Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 644
 

Der Hebammen-Schorsch und die Schneiderin Hildegard

Auf der Beerdigungsfeier meiner Mutti (in meiner Kindheit hieß das „Leichaschmaus“) wurde ich gefragt: „Woischt Du eigentlich wia Deine Eltara g’heirigt henndt?“. Na wie sollte ich auch, wenn es mir 61 Jahre lang niemand erzählt hat. Und so hörte ich die Geschichte von „d’r Hoax‘t vom Schorsch und seiner Hilde“. Auf der Beerdigung meines Lieblings-Onkels Josef von Mimmenhausen am Bodensee hörte ich auch etwas über Herkunft und Kindheit meines Vaters, das auch nach einer Niederschrift ruft.

 

HÄRTSFELD – Hartes Feld, viel Steine gab’s und wenig Brot

Der Gröber’sche Hof in Brastelburg (von Gerlinde Hermann)

Wir schreiben das Jahr 1923 und befinden uns auf einem Bauernhof in Waldhausen-Brastelburg (der letzte Hof auf der Kuppe Richtung Himmlingen zu). Es war wohl September oder Oktober, alle befanden sich auf dem Feld um harter bäuerlicher Erntearbeit nachzugehen. Die 16-jährige Barbara Gröber war alleine zu Hause. Da nahm das Schicksal seinen Lauf, Hans Maier aus Fachsenfeld, angeblich aus dem Armenhaus in Waldhausen, (er hatte selbst Frau und Kinder) verging sich an Barbara und sie wurde schwanger. Es muss wohl einen Prozess gegeben haben und der Hans Maier wurde mit einer Geldbuße und Gefängnis bestraft. Das Geld, das er wohl auch bezahlt hat, hat er sich wohl, wie man sich erzählt, später wieder durch Diebstahl angeeignet, in dem er das Bauernhaus abermals wiederrechtlich betreten hat. Also gebar Barbara Gröber am 7. Juni 1924 meinen späteren Vater Georg. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, was das in der damaligen Zeit bedeutet hat: Minderjährig, uneheliche Schwangerschaft, vergewaltigt, in einem bäuerlichen katholischem Umfeld alleine mit einem „Bankert“. Schorsch verlebte seine Kindheit auf dem Gröber’schen Hof in Brastelburg

Vor dem Gröber’schen Haus in Brastelburg

und verstand sich mit den Gröber-Geschwistern bis zu seinem Tod sehr gut. Für seine Mutter Barbara musste eine Lösung gefunden werden und die hieß Kaspar Müller – den Schwager des besagten Hans Maier. In der Familie wird erzählt, dass die Verbindung nicht geplant war, sondern dass die Liebe und Zuneigung wohl doch eine wichtige Rolle gespielt hätte. Er heiratete sie 1935, da war der Schorsch 11 Jahre alt und Babette gebar ihm später noch drei Söhne mit Namen Kaspar (heute wohnhaft im Taufbach in Aalen), Josef (bis zu seinem Tod wohnhaft im Mimmenhausen) und Walter (wohnhaft in Waldhausen). Schorsch wurde jedoch von seinem Stiefvater abgelehnt und man gab ihm das auch deutlich zu verstehen, sodass Schorsch sicher körperlich und seelisch gelitten hat – unter der eigenen Mutter und unter dem Stiefvater. Die Gröbers (seiner Mutter Seite) gaben ihm Halt und Anerkennung, die er im Müller‘schen Haus wohl vergeblich suchte. Denn der Müller Kaspar (von Beruf Kettenschmid und bis zu seiner Pensionierung im Hammerwerk Aalen beschäftigt) war halt schon ein harter Hund. Nichtsdestotrotz kam Georg mit seinen (Halb)Brüdern bestens aus – nur das Verhältnis zu seinem Stiefvater blieb bis zu meines Vater’s Tod im Jahr 1991 gespannt. Es war eben schwer für einen sturen starrköpfigen Härtsfelder Patriarchen die alten Werte zu überdenken und ggsf. zu korrigieren.

Patriarch Vadder Müller und seine Familie

Den Müller’schen Wind habe ich auch noch bei Wochenendbesuchen kennengelernt. Er war kein Papa, Papi oder Vati – er war der „Vadder Müller“ mit der Lebensmaxime: „I bee der Vadder Müller ond han Recht ond scho au wenn I oarecht hoa.“ Auch ich bin letztendlich einer aus der Gröber-Reihe und nicht aus der Müller-Reihe, denn wir sind auch ein Teil der Summe derer, die vor uns lebten. Den Alois Gröber habe ich im September 2014 auf seinem Hof besucht. Es war eine Zeitreise in eine andere entschleunigte, mit alten Werten markierte Welt, die Eindruck hinterließ, aber letztendlich dem Untergang geweiht ist.

Der alte Alois in seiner Welt

Im Müller’schen Haus zu Waldhausen wurde vor dem Mittagessen stehend das Vaterunser gebetet, es durfte gegessen werden wenn der Vadder anfing und es war fertig mit Essen wenn der Vadder fertig war. So isch’s g‘wäsa. Mutter Barbara (Babette genannt) wurde irgendwann Hebamme und hat vermutlich das halbe vordere Härtsfeld auf die Welt gebracht und war bei Wind und Wetter erst mit dem Fahrrad und später mit einer BMW-Isetta

BMW-Isetta

unterwegs. Schorsch ging dann ab 1. April 1931 zur Schule in Waldhausen (es gab wohl zwei Klassen in welche alle Jahrgänge aufgeteilt wurden). Später begann er am 30. Januar 1939 eine Lehre als Dreher bei WIGO in Oberkochen. Das bedeutete, dass er jeden Tag bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad oder zu Fuß von Waldhausen nach Oberkochen und zurück musste. Gelobt sei was hart macht ☺. Dann rief Adolf 1939 die Jugend an die Waffen und betrog sie im Namen des Vaterlandes und der Partei um ihre Jugend und vielen brachte er den Tod. Schorsch wurde am 5. Juli 1942, nach Abschluss der Lehre zum Facharbeiter

Facharbeiterbrief Georg

zur Marine in ein Schnellbootgeschwader nach Kiel eingezogen oder meldete sich freiwillig (Härtsfelder waren schon immer gerne bei der Marine gesehen, denn Nichtschwimmer verteidigten ihr Schiff mit größtem Engagement).

Der fesche Schorsch bei der Kriegsmarine

Hier sei eingefügt, dass die meisten Härtsfelder Mädchen und Buben erst schwimmen lernten als das erste Freibad in den 60er Jahren in Kösingen gebaut wurde. Er überlebte den Krieg, aber wir wissen über diese Zeit nichts, er war nicht bereit darüber zu erzählen und wir fragten später als 68er zu ungestüm und zu aggressiv. 1945 – der Krieg war aus, irgendwo verbrachte er seine Gefangenschaft, die damals Teil der Biographie vieler Überlebender war – Schorsch war 21 Jahre jung, voller Tatkraft zurück in Oberkochen und beim WIGO wieder als Dreher tätig. 1000 Jahre sind vergangen, die Welt hat sich verändert und in Oberkochen und anderswo haben manche doch nur ihr Fähnlein neu nach dem aktuellen Wind ausgerichtet und die alten Uniformen. Parteibücher und Abzeichen entsorgt und wurden normalerweise problemlos entnazifiziert. (Achtung aufgepasst beim Entrümpeln, der Heimatverein sucht immer alte geschichtsträchtige Dinge.)

 

NEUE HEIMAT OBERKOCHEN IM DREIßENTAL – alles auf Anfang

So kamen also nach dem Krieg zwei Flüchtlinge nach Oberkochen – einer vom Härtsfeld und den familiären und wirtschaftlichen Verhältnissen entflohen und eine als Treibgut nach dem verlorenen Krieg in Wasseralfingen in einem Flüchtlingszug gestrandet. Er, der Schorsch kam bei „Schills“ in der Sperberstraße 34 unter und sie, die Hilde wurde bei „Schaupps“ im Turmweg 7 aufgenommen und zog später bei „Meschenmosers“ in der Sperberstraße 38 ein.

Haus Meschenmoser und Haus Schill in der Sperberstraße

 

Das Schaupp’sche Haus im Turmweg

Flüchtlinge hatten es nach dem Krieg auch in Oberkochen nicht leicht, denn hier wie anderswo waren Flüchtlinge nicht gerne gesehen. Aber es gab auch hier wie anderswo Menschen die sich um die Flüchtlinge kümmerten. In Oberkochen herrschten nun besondere Bedingungen, denn es galt die Quadratur des Kreises gesellschaftspolitisch umzusetzen.

Oberkochen um 1952

Das alte bäuerliche Oberkochen sah sich nach dem Krieg der Herkulesaufgabe ausgesetzt, die Rückkehr der Soldaten, die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Osten und einem nicht aufhörendem Zustrom von Menschen aus Thüringen, die beim Zeiss arbeiten wollten, zu organisieren. Hilde und Schorsch mussten ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Der Krieg war vorbei, man hatte zwar ein Dach über dem Kopf, die Währung war noch die alte Reichsmark (RM) und nichts wert. So ging Schorsch also wieder zum WIGO arbeiten und Hilde ging als gelernte Schneidergesellin mit der „Schättere“ ab Aalen (ein Gasthaus mit dem selben Namen, an dem die Gleisführung vorbeiging, gibt es heute noch) mit einem Rucksack auf’s Härtsfeld, um bei den Bauern gegen Bezahlung von Naturalien zu nähen. Auch in Oberkochen nähte sie fleißig und wie mir kürzlich jemand versicherte, brachte sie Farbe nach Oberkochen (sprich bunte Stoffe zogen ins Dorf ein). Damals war es noch Brauch dass man sich verlobte und gegenseitig die Ehe versprach, diese wurde dann zu Weihnachten 1946 gefeiert.

Verlobung Hilde und Schorsch

 

Verlobungsanzeige

Für das Jahr 1947 war die Hochzeit geplant. Aber wie finanziert man eine Hochzeit zur Zeit einer alten wertlosen Währung, der RM: Die DM gab es noch nicht, die hielt erst durch die Währungsreform ab 20./21. Juni 1948 Einzug. Was also tun? Eine Hochzeit kostete Geld, das die beiden nicht hatten. Aber da hatte die Babette, die Mutter vom Schorsch, eine grandiose Idee.

Gänse, die Finanziers

Als Hebamme kam sie auf dem ganzen Härtsfeld bei den Bauern herum und sammelte „Gees-Oier“ (Gänseeier) ein. Diese brachte sie ins landwirtschaftliche Gut des Klosters Neresheim zum Ausbrüten. Die kleinen Gänse nahm sie dann mit nach Hause und zog sie im Garten auf ihrem Anwesen in Waldhausen groß.

Das Müller’sche Anwesen in Waldhausen

Und so konnte der „Hoax‘t-Läder“ Karl Elmer (Hochzeit-Einlader) aus der Sperberstraße 26 seines Amtes walten und die Einladung zur „Öffentlichen Hochzeit“ von Georg Müller und Hilde Pawlat am 7. Juni 1947 in der „Restauration“ in der Bahnhofstraße unter die Leute bringen. Die Hochzeit war groß und kostete wohl um die 10 Gänse, für die nun nach einem kurzen Härtsfelder Leben, das Ende gekommen war. Eine sog „Öffentliche Hochzeit“ lief wie folgt ab: Der Hochzeitsläder übergab die Einladungskarte

Einladung zur Hochzeit

und vermerkte die Zusage für 1 oder 2 Personen oder die Absage.

Das Hochzeitspaar, die Brautführer und die „Oag’schickte“

Brautführer und „Oagschickte“ (wie man die Trauzeugen damals nannte – aus welchem Grund auch immer) mussten für’s Essen und Trinken nichts bezahlen, alle anderen Gäste waren zahlungspflichtig. Die Hochzeitsgeldgeschenke wurden in einem großen weißen Suppentopf gesammelt, mussten aber vorher auf einen weißen Teller gelegt werden (mit dem die Schüssel abgedeckt war), damit das Brautpaar auch sehen konnte wer wieviel gegeben hatte. Ordnung musste schließlich sein. Die Hochzeit wurde mit einer Messe in der Katholischen Kirche gefeiert.

Hochzeitszug von St. Peter und Paul zur „Schell“

 

Hochzeitszug von St. Peter und Paul zur „Schell“

Anschließend ging es in einem Hochzeitszug die Hauptstraße entlang bis zur Gaststätte „Bahnhofsrestauration (d’Schell)“ in der Bahnhofsstraße.

Hochzeitsgesellschaft vor „d’r Schell“

Dort wurde dann im Saal zünftig gefeiert und Hochzeitsreden aus dem Tal und vom Härtsfeld gehalten.

Hochverehrtes Hochzeitspaar

 

Hochverehrtes Hochzeitspaar

 

Alte älbische Hochzeitsverse

Danach ging das Leben, nun gesetzlich und katholisch geordnet, gemeinsam in der Lerchenstraße 8 beim „Deutschland-Fischer“ weiter.

Vermählungsbekanntgabe

 

Beim Deutschland-Fischer in der Lerchenstraße

Arbeiten, Essen organisieren, Bezugsscheine gegen Naturalien umtauschen und am 21. Juni 1948 war es soweit – die DM wurde eingeführt und das Wirtschaftswunder nahm seinen Lauf. Das Geld hatte wieder einen Wert, man bekam etwas dafür, hatte Arbeit und konnte planen. Man kaufte sich ein Rad

Manfred Mayle Rechnung Fahrrad

und ein modernes Radio.

Max Walter Rechnung Radio

 

Rundfunkgenehmigung

 

Vorschriften für den Rundfunkteilnehmer

Es gab nur eine Richtung: Aufwärts. Für die beiden hieß das „Schaffe Schaffe Häusle bauen“ (siehe dazu den Bericht Nr. 500), denn ich war schon in der Umlaufbahn und wartete, dass das Nest am Sonnenberg fertig wurde. Am 1. Mrz 1952 brachte der Storch dann den ersehnten Stammhalter Wilfried

Der erste Stammhalter ist da, also ich

Alles Weitere lässt sich in meinen verschiedenen Berichten des Heimatvereins nachlesen.

Abschließend bleibt noch zu erklären wieso mein Vater der „Hebammen-Schorsch“ war. Die Sache ist ganz einfach. Um die Menschen früher sofort und eindeutig zuordnen zu können, besonders wenn sie einen Feld-, Wald-, und Wiesen-Namen hatten wie Maier, Müller, Fischer, Balle, Grupp usw. gab es entweder die Hausnamen oder andere eindeutige verbale Beigaben, sodass jedem sofort klar war wer derjenige welcher war. Mein Vater Georg war als Sohn „Der Hebamme vom Härtsfeld“ einfach der „Hebammen-Schorsch“. Und der „Deutschland-Fischer“ kam zu seinem Namen weil er beim Fußballspielen immer „Deutschland“ sein wollte. Der Müller mit dem Holzbein vom FCO war halt schon immer der „Holzbein-Müller“. Und zu mir hätte man wohl früher der Thailand-Müller gesagt. Und so bleibt noch zu ergänzen wie ich mich früher als Kind „ausweisen“ musste. Auf die Frage „Wem g’heehrscht Du“ hatte ich nicht zu antworten, dass ich der Wilfried Müller sei, sondern „dem Hebammen-Schorsch“ gehörte. Man beachte den feinen Unterschied, man war niemand sondern man gehörte jemandem.

In diesem Sinne grüßt Sie recht herzlich „d’r Ältescht vom Hebammen-Schorsch“ Wilfried Billie Wichai Müller.

PS:

Bei dieser Gelegenheit ein paar Anmerkungen zu meinen beiden „Künstlernamen“ weil ich immer wieder Mal danach gefragt werde.

Billie – wurde mir in Ableitung von „Billy the Kid“ vom OStR Thiem verpasst weil ich reichlich Westernliteratur las und er das partout nicht begreifen konnte. Der Name verselbständigte sich im Laufe der Jahre, sodass sogar der damalige Geschäftsführer von Emil Leitz, Albert Holz, nicht genau wusste wer der Lehrling Wilfried Müller war, aber den „Billie“ konnte er sofort zuordnen. Als ich 1978, nach 5 Jahren Abwesenheit, zu meiner Lehrfirma zurückkam, hieß es dann auch: Der Billie kommt zurück.

Wichai – wurde mir in Thailand zugedacht, weil kein Thailänder den Namen Wilfried korrekt aussprechen konnte (zu viel „r“ und „l“). Nachdem es mir zu bunt wurde immer „Wifitt“ gerufen zu werden bat ich um einen thailändischen Namen. Und so kam ich zu Wichai. Es soll angeblich die thailändische Ausgabe des indischen Gottes Vishnu sein.

Beide Namen sind mir im Laufe des Jahres so ans Herz gewachsen, dass alle 3 zu meiner Persönlichkeit gehören.

 
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