Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 647
 

Töne, Bilder und Buchstaben meiner Kindheit und Jugend

Heute ist eine massive Reizüberflutung von Bildern, Tönen und Buchstaben festzustellen. Wir können auf alles zu jeder Zeit in jeglicher Form zugreifen: auf Tausende von Radiosendern, auf Hunderte von Fernsehsendern, auf Abertausende Bücher und Zeitschriften für jede Lebenslage und jedes Lebensgefühl. Zufriedener und glücklicher sind wir deshalb nicht – eher plagt uns das Gefühl trotzdem irgendetwas zu verpassen. Und wenn wir uns ruhig hinsetzen und nachdenken, stellen wir vielleicht fest, dass im Mangel der wahre Gewinn liegt. „Verrückt?“ Vielleicht. Aber mir scheint etwas Wahres dran zu sein.

 

Die Töne

 
Rechnung „Lumophon“ Max Walter Aalen            Das erste Radio meiner Eltern „Lumophon WD527“ 1949

Eine der ersten Anschaffungen meiner Eltern nach der Währungsreform war ein Radio der Marke „Lumophon WD527“ für sage und schreibe 855 DM, das mich stark prägen sollte. Ich bin ein Kind des „grünen magischen Auges“, des Zauberkastens aus dem Worte und Töne durch eine Stoffbespannung auf meine Ohren trafen und dabei zuckte das „grüne Auge“ auf magische Art und Weise dazu. Ich saß davor, legte meine Finger auf die kleine Tastatur und begann zur Musik zu spielen wie auf einem kleinen Klavier – meine Phantasie ging mit mir durch. Die Glasscheibe mit den

Mein Regiepult am Radio 2

Radiostationen, das war wie eine Reise durch die Welt mit Namen, die das Fernweh aufkommen ließen (Bis heute kann ich keine Noten lesen, geschweige denn ein Instrument spielen, aber Musik belegt bis heute einen wichtigen Teil in meinem Leben und hat ein ordentliches Gewicht in meinem Budget.) Die erste Musik, die mich als Kind beeindruckte, war natürlich die Musik meiner Eltern und das war die Musik der 20er bis 50er Jahre. Ich kenne sie heute noch alle, die Lieder und die Stars von früher: Marlene Dietrich, Comedian Harmonists, Marika Röck, Hans Albers, Zarah Leander, Heinz Rühmann, Lale Andersen, Peter Alexander, Catherina Valente, Hazy Osterwald, Margot Eskens, Nana Mouskuri, Freddy, Mireille Mathieu und viele andere mehr. Meine Freundin wendet sich heute mit Grausen ab, wenn es mich überkommt und ich die alten Scheiben der 20er und 30er auflege. Wir pflegten zuhause keine klassische Hausmusik, aber wir hatten immer Musik im Haus und das war bei uns Chef-Sache, also Mutti’s Ding. Das Summen der elektrischen Nähmaschine gehörte auch zu unserem Haus. Mutter benutzte sie fleißig für die Heimarbeit. Anfangs arbeitete sie selbständig zu Hause als Nebenbei-Schneiderin für die Oberkochener Damenwelt (mein Bruder Harald musste immer als „Anprobe-Dummy“ herhalten und fand das äußerst ätzend). Später arbeitete sie als Heimarbeiterin für „Krok Oberkochen“, „Attica Aalen“ und „Taschentuch Winkler Aalen“. Damit ihr die Tages-, Abend- und Nachtarbeit leichter von der Hand ging, leistete das Radio beste Dienste. Es wurde morgens eingeschaltet und wenn Mutti nach Beendigung ihrer Heimarbeit an der Nähmaschine

Mutti an ihrem Arbeitsplatz in der Küche

(oft nach Mitternacht) zu Bett ging wieder ausgeschaltet. Dabei war klar: Nur der Süddeutsche Rundfunk lief da im Radio. Morgens irgendein „musikalischer Wecker“, dann die „Hausfrauensendung“, nachmittags der „Plattenteller“ und abends das Wunschkonzert „Von Haus zu Haus“ oder die „Schlager-Skala“. Das war schwäbisch- patriotische Ehrensache. Wenn ich von der Schule heim kam lief um die Mittagszeit eine politische Sendung, die wohl meistens von dem näselnden Herrn Lueg moderiert wurde, der später im Fernsehen Karriere machte. Danach gab es immer klassische Musik, ob man sie mochte oder nicht. Auf diese Art und Weise bekam ich auch zu dieser Musik einen Zugang und lernte auf diese Weise auch alle Komponisten kennen. Es wurde nicht nur gespielt was das geschätzte Publikum hören wollte, sondern auch was die Redakteure im Rahmen der volksbildenden Maßnahmen für wichtig erachteten. Nicht die schlechteste Lösung – es wäre Zeit sich dessen heute vielleicht mal wieder zu erinnern. Denn nur dem Zeitgeist nachzurennen senkt m.E. das allgemeine Bildungsniveau. Dann gab es einen technischen Umbruch in unserer Familie,

Unser erstes Tonbandgerät „Grundig“

ein Tonbandgerät der Marke Grundig wurde angeschafft und Mutti hat viele Bänder mit den Liedern aufgenommen welche sie gerne hörte. Das war konzentrierte Arbeit, die neben den beruflichen Anforderungen gemeistert werden musste. Meistens wurde die Musik von Wunschkonzerten aufgenommen. Dabei bestand die Kunst darin den Anfang perfekt zu erwischen und die Stop-Taste zu drücken bevor der Moderator das Lied abmoderierte. Und wehe der sprach in die laufenden Aufnahme hinein, da bekam er aber reichlich Ärger mit seiner Zuhörerschaft. Diese wünschte sich alles Mögliche und Unmögliche – immer verbunden mit „liiieeeben Griiiiießen an das Schallarchiv“. Wer immer das war und wo immer die saßen (wohl meistens im Keller der Sendeanstalten). Und bei entsprechenden Gelegenheiten wurde diese Musik vom Band dann abgespielt, bei Geburtstagen,

Meine Eltern, die Logierfräuleins mit ihren Verlobten und ich zu Fasching 2. Hälfte 50er Jahre

Hausbällen zur Faschingszeit, Silvester

Silvester 1960 mit Schröders, Hubers und Geisens

oder bei anderen Festen, denn gefestet wurde in den 50er und 60er Jahren reichlich. Dann kam es mit dem Nachbarjungen Wolfgang Dubiel zu einem Aha-Erlebnis. Er zeigte mir ein kleines Transistorradio aus dessen kleinem Lautsprecher Elvis Presley’s „Jailhouse Rock“ erklang. Wow – ein Wunder der Technik und ich war hin und weg. Ich dachte „Auch haben wollen ☺. Das Jahr 1965 brach nun mit musikalischer Gewalt, nahezu eine Revolution, über unsere Familie herein. Aber auch andere Töne haben mich von Kind auf fasziniert – die blechernen unseres Musikvereins. Egal auf welches Fest ich mit meinen Eltern ging. Wenn sie mich suchten, wussten sie, dass sie nur zur Musikkapelle gehen mussten. Dort stand ich mit großen Augen und offenen Ohren, staunte und schaute zu wie der Dirigent die Truppe antrieb. Bis heute habe ich auch die fantastische Musik von Billy Vaughn noch im Ohr und sehe dazu die bunten Glühbirnengirlanden, die für mich immer mit dem sommerlichen Schützenfest im Schützenhaus im „Kessel“ in den 50ern verbunden bleiben „Blue Hawaii“ und „Sail along silv’ry Moon“ gespielt vom Nachbarn Bruno Ditz aus der Weingartenstraße. Retro pur. Aber wie gesagt, 1965 war diese Faszination zu Ende. Die neue englische Pop-Musik rollte über den Äther. Mutti nannte sie nur dem Volksmund entsprechend: Neger-Musik. Unglaublich. Für mich ist diese Zeit unvergesslich, denn sie war geprägt durch Beatles, Rolling Stones, Beach Boys, Bee Gees und viele andere Superbands einhergehend mit den pubertären Umbrüchen in uns selber. Der Süddeutsche Rundfunk mit seinen Star-Moderatoren Heinz Kilian, Günter Freund, Norbert Scheumann kam da nicht mehr mit und ich wechselte zum Bayrischen Rundfunk. Hier hörte ich immer am Freitagabend die Hitparade mir Ruth Kappelsberger, dazu gab es Abendbrot mit Dreieckskäse von Krafft, Fisch in Senf- oder Tomatensoße aus der Dose oder frischen Bückling vom Otto Kopp in der Heidenheimer Straße 44. Denn es war Freitag und der hatte fleisch- und wurstlos zu sein.

Kopp’s Werbung 1959

Der beste Tag in der Woche. Später war ich dann Fan von Julia Edenhofer und Georg Kostya im Club 16. Da meine Musik eben nicht immer verfügbar war, musste ich mich darum bemühen und zuhause um die Hoheitsrechte über das Radio kämpfen. Ich muss allerdings auch gestehen, dass ich auch für andere Sendungen anfällig war: Die Straßenkehrer Werner Veidt und Walter Schultheiß, die Herren Häberle und Pfleiderer, das schwäbische Hörspiel am Sonntag nach dem Mittagessen und das Krimihörspiel am Montagabend sowie die Life-Übertragungen aus dem Funkhaus der Villa Berg – Highlights meiner Kindheit. Eine besondere Art von Musik waren die Marienlieder in den Maiandachten. Wir Kinder wurden in diese Andachten geschickt und die Lieder sind bis heute im Kopf präsent. Auch wenn der Kegelclub „Sonnenberg“ seine Maiwanderungen durchführte achteten die Frauen immer darauf bei einer Marienkapelle vorbeizukommen um unter der stimmlichen Führung von Tilly Huber ein paar Marien-Lieder zu singen wie z.B. „Meerstern wir Dich grüßen“. 1966 habe ich dann zum ersten Mal in den Sommerferien gearbeitet. War zwar mit 14 nicht erlaubt, aber unter Männern konnte das schon geregelt werden. In der Aluminiumgießerei Egerter in der Aalener Str. 80 bekam ich 2 DM auf die Stunde. Nach 3 Wochen konnte ich meinen Traum erfüllen und kaufte mir einen „Grundig Concert Boy 208“ –

Mein erstes eigenes Radio „Grundig Concertboy“

ein traumhaftes Radiogerät. Kurz vorher, zu meinem 14. Geburtstag durfte ich als „Erstgeborener“ die Zimmerwahl treffen: Zimmer im oberen Stock ohne Heizung aber getrennt vom Elternbereich oder Zimmer im EG im Elternbereich mit Heizung – na was habe ich wohl gewählt. Klar – die Kälte mit eigenem Radio. Und so kreuzte ich wie ein alter Seefahrer durch die Wellen (UKW, MW, LW und KW). Meine Favoriten waren die AFN-Hitparade am Samstagnachmittag, RTL’s Hitparade am Sonntagnachmittag mit Camillo Felgen und die Ö3-Hitparade am Sonntagabend. Und wenn wir sonntags zum Schwimmen in das erste Freibad auf dem Härtsfeld, nach Kösingen, fuhren – das Radio musste mit. Aber der absolute Knüller war auf Mittelwelle die englische Hitparade auf „Colourful Radio Luxemburg“ Sonntagnacht um 23 Uhr. Eines Tages bin ich doch tatsächlich dabei eingeschlafen. Die Eltern waren nicht im Haus, das Fenster war offen, der Radio dudelte wohl recht laut vor sich hin und ich schlief den Schlaf der Gerechten. Da klingelte mich doch tatsächlich ein Nachbar aus der oberen Weingartenstraße nachts um 2 Uhr wach, um mir mitzuteilen dass er nicht schlafen könne. Dabei war das ein Mittelwellen- und kein Langwellen-Sender☺. Vater kaufte 1962 dann unser erstes Auto, einen Ford Taunus 12 M mit der coolen Nummer AA-DD 66. Leider hatte das Auto kein Autoradio. Zu teuer beschied man uns, also mussten wir uns die Zeit damit vertreiben, vom Rücksitz aus die Autonummern der uns überholenden Autos mit Hilfe eines Taschenkalenders herauszufinden. Als ich dann für einen Stuttgarter Verlag und für den Brabandt-Lesezirkel in Oberkochen die Zeitschriften mit dem Fahrrad ausfuhr, nahm ich dann sogar den Grundig-Radio in der Satteltasche mit, damit ich unterwegs Musik hatte – auch wenn ich dadurch öfters fahren musste. Ganz schön verrückt aber toll. Hier sei anzumerken, dass ich die dicksten Trinkgelder von der Lehrerin Jensen und von der Frau Serfling bekam. Später reichte der Radio natürlich nicht und wir zogen in die Discos in der Umgebung: Ins PUB und den BOTTICH nach Aalen, ins TÜRMCHEN nach HEIDENHEIM und ins 1000-UND-EINE-NACHT nach GIENGEN. 1969 gab es im Progymnasium die erste Schulparty, die wir auf die Beine stellten und ich gewann den Discjockey-Wettbewerb. Sicher nicht weil ich besser als Peter Meroth war, aber ich hatte in Willy Ehinger den besseren Stimmensammler. Der erste Preis war ein Gutschein für eine LP. Ich tauschte ihn gegen eine Platte von Elvis Presley ein, hatte aber keinen Plattenspieler. Jetzt wollte ich aber nicht einen Plattenspieler kaufen und dann kein Geld mehr haben und immer gezwungen sein die gleiche Schallplatte abzuspielen. Also kaufte ich mir erst ca. 30 Schallplatten und dann einen DUAL-Plattenspieler und dann war das eine Riesensache. Musik, in allen Stilrichtungen, die Zimmerwände mit Bildern aller wichtigsten Bands aus dem „Muzik-Express“ zugepflastert (aber ohne BRAVO-Starschnitt – das war Sache der Mädchen) und den Wohnraum mit modernster Technik ausgestattet. Moderne Technik zum Hören und Sehen, das ist auch heute noch mein Anspruch und Teil meiner Lebensqualität. Zu den Tönen der Jugend gehört natürlich auch das Telefon, in unserem Fall mit der Rufnr. 7829 (Je kürzer umso cooler – es gibt heute noch 3- und 4-stellige Rufnummern, die sicher wie Oldies gepflegt werden). In unserem Haus hatten unsere Mieter Hermann und Irmgard Schimmel als erstes eines und wenn ein Telefonat für mich kam, rief mich Frau Schimmel nach oben und ich stand im Flur und sprach eine gefühlte Ewigkeit mit der Freundin aus Ettlingen. Mutti rügte mich immer dafür, aber das Verliebtsein war stärker als die Zurückhaltung den Mietern gegenüber und irgendwann hatten wir auch ein eigenes Telefon. Zu den Tönen gehören aber auch diverse Spielgeräte wie Flipper, Billard und Spielautomaten. Flipper spielten wir im „Gullmann“ in der Aalener Str. und in der „Neuen Welt“ in Aalen, Billard in Königsbronn und Kicker und Spielautomaten im „Cafe Muh“ in der Dreißentalstraße, in der „Grube“ und in der „Sonne“. An den Spielautomaten mussten wir immer warten bis der Kriminale PX Josef Paul Fischer, mit der obligatorischen Zigarre im Mund, diesen endlich freigab. Auch Musikboxen hatten es mir angetan. Die gab es im „Hirsch“, im „Gullmann“ und im Eiscafe „Italia“. Da wurde so manche Mark versenkt um die Lieblingslieder anzuhören.

1963 wurde die Fußballbundesliga eingeführt (Der erste Meister war der FC Köln. Von Bayern war damals noch nicht viel zu sehen). Dadurch kam Leben in die samstägliche Bude. Das Kofferradio wurde ab 15:30 im Garten aufgestellt, Vater putzte und polierte mit Hingabe sein Auto und wir unsere Fahrräder und aus dem Radio wurden über Konferenzschaltungen in die Stadien die Tore vermeldet. Wenn die Spiele in den Stadien beendet waren mussten wir natürlich auf der Straße unser Bestes mit dem Ball geben. Dazu brauchte es ein Tor und nichts war geeigneter als ein Garagentor auf das wir ständig schießen konnten. Jedes Tor, das wir erzielten, war laut und gefiel uns, aber dem Eigentümer (Hr. Eugen Floß) gefiel das gar nicht und er verscheuchte uns regelmäßig mit dem Hinweis: „Spielt doch auf bei eurer Garage“. Aber unsere hatte ein Stahltor und der Platz davor war schon recht knapp. Waren schon geile Jahre – die 60er. „Salut les copains“ – In diesen Jahren gab es auch eine frankophile musikalische Bereicherung, die uns heute leider völlig verloren gegangen ist. Die Liebe zu dieser Musik begann im Hause „Gärtner“ im Silcherweg 26, wo meine Schulfreundin Christiane wohnte und deren Elternhaus ein „offenes Haus“ für uns junge Leute war. Bei ihr wir trafen uns mehrmals wöchentlich nach dem Unterricht um gemeinsam Hausaufgaben zu machen und um Musik der französischen Popmusik mit zu hören: Johnny Hallyday, Sylvie Vartan, Francoise Hardy, Jaques Dutronc, France Gall und der unvergessliche Michel Polnareff. Das gemeinsame Arbeiten für die Schule hat nicht viel gefruchtet aber die Liebe zur französischen Musik, die ist bis heute geblieben. Und was soll ich Euch sagen – die Christiane ist tatsächlich nach Frankreich gegangen um ihren französischen Traum zu leben und lebt bis heute in Paris. Abschließend müssen noch ein paar Töne erwähnt werden, die zu Oberkochen einfach dazugehörten. Zum einen die Tiefflieger, die einen gewaltigen Lärm verursachten, da wir zu Zeiten des kalten Krieges in einer Tieffliegerzone lagen. Heute geht im Facebook gleich eine wilde obskure Diskussion los wenn mal ein Überschallknall ertönt. Das war damals den ganzen Sommer hindurch gang und gebe. Der andere gnadenlose Ton war die wöchentliche Sirenenprobe. Soweit ich weiß war damals eine Sirene auf dem Rathaus, die an jedem 1ten Samstag im Monat ertönte und noch eine auf der heutigen Sonnenbergschule installiert. Aber auch die Kirchenglocken, die ab morgens 7 Uhr ihr Spiel beginnen gehören dazu, sowie die Zeit der Rätschen ab Karfreitag bis Ostersonntag. Denn in dieser Zeit flogen die Glocken nach Rom wie man mir als Kind weiß machen wollte. Aber vor den Glocken meldete der Josef Trittler mit seiner Trompete von der Höhe herab, dass Sonntagmorgen ist. Damit sind wir natürlich auch beim Thema „Tagwache“ des Musikvereins, denn dann war immer ein besonderer Tag in Oberkochen. Der weitaus schönere Lärm waren natürlich die Geräusche vom Rummelplatz (frühere Standorte waren der Eugen-Bolz-Platz, der Parkplatz am Rupert-Mayer-Haus, der Platz vor der Dreißentalschule und neben der Sporthalle im Schwörz. Hier war für mich das wichtigste Geräusch das der Auto-Scooter, die dazugehörigen Ansagen und die moderne Musik dazu (hat schon reichlich Geld gekostet). Sich zu zeigen, hat schon immer Geld gekostet ☺ Sich zeigen, das war auch in den Diskotheken notwendig. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Besuch im „Pub“ in der Rombacher Straße in Aalen. Zu Fuß zogen wir in Oberkochen los und gingen auf der „Alten Straße“ über Unterkochen nach Aalen. Sonntags wurde gegen 17 Uhr geöffnet. Als ich den „Beat-Schuppen“ betrat war ich hin-und-weg: Status Quo spielte gerade „Pictures of Matchstickmen“, das Licht funkelte und die psychodelischen Bilder an der Wand wurden in ein faszinierendes Licht getaucht. Und in der Menge tanzte unser Klassenkamerad Michael Beppo Bernlöhr aus Oberkochen mit den tollsten Mädchen. Die ersten Joint-Erfahrungen gab es später im „Bottich“ und damit war die Kindheit definitiv zu Ende. Die spannende und spannungsreiche Zeit des Erwachsenwerdens hatte begonnen.

 

Die Buchstaben

Seit ich die Buchstaben kennengelernt habe, mit Hilfe von

„Hans und Lotte“ aus der Volksschule 1959

„Hans und Lotte“ etwas lesen konnte, faszinieren mich Bücher und Zeitschriften.

Die Ortsbücherei von Helma Braun 1959

Als die Ortsbücherei (im heutigen Schillerhaus) unter der Leitung von Helma Braun öffnete, war ich mit dem Mitgliedsausweis Nr. 7 einer der fleißigsten Leser, die sie betreut hat. Die wichtigsten Bücher meiner Kindheit habe ich heute noch in meinem Regal stehen: „Meuterei auf der Bounty“ (ein Kommunionsgeschenk von unserer Mieterin Irmgard Schimmel), die „Nibelungen“, der „Kaiser von Kalifornien“ und die „Klassischen Sagen des Altertums“. Die Bücher haben mich gefesselt und da das Tageslicht nicht genügte, bin ich mit Taschenlampe zu Bett gegangen um unter der Bettdecke weiterlesen zu können. Das Lesen unter diesen erschwerten Bedingungen hatte eine Phantasie entwickelt, die einfach toll war und meinen Deutschlehrer Rudolf Thiem zur Verzweiflung brachte. Ich schrieb Aufsätze, die ständig vorgelesen wurden. Nicht weil sie preiswürdig waren, sondern weil ich in meinen Aufsätzen meine Leseerfahrung aus den Romanen von G.F.Unger und anderen Schriftstellern der legendären Western-Literatur (sog. Schundliteratur) einfließen ließ. Aus diesem Grund bekam ich auch meinen Spitznamen „Billie“ von Studienrat Thiem auf einem Wandertag verpasst. Dieser Künstlername hält sich allerdings bis heute und ich gestehe – ich mag ihn. Natürlich waren erste Anlaufpunkte, als eigenes Taschengeld zur Verfügung stand, die Buchhandlung HENNE in der Heidenheimer Straße, das Foto- und Zeitschriftengeschäft KRISTEN in der Dreißentalstraße sowie das Kiosk ENNEPETZ in der Bahnhofstraße. Unvergessen wenn die lispelnde Frau Kristen FIKSCH UND FOKSCHI verkaufte. Und ums Ennepetz’sche Kiosk bin ich immer herumgeschlichen um die neueste Weltliteratur zu bestaunen. Verschlungen habe ich die roten Krimis aus Reihe von EDGAR WALLACE sowie eine ganze Anzahl von KARL-MAY-Romanen. Nun kann ich nicht gerade sagen, dass ich gerne zum Friseur ging, aber im Salon HAHN in der Lerchenstraße gab es viele Zeitschriften und da hatte es mir der STERN besonders angetan. Da waren tolle Geschichten zu lesen. Kaum zu glauben über was da alles berichtet wurde. Und so ging ich tapfer dort hin, um auf der langen Bank zu sitzen und den STERN zu lesen und auch Kunden vorzulassen, nur damit ich die Zeitschriften länger lesen konnte. Mit Beginn der Pubertät wurde mir aber ein moderner Haarschnitt wichtiger als die Hahn’schen Zeitschriften. Und so ging ich zum modernen Salon SCHNEE nach Aalen und ließ mir von Frau Betzler (Dreißentalstr.) einen modernen gestuften Messerschnitt verpassen, mitunter poppig toupiert. Zeitung lesen konnte ich nun zuhause, da ich diese ja selbst austrug. Bis heute kann ich mir eine Wohnung ohne Bücher nicht vorstellen. Grausig, wenn ich mir vorstelle, dass alle meine Bücherregale in einem E-Book Platz haben sollen. Auch gab es zu dieser Zeit noch handgeschrieben Briefe und Postkarten, die zu Ostern, Weihnachten, Neujahr und aus dem Urlaub verschickt wurden. Einige, darunter alle Liebesbriefe aus meiner Jugend, habe ich aufgehoben und vertiefe mich lächelnd hin und wieder darin. In den 60ern war Bildung GROSS geschrieben. Es war selbstverständlich, dass die aufstrebende Mittelschicht Mitglied im Bertelsmann Leseclub war. Vater zahlte und Sohn bestellte. Neben der Bibel hatte so ziemlich jeder Haushalt der etwas auf sich hielt, das Bertelsmann Volkslexikon in modischem bordeaux-rotem Einband im Regal stehen. Lexikon lesen fand ich scharf und man konnte sich bilden und bilden und bilden. Friedemann Blum hatte die Idee sich mit Kunstbüchern zu beschäftigen. Das war spannend, denn hier war Erotik nicht verboten und leicht zu bekommen – hier gab es reichlich Bildmaterial – wenn auch etwas sehr künstlerisch ☺. Die übliche erotische Neugier der pubertierenden Jünglinge wurde durch „Praline, Neue Revue und Quick“ abgedeckt. Dr. Sommer aus der „Bravo“ erklärte uns alles ganz genau – auch Dinge, die wir gar nicht wissen wollten. Nun gab es aber auch erhellende Literatur. Das waren einseits die berühmtem gelben „Reclam-Heftchen“. Die lasen wir aber nicht freiwillig sondern als Pflichtliteratur im Deutschunterricht, genauso wie die „Hamburger Leseheftchen“. Ganz speziell waren die „Reader’s Digest“-Ausgaben, die ich im Hause Meinert kennenlernen durfte. Es gab aber auch Unangenehmes. Toilettenpapier war damals teuer und nicht jeder leistete sich mehrlagiges weiches Papier für den Allerwertesten. Manche fanden, dass die Zeitung von heute Morgen für etwas anderes nützlich war. Ich hasste es mit den Nachrichten von gestern im hinteren Bereich für Sauberkeit zu sorgen zumal es dazu verführte auch noch am Örtchen zu lesen und diesen wichtigen Raum zu blockieren. Ich war als Kind so froh dass ich das nur bei Familienbesuchen in Waldhausen und Fulda erdulden musste.

 

Die Bilder

Zugang zu bewegten Bildern hatte ich zuerst in der Nachbarschaft. Die Familie Vater hatte recht bald einen Fernseher und dort konnte ich die Serien meiner Kindheit anschauen, die mich in ihren Bann zogen: „Fury“, „Am Fuß der blauen Berge“ oder Arnim Dahl mit „Nerven wie Drahtseile“ – das war spannend. Ein Höhepunkt aber war „Stahlnetz“ – uns Straßenkinder vom Sonnenberg streng verboten, aber der Herr Hopp aus dem Nachbarhaus ließ uns wenigstens den Anfang schauen und der war schon extrem spannend mit der reißerischen Musik. Ich bin heute noch der Ansicht, dass viele S/W-Filme von damals dramaturgisch extrem spannend gestaltet wurden und die Filme bis heute noch eine wirkungsvolle Ausstrahlung haben. Eine Besonderheit war auch, dass unser Mieter Hermann Schimmel eine Zusatz-Antenne hatte und daher auch Zugang zu einem 3ten bayrischen Programm hatte, über das „Isar 12“ ausgestrahlt wurde. Auch hatte er eine Folie vor der Mattscheibe angebracht, die so eine Art Pseudo-Farbigkeit simulieren sollte. Sehr exotisch fand ich auch japanische Kinderfilme, die mich sehr in ihren Bann zogen. Ab dem Zeitpunkt als wir selbst einen Fernseher hatten, der anfangs natürlich in der kalten guten Stub‘ stand, war das auch ein beliebtes Mittel zum Strafvollzug. (Der Vorteil der guten kalten Stub‘ war, dass es der Christbaum locker bis Lichtmess ausgehalten hat). Einmal habe ich 7 Wochen Fernsehverbot bekommen (was ich angestellt habe weiß ich heute nicht mehr), aber dass ich Gott froh war, dass es keinen Hausarrest gab, das weiß ich noch. Denn es war Sommer und Fernsehen war mir dann doch nicht so wichtig, als auf der Straße herumzuspringen. Das hatte mein Vater pädagogisch völlig falsch eingeschätzt. Der Fernseher gab dem Tag eine neue Struktur. Man schaute täglich die Tagesschau, am Samstag nach dem Baden die Sportschau mit Ernst Huberty gefolgt von den großen Shows mit Frankenfeld, Kulenkampff, Torriani, Carell und anderen Meistern ihres Fachs. Ich hatte damals auch ein Faible für Sendung wie Roseggers Waldbauernbub, Geschichten mit Louis Trenker oder der bayrische Fenstergucker. Die Ziehung der Lottozahlen, damals eine höchst spannende Sache ☺, und dann schickte uns das Wort zum Sonntag ins Bett. Zu dieser Zeit gab es noch abschließend ein Testbild, denn von einer Rundumversorgung waren wir weit entfernt. Damals wurden dem Zuschauer noch kulturelle Leckerbissen präsentiert, an denen er zu knabbern hatte, denn Fernsehen war auch Bildungsauftrag und klassische Konzerte und klassisches Theater zur Hauptsendezeit waren durchaus üblich. Damit das aber nicht zu viel wurde gab es auch das Ohnsorg-Theater oder den Theater-Stadl. Absolute Straßenfeger waren die Durbridge-Krimis, Fußballspiele und Prof Grzymek’s Tierfilme. Faszinierend waren noch die Verfilmungen russischer Literatur wie „Der stille Don“ oder „Die Brüder Karamasov“. Total in den Bann gezogen hat mich aber die Serie „So weit die Füße tragen“. Für mich verbotene Filme wie Hitchcock’s „Vögel“ pflegte ich nachts am Samstagabend ohne Ton anzuschauen während die Eltern schliefen. Das war ein doppelter Kick – Hitchcock‘s Dramatik und meine Angst erwischt zu werden – ging aber immer gut. Zu erwähnen bleibt noch der Faschingsmontag. Es wurden und werden bis heute die Umzüge aus Köln, Mainz und Düsseldorf übertragen. Die schauten wir natürlich auch an und zwar in voller Verkleidungsmontur. Dazu gab es von Mutti frisch gemachte Faschingskrapfen. Tätä Tätä Tätä! Wolle mer se reilasse? Daneben wurde ich auch ein Fan des Kinos.

Schleicher’s Kino-Werbung 1959

Im Schleicher’schen Kino groß geworden ist es nicht verwunderlich, dass ich bis heute ein fleißiger Kinogänger geblieben bin. Und ich kann Euch sagen, am Wochenende war der Teufel los wenn die richtigen Filme liefen wie z.b. Fuzzy, Karl May, Tarzan, Dr. Fu Man Chu, Dr. Mabuse, Filme mit Fröbe, mit Belmondo usw. usf. sowie „Das Schweigen“, das nicht schweigend zur Kenntnis genommen wurde. Nicht nur einmal hat die kirchliche Instanz in Person von Pfarrer Forster versucht Filmaufführungen zu verhindern, die nicht in das zeitgenössische kirchliche Bild passten, denn die „Machthabenden des Dorfes“ waren seinerzeit der Bürgermoischter (Herr über die Polizeistunde), d’r Herr Pfarrer (musste von den Mädchen mit „Gelobt sei Jesus Christus“ auf der Straße begrüßt werden) und die Lehrerschaft (die seinerzeit mitunter noch wert-konservative körperliche Ermunterungen anwandte). Wir gingen oft ins Freibad nach Wasseralfingen und dort lernte ich über meinen Schulfreund Reinhold Kurz den Agenten James Bond und die Minox-Kamera kennen. Reinhold las damals schon die englische Version des Romans „Casino Royal“, der erst kürzlich verfilmt wurde. Er hatte auch eine Geheimagentenkamera – die berühmte Minox. Mutig durchstreifte ich mit ihr das Freibadgelände und fotografierte undercover schwäbische Bikinischönheiten. Das Fernsehen sorgte auch dafür, dass ich bis heute ein Fan von Borussia Dortmund bin. Das geht zurück auf den 5.Mai 1966 als Stan Libuda mit seinem legendären Fernschuss in s/w das 2:1 für den BVB gegen Liverpool erzielte und somit die erste deutsche Fußballmannschaft Europapokalsieger wurde. Ich war hin und weg. In meiner Schulklasse gab es nur Dortmunder, 60er und ein paar versprengte Clubberer. Der VFB mit dem Torhüter Sawitzki und seiner Bätschkapp war einfach nur uncool. Später war es natürlich ein Muss das erste, im Jahr 1970 in Farbe übertragene Fußballballspiel Deutschland gegen Jugoslawien, im Fernsehen im „Cafe MUH“, bei den Wirtsleuten Norbert und Lissi Richter, anzuschauen. Wobei noch anzumerken sei, dass es dort Oberkochens beste Hähnchen und Pommes gab. Auch das Sammeln und Tauschen von Fußball-Sammelbildchen war ein Muss für die Jungs. Die Karten kauften wir beim „Fichtner“ oder beim “Gruppen-Heiner“ und versuchten dann zu tauschen (z.B. zwei Wabra für einen Tilkowski). Später kam dann noch das ARAL-Sammel-Album dazu und unser ganzer Stolz war es so ein Album ohne Fehlbilder zu besitzen. Überhaupt war wohl das Jahr 1966 ein ganz wichtiges Jahr. Zum einen das Jahr der Fußballweltmeisterschaft in England mit dem legendären Nicht-Tor im Spiel gegen England. Mein kleiner Bruder war damals 8 Jahre alt und konnte vor Enttäuschung nicht aufhören zu weinen. Immer wenn ich unsere alte Mauer im Garten anschaue denke ich an diesen Tag: Samstag, 30. Juli. Denn an diesem Tag wurde sie mit Unterstützung der männlichen Nachbarschaft und meiner Handlanger-Dienste erbaut. Vati versprach mir hoch und heilig, dass die Arbeit bis 16 Uhr beendet sein wird. Und so war es. Wir saßen ab 16 Uhr vor dem Fernseher und das Drama nahm seinen Lauf. Und dann war da noch die Mondlandung, die ich nachts am Fernsehen erleben durfte, denn dafür stand Mann und Frau auf. Es gab noch jemanden für den wir früh morgens aufstanden: Cassius Clay, den besten Boxer mit einer besonderen Ausstrahlung. Nun hat mich Boxen nicht sehr interessiert, das war mit zu grob und zu brachial, aber Cassius gab diesem Sport eine Leichtigkeit, die nach seiner Zeit nicht mehr erreicht wurde. Zu den Bildern gehörte natürlich auch das Theater. Mit der Schulklasse ging es ins Naturtheater Heidenheim, das mich auch später immer mal wieder als Besucher willkommen hieß. Ein absolutes Muss für eine schwäbische Gymnasialklasse war natürlich der Besuch in Jagsthausen um den kulturell wichtigsten Fluch aller Flüche klassisch dargeboten zu bekommen „Sage er ihm er könne mich im …….“. Auch durften wir im Rahmen einer kulturellen Abendausfahrt in Stuttgart im „Großen Haus“ den „Fliegenden Holländer“ anschauen. Aber diese vielen Akte waren gar so schwer zu ertragen. Also machten wir uns nach dem 1. Akt auf die Suche nach dem berühmten DreiFarbenHaus (das Stuttgarter Bordell an dem seinerzeit am 7ten Tage geruht wurde – eine Seltenheit in ganz Deutschland). Noch schnell ein Bier und dann saßen wir wieder pünktlich zum 3. Akt vor der Bühne und schwankten vielleicht wie dem Holländer Michel sein Schiff. Herr Thiem hat von unserem Zwischenakt nichts mitbekommen, da er zu sehr auf die Vorkommnisse auf der Bühne fokussiert war. Zu den Bildern gehörten natürlich auch die Comic-Heftchen, für die ich kein Geld hatte und die im elterlichen Budget nicht vorgesehen waren. Also blieb nur leihen und tauschen. Fasziniert haben mich besonders „Falk, Sigurd, Micky Maus, Fix und Foxi, Superman und ganz toll die „Diggedags“ aus der DDR.

Abschließend sei anzumerken, dass heute alles Kulturelle im Überfluss vorhanden ist, die wenigsten von uns müssen dafür kämpfen oder große Aufwände betreiben. Das ist einerseits eine komfortable Situation andererseits aber auch inflationär, denn wir bringen dadurch der Kultur nicht mehr den notwendigen Respekt dar und schätzen das Vorhandensein aller dieser Möglichkeiten nicht mehr sehr hoch ein. In diesem Sinne schicke ich Ihnen kulturelle Grüße vom Sonnenberg. Gehen Sie wieder mal ins Kino, ins Theater, in ein Konzert, hören Radio oder lesen ein gutes Buch.

Anmerkung: Ich bin immer bestrebt meinen Geschichten lebendig zu gestalten. Sie sollen ihr Leben nicht beim Schreiben aushauchen, sondern die Kraft haben auch beim Lesen etwas auszulösen. Es geht mir natürlich darum, mich selbst beim Schreiben zu erinnern, aber auch bei Leser- und Innen, eigenes Reflektieren auszulösen und das Ganze immer in einen zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen. Das gelingt mal sehr gut bis weniger gut – aber das Bestreben, das zu erreichen, ist immer da.

Herzlichst Ihr Wilfried Billie Wichai Müller vom Sonnenberg.

 
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