Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 641
 

Willibald Mannes 90
Ein persönliches Bild

Foto: Stefan Nimmersgern

In meine erste Elternsprechstunde am damaligen Oberkochener Progymnasium im Jahr 1962 („Bergheim“) kamen viele interessierte Eltern. Ein Vater forderte mich auf, seinen Sohn kräftig durchzuhauen, wenn er nicht spure, sodass ich ihn aufklären musste, dass Schlagen nicht mehr „modern“ sei. – Eine Mutter redete eine Viertelstunde lang pausenlos auf mich ein und bedankte sich anschließend für das interessante Gespräch. Eine andere Mutter aber ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Sie meinte, als ich das gelegentliche Zuspätkommen der Tochter rügte, dass diese eben sooo schwer aus den Federn komme, und dann oft recht knapp mit dem Auto in die Schule angeliefert werden müsse... , worauf ich sagte, dass ich diese Hilfe aus meiner Sicht aus erzieherischen Gründen nicht für gut hielte – sie solle die Tochter ruhig zu spät kommen lassen – ich würde das schon richten. – Diese Mutter sagte dann: „Oh, Herr Bantel, – jetzt warten Sie mal, bis Sie selbst Kinder haben...“ – Und tatsächlich fuhr dann auch meine Frau, wenn es mal knapp wurde, die Kinder in die Schule.

Diese weitsichtige Mutter war Frau Marieanne Mannes, die Gattin des Oberkochener Zimmermanns, Architekten, weit über das Land hinaus bekannt gewordenen Treppenbauers, Lehrmeisters, Bücherschreibers, Künstlers, Querdenkers und Kommunalpolitikers Willibald Mannes, der damals 37 Jahre alt war. In wenigen Tagen wird er 90 Jahre alt.

Noch im gleichen Jahr 1962 stellte Frau Mannes einen Kontakt zwischen mir und dem Vater meiner Schülerin her, weil sie eine gleiche Wellenlänge in einer Grundveranlagung zwischen ihm und mir festgestellt hatte. Dieser erste Kontakt bewirkte, dass ich in der Zimmereiwerkstatt von Willibald Mannes unter dessen fachlichen Fittichen für unsere kleine Wohnung 4 Schränke und Regale bauen durfte. Schnell entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft zwischen Herrn Mannes und mir, dem 10 Jahre jüngeren „neuen Schulmeister am PGO“, heute EAG, die aus Anlass des 90. Geburtstags von Willibald Mannes der Hintergrund für diese Zeilen ist. Zu unserer Hochzeit im Jahre 1963 schenkte er uns ein wundervolles von ihm gemaltes Aquarell mit rotem Mohn.

Willibald Mannes war es, der mich schon im Jahr 1965 dazu brachte, bei den „Freien“, der sogenannten „Bürgergemeinschaft Oberkochen“, für den Gemeinderat zu kandidieren, was ich zwar knapp verpasste, aber 1968 dann mit großer Stimmenzahl über 25 Jahre hinweg schaffte. Bald zeigte er mir seine pfiffigen Aquarelle und Zeichnungen und seine ausgefallenen und genialen Entwürfe für Holztreppen. Er ist ein genialer Zeichner, der in wenigen Minuten eine Wendeltreppe zu Papier brachte genauso wie einen lustigen Wandersmann, der nach dem Escher-Prinzip auf einer endlosen Treppe im Viereck herum vermeintlich in die Höhe wandert. – Wir fuhren der Kunst wegen nach Straßburg und trafen uns, die wunderschöne Schwäbische Ostalb im Sinn, zum Wandern auf dem Volkmarsberg und hinterher in „seiner“ ersten, später, nachdem diese 1974 einem Brand zum Opfer fiel, „seiner“ zweiten SAV-Berg-Hütte, wo es immer unglaublich spät oder früh wurde. Und winters fegten wir dann nach Mitternacht mit Schlitten grenzenlos fröhlich und ziemlich schoppenbeladen vom „Berg“ zutale.

Kurz: Willibald Mannes gehörte zu den wenigen Oberkochenern, die mich von allem Anfang an – wenngleich nur gebürtiger Stuttgarter Gastarbeiter – als „Oberkochener“ akzeptierten. – 1967/68 entwarf und baute Willibald Mannes unser Haus im Wolfertstal so genial und liebevoll um unseren überschaubaren Möbelbesitz herum, dass wir nur einen einzigen Schrank hinzu benötigten, – und allerdings einen offenen Kamin, von dem meine Frau und ich seit meiner Fahrradtour nach Irland im Jahr 1959 träumten. An diesem Kamin mauerte er als sein Entwerfer selbst mit. Es gab ein absolut irres Richtfest völlig ohne Mineralwasser. Würden wir heute nochmal bauen, – es gäbe nichts, was wir uns anders wünschten.

1971 war Willibald Mannes einer der ersten, der die Arbeiten meiner Schüler am „Oberkochener Römerkeller“ mit einem Kasten Bier würzte. Sein Beispiel animierte die Oberkochener Bürger, uns einen Monat lang mit Säften, Bier, Vesper und auch Bargeldspenden zu versorgen, dass die Stunden nach der täglichen Grabung oft mehr wurden als die der eigentlichen Grabungsstunden – denn Willibald hatte als Stadtrat über die Stadt bewirkt, dass das Rathaus für uns einen heimeligen und festesfreudigen Schäferkarren aufstellte...

Im Gemeinderat, dem er über 30 Jahre angehörte, war unsere größte gemeinsame Leistung, dass wir in zäher Überzeugungsarbeit das gesamte Gremium zu der Meinung brachten, dass Oberkochen unter keinen Umständen einen Aalener Autobahn-Südzubringer über Oberkochener Gemarkung dulden möchte. – Unvergesslich sind die unglaublichen mehrtägigen gemeinsamen Bildungs-Ausfahrten mit dem Gemeinderat unter Bürgermeister Gustav Bosch.

Ich kenne Willibald Mannes nur als durch und durch kreativen und aktiven Menschen, der sein außergewöhnliches Engagement, wenn’s ums Geschäft ging, durchaus auch von den Menschen forderte, die mit ihm zu tun hatten. Fahrrad, Tennis, Wandern, Ideen festhalten, Entwerfen, Gestalten, Schreiben, – ein Freund auch sensibler Lyrik. Unbändig romantisch kann Willibald Mannes bis heute sein. Ich bin davon überzeugt, dass er noch immer eines seiner Lieblingslieder „Drei Zigeuner sah ich einmal ...“ so singt, dass das Wasser nicht weit ist.

Willibald Mannes schrieb nicht nur zahlreiche Treppenbau-Fachbücher, sondern gab auch ungezählt viele Treppenbau-Lehrkurse. In seinem ersten Treppenbuch sitzt „unsere mittlere Tochter“ auf unserer Mannes-Wendeltreppe. Es gibt indes auch ein Foto, auf dem ein gesamter Mannes-Treppen-Kurs auf unserer leichten Mannes-Wendeltreppe steht – was diese locker aushielt. Kein Wunder, denn er hatte den gesamten europäischen Treppenbau studiert.

Dem Heimatverein galt und gilt sein besonderes Interesse. So kommt es, dass wir das schönste seiner Treppenmodelle, eine ziemlich große Wendeltreppe, als Dauerleihgabe fürs Heimatmuseum erhielten. In all seinem Wirken stand ihm seine schon vor 8 Jahren verstorbene Frau Marieanne liebe- und verständnisvoll zur Seite.

Willibald Mannes, der auch liebevoll „Treppenpapst“ genannt wird, ist wie kein Zweiter eine Verkörperung der Entwicklung des alten hin zum neuen Oberkochen. Er verwendete in der von ihm geschaffenen und in seinem Kopf gewachsenen Werkstatt bei der Erschaffung seiner Werke und Kunstwerke die Werkzeuge der alten und der neuen Oberkochener Holzbearbeitungs-Werkzeugindustrie. Er zeigt damit an seinem Heimatort, wie durch sein Wirken und seine Arbeit mit diesen Oberkochener Werkzeugen und ihrer unmittelbaren Anwendung bei der Holzbearbeitung in einem modernen Alt-Oberkochener Betrieb der Aufstieg Oberkochens vom Dorf zur Stadt eingeleitet und realisiert wurde. Einige dieser Werkzeuge wurden von ihm neu erdacht und entwickelt.

Am 11. Juni feiert Willibald Mannes seinen 90. Geburtstag. Der Heimatverein wünscht ihm und den Seinen zu diesem hohen Tag alles Gute und noch viel Freude und Kraft für die kommende Zeit. Wir danken ihm für alles, was er in den vielen Jahrzehnten seines Lebens für seine Heimat getan hat.

Im Auftrag des Heimatvereins, Dietrich Bantel

 
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