Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 662
 

Nach dem Krieg – Ein Dorf platzt aus allen Nähten

Als ich 2014 die Idee für diesen Bericht hatte, konnte ich nicht ahnen, dass das Thema während des Recherchierens und Schreibens ungeahnte Dimensionen aufgrund des Flüchtlingsdramas annehmen würde. Aufnehmen ist das eine, unterbringen und integrieren das andere. Nach dem Krieg strandeten 12 Millionen deutschsprachige Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den Ostgebieten im Rest-Deutschland. Davon entfielen über 4 Mio. auf die SBZ (Sowjetische Besatzungszone) und 2 Mio. auf Bayern. In den 50er Jahren kamen viele Thüringer nach Oberkochen und im Rahmen des Mauerfalls kamen auch viele aus den damals so genannten neuen, den östlichen Bundesländern über die Auffanglager in die so genannten alten, die westlichen Bundesländer. Wir wollen uns in diesem Bericht die Situation in den 40ern und 50er des vergangenen Jahrhunderts näher anschauen. Wie immer gibt es in meinen Berichten Erinnerungen von Mitbürgern und -innen die von mir in den Gesamtbericht eingebettet wurden.

 

Ein paar Zahlen vorne weg

Heute bewohnt eine Person durchschnittlich 40 qm, in den 70ern 20 qm, in den 50ern 12 qm und in den 20er Jahren 5 qm. Für Miete werden heute ca. 30 % des Einkommens aufgebracht, in den 20ern waren dazu 50 % notwendig. Für Ernährung benötigen wir heute 14 % unseres Einkommens, in den 70ern 25 %, in den 50ern 44 % und um 1900 herum 57 %. Das macht einem schlagartig klar wie gut es uns heute geht.

 

Sowie eine Anmerkung zu Anfang

Dieser Bericht umfasst über 50 Fotos und Dokumente und kann daher im Amtsblatt nicht umfassend dargestellt werden, denn das Blättle ist ja nun mal kein Bilderbuch. Deshalb sei hier wärmstens auf die WebSite des Heimatvereins verwiesen. Dort lassen sich alle Bilder genüsslich im Detail betrachten. Ich bin mir sicher, dass dieser Bericht viele Gespräche auslösen wird. Und das ist für den Autor das Schönste: Recherchieren, Strukturieren, Erinnern, Schreiben und Reaktionen bei den LeserInnen auslösen.

 

Vor dem Krieg

Wir schreiben das Jahr 1939. Am Rande der Ostalb liegt das Dorf Oberkochen. Neben Remscheid und Schmalkalden das Zentrum der Werkzeug- und Maschinenindustrie zur Holzbearbeitung, aber trotzdem noch sehr bäuerlich geprägt. Die Einwohnerzahl beläuft sich auf 2002 davon 2/3 Katholiken und 1/3 Evangelische. Damals gab es 1.379 Beschäftigte davon 979 in der Industrie bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von knapp unter 50 Stunden.

 

Zurück auf „Los“ Mai 1945

Heidenheimer Straße (Rathaus 1951)

 

Heidenheimer Straße (Rathaus 1951)

Millionen Menschen, Flüchtlinge und Vertriebene, auf dem Marsch von Ost nach West. Die größte humanitäre Aktion nach dem Ende des II. Weltkrieges begann ohne eine Willkommens-Kultur. Nicht selten sprach man vom „Pack aus dem Osten“. Genauso kam es beim Kampf um Nahrungsmittel zwischen Ausgebombten, Flüchtlingen, Kriegsheimkehrern, Habenichtsen und Vertriebenen fast zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die einen schützten die Felder mit Waffen und die anderen stahlen. Schwarzhandel blühte trotz Strafandrohungen und Kardinal Frings in Köln duldete den Kohlenklau aufgrund des harten Winters 1946. Man ging also „hamstern“ (Nahrungsmittel beschaffen) und „fringsen“ (Kohlen klauen). In den Städten hauste man in Ruinen, auf dem Land bei den Bauern (die alles andere als erfreut darüber waren) und in kleinen Gemeinden wurde jedes Zimmer mit mehreren Menschen belegt. Die Einheimischen waren, mit Ausnahmen, alles andere als hilfsbereit und hilfswillig. In den Kreisen Waiblingen und Aalen war 1946/47 folgendes Schmähgebet im Umlauf: „Herrgott im Himmel, sieh‘ unsere Not / wir Bauern haben kein Fett und kein Brot / Flüchtlinge fressen sich dick und fett / und stehlen uns unser letztes Bett / wir verhungern und leiden große Pein / Herrgott schick‘ das Gesindel heim / Schick sie zurück in die Tschechoslowakei / Herrgott mach‘ uns vor dem Gesindel frei / sie haben keinen Glauben und keinen Namen / die dreimal Verfluchten, in Ewigkeit Amen.“ Man glaubt gar nicht was man beim Recherchieren so alles findet. Es ist kaum vorstellbar, aber das obige „Gebet“ ist da noch recht harmlos. Gelebte christliche Nächstenliebe sieht anders aus. Sie kamen aus Regionen, welche die Jungen heute überhaupt nicht mehr kennen: „Ostpreußen, Pommern, Schlesien (Bielitz), Böhmen (Braunau), Mähren (Rosternitz), Baltikum, Posen-Westpreußen, Galizien, Sudetenland, Egerland, Banat, Siebenbürgen, Bukowina, Bessarabien, Wolgagebiet, Kaukasus, Ungarn usw. usf. (Auflistung nicht vollständig). Heute ist man stolz darauf damals 12 Millionen integriert zu haben, aber es war schwer, mühsam und hat seine Zeit gedauert. Und Menschen, welche die Flüchtlinge ablehnten gab es damals auch schon in nicht geringer Zahl, – auch bei uns in Oberkochen. Ein Spruch, der bis weit in die 60er Jahre Gültigkeit hatte und besonders für die Mädchen galt, lautete: „Bring m’r bloß koin Flichtling“. Dazu eine kleine Oberkochener Episode: „In der Katzenbachstraße wurde ein Transformatorenhäusle gebaut. Kommt eine alte Oma vorbei und fragt den Kapo „Wer kommt jetzt da nei?“ Der Kapo antwortet maulfaul: „Transformator“. Oma fragt zurück: „Isch des au widdr so a Flichtling?“ Beim Recherchieren fiel mir auf, dass bei folgenden Adressen bei den An- und Abmeldungen im Amtsblatt ein reges „Kommen-und-Gehen“ stattfand: „Ölweiher 18, 20, 22 und 24 (die Baracken); Turmweg 24 (Bergheim) und Aalener Str. 1 (Gasthaus Ochsen). Der Zuzug, vor allen aus Thüringen, hörte aber nicht auf und ging bis Ende der 50er Jahre in mehreren Wellen weiter.

 

Heidi Proehl (heute USA) schildert ihre Erlebnisse

Heidi's Freundin Angelika (Heidi Proehl)

 

Formular Heidi Proehl

Von 1947 bis 1953 – 6 lange kalte Jahre haben wir in den Baracken in der Nähe von Carl Zeiss gewohnt. Unsere Anschrift lautete „Am Ölweiher 5“. Man sah auf die heutige Straße, den dahinterliegenden Kocher und die Leitz’sche Insel. Wir Kinder konnten nachmittags wegen des Arbeitslärmes, der von der Insel herüberklang kaum schlafen. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Baracken in die wir einziehen mussten angeblich für Soldaten gebaut wurden bis wir Flüchtlinge gezwungen wurden dort einzuziehen (sicher bin ich mir da aber nicht). Die Gemeinde wollte in der Brunnenhalde Wohnungen für uns bauen aber das dauert viel zu lange. In der Rückschau scheint es mir heute dass wir wie der letzte Dreck behandelt wurden. Mutti war immer wütend, weil die anderen Geld zum Leben bekamen und wir für jeden Pfennig schuften mussten. Vielleicht lag es daran dass wir nicht als Flüchtlinge eingestuft wurden. Mein Vater war 3 Jahre lang als Kriegsgefangener der Franzosen in Marokko gefangen. Ich sah ihn dann erst in Oberkochen wieder und war sehr eifersüchtig. Ich nannte ihn lange Onkel Vati und sagte ihm: „Geh weg, das ist meine Mutti“.

Heidi's Freundin Angelika (Heidi Proehl)

Die Familie Paul, die auch in den Baracken wohnte, übernahm die Babysittertätigkeit über meine Schwester Hannelore und mich. Ich erinnere mich auch noch an die Familien Rose, Blume, Plum und Nikels. Für mich war das so schwer in den Baracken zu wohnen. Wir wurden in Schmölln geboren und dort hatten wir richtige Häuser mit Treppen und großen Fenstern sowie herrlichen Obstgärten. Hier in Oberkochen war es einfach beschissen. Vor der Tür lagen Schlacken, 3 Familien mussten sich die Plumpsklos teilen, die auf dem Gang waren. Besonders im Winter war das ein Drama, so blieb oft nur der Weg auf den Nachttopf. Igitt. Wenn ich mich recht erinnere lebten mit uns die Familien Glaess und Pantke. In einer Baracke gab es 3 Wohnungen mit je 2 Zimmern. Die Wände waren dünn und wo Menschen eng aufeinander wohnen gab es auch Streit und Schläge. Wenn es zu laut wurde haben wir eben an die Wände geklopft. Die Kälte und immer wieder die Kälte machte mir zu schaffen. Mutti ging immer auf Kohlenklau, ein Brikett pro Abend musste genügen. Alle hatten Häuser, nur wir mussten in diesen verdammten Baracken wohnen (natürlich war das nicht so aber ich empfand das damals so). Zum Baden musste auf einem kleinen Ofen das Wasser in Töpfen heiß gemacht werden und wurde dann in eine Wanne geschüttet. Dann haben nach und nach alle darin gebadet, die jüngste zuerst und Vati am Schluss. Sonst immer nur kaltes Wasser bei der morgendlichen Katzenwäsche ins Gesicht. Mutti sagte immer dass das gesund sei ☺. Die einzigen Blumen die wir hatten blühten im Winter am Fenster. 1953 packten wir unsere Habseligkeiten und machten uns auf die lange Reise über den Ozean und kamen am 14. Nov 1953 in New York an wo ein völlig anderes Leben begann. 2014 machte ich mich auf eine 7wöchige Reise in die Vergangenheit nach Deutschland auf wo ich auch nach 64 Jahren meine ehemalige Kindergartenfreundin Angelika Bachmann geb. Rupp in Mainz besuchte.

Heidi vor den Baracken (Heidi Proehl)

 

Der Baracken-Mensch

Blick vom Leitz auf die Baracken (Leitz)

Die FAZ erfand 1952 den „Homo barackiensis“, der sich 1955 mit mehr als 250.000 Menschen in über 1.900 Lagern eingerichtet hatte. Auch Oberkochen hatte Baracken um den Zustrom aus der „Zone“ irgendwie bewältigen zu können. Zu diesem Thema hat Dietrich Bantel schon einige Berichte geschrieben und man findet 32 Einträge zu diesem Stichwort auf der Website des HVO. Eine gute Gelegenheit diese alten Berichte nochmals zu lesen. Carl Zeiss errichtete 1947/48 einige Baracken mit integriertem Kindergarten

Kindergarten in den Baracken (Werner Hilgart)

auf dem Werksgelände. Diese sollten nach Amtsblattunterlagen von 1955 geschlossen und abgebrochen werden. Das wurde aber nichts, wie der Bericht von Uwe Lärz zeigt. Wann die Baracken letztendlich abgebrochen wurden ist unklar. Es wird berichtet, das einige Bewohner gar nicht ausziehen wollten – vermutlich wegen der billigen Miete.

Isartaler Doppelbaracke im Dreißental (Rathaus 1954/55)

Auch in meinem Wohnviertel gab es eine große Baracke: Die Isartaler Holzbaracke im Dreißental auf dem Grund der heutigen Hausnummern 77 bis 81. Die Baracke wurde 1955 abgerissen und ein Teil der Bewohner zog in die neuen Häuser Nr. 6 - 12 im Starenweg ein (Hermann, Petermichel, Donner, Hillemeyer, Köhler, Motschenbach, Schneemilch, Parlow, Eberhard und Pöna). Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass die Kinder in den 50ern das Barackenleben nichts so schlimm wie Heidi das in den 40ern empfand.

spielende Kinder bei den Baracken (Marion Stumpf, geb. Triemer)

 

spielende Kinder bei den Baracken (Marion Stumpf, geb. Triemer)

 

spielende Kinder bei den Baracken (Marion Stumpf, geb. Triemer)

 

spielende Kinder bei den Baracken (Marion Stumpf, geb. Triemer)

 

Uwe Lärz, Sohn von Anni und Werner Lärz erzählt uns eine kleine Episode aus einer Baracke Am Ölweiher

1957 kam ich mit meinen Eltern mit dem Nachtzug aus Jena nach Oberkochen. Die blaue Notbeleuchtung vor den Schlafkabinen sehe ich heute noch vor mir. Nach ein paar Wochen, die wir in einem winzigen Dachzimmer in der Gartenstraße 28 beim Malermeister Burkhardtsmaier verbracht hatten, durften wir in eine der Zeiss-Baracken umziehen. Wir Zeissianer-Kinder hatten in meiner Erinnerung in den Baracken eine schöne Zeit. Es ging fast zu wie in einer Großfamilie. Es gab viele Gemeinsamkeiten, die wichtigste war natürlich die ständige Lust auf echte Thüringer Rostbratwürste und Rostbrätchen.

Ohne Thüringer geht gar nix (vermutlich 1956)

Mein Vater Werner ging eines Tages im Ort spazieren und landete dabei im Elektrofachgeschäft Fritscher. Dort sahen seine staunenden Augen die modernen technischen Wunderwerke der damaligen Zeit – in diesem Fall eine Musiktruhe mit einem 10-Plattenwechsler. Hr. Fritscher sah wohl das Interesse und überging die Bedenken meines Vaters galant. Was man sich vielleicht jetzt nicht leisten könne, könnte man aber doch durch Ratenzahlung trotzdem anschaffen. Vater zögerte immer noch und da holte Hr. Fritscher zum entscheidenden Schlag aus – 14 Tage kostenlos zur Probe in unserer Barackenwohnung. Vater versuchte dem Verkaufsdruck zu entgehen, lehnte ab und suchte das Weite. Jeder Verkäufer hätte aufgegeben, nicht aber Wilhelm Fritscher. Ein paar Tage später kamen zwei kräftige Männer im Auftrag von Hr. Fritscher und stellten das versprochene Probegerät auf. Mutter ließ sich völlig überfahren, Vater war nicht zuhause und wir hatten plötzlich Musik in der Wohnung. Kostenlos dazu gab es EINE Platte von Catharina Valente. Die Platte lief von nun an ständig, das Gerät wurde nie mehr abgeholt, die Kosten wurden abgestottert und Wilhelm Fritscher war wieder einmal erfolgreich. Eines Tages brüllte jemand mitten in der Nacht: „Feuer! Alles muss raus! Es brennt!“ Aus dem Schlaf gerissen rannten wir in den Schlafanzügen in den Flur. Die Hühnerleiter zur Dachluke brannte bereits lichterloh. Meine Eltern konnten gerade noch das Nötigste ins Freie retten. Aus sicherem Abstand mussten wir zusehen wie unsere Baracke niederbrannte. Ich war damals 6 Jahre alt und fasziniert vom Feuer und völlig angstfrei sagte ich laut: „Hoffentlich ist unser Gold nicht verbrannt“. Natürlich machte das sofort die Runde dass die Lärzens eine Menge Gold ihr Eigen nannten. Meine Mutter hatte danach lange Zeit viel Mühe allen zu erklären, dass wir nicht reich waren, sondern Klein-Uwe das Porzellangeschirr mit dem Goldrand gemeint hatte. Später kam heraus, dass der Brand dadurch entstand weil die Glühbirne am Dachboden, der zum Wäschetrocknen benutzt wurde, defekt war und jemand eine Kerze benutzte, die er beim Verlassen des Dachbodens zu löschen vergaß. Ich erinnere mich auch noch an zwei Menschen die bei mir richtig Eindruck hinterließen. Das war zum einen der Hr. Ferner. Der hatte ein Fernrohr durch das wir bei Dunkelheit und klarem Himmel die Krater auf dem Mond und auch die Ameisen auf dem Rodsteinkreuz sehen konnten. Sehr beeindruckend für uns Kinder. Zum anderen war da noch der BMW-Bruno. In einem Schuppen direkt neben der Fa. Brunnhuber gelegen schraubte Bruno an seinem Motorradgespann, einer BMW R69S herum. Wir Kinder waren von dieser in der Sonne glänzenden Maschine höchst beeindruckt und genossen es wenn wir mal auf den Sitz durften. Diese Zeit endete eines Tages. Die Dorfgemeinschaft im Barackenlager zerbrach als alle eine schöne neue kleine Wohnung bekamen und ab sofort waren Karriere, Wohnung und Auto wichtig. Merke: Der Zusammenhalt ist dann am Größten wenn es den Menschen materiell schlecht geht.

 

Aus alten Amtsblattausgaben ab 1953

Anfang der 50er wurde gebaut was das Zeug hält, besonders in den Gebieten Brunnenhalde und Zeppelinstraße (Veste Coburg), Dreißental-, Sonnenberg- und Weingarten- und Panormastraße sowie im Starenweg. Und trotzdem reichte es hinten und vorne nicht. Es darf auch nicht unerwähnt bleiben dass es unter der Bevölkerung tw. untereinander rumorte, was das Verhältnis zwischen Umsiedlern (die oft lange Zeit in den Baracken wohnten) zu den Häuslesbauern (oft Heimatvertriebene die rasch Fuß fassten) und anderen vom Schicksal stark geprägten Einwohnern betraf. Aber mitunter ließ auch die Zahlungsmoral einiger Barackenbewohner den Mietzins betreffend zu wünschen übrig. Hinzu kommt, dass neben 240 wohnungssuchenden Familien zusätzlich illegale (also nicht gemeldete wie es die Ordnung verlangt hätte) Zuwanderer aus der Ostzone die Wohnungsnot verschärften. Beispielsweise erklärte das Wohnungsamt, dass „25 Parteien von unzumutbaren Mietern dem Vermieter nicht zugemutet werden können“ weil sie ihren Mietzins nicht entrichten können sowie „39 Obdachlose, die von auswärts zugezogen sind ohne eine Wohnung zu haben“. Hierbei handelte es sich überwiegend um Sowjetzonenflüchtlinge. In einem Bericht fand ich eine Auflistung von 30 Gruppen, die wohnungsbaupolitisch besonders zu berücksichtigen seien. Hier eine Auswahl davon: “Kriegssachbeschädigte, Heimatvertriebene, Evakuierte, Fernpendler, Dauerarbeitslose, ältere Angestellte, Sowjetzonenflüchtlinge, sozial Schwache, kinderreiche Familien, Kriegsheimkehrer, TBC-Kranke, Baracken- und Bunkerbewohner, Land- und Forstarbeiter, Bahn- und Postbeschäftigte, Kleinsiedlungen und bäuerliche Siedlungen usw. usf. Man hatte gedacht aus der größten Wohnungsnot heraus zu sein, aber der Wirtschaftsboom verschärfte die Situation nochmals. Zur Verdeutlichung der Probleme ein Originaltext der Rathausverwaltung vom Sommer 1956: „Alle sehen und spüren es wie sich in den letzten Monaten viele Menschen hier niedergelassen haben. Ohne mit einer Wohnung versorgt werden zu können, einfach auf gut Glück. Viele Vermieter haben ihre Häuser vom Keller bis zur Bühne mit Menschen vollgestopft, um mit dieser Ausnützung ihrer weiterhin mit Steuermitteln des Staates finanzierten Wohnungen so viel als möglich zu verdienen. Die Bürgerschaft macht sich kaum eine Vorstellung davon in welch unerträglicher Weise…..der angewachsene Überdruck auf dem Rathaus niederschlägt……“ Dazu eine kurze Übersicht über das Bevölkerungswachstum: „1939 - 2.002 EW; 1945 - 2.600 EW; 1948 - 3.192 EW; 1950 - 3.681 EW; 1952 - 4.332 EW; 1954 - 5.273 EW, 1956 - 6.248 EW und 1959 - 7.435 EW“. Ergänzend Arbeitgeber und ihre Arbeitnehmer: 1956 - Leitz Gebr. 293; Bäuerle 758; Grupp 420; Zeiss 4.381; Schmid 102; Oppold 98; Leitz Fritz 125; Kaltwalzwerk 113; Günther & Schramm 40.

 

Esther Englert, Schwiegertochter von Hugo Englert sen. berichtet

Die Englerts waren Bielitzer (Schlesien), wie so viele die in Oberkochen nach dem Krieg gestrandet sind. Hugo Englert sen. ist wohl im Herbst 1945 nach der Flucht über Österreich nach Oberkochen gekommen. In Bielitz arbeitete er bei der Fa. Joseffi, die Geschäftsbeziehungen zu der Fa. Bäuerle unterhielt. Deshalb sind viele Bielitzer nach Oberkochen gekommen und fanden auch beim „Bäuerle“ Arbeit. Hugo sen. fand Unterkunft bei der Familie Schauder oder Schmauder. Seine Frau mit den 3 Kindern ist auf der Flucht in Leipzig gestrandet und vermutlich fanden sie im Frühjahr 1946 in Oberkochen zusammen. Gegenüber dem heutigen „Mannes-Haus“ im Kapellenweg standen einige Baracken in die sie wohl durch die Gemeindeverwaltung eingewiesen wurden. Hugo Englert sen. war wohl ein optimistischer anpackender Mensch mit Zielen und Visionen. Sonst hätte er nicht folgenden Satz zu seiner Familie gesagt: „So Kinder, und hier ziehen wir erst wieder aus, wenn wir ins eigene Haus ziehen.“ Manche Zeitgenossen hielten ihn für größenwahnsinnig. In einer Zeit als es am Nötigsten fehlte eine solche Aussage zu treffen. Aber, wie das Leben so spielt, es sollte sich tatsächlich bald bewahrheiten. Die Oberkochner Firmen Bäuerle, Grupp und Leitz sowie Zeiss waren Bauträger einiger Doppelhäuser. Das Doppelhaus Nr. 3 und 5 im Rosenweg wurde an die Familien Wilhelm Rühle und Hugo Englert vergeben. Finanziert wurde vermutlich mit Lakra-Geldern (Landeskreditanstalt). Auflage war jedoch, dass eine der beiden Wohnungen an eine Flüchtlingsfamilie vergeben werden musste. Der Lehrer Menzel bewohnte die Wohnung bei Englerts im 1. Stock während die Familie Mannes im EG wohnte. Sehr beengt, aber doch im Eigenen, wie es Hugo vollmündig angekündigt hatte. Unterm Dach befanden sich noch 2 Mansardenzimmer die zuerst an das Ehepaar Urbanke und dann an das Ehepaar Kukula vermietet wurde. Kein Platz blieb unvermietet. Anni Gentner, die älteste Tochter der Englerts, musste mit der Heirat so lange warten bis der Lehrer Menzel Anfang 1952 nach Kirchheim/Teck versetzt wurde um dort eine Rektorenstelle anzutreten. (Zur Jahreszahl gibt es unterschiedliche Reaktionen da er danach noch in der Weingartenstr. 54 gelebt haben soll. Somit ist das Datum des Wegzugs nicht gesichert). Allerdings mussten viele Anträge gestellt und Verhandlungen geführt werden, bis sie einziehen konnte. Im Herbst 1953 war es dann soweit dass Hugo jun. aus Mühlacker nachzog und wir 1954 heiraten konnten. Auch wir mussten beengt in einem Zimmer wohnen bis Kukulas auszogen. Dann hatten wir die beiden Dachmansarden für uns. WC war vorhanden, Wasseranschluss auf der Bühne und das Bad wurde mit den Gentners im 1. OG geteilt. Die Familie wuchs, die Zimmer auch, aber der Raum nicht. Mit dem 3. Kind wurde eine Zwischenwand gezogen und so wohnten wir zu fünft nach dem Motto „Raum ist in der kleinsten Hütte“. Aber es musste sich etwas ändern, für mich aber unvorstellbar wie wir zu einem Haus kommen sollten. Da wurde die Idee des „Steinemachens“ geboren: Es wurden Hohlblocksteine aus Split und Schlacke hergestellt. 5 Männer (Hugo sen. und jun., Willie Gentner, Heinz Englert und Hans Krön) betrieben die Steinproduktion. Es war eine schwere Arbeit. Für die Nachbarschaft war es eine Zumutung, denn die Schlacke, die mit LKW eintraf, verursachte regelmäßig eine große Staubwolke. Aber man war tolerant zueinander. Im Herbst 1960 konnten wir endlich im Adalbert-Stifter-Weg 20 einziehen. Die Wohnungssituation in Oberkochen war schwierig und so wurde auch unser Haus sehr stark bewohnt. Auch wir mussten Lakra-Gelder in Anspruch nehmen und eine Wohnung für Flüchtlinge zur Verfügung stellen, das war die Familie Cziollek mit 2 Kindern. Im UG wurde eine Miniwohnung an ein Ehepaar vermietet. Unter dem Dach wohnte Hr. Töppel. Dann hatten wir noch in einem Zimmer die 3-köpfige Familie Reichelt mit Sohn, die aus der DDR geflüchtet waren. Erst Jahre später leerte sich das Haus, die Kinder wurden größer und der Wohnkomfort wurde besser. Es waren schwere aber erfüllte Jahre mit 4 Kindern die uns 12 Enkelkinder schenkten. Mein Mann ist schon seit längerem verstorben und ich denke heute, dass die schwere Zeit der 50er, 60er und 70 Jahre eine gute Lebensschule waren.

 

Als ausschlagebend für das gigantische Wachstum Oberkochens

wurde seinerzeit in einem Aufsatz von Dr. Hans Schmid die Kette von Ursache und Wirkung bezeichnet, die ausging von den leerstehenden Hallen des Fabrikanten Fritz Leitz, dem Zuzug der Firma Carl Zeiss und ihrer geflüchteten Stammbelegschaft von 82 Mitarbeitern, der Entstehung der Sowjetzone, dem Mauerbau und des Zustroms von Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Der Mensch wird immer dort hingehen wo es Arbeit und Brot, Frieden und Wohlstand, Sicherheit für die Familie und Bildung für die Kinder zu geben scheint. Mit allen Problemen die daraus entstanden sind kann das Oberkochener Projekt als gelungen bezeichnet werden. Natürlich wären wir noch erfolgreicher gewesen, wenn die Topographie uns nicht einengen würde, aber so hat auch das ganze Umland profitiert und Oberkochen, zudem am Rande des Landkreises gelegen, muss schauen wie es heute zurechtkommt. Bei alledem bestand immer die Angst, und das schon Mitte der 50er (!), dass bei einer Wiedervereinigung Carl Zeiss den Standort verlassen würde und Oberkochen mit seinem ganzen Wohnungsbauprogramm in eine Katastrophe stürzt. Wir sehen heute, dass es gut gegangen ist und Carl Zeiss einen Weg gefunden hat um alle Beteiligten am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben zu lassen. Dafür sei auch einmal von nicht offizieller Stelle Dank gesagt, besonders Hr. Prof. Dr. Michael Kaschke und Dr. Jürgen Brocksch, die diesen Bericht mit Bild und Text unterstützt haben. Auch mit ihren Bürgermeistern, die nach dem Krieg in Oberkochen das Sagen hatten (Rudolf Eber, Gustav Bosch, Harald Gentsch und Peter Traub), hat die Stadt Glück gehabt und es wurden überwiegend (aber nicht immer) die richtigen wohnungspolitischen Weichen gestellt. Allerdings ist es langsam an der Zeit die topographischen Gegebenheiten zu akzeptieren. Der weitere Bau von hier 20 und dort 30 Häuschen wird die Probleme nicht lösen aber die letzten freien Flächen unwiederbringlich zerstören. Das Ziel kann nur heißen den vorhandenen Bestand zu modernisieren und optimieren.

 

Bürgermeister Bosch und der damalige Gemeinderat

BM Gustav Bosch und sein neuer Gemeinderat (Rathaus 1956)

Es waren immense Aufgaben die vom BM und seinem Rat damals gestemmt wurden. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen in welch kurzer Zeit Geld beschafft und bewegt werden musste um in einer umtriebigen Zeit den Menschen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Am 18.10.1953 stand eine Bürgermeisterwahl an. Was beim Sichten der Unterlagen auffällt ist, dass von vielen Seiten (z.B. Heimatvertriebene, TVO, Weingarten- und Diözesansiedlung, den Parteien usw.) inseriert wurde doch den alten BM Gustav Bosch für weitere 8 Jahre zu wählen, weil er die Dinge einfach mit der ihm eigenen Art richtete und man spürt förmlich die Dankbarkeit der verschiedenen Gruppen wenn man die Inserate zur BM-Wahl liest.

    
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Aufruf zur Bürgermeisterwahl 1953

 

Aus alten Unterlagen der Firma Carl Zeiss

Der Krieg war vorbei, die Amis waren bis nach Thüringen gekommen, mussten dieses Bundesland aber aufgrund der Verträge von Jalta wieder verlassen und den Russen überlassen. Eine Äußerung eines mitfühlenden Oberkochener Altbürgers, die sich allerdings nicht nachweisen lässt, lautete: „Kein Wunder, dass der Russe nach Thüringen und der Ami nach Oberkochen gekommen ist – die Thüringer sind ja evangelisch“. Rasch verluden die Amis 86 oder 126 (da gibt es unterschiedliche Quellen) Wissenschaftler, Konstrukteure, Techniker und Kfm. Führungskräfte mit ihren Familien auf LKWs und fuhren von Jena nach Heidenheim. Zeichnungen, Patente, Lizenzen u.a.m. wurden schon vorher von den Amis in den Westen gebracht. Wenige Tage später wurde Jena von den Russen besetzt und es begann die Geschichte zweier Zeiss-Werke, die erst wieder nach der Wende eine Wendung nahm. Die Jenenser wurden in Heidenheim und Umgebung verteilt und hausten dort notdürftig und primitiv auf engstem Raum. Fast 10 Monate vergingen bis die Arbeitsgenehmigung und die Erlaubnis zum Aufbau einer neuen Fertigung in Oberkochen in den alten Fritz-Leitz-Fabrikgebäuden erteilt wurde und 200 Beschäftige legten los wie die Feuerwehr. Die Umsätze stiegen und stiegen, die Zahl der Arbeitskräfte nahm rapide zu, die Bevölkerungszahl nahm ebenfalls rasant zu und es kamen immer mehr Menschen um hier zu arbeiten. Bei den Umsiedlern wurde schon der Hit von Conny Froboess aus dem Jahr 1951 umgetextet: „Pack die Badehose ein, fahr auch Du nach Heidenheim usw.“ Wer kennt noch den kompletten Text? Bitte melden! 1953 betrug die Belegschaft 2.300 Menschen die sich wie folgt zusammensetzte: „25 % Jenenser; 33 % Einheimische und 42 % Flüchtlinge“. Einige der wichtigsten Probleme waren der Transport und das Wohnen der Beschäftigten. Das Transportproblem wurde in Zusammenarbeit mit „Beck & Schubert“ und das Wohnungsproblem in Zusammenarbeit mit der Gemeinde angegangen und gelöst. Auch wenn es sehr schwierige Jahre waren, die ins Land gingen. Die ersten Notunterkünfte (Baracken) wurden 1947 für die ersten Jena-Flüchtlingen errichtet. 1948 wurde die CZ-Wohnungsbau GmbH gegründet. Deren Leiter war einige Jahre lang Dr. H. Thümmler über den noch in einem besonderen Abschnitt zu berichten sein wird. Bis 1951 ließ sie 400 werkseigene oder werksgeförderte Wohnungen errichten. Doch das genügte bei weitem nicht. In Zusammenarbeit mit Gemeinderat und Verwaltung mit Siedlungsträgern und Architekten wurde versucht „echten Städtebau nach modernsten Erkenntnissen zu betreiben“. Bis 1967 wurden so weitere 2.717 Wohnungen erstellt. Wahrlich eine große Leistung die zeigt: „Wenn alle an einem Strang ziehen und etwas gemeinsam erschaffen wollen gelingt es auch.“ Daneben waren als Bauträger die Kreisbau Aalen, die Baugesellschaft Heidenheim, die Wohnungsbau Aalen, das Diözesanwerk und die CZ Wohnungsbaugesellschaft tätig um dieses große Projekt zu stemmen. 1977 wurde die CZ Wohnungsbau an das Siedlungswerk Stuttgart verkauft.

 

Der soziale Wohnungsbau der Firma Carl Zeiss

kann auch heute, nach so vielen Jahren nicht hoch genug gewürdigt werden. Bereits 1946/47 arbeiteten Arbeiter der Firma an Bauprojekten, um die Werksangehörigen aus den Baracken, Gasthäusern, Schulen und Massenquartieren herauszuholen. Da auch hier die Devise galt: „Ohne Moos nix los“ kam es in der kapitalarmen Zeit auf Werksdarlehen und bei Zeiss ganz besonders auf staatliche Fördermittel an. 1953 gab es gravierende personelle Probleme. 72 Facharbeiter aus den Bereichen Feinmechanik und Optik hatten die Firma verlassen. Knapp 1/3 davon sind ausgewandert (USA, Kanada, Australien, Schweiz). Das waren Anzeichen die sehr ernst genommen wurden, weil dies auch auf das Wohnproblem zurückgeführt wurde. Zudem konnten neue Fachkräfte aus dem gleichen Grund nicht eingestellt werden. Des Weiteren gab es über 150 Pendler die täglich 60 km und mehr zurückzulegen hatte. (Wer an der Bahnlinie Wasseralfingen-Heidenheim wohnte, zählte nicht als Pendler). Das Bergheim, ein Wohnheim für Einzelgänger und Junggesellen, wurde 1954 für 12 Sowjetzonen-Flüchtlingsfamilien zweckentfremdet. Zugleich musste eine Werksbaracke geräumt werden. Und so wurde der Druck auf den Wohnungsmarkt immer größer. 1955 gab es ein Bauprojekt mit Namen „Barackenbeseitigung“ das 25 Familien betraf. Zeiss investierte 400 Tsd. DM um die Holzbaracken durch massive Neubauten zu ersetzen.

Carl Zeiss mit Baracken umgeben von Siedlungen (1957)

 

Die Personalie Dr. jur. Johannes Hermann Thümmler

Dr. Thümmler (2. v.l.) mit Besuch aus Pakistan (Rathaus 1958)

Im Rahmen der Recherchen bin ich auch auf Dr. Thümmler gestoßen und habe mich entschlossen diesen Teil aus dem Bericht nicht auszuschließen: Er war langjähriger Leiter der Carl Zeiss Wohnungsbaugesellschaft, die in Oberkochen viel Gutes bewirkt hat, leider mit dem falschen Mann an der Spitze. Immer wieder habe ich gehört und gelesen, dass extrem viele Juristen nach dem Krieg sofort oder nach einiger Zeit wieder zu Amt und Würden und Beschäftigung kamen ohne dass sie sich jemals für ihr Tun im 1000-jährigen Reich verantworten mussten. Dauerte ja auch nur 12 Jahre und wurde daher oft eine Erinnerungslücke in den Biografien dieser Menschen. Wenn man so die Protokolle des Frankfurter Auschwitzprozesses zur Vernehmung von Dr. Thümmler liest, stößt man ständig auf seine Standardaussage: „Da bin ich überfordert, das weiß ich nicht“. Da er hier in Oberkochen gewirkt und in Aalen gewohnt hat möchte ich schon seine Biografie (in Schwerpunkten) aus der Vor-Oberkochen-Zeit zur Erinnerung bringen: Die Details lassen sich auf Wikipedia und anderen Plattformen nachlesen. Seine Geschichte ist das klassische Beispiel von Juristen die emsig in der NS-Zeit ihre Karriere vorantrieben und sich nachher nicht so recht erinnern konnten und man ihnen auch nichts nachweisen konnte. Wie lange er bei Zeiss arbeitete ist derzeit unklar. Jedenfalls begann er 1948 und 1964 war er dort noch immer beschäftigt. Wann er in den Ruhestand wechselte ist derzeit unklar.

„Geb. 23.08.1906 in Chemnitz als Sohn eines Verlagsbuchhändlers / gest. 28.04.2002 in Eriskirch am Bodensee / 1932 Eintritt in die NSDAP / 1933 in die SA und 1937 in die SS / 1941 wurde er Chef der Gestapo in Dresden und in Chemnitz / am 20.04.1943 erfolgte die Ernennung zum Obersturmbannführer / Ende 1943 übernahm er die Leitung der Gestapo, der Sicherheitspolizei und den SD und mit einhergehend das SS-Standgericht in Kattowitz / Das Standgericht tagte im Block 11 im Stammlager des KZ Auschwitz / Ostern 1945 übernahm er die Sicherheitspolizei und damit auch die Gestapo in Stuttgart / danach franz. Kriegsgefangenschaft / ab 1946 Internierungslager Ludwigsburg wo er die Funktion des „Bürgermeisters“ innerhalb der Lagerselbstverwaltung innehatte / 1948 im Rahmen der Entnazifizierung als „Hauptschuldiger“ eingestuft und zu 2 ½ Jahren Arbeitslager verurteilt (Die Internierung wurde angerechnet) / In der Berufungsverhandlung wurde er als „Belasteter“ eingestuft und mit 180 Tagen Arbeitslager belegt und sofort entlassen / Oktober 1948 wurde er bei den Optischen Werken Zeiss in Oberkochen eingestellt und arbeitete sich auf der Karriereleiter nach oben / am 2.11.1964 wurde er als Zeuge im Frankfurter Ausschwitz-Prozess vernommen (er bat bei der Vernehmung darum, den damaligen Arbeitgeber - also Zeiss - nicht nennen zu müssen, dem wurde stattgegeben) / 1970 lehnte das Landgericht Ellwangen die Eröffnung einer Hauptverhandlung gegen ihn ab / 1996 forderte er Bilder von der Stadt Chemnitz zurück, die in städtischen Museen gelangt waren / 1999 wurde ein Mordverfahren gegen ihn wegen Mangel an Beweisen eingestellt / 2002 verstarb er als unbescholtener Bürger“.

 

Das Mega-Bauprojekt „Bühl-Gutenbach-Tierstein“

Bauprojektübersicht (Rathaus 1957)

 

Oberkochen wird umgegraben (Rathaus 1956)

 

Modell des Bauprojektes (Rathaus 1956)

wurde das größte Bauprojekt das Oberkochen bis dahin gesehen hat. Wenn wir uns die Bilder und Texte aus dieser Zeit anschauen kann man erkennen welche gewaltige Leistung erbracht wurde und das in einer so kurzen Zeit – da können Entscheider heute nur davon träumen.

Walter-Bauersfeld-Str. (Rathaus 1957)

 

Walter-Bauersfeld-Str. (Rathaus 1957)

 

Es geht voran (Rathaus 1958)

 

Schillerstr. – heute Heinz-Küppenbender-Str. (Rathaus 1958)

 

Gerhard-Hauptmann-Weg (Rathaus 1958)

 

was man in kurzer Zeit bauen kann (Rathaus 1958)

 

Blick auf das Ganze (Rathaus 1958)

Die Notwendigkeit dieser Baumaßnahme wird verständlich wenn man sich vor Augen führt, dass sich die Einwohnerschaft zwischen 1946 und 1954 von 2.950 auf 5.500 fast verdoppelt hat. Für dieses Gebiet wurden ca. 800 Wohnungen mit einer 2-3jährigen Bauzeit planerisch und bauseitig in Angriff genommen.

Musterhaus Horgen (Rathaus 1957)

Als Mustersiedlung diente den Architekten eine Genossenschaftssiedlung in der Speer- und Strohwiesstrasse in Horgen am Zürichsee, wie ich durch Recherche herausfand. Der Leiter der GIS-Fachstelle (GeoInformationsSystem) Hans Erdin schickte mir ein paar Bilder aus denen deutlich zu sehen ist, dass Teile von Horgen städtebaulich fast so aussehen wie unsere Gutenbachsiedlung. Ich finde das äußerst erstaunlich. Man hat sich dort wohl schlau gemacht, da in Horgen in den 50ern auch viele genossenschaftlich finanzierte Wohnungen gebaut wurden und die Anforderungen wohl sehr ähnlich gelagert waren.

Horgen Speerstraße (Ortsbildarchiv Horgen Hans Erdin 1952)

 

Horgen Speerstraße (Ortsbildarchiv Horgen Hans Erdin 1952)

 

Unser wohnbauliches Vorbild Horgen CH

Horgen ist eine Stadt mit einer Fläche von über 2.000 ha und 20.000 EW sowie über 800 Arbeitsstätten mit rund 9.000 Arbeitsplätzen und sage und schreibe über 150 Vereinen. Die geschichtliche Entwicklung reicht zurück bis in die Zeit der Pfahlbauten 3100 v. Chr. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 952. Später lag Horgen auf der Nord-Süd-Handelsroute zwischen Italien und Deutschland. Zwischen 1600 und 1900 entwickelte sich ein wichtiges industrielles Zentrum im Bereich Wolle, Leinen, Baumwolle und Textilmaschinen. Diese Entwicklung führte zu Wachstum und Wohlstand. Bei meinem Besuch im Juli 2016 in Horgen, bei dem mir Hans Erdin „seine“ Stadt zeigte erfuhr ich auch dass Adolf Hitler hier 1923 Geld für seine Pläne einsammelte und in Horgen auf dem „Landgut Bocken“ empfangen wurde, denn auch in der Schweiz gab es seinerzeit einige Sympathisanten in der Hautevolee. Das Landgut gehörte seinerzeit dem berühmten Seidenfabrikanten Schwarzenbach. Äußerst interessant fand ich welchen Stellenwert das Ortsbildarchiv in Horgen findet. Das Bildarchiv wurde ab 1950 analog aufgebaut und von Hans Erdin ab 2008 digitalisiert und in einer Datenbank installiert und umfasst heute über 30.000 Bilder. Chapeau kann ich da nur sagen. Das müsste in Oberkochen doch auch mal eine Überlegung wert sein um Geld und Manpower zu aktivieren.

 

Der Wohnungsbau der Firma Gebr. Leitz

Natürlich muss ich als ehemaliger Mitarbeiter auch das damalige Engagement meiner Firma, der heutigen Leitz GmbH & Co KG, lobend erwähnen. Zwischen 1951 und 1963 wurden 5 Häuser mit insgesamt 33 Wohnungen errichtet, um ihren Mitarbeitern ein Wohnangebot machen zu können. (1951: 6-Familienhaus Gutenbach; 1957: 4-Familienhaus Heidenheimer Str., 1958: 14-Familienhaus Heidenheimer Str., 1963: 5-Familienhaus Jenaerstr., der Umbau des 4-Familienhauses Aalener Str. (heute Flüchtlingsunterkunft) sowie die Häuser in der Sperberstr. und Försterstr. Gemessen an der Mitarbeiterzahl war das ohne Zweifel eine große Leistung in wirtschaftlich guten Jahren.

Heidenheimer Str. 88 (Leitz 1958)

 

Haus am Gutenbach (Leitz)

 

Heidenheimer Str. 86 (Leitz 1957)

 

Aalener Str. 45 (Leitz)

 

Jenaer Str. 35 (Leitz 1962/63)

 

Die Weingartensiedlung

Die Siedlungen in der Panorama- und Weingartenstr. wurden 1952 / 1953 erstellt und die Bewohner dankten es indem sie zur geschlossenen Wahl von BM Gustav Bosch im folgenden Jahr aufriefen. Die Finanzierung der Grundstücke und der Erschließung der Weingarten- und Brunnenhaldesiedlung erfolgte durch Vorschüsse der Industrie auf später zu leistende Arbeitgeberdarlehen. Ende 1952 zogen hier 15 Familien mit 65 Personen aus Schleswig-Holstein (Flensburger Raum) gebürtig aus Pommern, Danzig, Schlesien, Sudetenland im Rahmen einer Umsiedlung ein. Sie mussten aber auch lernen, dass nicht alle Wünsche sofort realisierbar waren. Diese Umsiedlung beruhte auf einem Gesetz des Bundes, der veranlasste, dass 100.000 Vertriebene bis Jahresende aus den Notquartieren verteilt werden mussten: 24.000 Bad-Wrttbg, 2.000 Bremen, 6.000 Hamburg, 2.000 Hessen, 64.000 N-Westf. und 2.000 Rheinl.-Pf. Damals wurde nicht viel diskutiert – es wurde entschieden und umgesetzt. Das Richtfest fand 1952 im Beisein von allen Honoratioren statt. Die Pfarrer Siedler und Hager sowie Franz Brunnhuber der Jüngere, Willibald Mannes der Ältere, Ortsbaumeister Weber, BM Gustav Bosch sowie Hans-Hubert Bewersdorff sprachen die notwendigen Worte, musikalisch vom Chor der Volksschule unter Leitung von Lehrer Zweig begleitet mit dem Lied „Brüder reicht die Hände zum Bunde“. Abschließend ging es zum Richtschmaus in den „Ochsen“.

Weingartensiedlung Richtfest (Rathaus 1952)

 

Weingartensiedlung Richtfest (Rathaus 1952)

 

Weingartensiedlung (Rathaus 1955)

 

Weingartensiedlung (Rathaus 1955)

 

Die Veste Coburg

Veste Coburg Brunnenhalde- / Zeppelinstr. (Rathaus 1956)

 

Veste Coburg Brunnenhalde- / Zeppelinstr. (Rathaus 1956)

 

Veste Coburg Brunnenhalde- / Zeppelinstr. (Rathaus 1956)

 

Veste Coburg Brunnenhalde- / Zeppelinstr. (Rathaus 1956)

 

Veste Coburg Brunnenhalde- / Zeppelinstr. (Rathaus 1956)

 

Veste Coburg Brunnenhalde- / Zeppelinstr. (Rathaus 1956)

1952 wurde die Zweigniederlassung Coburg geschlossen und viele der MitarbeiterInnen kamen nach Oberkochen und fanden anfangs im Bereich Zeppelin- und Brunnenhaldestraße ihr Zuhause. Sportliche Beziehungen nach Coburg über den SKO Sportkegelclub hielten die Verbindung zu den Wurzeln aufrecht. An den Reisen des SKO nach Coburg zu Freundschaftskämpfen nahm ich als junger Spieler auch teil und lernte dort die besonderen Bratwürste der Stadt kennen und zu schätzen.

 

Das Zeiss-Ledigenheim im Turmweg 24

Ledigenheim im Turmweg 24

Mitte Juli 1952 wurde das Bergheim zum Heim für alleinstehende männliche (das konnten auch Strohwitwer sein) Mitarbeiter von Zeiss Opton umgebaut. Im Zeitungsbericht vom 4.9.1952 wird von „Freundlichen Schlaf- und Aufenthaltsräumen, die jede Bequemlichkeit bieten“ gesprochen. Es wurde damals von 22 Insassen (!) im Alter zwischen 20 und 47 Jahren bewohnt. Das Klima wurde als gut beschrieben was nicht selbstverständlich war bei einer landsmannschaftlichen Zusammensetzung aus Berlin, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Sudetenland, Jena, Hannover und Flensburg. Die Unterkunft hatte einen individuellen Charakter und hob sich von Kasernierung deutlich ab. Eine elektr. Küche stand zur Verfügung. Nur mit Putzen klappte es nicht – da wurde die fachmännische Hand der Frau benötigt. Das ganze stand selbstredend unter weiblicher Leitung.

 

Die Diözesansiedlung in der Panoramastraße

Gebiet Weingarten- / Panoramastraße (Rathaus 1953)

 

Gebiet Weingarten- / Panoramastraße (Rathaus 1953)

 

Gebiet Weingarten- / Panoramastraße (Rathaus 1953)

 

Gebiet Weingarten- / Panoramastraße (Rathaus 1953)

Im Juli 1953 wurde die Feierliche Einweihung von 24 Wohnungen durch Bischof Dr. Leiprecht vorgenommen. Natürlich waren wieder alle VIPs vor Ort: Pfarrer Hager, BM Bosch, Landrat Dr. Huber, Architekt Wacker, Ortsbaumeister Weber usw. usf. Dem bischöflichen Segen folgte ein donnerndes „Großer Gott wir loben Dich“ und die Siedlerfamilien konnten nun gottgefällig und beruhigt im neuen Heim wohnen. Wenn schon der Bischof in Oberkochen weilte hat man auch gleich 220 junge Leute aus Oberkochen, Zang, Ochsenberg, Itzelberg und Königsbronn gefirmt.

 

Hedwig Golm schildert ihre Erlebnisse

Sonnenbergstr. 2 und 4 (Ingrid Müller geb. Schrader)

Im September 1953 verließ ich mit meiner 7jährigen Tochter auf Einladung meiner Schwester die DDR. Sie war bereits 1948 über die „grüne Grenze“ geflohen. Sie hatte in Aalen ein unmöbliertes Zimmer bekommen und sich dort eingerichtet. Natürlich konnten wir nicht bei ihr bleiben. Vorübergehend bekam ich vom Vermieter in der Diele ein Bett aufgestellt. Ein möbliertes Zimmer für mich hätte ich bekommen können, aber mit einer 7jährigen Tochter war das sehr schwierig. Bei Carl Zeiss in Oberkochen bekam ich sofort eine Arbeit als Stenotypistin (wer kennt denn heute noch dieses Berufsbild), aber eine Wohnung zu finden – das war auch in Oberkochen äußerst schwierig. Zeiss hatte eine Art Wohnungsvermittlung und tatsächlich konnte ich eine Mansarde in der Sonnenbergstr. 4 ergattern (das war der 2te Wohnblock auf der rechten Seite, der vor Jahren neuen schmucken Eigentumswohnungen Platz machen musste). Es gelang mir noch 2 weitere zu je 10 DM hinzu zu mieten. Die andere Seite des Ganges, die zum Wäschetrocknen benutzt wurde, war durch Staketen abgetrennt. Das absolute Highlight war aber eine Toilette mit Waschbecken – Komfort pur. Die Mansarden hatten nur Dachluken, aber das war eben mal so und wohnlich habe ich es mir trotzdem eingerichtet. Die erste als Küche, die zweite wurde mit 2 Betten und Nachtschränkchen ausgestattet und die dritte hatte Platz für einen Kleiderschrank und eine Kommode. Etwas eng wurde es als mein Mann aus dem Berliner Aufnahmelager „Marienfelde“ zu uns kam. So musste meine Tochter in ein kleines altes Bett hinter dem Kleiderschrank unter der Dachschräge einziehen. Wir waren froh dass wir überhaupt untergekommen waren aber für unsere Tochter war es schwer, denn sie konnte nicht mal eine Schulfreundin mit nach Haus bringen. Meine Schwester erstand dann über die Heimstättengenossenschaft ein Grundstück im Pelzwasen in Aalen und so ging es dann jeden Tag nach der Arbeit auf die Baustelle um in Eigenleistung ein Häuschen zu bauen. Eine harte schwere Zeit. Aber man die Arbeit auf sich genommen nach dem Motto: „Wenn man mal angefangen hat geht’s.“ 1956 zogen wir dann in eine 3-Zimmer-Wohnung in diesem Haus ein. Oberkochen verließen wir nur sehr ungerne und als sich die Gelegenheit bot zogen wir 1957/58 wieder zurück und zwar in die Walter-Bauersfeld-Str. 51 – den „Grießer-Block“. Und so bin ich Oberkochen bis heute treu geblieben.

 

Soziale Spannungen

Natürlich war Oberkochen ein soziales Spannungsfeld. Hier traf Neu- auf Altbürger, die industrielle auf die bäuerliche Welt, Männlein auf Weiblein, Reig’schmeckte auf Alteingesessene, der zur Miete wohnende Umsiedler mit Barackenbiografie traf auf den vermietenden Flüchtling der rasch zu Eigentum gekommen waren, evangelische auf die katholischen – will sagen: Es brodelte mitunter recht heftig im Schmelztiegel Oberkochen. Tw. sah sich die Stadtverwaltung genötigt im Amtsblatt eine drohende Haltung einzunehmen wenn sich die Streithähne nicht besinnen würden.

 

Der junge Neubürger von der Stadt aufs Land

Nach dem Aufstand 1953 versuchte die DDR-Führung die jungen Leute zwischen 18 und 22 Jahren, mit Lockangeboten in Richtung Sport, Abi und Studium, freiwillig zum Eintritt in die Nationale Volksarmee zu bewegen. Bei vielen zog das aber nicht und deren Eltern überredeten tw. ihre Kinder trotz dieser Verlockungen in den Westen zu gehen. (Geschieht heute nicht dasselbe in Syrien und Afrika? Eltern schicken ihre Kinder in die „bessere“ Welt.) Hier angekommen, mit einem kleinen Koffer voller Habseligkeiten und ein paar Kleider, landeten die meisten irgendwo zusammengepfercht zur Untermiete. Das Badezimmer wurde in eine Küche umfunktioniert: Die Badewanne wurde mit einer großen Platte abgedeckt, eine Doppelkochplatte draufgestellt und schon konnten Mahlzeiten gekocht werden. Samstags wurde das Ganze abgebaut, denn der Hausherr und seine Herrin wollten das wöchentliche Bad im „Küchenbad“ nehmen. Not machte eben schon immer erfinderisch. Das wichtigste für alle Neuankömmlinge aber war Arbeit, Arbeit, Arbeit und Weiterbildung. Das Leben kostete Geld und vieles musste angeschafft werden. Die Wochenarbeitszeit betrug 45 Std. und die Schichtzeiten wurden dem Zugfahrplan angepasst. Der Stundenlohn für manche betrug ca. 2 DM und das sonntägliche Mittagsessen kostete auch so viel. Ein großes Thema war die Freizeit und hier waren die Möglichkeiten im ländlichen Oberkochen äußerst begrenzt. Hauptanlaufpunkte waren die Gasthäuser OCHSEN und HIRSCH. Im Hirsch gab es einen Saal in dem am Samstag Tanzveranstaltungen stattfanden. Die Firma Zeiss kümmerte sich nur gelegentlich um die Jungen. Hier mal ein Wochenende im Allgäu, dort mal eine Woche auf dem Flugplatz in Elchingen – aber nur für solche ohne Vereinsbindung. Dann gab es noch die Kinos in Oberkochen (Filmtheater) und Aalen (Capitol, Central, Löwen und Union). Sonntags leisteten sich manche ein Essen in den Gasthäusern (Im HIRSCH gab es drei Gerichte: Bratwurst für 1,30 DM, Rouladen für 1,80 DM und Schnitzel für 2,20 DM). Mit der Eröffnung des Jugendwohnheimes im Jahre 1957 (siehe auch Bericht 195) entspannte sich die Lage zwischen den Jugendlichen in Oberkochen. Der Heimleiter Riedel kümmerte sich engagiert um seine „Zöglinge“, besorgte Gelder bei der örtlichen Industrie um seinen jungen Leuten etwas bieten zu können (Ausflüge – auch ins Ausland, Theaterbesuche, Sportaktivitäten u.ä.m.). Die Kontakte zu den Mädchen waren nicht einfach, denn die neuen Jungs waren oft evangelisch und die Mädchen katholisch und das ging ja in der Regel überhaupt nicht. Da musste die Liebe sicher manche elterliche Mauer überwinden. Weihnachten ist für jeden der alleine lebt keine einfache Zeit. Das galt damals für die jungen Leute in ihren einfachen Behausungen auch. Anfangs konnten sie noch nach Hause fahren. Später, nach dem Inkrafttreten des neuen Passgesetzes 1954, war das nicht mehr möglich und so gingen manche eben am Hl. Abend in alle Messen beider Konfessionen um nicht alleine zuhause herumsitzen zu müssen.

 

Logierfräu- und herrlein

In den 50ern wurde jeder QM freie Fläche vermietet. Ein möbliertes Zimmer hatte ein Bett, einen Schrank, einen Tisch und einen Stuhl – mehr brauchte es für einen Untermieter nicht. Kaltes fließendes Wasser war schon fast Luxus – bei uns im Haus ging das ohne. Mehr als die morgendliche Katzenwäsche aus der Schüssel war da sicher nicht drin. Aber es ging damals um andere Dinge: Arbeitsstelle, weiterkommen, Mann und Wohnung suchen, Familie gründen. Dazu war es wichtig, wenn man gar niemanden kannte ein Zimmer als sog. Logierfräulein oder Logierherr zu bekommen. Wir hatten beide Sorten, ich erinnere mich aber lieber an die Damen, die Herren waren mitunter so mit Sorgen beladen, dass es für die häusliche Atmosphäre nicht immer gut war.

Wilfried und Helga Rockstroh (Ostern 1957)

Eine ganz liebe war die Helga Rockstroh (später verheiratete Bendler und wohnhaft in Aalen). Sie war groß, blond, hübsch, lebensfroh, laut und lustig. Die andere war die Christa (?) Krause. Die hatte auf ihrem Zimmer eine manuelle Schreibmaschine, die ich tagsüber benutzen konnte um die Textblöcke aus den Übungsheften abzuschreiben. Das fand ich spannend und hatte damit schon als Kind den Grundstock für die spätere Winklerische Schreibmaschinenausbildung und den Werdegang bei Leitz gelegt ☺ .

Nun hatte die Vermietung einen besonderen Reiz. Herrenbesuch war einfach verboten und undenkbar, nicht weil meine Eltern so streng waren – nein, sondern das Gesetz war es, namentlich der § 180 StGB, im Volksmund auch „Kuppelparagraph“ genannt. Man hätte sich als Vermieter der Begünstigung zur Kuppelei strafbar gemacht, wenn man Männlein und Weiblein alleine auf dem Zimmer gelassen hätte – da hätte ja weiß Gott was passieren können. Aus diesem Grund war ein Zusammenleben von unverheirateten Paaren bis 1967 völlig unmöglich. In dieser Zeit herrschte noch Zucht und Ordnung – jawolllllll. Aktuelle politische Strömungen finden diese Zeiten wieder erstrebenswert und wollen am Liebsten zurück in die Zukunft. Auch eine Verlobung hatte nicht genügt um in den Genuss eines ungestörten gemeinsamen Aufenthaltes in einem kleinen Zimmer zu kommen. Und heute? Da sage ich nur: „Weit hemmer’s broacht. Durch die Gnade der späten Geburt konnte ich mich da später richtig ausleben“.

In diesem Zusammenhang macht es Sinn auf all die alten Berichte über die Baracken und den Beginn von Carl Zeiss in Oberkochen hinzuweisen, die vieles noch ergänzen: 7, 9, 16, 22, 31, 37, 273 + 276, 280, 311 - 317, 322, 332, 340, 396, 513 - 514, 584.

 

Nun sage ich allen, die an diesem Artikel mitgewirkt haben ein HERZliches Vergelt’s Gott – auch meinem Saunakollegen Konrad Vogt, dessen Erinnerungen hier auch mit eingeflossen sind sowie ein Dankeschön an Anne Bieg-Schray vom Schwäpo-Archiv. Wie immer liebe Grüße vom Sonnenberg – Ihr Wilfried Wichai Billie Müller

 

Nachtrag zum Bericht 662
Nach dem Krieg – Ein Dorf platzt aus allen Nähten

Dieser Artikel wurde nach meiner Kenntnis sehr gut angenommen und nun ist es an der Zeit ein paar Unzulänglichkeiten auszubügeln.
Diese lassen sich nicht immer vermeiden, da meine unterstützende Leserschaft ja auch schon in die Jahre gekommen ist und daher nicht jede Jahresangabe, die den eigenen Erinnerungen zugrunde liegt, unbedingt hieb- und stichfest ist.

Das Thema „Lehrer Menzel“ hat da zu einigen Reaktionen geführt. Ich gehe jetzt davon aus, dass die Angaben von Hubert Oberdorfer wohl am ehesten korrekt sind und daher will ich diese gerne veröffentlichen. Allein der Spitzname vom Lehrer Menzel ist schon saumäßig gut:

Hr. Oberdorfer berichtet, dass Lehrer Josef Menzel (Bakterien-Sepp) bis zu unserer Schulentlassung 1956 unser Klassenlehrer war. Man muss schon ehrenhalber sagen, dass er uns schwierigen Jahrgang (könnte es sein, dass dieser „schwierige“ Jahrgang Geschichten genug zu erzählen hätte?) im ersten halben Jahr geformt hat. Nachdem der Weingarten bebaut war, wohnte er immer dort oben. Zu seinem Wegzug nach Kirchheim / Teck, möchte ich noch sagen, dass unser Lehrer Josef Menzel, aus eigenem Antrieb versetzt werden wollte und das war um 1959/60 herum – will mich aber nicht genau festlegen. Nach dem Wegzug übernahm Anton Menzel das Haus in dem seine Witwe bis zum heutigen Tag wohnt.

Zum anderen Thema „Baracken im Dreißental“ konnte er ebenfalls erhellende Angaben machen.
Es waren nicht 2, sondern 3 Baracken. Die dritte stand rechts der Zufahrt vom heutigen Starenweg, also auf dem Grundstück Haus Nr. 85 in dem 1959 folgende Personen gemeldet waren:
Fischer, Fritz, Gold und Röschenthaler. In der Baracke wohnten nach meiner Kenntnis Kugele Adolf, Donhauser Jakob, u.a.

 

 
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