Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 658
 

Einblicke in eine Ausbildungszeit am 0berkochener Rathaus

Das recht markante Gedicht von Bürgermeister Gustav Bosch aus den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts hat einen weiteren meiner ehemaligen Schüler veranlasst, zur Feder zu greifen und dem Heimatverein aus Berlin 2 Episoden zuzusenden, die auf die Zeit seiner Ausbildung am Oberkochener Rathaus zu den Tagen von Gustav Bosch zurückgehen. (D.B.)

 

Kommunale Nachbarschaftspflege

In den Jahren 1969/1970 war ich im Rahmen meiner Ausbildung als Stadtinspektoranwärter bei der Stadtverwaltung Oberkochen beschäftigt.

Beabsichtigte eine Kommunalverwaltung seinerzeit die Erhöhung von Abgaben, wurde im Vorfeld der Beratung eine Umfrage bei den umliegenden Gemeinden über deren Stand der Abgabenhöhe durchgeführt. Lag die geplante Erhöhung des Steuerhebesatzes oder der Gebühren und Beiträge unterhalb des ermittelten Durchschnitts der Nachbargemeinden, hatte der Stadtkämmerer ein überzeugendes Argument gegenüber dem Gemeinderat und den Abgabepflichtigen.

Auch bei der Stadt Oberkochen sollte im Jahre 1970 den Stadtsäckel etwas praller gefüllt werden. Mit der Realisierung der Umfrage wurde ich betraut. Die Anfragen wurden umgehend gefertigt und versandt. Leider sind mir dabei zwei folgenschwere Fehler unterlaufen. Erstens hatte ich die Schreiben als Auszubildender selbst unterzeichnet, und zweitens hatte ich wohl nicht den richtigen –formalen– Ton getroffen.

Jedenfalls reagierte der eine oder andere Adressat etwas befremdlich; ließ es aber dabei bewenden, bis auf einen, der hieß Burr und war Bürgermeister in Königsbronn. Er forderte eine schriftliche Entschuldigung. Selbst ein ausführliches fernmündliches Gespräch mit dem damaligen Stadtkämmerer Bahmann konnte ihn nicht umstimmen.

Der Vorgang wurde zur Chefsache, und mir blieb eine Unterredung mit Bürgermeister Bosch nicht erspart. Entgegen meiner Erwartung hielt er sich mit mahnenden Worten zurück und erläuterte mir die formgerechte Gestaltung eines dienstlichen Schreibens. Sein Vortrag endete mit den kernigen Sätzen: „Auf eine schriftliche Entschuldigung kann er lang’ warten. Sollte ihm die telefonische Entschuldigung nicht genügen, so soll er uns am Arsch lecken!“

Weder vor noch nach der bürgermeisterlichen Unterweisung hat mich jemals diese zwar literarisch verbriefte, jedoch in Amtsstuben unübliche Grußformel so beeindruckt und zufrieden gestellt.

Im alten Rathaus konnte Wolfram Schröder nicht mehr seine Ausbildung zum gehobenen Verwaltungsdienst ableisten. Er war einer der ersten Stadtinspektoranwärter im neu errichteten Rathaus am Eugen-Bolz-Platz.

Grippeprophylaxe

Im Herbst 1969 begab sich Bürgermeister Bosch kurze Zeit nach Dienstbeginn wieder nach Hause in die pflegerische Obhut seiner Gattin, um die sich anbahnende Grippe auszukurieren. Als verantwortungsbewusster Vorgesetzter gab er in Sorge um die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den telefonischen Rat, man möge vorbeugend gegen die Viren einen Grog trinken.

Die Belegschaft reagierte prompt und fand sich zur „Schluckimpfung“ im Gemeinschaftsraum ein. Die Herstellung der Medizin nahm nur wenig Zeit in Anspruch. Das Mischungsverhältnis Rum : Wasser beruhte auf Augenmaß und wurde großzügig ausgelegt. In der Messe eines Viermasters der mittelalterlichen spanischen Handelsflotte hat es sicher nicht anders gerochen als an jenem Vormittag im vorgenannten Raum.

Da mir rumhaltige Getränke nicht schmeckten, konnte ich mit heiterem Sinn verfolgen, wie gehorsam und beflissen, aber auch wie tatkräftig und gesundheitsbewusst die kommunalen Amtsträger ihren Dienst versahen.

Das Zwölf-Uhr-Läuten der Kirchenglocken beendete die vorbeugende Maßnahme. Es war Mittagspause. Die Mehrzahl der Anwesenden begab sich auf den Weg nach Hause, um das Mittagsmahl einzunehmen. Als ich mich zum Dienstbeginn um 13:30 Uhr wieder im Rathaus einfand, war die Belegschaft ausgedünnt. Mit dem Beginn des Publikumsverkehrs um 15:00 Uhr trudelten noch ein paar Trinkfeste ein, um sich mannhaft den Anforderungen der Bürgersprechstunde zu stellen. Der Rest ward an diesem Tag nicht mehr gesehen. Stattdessen riefen die Ehefrauen an und bescheinigten ihren Ehemännern Dienstunfähigkeit.

Die Weisheit der Frauen trug sicherlich dazu bei, dass im Hinblick auf eine mögliche Konfrontation mit allzu kritischen Bürgern dem Amt an diesem Nachmittag ein Imageschaden erspart blieb.

Dieser Vorgang war für mich ein Lehrstück. Die Geschwindigkeit der Umsetzung einer dienstlichen Weisung hängt wesentlich vom Inhalt und weniger von der Form der Weisung ab.

Wolfram Schröder

 
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