Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 637
 

Mit dem Unimog im Tiefental

Ich darf Ihnen heute meinen Schulfreund Reinhard Bogena vorstellen. Er ist der Sohn der Eheleute Reinhard (Revierförster) und Brunhilde (Hausfrau), seinerzeit wohnhaft in der Beethovenstr. 36. Früher hat er seine Schulzeit in Oberkochen verbracht, heute tut er das als Lehrer in Lauerstellung auf die Pension in Essingen. Er ist mit Herz und Seele Lehrer und in seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Herzblut mit „alten Sachen“ und schreibt darüber, zum einen Bücher und zum anderen Artikel in der Fachzeitschrift TRÖDEL. Sein Interesse gehört auch alten schönen Autos mit wunderbarem Design aus einer Zeit als die Autos noch eine „Seele“ hatten.

Als ich ihn im Laufe des Jahres 2014 besuchte und er von seinem Vater und seiner Kindheit erzählte und ich einige Bilder sehen konnte, bat ich ihn, doch mal eine Geschichte für den Heimatverein im BuG in der alten Heimat zu schreiben. Reinhard hat sich spontan bereit erklärt, diesem Wunsch nachzukommen. Darüber freue ich mich sehr, zumal er mich schon beim „Unfried-Artikel“ mit Objekten fotografisch unterstützt hat.

In diesem Zusammenhang bitte ich Sie: Trauen Sie sich etwas zu schreiben – alleine oder mit mir zusammen. Behalten Sie Ihre Geschichten nicht für sich. Für die Zukunft konnte ich bereits Wilfried Preuß und Andreas Klopffleisch gewinnen. Zögern Sie nicht – Probieren Sie sich aus.

Reinhard schreibt:
„Unter Oldtimer-Liebhabern sind Unimogs der frühen Jahre gesuchte Sammlerstücke. Als meine Eltern Anfang der sechziger Jahre unseren Wohnsitz nach Oberkochen verlegten (ich war zu der Zeit 12 Jahre alt), sollte ich Gelegenheit bekommen, auf einem solchen Fahrzeug meine ersten Fahrversuche zu unternehmen.

Die Geschichte des Unimogs geht zurück auf das Jahr 1945; ihm lag die Idee zugrunde, ein Fahrzeug mit Allradantrieb zu bauen, das sich gleichermaßen und universell in Land- und Forstwirtschaft einsetzen lässt. 1947 starteten erste Versuchsfahrten, angetrieben vom ebenfalls neu entwickelten Dieselmotor des Mercedes 170. All das, einschließlich dem Bau einiger Prototypen, fand im Raum Schwäbisch Gmünd statt, bevor die erste Serienproduktion zur Firma Boehringer nach Göppingen verlegt wurde (1949). Zwei Jahre später übernahm Daimler Benz die weitere Produktion des Unimog – der Name entstand übrigens als Abkürzung der Bezeichnung Universal Motor Gerät. Das kompakte Äußere mit dem markanten Erscheinungsbild, seine überaus vielseitige Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit machten ihn und seine Nachfolger zu einem begehrten Helfer in der Land- und Forstwirtschaft sowie bei der 1955 gegründeten Bundeswehr.

Auch das staatliche Forstamt in Oberkochen, das in Königsbronn (Wiesenstraße) einen Maschinenpark für die Waldarbeit unterhielt, hatte eines dieser Fahrzeuge mit der kantigen, schräg abfallenden Motorhaube im schonungslosen Einsatz. Ein Klappverdeck schützte vor Witterungseinflüssen von oben. Auf die Steckfenster in den Türen verzichtete man meist, da die Kunststoffscheiben im Laufe der Zeit verwittert und nahezu blind waren. Wenn mein Vater, der mit dem Umzug nach Oberkochen seinen Dienst am staatlichen Forstamt im oberen Teil der Leitzstraße begonnen hatte, diesen Unimog aus Königsbronn holte (meist im Winter), zog es während der Fahrt also wie Hechtsuppe oder man sah bei eingesteckten Fenstern nicht zur Seite raus (und damit auch nichts im Rückspiegel). Viel Verkehr gab es damals ohnehin nicht, so dass man trotz der knapp 50 km/h, die man damit auf der Bundesstraße fuhr, bis Oberkochen nur von wenigen Autos überholt wurde. Meistens fuhren wir aber von Königsbronn aus direkt durch den Wald in Vaters Revier.

Der Unimog ist ein Arbeitstier, alles an ihm verströmt den Charme rustikalen Maschinenbaus, der sich von weitem betrachtet dennoch in einer liebenswert harmonischen Form präsentiert. Die Geräuschkulisse ist hoch: Das markante Nageln des Dieselmotors habe ich heute noch im Ohr. Beim Starten muss zuerst vorgeglüht werden, d. h., man steckt den Schlüssel auf Zündung und hält ihn eine knappe Minute lang zur Seite gedrückt bis die Glühwendel am blechernen Armaturenbrett leuchtet. Dann erst wird der 34-PS-Motor zum Leben erweckt. Beim Diesel-Pkw war das in jener Zeit dieselbe Prozedur. 6 Gänge, ich glaube, sie waren noch nicht synchronisiert, gilt es zu sortieren. Für Rückwärtsfahrt muss zudem ein extra Hebel neben dem Fahrersitz bewegt werden; dazu gibt es einen weiteren Hebel, um auf Allrad zu schalten – damals etwas absolut Besonderes. Im Winter wurde der Forstamts-Unimog mit Schneeschiebern ausgerüstet. Vater holte ihn, wenn er Wege im verschneiten Tiefental räumen wollte, um die Wildfütterungen zu erreichen. Wenn es irgendwie möglich war, wollte ich ihn dabei natürlich begleiten, denn welcher Junge lässt sich schon eine Fahrt im Unimog entgehen? Ich war schon damals höchst Auto-interessiert, beobachtete genauestens jeden Handgriff und ließ mir die Funktion der einzelnen Hebel erklären. Etwa im Alter von 13 durfte ich schließlich selbst auf dem dünnen, durchgesessenen Fahrersitz Platz nehmen, um dann auf nicht öffentlichen Wegen im Tiefental (nahe der Hubertusquelle) erste Fahrversuche zu unternehmen – ein berauschendes Gefühl! Ich hatte Blut geleckt; schnell beherrschte ich das Universal-Motor-Gerät, das mir seine Qualitäten besonders beim Schneeräumen unter Allradeinsatz bewies. Mit Gefühl bewegte ich den Unimog selbst durch unwegsames Gelände, so dass Vater mir zutraute, einzelne Bereiche ganz alleine von Schnee zu räumen. Ich enttäuschte ihn nicht! Groß war die Angst, etwas kaputt zu machen, obwohl das Fahrzeug von harten Alltagseinsätzen gezeichnet war. Schade, dass Vater den Unimog im Sommer eher selten benötigte, dafür aber mit seinem 1959er Opel Rekord in den Wald fuhr – vorbei am Kocherursprung, dem Aussiedlerhof und einer am Weg stehenden Scheune, an der ein alter Mercedes 170 seinem Ende entgegen dämmerte. Später sollten weitere Fahrzeuge dazukommen, die die Natur bald vereinnahmte.

Längst hatte ich die Wagenpflege des Familienautos übernommen, jeden Samstag waschen, wozu es natürlich immer wieder mal rangiert werden musste – am Ende der Beethovenstraße, wo wir wohnten, kein Problem, denn dort herrschte kein Durchgangsverkehr. Auch auf den Waldwegen rund um Oberkochen war zu jener Zeit kaum etwas los, selten Spaziergänger und so gut wie keine (Hobby-) Radfahrer, man begegnete höchstens mal einem landwirtschaftlichen Fahrzeug oder einem Fuchs, der schon von sich aus fluchtartig das Weite suchte.

So konnte ich es immer kaum erwarten, wenn es in den staatlichen Forst im Tiefental ging oder durch den Wald zu einem befreundeten Försterkollegen meines Vaters nach Ochsenberg. Kaum hatten wir das Schild “Durchfahrt verboten” passiert, durfte ich das Steuer übernehmen – bald auch beim Opel (mit Dreigang-Schaltung an der Lenksäule).

Auf diese Weise erwarb ich lange vor dem Führerschein eine gewisse Sicherheit im Umgang mit dem Auto. Anfahren, schalten, einparken, auch rückwärts – alles kein Problem, so dass ich schon nach dem Ablegen der theoretischen Prüfung und wenigen Stunden Fahrpraxis bei der Fahrschule Holzbaur pünktlich zum 18. Geburtstag meine Fahrerlaubnis bekam“. Soweit Reinhard Bogena.

Auch mein Freund Ludwig Burghard hat zu diesem Thema lebhafte Erinnerungen:
„Unimog und Oberkochen – da muss natürlich zuerst der Mühlenbesitzer „Scheerer“ genannt werden. Er hatte vermutlich den ersten und ältesten Unimog am Ort. Ob der noch bei Boehringer Werkzeugmaschinen in Göppingen gebaut wurde (die Produktion lief dort bis 1951), oder ob es schon eines der ersten Fahrzeuge von Daimler-Benz war (Produktion dort ab 1951) ist nicht genau bekannt. Auf jeden Fall wurde dieser Unimog liebevoll von Josef Gillmaier betreut und repariert. Josef Gillmaier war auch Haus- und Hof-Automechaniker der Spedition „Petershans und Bezler“. Nebenbei reparierte er auch noch Autos in seiner Blechgarage hinter seinem Haus in der Dreißentalstraße 57. Eben ein echter Schrauber. Hans Scheerer hatte Ludwig einst erzählt, dass Daimler-Benz ein großes Interesse an seinem Unimog hatte und ihm dafür zum Tausch eine nagelneue Mercedes-Limousine angeboten habe. Wer Hans kannte, wusste auch, dass ihn solch ein attraktives Angebot nicht beeinflussen konnte. Was mir „hent, b’halte m’r au ond gäbbat ‚s net her. Für koi Gääld d’r Welt.“

Weitere Unimogs hatten bzw. haben in Oberkochen:

Für die Unimog-Besessenen und Interessierten hier noch ein paar Links.

Bei meinen Recherchen stieß ich auf den Unimog-Club Ostalb e.V. Dieser Verein hieß früher Unimog-Club Oberkochen e.V. und wurde 1991 u.a. von den Brüdern Karl und Thomas Fischer aus Oberkochen mitbegründet. Leider ist es mir nicht gelungen weitere Informationen dazu zu bekommen. Der Verein benannte sich 2010 um und tauschte den Zusatz „Oberkochen“ gegen „Ostalb“ aus. Grund ist wohl, dass die Mehrheit der Mitglieder nicht mehr aus Oberkochen stammten. Wer sich für das Thema UNIMOG interessiert, dem seien die folgenden Links ans Herz gelegt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Unimog
http://unimog-club-gaggenau.de
http://www.unimog-club-oberkochen.de
http://www.unimog-museum.com

 

Abschließend noch einige Literaturhinweise zu Reinhard Bogena:

„Unsere Kindheit: Märklin, Matchbox, Marterpfahl“
„Vaters ganzer Stolz! Unser erstes Auto in den 50er und 60er Jahren“
„Geboren 1952 …als Kind im Wirtschaftswunder. Erlebnisse in den fünfziger Jahren“
„Wir vom Jahrgang 1952: Kindheit und Jugend“

Es grüßt sie wie immer herzlichst
Ihr Wilfried Billie Wichai Müller vom Sonnenberg

 
Übersicht

[Home]