienen konnte ohne anwesend zu sein. Es herrschte in bestimmten Bereichen eine allzu große Lockerheit und scheinbar wenig Kontrolle. Die Arbeit an der Gattersäge war laut, nicht ungefährlich, aber spannend. Da die Langholzwagen immer wieder Probleme mit der Zufahrt zum Sägewerk hatten, musste die Wiesenkapelle weichen.

Die Baracke 4 (der spätere Saustall) und die Wiesen-Kapelle vor dem Abbruch (Archiv HVO)

Der Abbruch erfolgte im Jahr 1951 und als Ersatz wurde auf Kosten der Industriellenfamilien Albert und Otto Bäuerle die Maria-Schutz-Kapelle im Weingarten gebaut.

Die Maria-Schutz-Kapelle im Weingarten im Winter 1958 (Archiv Rathaus)
(vom Mahd aus gesehen)

 

 
Die Maria-Schutz-Kapelle im Weingarten (Quelle: www.kath-kirche-oberkochen.de/Kapellen.html)

Des Weiteren wurde im Brunkel die Zimmerei Mannes gegründet und erlebte nach dem Umzug in die neuen (uns heute bekannten Gebäude) einen rasanten Aufschwung und wurde zu dem Zentrum der Treppenbaukunst in Deutschland. Auch die erste Apotheke am Ort von Ulrich Irion fand sich im Brunkel. Die Küferei und Mosterei Wunderle hatte dort ihre Heimat wie auch das Töpferhandwerk der Elmers. Wir denken auch an Johann Schoch, der als Bohrermacher in der Mühlstr. 5 sein Auskommen suchte. Des Weiteren waren angesiedelt der Schneider Fischer, der Schuster Benz, Frisör Schuster, die Hebamme Holz (siehe Bericht 657), Gärtner, Totengräber, Bahnbeamte, Postboten, Polizisten sowie der der erste Carl Zeiss Kindergarten.

 

Der offene abgestellte Güterwaggon

auf Höhe des Kaltwalzwerkes (heute Wälzholz) war das Domizil des Modelleisenbahnclubs Oberkochen (vorher stand der Waggon auf den Gleisen auf Höhe der Firma Bäuerle), bei dem auch unser Mieter Hermann Schimmel Mitglied war. Wir waren damals ungefähr 12 Jahre jung und hatten manchmal ganz schönen Blödsinn im Kopf – altersgemäß halt. Vermutlich fühlten wir uns wie Jesse James bei einem Zugüberfall. Näher will ich darauf nicht eingehen und Namen und Taten tun hier nichts zur Sache. Eines Tages fanden wir bei unseren Streifzügen im Brunkel den Waggon unverschlossen, wir öffneten die Tür, stiegen hinein und sahen eine im Bau befindliche Modelleisenbahn, die wir mit kindlicher Begeisterung bestaunten. Über weitere Taten in diesem Umfeld legen wir den Mantel des Schweigens. Jedenfalls hat mein Vater in einem intensiven Gespräch mit dem Bahnhofsvorsteher Feil dafür gesorgt, dass unser Vergehen familienintern geregelt wurde – dafür sei nachträglich gedankt. Der Verein konnte 1960 mit Stolz darauf verweisen Europas größte Modelleisenbahn zu besitzen. Heute gehört dieses Privileg dem Miniaturwunderland in Hamburg.

 

Christoph Stumpf

wurde während seiner Studentenzeit von 1972 bis 1976 öfters als Aushilfsbriefträger im Bezirk 6 eingesetzt. Der Weg begann gleich hinter dem Postamt im Kappelenweg und endete nach 10 km auch wieder dort. Als Briefträger erlebt man natürlich einiges und so berichtet Christoph über zwei Erlebnisse.

Episode 1: Bei meiner ersten Zustellung traf ich im damaligen Carl Zeiss Kinderhort im Kapellenweg 3 ein, wurde von den Kindern gemustert und von einem vorwitzigen Buben begrüßt: „Du bisch aber net oanser Boschtmoa. Der sieht andersch aus ond hoat a Botschkapp‘ auf.“ Da erklärte ich dass ich für Herr Hoheisel die Urlaubsvertretung sei. Die Kinder waren zufrieden und freuten sich. Frau Gläske ließ die Kinder das „Briefträgerlied“ schmettern und ich war gerührt, wusste gar nicht was ich sagen sollte und verabschiedete mich bis zum nächsten Mal.

Episode 2: Ein paar Schritte weiter wartete schon der Müllermeister und Ökonom Hans Scheerer auf die Post. Wir kannten uns schon lange, da wir Buben doch schon immer, von dem Mühlenrad fasziniert, dort öfters gespielt hatten. Er hatte immer Zeit und ich habe ihn nie in Eile erlebt und so war immer Zeit für ein Schwätzchen, argwöhnisch von seiner Schwester Lisbeth beobachtet. Nachdem ich ihm sagte, dass ich Wirtschaftswissenschaften studiere stellte sich heraus, dass er über profunde volkswirtschaftliche Kenntnisse verfügte. Im Laufe der Zeit erläuterte er mir seine Theorie über den Zusammenhang zwischen der Veränderung der Getreidepreise und der weltwirtschaftlichen Gesamtentwicklung. Das Highlight war aber sein Unimog aus der ersten Produktionsserie und ich denke, dass er genau wusste was für einen „Schatz“ er da sein eigen nennen durfte. Kurz gebaut, mit sehr hoher Bodenfreiheit auf schmalen Rädern, ein kantiges spartanisch ausgestattetes Fahrerhaus, in dessen Mitte sich der Kühler als Heizung befand, auf dessen Oberseite ein Thermometer montiert war, dass die Kühlwassertemperatur anzeigt – jetzt komme ich aber ins Schwärmen. Dann entschwand er sozusagen als Brunkelsches Gesamtkunstwerk auf seinem Unimog und fuhr davon. Ein Wort noch zu seinem Hofhund, einem Spitz. Ein schlauer Hund, denn er erkannte mich als Aushilfe an und ließ mich in Ruhe. War aber eine Uniform oder ein gelbes Postauto zu sehen tat er seine Pflicht und ging laut bellend sofort zum Angriff über. Meister Scheerer lächelte und sagte nur leise „brav“.

 

Ein kleiner Versuch

den Brunkel zu verschönern wurde 1959 unternommen. Die Stadt spendierte einen Brunnen, der inzwischen etwas „arg vergessen“ ausschaut. Da müsste etwas Neues entstehen was den Brunkel im Kleinen repräsentiert mit 2 Bänkchen zum Ausruhen.

Neuer Brunnen im Brunkel mit den VIP’s v.l.n.r: Anton Balle, Johannes Feil, Josef Krok, Willibald Mannes, NN,NN, Gustav Bosch, NN mit Haus Nr. 3 im Hintergrund (Archiv Rathaus)

 

Nicht zu vergessen

der etwas eigentümliche Kreisel mit dem Baum in der Mitte. Bei der Straßensanierung vor einigen Jahren stand wohl das Fällen dieses Baumes zur Diskussion. Das ging und geht natürlich nicht, denn hier stand in vergangenen Zeiten unter dem Kreuz öfters einer der vier Fronleichnam-Altäre.

Fronleichnams-Altar am Brunkel-Kreisel (Archiv Holz)

Symbole sollten, so weit möglich, immer erhalten bleiben. Auch der Engelsteigweg ist nahezu aus dem Bewusstsein der BürgerInnen verschwunden. Er begann auf Höhe des Kapellenwegs Haus Nr. 16 / 18 und verlief in Richtung Schwörz mit allen 12 Kreuzwegstationen. Der heutige Kreuzweg findet sich zwischen städtischem Friedhof und der Maria-Schutz-Kapelle im Weingarten, den seinerzeit Pfarrer Snoeren nach der Restauration der Stationen dort errichten ließ.

 

Verbleibt noch das Scheerer-Areal

zu dem noch einiges zu berichten ist. In der Bevölkerung lange Zeit ein Zankapfel, über den lange intensiv und querbeet kontrovers diskutiert wurde. Jetzt erfährt dieser Teil des Brunkels eine Aufwertung wie uns sicher die feierliche Eröffnung mit dem an diesem Wochenende stattfindenden Weihnachtsmarkt zeigen wird. Eines Tages werden die Diskussionen Vergangenheit sein und man wird froh sein, diesen Bereich geschaffen zu haben. Über die Bedingungen der Vermietung wird in Zukunft sicher noch zu sprechen sein. Ich habe dieses Viertel schon immer geliebt und bin da oft zu Fuß, mit dem Fahrrad und später auch (bis heute) mit meiner Kamera herumgezogen – immer auf der Suche nach interessanten Motiven. Aus meiner Kindheit ist mir natürlich noch Hans Scheerer mit seinem Unimog in Erinnerung geblieben

Vermutlich Scheerer’s Unimog im Jahr 1954 vor der Bäckerei Fichtner im Dreißental (Archiv Rathaus)

– ein Fahrzeug, das heute noch von vielen heiß und innig geliebt wird. Oberkochen wurde erstmals 1335 urkundlich erwähnt und die erste Mühle geht auf das Jahr 1358 zurück. Aus dem Mühlenbuch sind also fast alle Müller von Beginn an ersichtlich:

bis 1389 – Besitzer unbekannt
1390 – Ravnest, Johann
1427 – Höfer, Johann
1478 – Wünsch, Konrad
1527 – Schnepf, Hans / Ravnest, Jeremias
1691 – Ravnest, Georg / Ravnest, Wigliaus / Blezinger, Johann Georg
1750 – Blicklein, Christian
1760 – Kieninger, Franz
1765 – Scheerer, Joachim / Scheerer, Franz
1800 – Grupp, Joachim
1830 – Stadelmaier, Josef
1877 – Scheerer, Kaspar (Großvater von Hans Scheerer)
1908 – Scheerer, Kaspar (Vater von Hans, Elisabeth und Emil Scheerer)
1963 – Scheerer, Hans und Elisabeth
1990 – Scheerer, Elisabeth-Pauline
2001 – Schultze, Sebastian (Großneffe von Hans und Elisabeth Scheerer)
             Gentsch, Harald als Verwalter des Areals, da Sebastian nicht volljährig war
2003 – Stadt Oberkochen erwarb das Areal
2004 – Übernahme durch neu gegründeten Mühlenverein

Der Brunkel, ein Mischgebiet aus Wohn- und Gewerbehäusern, so sieht es aktuell aus, ist wieder mal im Umbruch und wird sich weiterhin durch Altes und Neues, Modernes und Überkommenes, Erhaltenswertem und zur Erneuerung Anstehendem auszeichnen, er wird mit Durchgangsverkehr leben müssen und er wird im Laufe der Jahre die letzten lebenden „Originale“ verlieren. Auch deswegen schreibe ich heute über den Brunkel bevor wieder alles in Vergessenheit gerät weil wir irgendwann die Alten nicht mehr befragen können. Der neuen Begegnungsstätte wünschen wir alles Gute und viele schöne spannende Begegnungen und erfolgreiche Veranstaltungen.

Herzliche Grüße vom Sonnenberg an den Brunkel und die gesamte freundlich unterstützende Leserschaft
Ihr Wilfried Billie Wichai Müller wichai@t-online.de und Telefon 07364 921110

 

Nachtrag zu Bericht 667 über d’r Brunkel

1) Ich traf des Trittlers Done mit seiner lieben Mone und er ergänzte noch, dass die Wiesen im Brunkel einst als Versuchsfeld für eine Eisbahn dienten. Es wurden kleine Erdwälle errichtet, das innere Feld mit Wasser geflutet – nur konnte man danach nicht Eislaufen, weil jeder Grashalm von einer Eishülle umgeben war und das ganze vermutlich mehr wie eine eisiges Stalagmitenfeld aussah. Schön war es bestimmt, aber eben nicht zu gebrauchen. Heute haben wir zwar eine Eisbahn, aber mangels dazu passender Winter sieht man sie nicht.
 
2) Natürlich wurde der unabsichtlich versteckte ☺ Bild-Fehler zur Kapelle im Weingarten von Ludwig Burghard sowie Rudi und Helga Fischer entdeckt. Es handelt sich tatsächlich um den Blick vom Mahd aus. Vielleicht sollten wir öfters einen Fehler verstecken, denn das erhöht deutlich die nachträgliche Kommunikation ☺ ?
 
3) Des Weiteren wurde aufgedeckt, dass der Küfermeister auf dem Bild mit den Fässern der Adolf Wunderle ist.
 

 

 
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