Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 638
 

Der Leichenwagen

Als ich 1962 nach Oberkochen kam, befand sich im heutigen „Schillerhaus/Heimatmuseum“, das man damals noch „die alte evangelische Schule“ nannte, die Ortsbibliothek. Bibliothekarin war Frau Helma Braun, über deren 100. Geburtstag wir vor wenigen Jahren in BuG berichteten. Diese Frau Braun hatte mit Lehrer Braun, der mit Familie lange Jahre in diesem Gebäude wohnte, nichts zu tun. Von der Straßenseite her befand sich im rechten Teil des um 1860 errichteten Gebäudes Aalener Straße 19 die Einfahrt zur sogenannten „Remise“

Alte evangelische Schule, Aalener Straße 19, vor dem Umbau zum „Schillerhaus“: Die Remise im rechten Gebäudeteil ist durch den Baum hindurch erkennbar.

in der der Leichenwagen seinen Stellplatz hatte. Altoberkochener erklärten mir – häufig mit einer gewissen Ehrfurcht im Ton – dass man vor allem als Kind immer mit einer gruseligen Scheu an der „Remise“ vorbeigegangen sei.

Wann der Leichenwagen zum letzten Mal „im Einsatz“ war, ließ sich noch nicht genau bestimmen. Die Angaben schwanken zwischen „Ende der Fünfzigerjahre“ und „anfangs der Sechzigerjahre“.

Irgendwann, im Rahmen der durch GR-Beschluss erfolgten Umwidmung und Umbau des öffentlichen Gebäudes Aalener Straße 19 in ein „Jugendhaus“ wurde die sogenannte „Remise“ zum Haupteingang dieses Gebäudes umgebaut. Eröffnung 1979. Bereits 10 Jahre später wurde das in dieser relativ kurzen Zeit total heruntergekommene Gebäude nach einer längeren Zeit der Schließung und erneutem Umbau für seinen heutigen Zweck mit dem Gebäudenamen „Schillerhaus“ als öffentlicher Veranstaltungstreff mit Caféteria im EG und Heimatmuseum (ab 1997) in OG und Dach neu eröffnet.

Der Leichenwagen war, wie zu rekonstruieren war, zunächst auf dem alten Oberkochener Bauhof in der Aalener Straße zwischen Kaltwalzwerk und Firma Gold untergebracht, wo er offenbar eher als unerwünschtes sperriges Gut betrachtet und später im wahrsten Wortsinn Richtung Kocherbrücke „abgeschoben“ wurde. Lange Zeit stand der Wagen dann, wie uns Ludwig Burkhard berichtete, noch dort, diente anderen Befragten zufolge Kindern als Abenteuer-Spielplatz-Gerät und geriet nach sukzessiver Demontage in einer Art von aktiver und passiver Selbstauflösung in Vergessenheit. Sogar die Tatsache, dass es den Leichenwagen gar nicht mehr gab, verwischte und vermischte sich im Lauf der Jahre mit Erinnerungen und Irgendwo-Daseins-Gerüchten. Es gab ihn, und gleichzeitig gab es ihn nicht, – denn das meiste dessen, was sich im Rahmen der Nachforschungen für diesen Bericht herausstellte, – vor allem die Tatsache, dass es den Wagen mit Sicherheit schon lange nicht mehr gab, – war ja vor wenigen Wochen in dieser Ausführlichkeit und Klarheit noch unbekannt. Wer interessierte sich auch schon dafür?

 

Spurensuche und Wiedergeburt

Kurz nach der Gründung des Heimatvereins im Jahr 1987 erlebte der Leichenwagen und sein ungeklärtes Schicksal auf diese Weise eine echte Art von „virtueller Renaissance“. Als HVO-Vorsitzender erfuhr ich von Annemie Grupp, der Frau des früh verstorbenen Herbert Grupp „Hättere“ im Hasengässle, dass ihr Bruder Karl Barth, Vöhringen im Illertal, in den Besitz des Oberkochener Leichenwagens gekommen sei. – Eine sogenannte „Kleine Fahrt“, des Heimatvereins, sozusagen eine Oberkochener-Leichenwagen-Besichtigungsfahrt ins Illertal, war mehrfach in Aussicht genommen aber nicht durchgeführt worden.

Besondere Brisanz erhielt das Thema „Oberkochener Leichenwagen“ gute 15 Jahre später dadurch, dass mir ein Sohn der Altgemeinderätin Rosemarie Beythien, Dr. Volker Beythien, einem schon vor Jahren verstorbenen Tierarzt, vor ungefähr 8 Jahren ein sehr ausgefallenes Geschenk für den Heimatverein überbracht hatte, nämlich eines der beiden Waagscheiter des Oberkochener Leichenwagens, das er – auf welchem Weg auch immer – über den alten Oberkochener Bauhof oder an ihm vorbei erhalten hatte, und das er beim Heimatverein Oberkochen für besser aufgehoben als in seinem Besitz befindlich erachtete. Meine damals gefertigten 3 digitalen Fotos hiervon stammen vom 2. April 2006. Dieses Original-Oberkochener Leichenwagen-Waagscheit lagerte bei vielen weiteren sehr verschiedenartigen dem Museum zugedachen Exponaten bei uns zuhause auf der Bühne. Dr. Volker Beythien hatte auf die Besonderheiten des Waagescheits – apart gedrechselt, tonigschwarzer Grund, – goldene Fassung – hingewiesen.

Das Beythien'sche Waagscheit des Oberkochener Leichenwagens.

 

Ausschnitt zu Foto 2

 

Ausschnitt zu Foto 2

Dieses Waagscheit sollte 8 Jahre später, Ende 2014 und Anfang 2015, zu einem wichtigen Belegstück zur Bestimmung des echten Oberkochener Wagens werden.

Mein ehemaliger Schüler am „Gymi“ und Nachfolger im Amt des Vorsitzenden des Heimatvereins Oberkochen, Karl Elmer, war nämlich im letzten Jahr erneut mit der Frage „Oberkochener Leichenwagen bei Karl Barth im Illertal“ konfrontiert worden. Als bewährtes heimatkundliches Doppelgespann beschlossen wir, die erste Frage „Interesse ja oder nein?“ zu bejahen, und die zweite mindestens ebenso wichtige Frage: „Ist dieser Leichenwagen überhaupt jener Oberkochener Leichenwagen?“ nun endlich zu klären.

Um dieser Frage nachgehen zu können, war zunächst ein Foto vom Leichenwagen von Nöten. Ich entsann mich, ein solches in unserem HVO-Archiv oder meiner privaten heimatkundlichen Sammlung gesehen zu haben. Nach Tagen der erfolglosen Suche kam mir, dass dieses Foto im Zusammenhang mit der Hans-Betzler-Stiftung gespeichert sein könnte – und tatsächlich fand ich es bei diesen Unterlagen: ein winziges nur 7,5 auf 4 cm großes angegilbtes schwarz-weiß-Foto mit Büttenschnittrand, zusammen mit weiteren alten Fotos der Familie Betzler „Zum Grünen Baum“.

Unser Ausschussmitglied Blandina Gentner, der ich das Foto am 16.11.2014 zeigte, sowie Hubert Wunderle lieferten entscheidende Informationen und halfen mir bei der folgenden Beschreibung des Fotos:

Der Oberkochener Leichenwagen um 1930/1935

 

Ausschnitt aus obigem Bild mit Kutscher und Wagen

Neben dem elterlichen Haus des Hans Betzler, dem Gasthaus zum „Grünen Baum“ in der „Langgass“ (Heidenheimer Straße), also vor dem Haus des Sattlers Seitz („Seitza-Sattler“, später Schneider Fischer), ist der Leichenwagen, umringt von einer großen Trauergemeinde, gut zu erkennen. Die Frau des Sattlers Seitz sei in der ersten Hälfte der Dreißiger Jahre (1934?) gestorben – was sehr gut in den zeitlichen Horizont des Fotos passen würde. Die Leute sind sehr gut gekleidet – die Frauen tragen fast durchweg runde Hüte mit kleiner fester Krempe, einige Männer tragen Zylinder oder sind barhäuptig. Der Geistliche mit Barret kann nur Pfarrer Riek (1926 - 1936) sein, denn Pfarrer Jans (1936 - 1948), der auf Pfarrer Riek folgte, hatte eine völlig andere Statur. Dass der Pfarrer keinesfalls Pfarrer Jans ist, ist ein weiterer Beleg dafür, dass das Foto mit großer Wahrscheinlichkeit aus der ersten Hälfte der Dreißigerjahre stammt. Als Messhelfer sei mit schlohweißem Haar eindeutig Mesner Minder zu erkennen (Bruder der Zeitungsausträgerin Antonia Minder). Wer der Fahnenträger ist, ist unklar. Rechts im Bild steht der Chor mit dem Dirigenten und Lehrer Ignaz Umbrecht. Für Beerdigungen hatte man spezielle Liederbücher.

Besonders interessant ist die Fahne, die nur bei Beerdigungen verwendet wurde. Auf ihr ist nicht ein gewöhnliches lateinisches Kreuz abgebildet, sondern das eher selten verwendete irische Kreuz, das das Kreuz in Verbindung mit dem Sonnenrad zeigt. ( = altes heidnisches Symbol, das im Kreuz auf die Verschmelzung von Heidentum und Christentum hinweist). Diese Kreuzform kommt in Variationen auch über den Portalen der Kath. Kirche St. Peter und Paul vor. Auf dem Kutscherbock kann aufgrund von Größe und Schnauzbart mit großer Sicherheit der „Gruppabauer“ in jungen Jahren, also Josef Grupp, (1901 - 1981) Vater von Josl Kempf, ausgemacht werden. Leider sind die wohl braunen Pferde links im Foto angeschnitten, – die Pferdedecken sind aber gut erkennbar. Sie befinden sich – wie auch eine offizielle Kopfbedeckung für den Kutscher – in Oberkochener Privatbesitz.

Ein tragischer Unfall mit den Pferden des „Gruppabauern“ ereignete sich am 1. Oktober 1952: In das landwirtschaftliche Gespann fuhr in der Heidenheimer Straße auf der Höhe von Oppold ungebremst ein überladener Betonlaster, der dadurch, dass ein Reifen platzte, auf die andere Straßenseite geraten war. Mehrere Familienmitglieder der Familie Grupp wurden teilsweise schwer verletzt, – die beiden Pferde so schwer, dass sie notgeschlachtet werden mussten, – ein empfindlicher Verlust, zumal sie erst im Mai jenes Jahres beschafft worden waren. – Ab diesem Zeitpunkt fuhr der Gruppabauer den Leichenwagen nicht mehr. – Als Nachfolger erinnerte man sich an Hans Nagel und Xaver Winter (Scheerbauer), auch Willbald Hug wurde genannt. Für Ergänzungen und Korrekturen sind wir dankbar.

 

Zurück zum Leichenwagen

Als ich Karl Barth/Vöhringen seinerzeit auf „mein“ Beythien’sches Waagscheit hin ansprach, und ihn fragte, ob er das Gegenstück dazu habe, stellte er überraschenderweise fest, dass das nicht sein könne: Sein (angeblich) Oberkochener Leichenwagen sei komplett, also mit beiden Waagscheiten versehen. Dies allerdings erschien mir schon damals schlichtweg unmöglich zu sein.

Anfang November 2014 kam es über den HVO-Vorsitzenden Karl Elmer zu einem erneuten Kontakt zu Karl Barth in Sachen „Oberkochener Leichenwagen“. Herr Barth hatte inzwischen verlauten lassen, dass er den angeblichen Oberkochener Leichenwagen schon vor längerer Zeit auf einer Auktion in Günzburg erworben habe und ihn aufwändig habe restaurieren lassen. – Da sich Bürgermeister Traub bereit erklärt hatte, die von 3000,-- auf 2500,-- Euro heruntergenommene Summe für die Stadt und den Heimatverein zu übernehmen, war die Verlockung, den Wagen zurück nach Oberkochen (?) zu beschaffen, so groß, dass er trotz meiner Bedenken (Waagscheit!) geordert und ab 11.11.2014 in der Garage des Hauses Aalener Straße 21 (vorm. Franz Ecker, vorm. Franz Gold) besichtigt werden konnte, – also dem an das Schillerhaus mit Heimatmuseum angrenzenden Gebäude, das dem HVO zur Nutzung überlassen worden ist.

Im Vergleich mit dem Hans Betzler‘schen Foto und mit der farblichen Ausführung des Original-Waagscheits mit dem an und für sich sehr schönen und wahrlich in gutem Zustand befindlichen Leichenwagen war dann allerdings blitzschnell und endgültig klar, dass dieser Wagen unmöglich identisch mit dem Oberkochener Leichenwagen sein konnte. Zweidrei altoberkochener Bürger, darunter Wolfang Glemser, bestätigten ohne „Wenn und Aber“, was Blandina Gentner und ich schon zuvor klar festgestellt hatten, nämlich, dass es sich bei dem Barth’schen Leichenwagen nie und nimmer um den Oberkochener Leichenwagen handle.

Der Barth’schen Leichenwagen

 

Der Barth’schen Leichenwagen im Detail

 

Der Barth’schen Leichenwagen im Detail

 

Der Barth’schen Leichenwagen im Detail

Die Aufbauten des Barth’schen Wagens entsprachen keinesfalls dem schlichten Oberkochener Aufbau, sondern stellten eine ziemlich aufwändige Art von Säulenbaldachin mit seitlich geschwungenem Abdeckaufsatz dar. Der Dekor stand weiß auf glänzendem schwarzem Grund, während „unser“ echtes Oberkochener Waagscheit in einem gebrochenen matten Schwarz mit goldenem Dekor gehalten ist. – Alles in Allem war der Heimatverein gut beraten, den falschen Leichenwagen nicht erworben zu haben. Der Erwerb eines falschen Leichenwagens wäre eine Geschichtsverfälschung auf einer entschieden zu sensiblen Ebene gewesen.

Karl Barth hat das echt schöne aber aus Oberkochener Sicht leider falsche Stück am 21.02.2015 über ein Angebot in einer Fachzeitschrift für das Bestattungswesen um 2500,-- Euro an ein Bestattungsinstitut nach Mainz verkauft.

Seit Ende November 2014 liegen uns 3 weitere schöne Fotos von unserem echten Oberkochener Leichenwagen vor, die uns unser Ausschussmitglied Peter Beck übermittelte. Eines von diesen

Der Oberkochener Leichenwagen in den frühen Fünfziger Jahre

 

zeigt den Wagen in der Ortsmitte vor dem „Storchenbäck“, ein anderes in der Bahnhofstraße. Auf diesen Beck’schen Fotos, die deutlich später einzuordnen sind als das Betzler’sche, erkennt man die erwähnten Kopfbedeckungen der beiden Personen auf dem Kutscherbock. – Außerdem ist auf allen 3 Fotos ein ca. 40 cm hohes metallenes Kreuz zu erkennen, das oben in der Mitte der gewölbten Abdeckung steht – und mit einiger Wahrscheinlichkeit irgendwo bis heute weiterlebt. Den Kasten-Aufbau „unseres“ Wangens muss man sich so vorstellen: Wagen, Pritsche mit oben offenen Seitenwänden. Das Dach ruhte auf 6 Pfosten. Auf allen Fotos ist erkennbar, dass oben an den Pfosten Kränze oder Blumengebinde angebracht wurden. Der Sarg wurde von hinten auf die Pritsche geschoben und war bei der Fahrt durch den Ort erkennbar – im Prinzip also ein ähnlicher aber weniger aufwändig gehaltener Aufbau als der des Barth’schen Leichenwagens.

Unsere Fotos sind für Oberkochen dennoch mehr wert als eine hämisch-blamable Schlagzeile in der „Bild“:

„Oberkochen kauft falschen Leichenwagen zurück“

Der echte Oberkochener Leichenwagen indes hat ein langsames unrühmliches Ende per Zerfall und als Kinderspielzeug unter der Brücke Richtung Kaltwalzwerk genommen. – So wurde zu guter Letzt auch halbwegs klar, wie Dr. Volker Beythien und ich zu dem Waagscheit kamen, das nun im Heimatmuseum zu sehen ist. Unser Wagenscheit war für Dr. Beythien quasi eine Art „Souvenir“ das er wohl einem Bauhofarbeiter „abgeschwatzt“ hat, – und der HVO kam per Schenkung zu einem schönen Originalteil des Leichenwagens, das ab sofort im Heimatmuseum besichtigt werden kann.

Dietrich Bantel

 
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