Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 66
 

Das Haus Jooß - Cafe »Muh«
Abbruch 1989

Dieser Tage wird wieder eines der alten Häuser Oberkochens abgerissen. Es handelt sich um das Haus Jooß/Dreißentalstraße Nr. 5.

In den 1942 gefertigten Unterlagen der Württembergischen Gebäudebrandversicherung wird das Gebäude als 141 Jahre alt angegeben, - das heißt, es ist heute 188 Jahre alt und somit im Jahre 1801 errichtet, - also 2 Jahre vor dem Reichsdeputationshauptschluß (1803), durch welchen der Ellwanger Besitz in Oberkochen an das Herzogtum Württemberg fiel. Es gab vor diesem Zeitpunkt, also 1801, noch 2 Bürgermeister in Oberkochen, und eine Zollstation, - ja selbst verschiedene Maße und Gewichte in den beiden Ortsteilen.

1830 lebten ca. 630 Personen in Oberkochen, - um 1800 werden es nicht viel mehr als 500 gewesen sein.

Der Name Jooß taucht kurz nach 1800 (1811) zum ersten Mal in Oberkochen auf, - ein Ludwig Christoph Jooß heiratete von Königsbronn nach Oberkochen. Zum Zeitpunkt der Heirat war das Haus 10 Jahre alt.

Anläßlich des Abbruchs des Hauses Jooß habe ich in den rathäuslichen Bauakten nachgelesen, was zur weiteren Geschichte des Hauses Jooß erwähnenswert ist.

Aus dem Jahre 1846 ist ein interessanter Vorgang erhalten, den ich hier auszugsweise zitiere:

10.6.1846: »Jakob Jooß (es muß sich um einen Sohn des L.C. Jooß gehandelt haben), Schloßer-Meister, will in seinen eigenthümlichen Würzgarten einen Viehstall, 16' lang und 13' breit erbauen.« (1 Fuß = gut 0,3 m, - also einen bescheidenen Stall von ca. 5 m auf 4 m.)

Tags darauf findet sich in den Bauakten folgende Aufzeichnung (auszugsweise):

11.6.1846: »Auf die Einwendung des Johann Georg Trittler kann in Betreff des Bauunternehmens nicht wohl Rücksicht genommen werden, in so ferne der fragliche Viehstall auf das Eigenthum des Baulustigen gebaut wird und von der hinteren Seite noch einen frei eigenen Nebenraum von circa 10' hat, und von der vorderen Seite von einem Fahrweg und Gasse beschaffen ist.« Weiter heißt es:

» ... da der Baulustige Jakob Jooß, Schloßer-Meister, sich von seiner Profession (Beruf) auf dem Lande nicht allein ernähren kann, so ist er Noth gedrungen, sich mit Ökonomie einzulassen, und zu diesem Zwecke einen Stall zu bauen benöthigt ist.

...Von Seiten des Gemeinderathes sieht man sich veranlaßt, das Gesuch des Jooß zu unterstützen und den Trittler mit seinem ungerechten Vorbringen abzuweisen...«

Der unterzeichnende Bürgermeister war 1846 »Chirurg und Schultheiß« Sigmund Jonathan Maier.

Der 1846 von Maurermeister Wingert gefertigte Grundriß des Hauses Jooß zeigt das sehr einfache Haus, fast ebenerdig, nicht unterkellert. Der beschreibende Text lautet: »Grundriß für Schloßer-Meister Jooß in Oberkochen über den Anbau eines Viehstalles an seine wirklich befindliche Wohnung.« Die Nutzfläche des Gebäudes bestand aus Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Schlosser-Werkstätte, Kohlen-Kammer und dem sogenannter »Öhrn«, wie man den Eingangsflur nannte, samt Treppe zum Dach.

Über einen langen Zeitraum von mindestens 3 Generationen hinweg, nämlich von 1846 bis 1926, sind keine baulichen Änderungen bei den Akten aufzufinden. Fest steht allerdings, daß eben der Viehstall von 1846 in einem Bauplan mit Datum vom 22.5.1926 anläßlich der Aufstockung des östlichen Gebäudeteils nicht mehr enthalten ist. Ein größerer Stall befindet sich in geschlossener Bauweise Dreißentalaufwärts an das Haus angefügt. Mit demselben Datum von 1926 werden eine Veranda und ein Abortanbau errichtet.

20 Jahre später, 1 Jahr nach Kriegsende, wird, mit Baugenehmigung vom 22.5.1946, der westliche Gebäudeteil aufgestockt.

Eine einschneidende Veränderung ist im Jahr 1957 belegt. Mit Datum vom 26.8.1957 geht es um den Einbau eines Ladens und den Einbau eines Cafés in das nicht mehr benützte Stallgebäude. Die Landwirtschaft hatte man aufgeben müssen, weil es sich zum einen nicht lohnte, den relativ kleinen Betrieb auf moderne Geräte und Maschinen umzurüsten, und weil zum andern die Lage mitten im Ort angesichts der rapide zunehmenden Motorisierung der Straße auf längere Sicht ungeeignet erschien. Es war die Zeit, in der in Oberkochen eine ganze Reihe von landwirtschaftlichen Unternehmungen den Betrieb einstellen mußten. Hierüber werden wir zu gegebener Zeit berichten.

Georg Jooß begann 1957 aufgrund von mündlichen Absprachen mit dem Bauen, ohne die baurechtliche Genehmigung abzuwarten. Der damalige Stadtbaumeister Weber bemängelte dies und auch die Tatsache, daß nicht, »eingebaut« sondern »abgerissen und neu gebaut« wurde. Bei Neubau gelten andere Vorschriften als bei Umbau. So mußte der Bau seinerzeit eingestellt und der teilweise bereits erstellte Bau wieder abgerissen werden. Bei der endgültigen Bauausführung des Café »Muh« mußte aus verkehrstechnischen Gründen die rechte Hauskante ca. 1.50 m weiter nach hinten versetzt werden, was den berühmten »Café-Muh'schen Fassadenknick« von »Muh«/II im Erdgeschoß ergab. Unser Foto zeigt das nicht zur weiteren Ausführung gekommene »Muh«/I vor dem Abriß. Im Fachwerkgiebel des Hauses Jooß ist die Giebelform des zuvor abgerissenen Stallgebäudes ablesbar.

Das »Muh«, soviel steht fest, ist nicht, wie man in Oberkochen oft witzelte, in den »Schtahl« eigebaut worden, sondern es handelte sich um einen Neubau des Cafés.

Mit Datum vom 1.10.59 (Kamin, Bad), und vom 5.7.68 (Anbau Balkon, Einbau Heizöltank) sind noch 2 kleinere Veränderungen vermerkt.

Unser dokumentarisches Bild vom 18.7.1957 aus den Bauunterlagen des Rathauses zeigt, Dreißentalabwärts, durch ein kaum 1 m breites »Gängele« vom Haus Jooß getrennt das Haus Gold, das am 24. April 1945 zusammen mit einer Anzahl weiterer Gebäude durch Artilleriebeschuss nahezu völlig zerstört wurde. Das Haus Jooß blieb unversehrt, - nur die Uhr von der Ahne ist von der Wand »gehagelt«. Das Haus Gold wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut. Zwischen Haus Gold und Haus Uhl (Ecke Dreißental- und Heidenheimer Straße, heute GUBI,) stand damals noch ein Holzschuppen, der zum Anwesen Uhl gehörte. Das links im Foto angeschnittene Gebäude ist das Haus Wingert (Draier) jenseits der Heidenheimer Straße. Dahinter sind 2 Holzschuppen (Wingert und Schreiner Hug) erkennbar. Dahinter steht quer das Gebäude Bäuerle. Am rechten Bildrand hinter der Verschalung steht das Gebäude Welt, - heute Brenner. Die Stromleitungen liefen zu dieser Zeit noch von Dach zu Dach.

Mitteilungen
Vorletzte Woche wurde ein weiteres, nicht ganz so altes Haus, das alte »Schusterhaus«, Schulstraße 4/6, Fischer (Woidle) - Stock, abgebrochen. Nach den Unterlagen der Gebäudebrandversicherung von 1942 stammt das Haus, das von vielen Oberkochenern als wesentlich älter angesehen wurde, aus dem Jahre 1822.

Beim Aufgraben in der Hauptstraße stießen die Bauarbeiter auf die alte Oberkochener Holzröhren-Wasserleitung. In Unkenntnis dessen, was die Holzröhren darstellten, fuhr man sie offenbar zum Auffüllplatz Wanne.

Glücklicherweise erhielt der HVO noch rechtzeitig Kenntnis von der bösen Geschichte und konnte über den Stadtbaumeister bewirken, daß zumindest ein ca. 1 m langes Teilstück von einem ursprünglich ca. 2 m langen Deichel für den HVO geborgen wurde. Dank gilt Herrn Schmauder, der sich seitens der Baufirma für die Sache verwendet hat. Herr Schmauder gab an, daß die alten Holzrohre nur etwa 70 cm tief unter dem alten Straßenniveau liegen und lagen. Das uns jetzt vorliegende Stück, heimatmuseumsverdächtig, ist bereits beim Ausbau der Ortsdurchfahrt im Jahre 1970 von einer Baggerschaufel beschädigt worden. Das Rohr ist innen mit einer dünnen dunklen Flüssigkeit getränkt, die ca. 5 mm ins Holz eingedrungen ist. »Deichel« wurden aus Stammholz (Fichte, bei uns weniger wahrscheinlich, Kiefer) gefertigt und mit speziell hierfür in Oberkochen von den Bohrermachern (Vorläuferindustrie für unsere Holzbearbeitungs-Industrie) geschmiedeten riesiglangen »Deichelbohrern« längsgebohrt. Die Längsbohrung im Kern des Stammes misst ungefähr den Durchmesser einer Coca-Cola-Dose.

In einem Bericht in BuG vom 7.11.1958 schreibt Herr Dipl.-Ing. Eberhardt von der VEDEWA Stuttgart anläßlich der Einweihung des Hochbehälters im »Weingarten«: »Die Gemeinde Oberkochen besitzt seit etwa 1918 eine zentrale Wasserversorgung. Vorher mußte das für Haus und Hof benötigte Wasser - soweit keine privaten Wasserversorgungsanlagen vorhanden waren - an den öffentlichen Brunnen geholt werden. Die Brunnen wurden von verschiedenen ergiebigen Quellen gespeist, deren Wasser früher mittels »Holzdeichel« und später mittels gußeiserner Röhren den öffentlichen Brunnen zugeleitet wurde.« Was »früher« und »später« in Jahreszahlen bedeutet, versuchen wir herauszufinden. Die jetzt gefundenen Deichel stammen wohl aus dem letzten Jahrhundert. Möglicherweise sind sie noch älter.

Der Heimatverein bittet darum, daß Passanten, denen Auffälliges zur Kenntnis gelangt, umgehend entweder das Stadtbauamt oder den HVO (7377) verständigen, damit sich ähnliche Pannen nicht wiederholen.

Diese Bitte gilt für alle der derzeitigen sehr zahlreichen Baustellen, vor allem im Ortskern. Da das mittelalterliche Oberkochen fast völlig überbaut ist, haben wir keine andere Chance, etwas hierüber zu erfahren, als alle Baustellen, die in die Tiefe gehen, genauestens zu beobachten und sofort Meldung an die Stadt zu veranlassen, wenn Anhaltspunkte dafür da sind, daß etwas »angegraben« wurde.

Das zu einer großen Baustelle gewordene Oberkochen könnte, bis wieder Ruhe in die Stadt eingekehrt ist, statt der 3 gelben Rosen, 3 hübsche kleine graue Maulwürfe im Stadtwappen führen, - oder?

Dietrich Bantel

 
 
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