Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 643
 

600 Jahre alte Kanonenkugel

Am Donnerstag dem 16. Juli 2015 übergab mir das Oberkochener Ehepaar Sascha Hahn (Heckenrosenweg) eine an der Oberfläche stark korrodierte eiserne Kugel, die über ein Pfund wiegt (genau 530 Gramm) und einen Durchmesser von 5,5 cm aufweist. Sie war von unseren Mitbürgern am selben Tag – offensichtlich von Wildschweinen freigescharrt – anlässlich eines Spaziergangs am Rand der Katzenbachstraße zwischen dem Segelfliegerhäusle und dem Aussiedlerhof Fischer (Pflugwirt) ortseinwärts am rechten Rand des Sträßchens, das im Volksmund auch „Milchstraße“ (*) genannt wird, gefunden worden. Der genaue Fundort befindet sich 10 Meter von der etwas höher gelegenen Sitzbank entfernt schräg gegenüber des Spielplatzes.

Das exklusive Fundstück wurde von mir zunächst in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs eingestuft – also als aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts stammend und somit als ca. 400 Jahre alt bestimmt.

Da ich meiner Sache aber keineswegs sicher war, sandte ich als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes eine genaue Beschreibung der Kugel samt einem Foto an das LDA (Regierungspräsidium, Esslingen), woher ich von dem zuständigen Referat von Herrn Uwe Gross über den für uns in diesem Fall zuständigen Herrn Olaf Goldstein bereits am 22. Juli eine überraschende Antwort erhielt.

Hier das Schreiben wörtlich:
„ .... – nach Auskunft meines Kollegen Uwe Gross könnte man aufgrund des geringen Durchmessers von 5,5 cm denken, dass es sich um das Geschoss eines frühen „Feuerrohres“ aus dem späten 14. oder 15. Jahrhundert handelt, d. h. eine Art größerer Geschützwaffe, die aber noch „von Hand“ betrieben werden konnte und keinen fahrbaren Untersatz benötigte. Eine kleine Kanone kann man aber wohl auch nicht ganz ausschließen. Dass es sich um eine Geschützkugel handelt, ist auf jeden Fall wahrscheinlich“.

Das heißt, der Fund ist möglicherweise mindestens 200 Jahre älter als zunächst angenommen und könnte aus der Zeit nach der Errichtung der alten St. Peter-Kirche, später St. Peter- und Paul-Kirche stammen.

Auch Kreisarchivar Dr. Bernhard Hildebrand seitens der unteren Denkmalschutzbehörde des Landratsamts ist der Meinung, dass der Fund durchaus interessant ist, und dass der Fundort – wenngleich völlig unspektakulär – „im Auge behalten werden sollte“.

Natürlich stellt sich die berühmte Frage „Wie kommt der Spinat aufs Dach?“
Unser schon von der Höhlenforschung her bekannter Oberkochener Lokalwissenschaftler Dr. Hans-Joachim Bayer, Kohlberg, der sich als Geologe auch mit Geschichte, vor allem der der Eisenverhüttung in unserer Gegend beschäftigt, schreibt mir:

„ .... – das ist eine Sensation, diese Kanonenkugel. Über das Wolfertstal lief im Mittelalter und der Jungen Neuzeit (also in der vom LDA genannten Zeit) viel an Eisenerztransporten und auch an Eisenwaren im Rückweg. Das Eisenerz-Bergwerk am Burgstall in Aalen war ja alt-württembergischer Betrieb und gehörte zur Faktorei (Hüttenwerk) Königsbronn. Da die Öttinger einen Landzipfel bei Neukochen besaßen, wollten sie über horrende Mautgebühren am „Erzsegen“ teilhaben. Aus diesem Grund gingen jahrzehntelang die Erztransporte (mit Eseln und Pferden) über den Langertrücken und das Wolfertstal zur Hütte am Oberkochener Kocherursprung und nach Königsbronn. Auf dem Rückweg wurden z.T. Eisenwaren nach Aalen und von dort z.T. nach Gmünd transportiert (die dortige Schmuckindustrie begann mit Eisenwaren und Gagat-Schnitzereien) oder nach Hall (und weiter nach Nürnberg). Auf alle Fälle ein sensationeller Fund.“

Wir verweisen auf unseren exakt vor 10 Jahren an dieser Stelle am 1.7.2005 erschienenen Bericht 482 „Wildschweine auf dem Vormarsch nach Oberkochen“. In diesem nicht ganz ernst zu nehmenden Bericht ist beschrieben, wie eine Wildsau einen ahnungslosen Oberkochener Jogger in Bedrängnis brachte. – Heute nun bringen uns unsere Wildschweine dazu, unsere Phantasie in ganz anderer Richtung zu bemühen: Wie könnte jene Kugel an diesen Ort gekommen sein? Wurde sie tatsächlich „verschossen“? Hatte sich jemand mit einem beladenen Gespann auf der Abkürzung durchs Wolfertstal und über den Berg auf dem Weg von Aalen Richtung Süden oder von dorther kommend auf diesem Weg nach Aalen befunden, um den Öttinger Zoll zu umgehen und hatte „eines abbekommen“? Oder gab es ein anderes lohnendes bewegliches Ziel, das per Kleingeschütz verfolgt und niedergemacht wurde. Oder ist vielleicht ein maroder Munitions-Transportwagen zu Bruch gegangen? Dann könnten von unseren Sauen vielleicht noch weitere Kugeln oder andere Ladungsteile am bergseitigen Abhang der Katzenbachstraße freizuscharren sein... – Einmal in Fahrt lässt sich die Phantasie nicht bremsen. – Und nicht umsonst weist der Kreisarchivar darauf hin, dass der Fundort „im Auge behalten werden sollte“.

Die aktuellen lokalen Sauen jedenfalls haben uns zu einem sensationellen Fund verholfen, indem sie ihn auf der Suche nach Wurzeln, die an dieser Stelle schon vor Jahren einmal das Ziel von Sauenscharrungen waren, freigelegt haben. Aber dennoch bleibt es das Verdienst des Ehepaars Hahn, diese Kanonenkugel entdeckt und vor allem an der richtigen Stelle abgegeben zu haben. Herzlichen Dank. Oberkochen ist erneut um ein winziges Mosaikteilchen seiner Geschichte bereichert worden.

Die Kugel wird ab sofort in unserer entsprechenden Vitrine im Raum 4 des Heimatmuseums ausgestellt sein.

(*) Anmerkung zur „Milchstraße“: Diese Bezeichnung ist nur noch einigen „Alten“ bekannt, die die Zeit miterlebten, da man sich draußen beim „Pflugwirt“ allabendlich seinen Schoppen frischer Milch besorgen konnte. Die etwas feineren Bürger vollzogen diesen in der Folge für sie genussreichen und ihrer Gesundheit durchaus zuträglichen Milchschoppenbesorgungsakt vermittelst des Einkaufs auch per fettem Auto, wodurch sie sich persönlich zwar einen Gefallen, den zahlreichen anderen auf der Milchstraße befindlichen abendlichen Spaziergängern und vor allem all den anderen Milchfreunden jedoch, die sich ihren Schoppen per pedes besorgten, einen in der frischen Abendluft ekelhaft luftverpestenden Ungefallen erwiesen.

In diesem Zusammenhang sollte auf einen weiteren vergessenen Weg im Spitz- und Wolfertstal, den sogenannten „Rudi-Winzer-Weg“, hingewiesen werden, eine namensmäßig zunächst nur auf die Person ihres Erfinders, Erschaffers und Erstbenützers zurückgehende eher persönliche Milchbeschaffungs-Verbindung mit waghalsigem Steg zwischen den Punkthäusern in der ersten Kehre der Heidestraße und dem Pflugwirt jenseits des Gutenbachs. Der „Rudi-Winzer-Weg“ wurde erst Jahrzehnte später zu einem richtigen öffentlichen Weg mit stabiler Brücke ausgebaut.

Dietrich Bantel

 
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